Naturwissenschaftliche Wochenschrift BEGRÜNDET VON H. POTONIß HERAUSGEGEBEN VON Prof. Dr H. MIEHE IN BERLIN NEUE FOLGE. 18. BAND (DER GANZEN REIHE 34. BAND) JANUAR — DEZEMBER 1919 mit 151 ABBILDUNGEN IM TEXT JENA VERLAG VON GUSTAV FISCHER 1919 Alle Rechte vorbehalten. Register. I. Größere Originalartikel und Sammelreferate. Abel, O., Die Rekonstruktion von Masto- doQ angustidens Cuv. 217. Baschin, O. , Die scheinbare Gestalt des Himmelskörpers. 408. Bilguer, v., Ein deutscher Erfinder vor zweieinhalb Jahrhunderten. 575. Boecker, E., Die Chemotherapie der Malaria. 353. Bohne, B. \V., Die Chemie der Zellulose ujid ihre te.\tilwirtschaftliche Bedeutung. 33- Boerma, E., Die philosophischen Rich- tungen in ihrem Verhältnis zur Natur- wissenschaft und ihre Synthese in der , Philosophie des Als-ob". 55. Brehni, V., Die Tiefenfauna unserer Alpenseen. 289. — , Über geschlechtsbegrenzte Spezies- merkmale bei Süßwasserorganismen und deren eventuelle experimentelle Auf- klärung durch das Mendel'sche Spal- tungsgcsetz. 4, Brick, C, Die Widerstandsfähigkeit ge- wisser Sorten unserer Kulturpflanzen gegen Parasiten. 391. Dahms, P., Der Pfeffermilchling Lacta- rius piperatits Scop. und seine Verwen- dung in Westpreußen. 505. Duncker, H. , Die Krise der heutigen Naturwissenschaft. 761. Eckard t, Wilh. R., Über die Beziehun- gen zwischen dem Vogelzug und den Erscheinungen im Luftmeere. 240. Eichwald, E. , Die Verwendung von Modellen in der Biologie. 561. Engel hardi, V., Schopenhauer's Stel- lung zur e.\akten Naturwissenschaft. 134. — , Meteorologische Mythen als Uranfänge der Naturbetrachtung. 489. Esmarch, E,, Die wichtigsten Kartoffel- krankheiten. S9. Fischer, K., Niederschlag, Abfluß und Versickerung in ihrem Verhalten von Jahr zu Jahr. 688. Franz, V., Die Augendrüsen der Wirbel- tiere. 649. Freund, L. , Die Eier der Läuse. 668. Freyberg, B. v., Die Genese des Wellen- kalks. 276. Grober, Das Tierleben des Belad el Djerid (Südtunesien). 433. Haber landt, G., Grabrede auf Simon Schwendener. 417. Häberlc, D., Die Zerstörung der Steil- wände im Buntsandsteingebiet des Pfälzerwaldes. 321, 337. HalbfaU, W., Niederschlajj, Abfluß, Ver- dunstung und Versickerung im Land- klima Mitteleuropas. 513. — , Die Verteilung der Niederschläge auf Abfluß, Verdunstung und Versickerung im Freistaat Sachsen-Weimar. 697. Hansen, A., Die Lebenskraft oder der Rhodischc Genius. 526. — , Die ,, Lebenswege" H. Sl. Chamberlains und die Naturwissenschaft. 6S1. Hartleb, ü. , Zur Vorbildung auf das naturwissenschaftliche und medizinische Studium. 442. Iläußler, E. P., Ein Beilrag zur Ge- schichte der Mammutfunde. 370. Heller, H., Über die Farbstoffe unserer Blüten und Früchte. 238. — , Die cliemischc Valenz in heuliger Auf- fassung. 273. Hennig, Kdw , Die Entstehung des Säugerzahns und die Paläontologie. 745. Hennig, R. , Zwangshandlungen und Zwangsvorstellungen. 549. Ho ff meist er, G. , Über die physikali- schen Vorgänge beim Auftreten der Meteore. 185. Hundt, R., Beiträge zur Glazialgeologie Litauens und Südkurlands zwischen llluxt, Dünaburgund Dryswjaty-See. 545. Kathariner, L., Humanistische Vorbil- dung und realistisches Studium. 295. Killermann, S. , Die Herkunft und Einführung unserer Gartenbohne (Pha- seolus vulgaris L.), 305. — , Zur Geschichte der Johannis- und Stachelbeere. 344. — , Zur Kenntnis der Walfische in früherer Zeit. 35b. — , Die Herkunft des Kalmus. 633. — , Zur Geschichte der Kakteen. 665. Kodweiß, W., Die Erweiterung unserer Sinne durch die Physik. 713, 729. Kranich feld, H., Die breitere gemein- same Basis. 366. K r a n z , W., Zur Sozialisierung der Wasser- versorgung, des Grundwassers und der Quellen. 312. Krenkel, E., Bericht über eine geologi- sche Forschungsreise in Deutsch -Ost- afrika. 177. Krenkel, E. , Die Bodenschätze des tropischen Afrika. 569. Krieg, H., Vom Panjepferd. 233. Küster, E. , Einige alte Gallenbilder. 766. Lüer, IL, Bild- und Stoffkunst. 700. M a r i] u a r t , F. , Über den Farbensinn des Kindes. 617. Mar Zell, H., Zur Kulturgeschichte des Schellkrautes. 601. Matouschek, F., Das Aüroplankton. 655- Menz, Der Glanz vom psychologischen Standpunkte aus betrachtet. 12I. Metze, E.| Alexander von Humboldts ,, Kosmos". 538. Metzner, P. , Über das Sehen und Er- kennen bei Nacht. I. Miehe, H. , Über Selbslerhitzung und thermophile Mikroorganismen. 73. Möbius, M., Die Begründung der Pflan- zengeographie durch Alexander von Humboldt. 521. Mötefindt, H. , Zur Entstehung der Kulturgüter und Sitten der Menschheit. 418. — , Vorgeschichtliche Bergwerke in den Salzburger Alpen. 62 1. Nachtsheim, H., Der Mechanismus der Vererbung. I05. Oehler, R., Potentielle Unsterblichkeit — experimentelle Lebensverlängerung. 361. — , Das Alles- oder Nichts-Gesetz und die Individualbiologie. 592. — , Ultraorganismen. 751. Pax, F., Die Stellung Schlesiens im mitteleuropäischen Faunengebiet. 168. Penck , W., Aufgaben der Geologie in der Türkei und ihre Förderung während des Krieges. 493. Pietsch, A., Das Vorkommen der deut- \ sehen Süßwasser-Kieselalgen. 385. JReisinger, L., Beitrag zur Physiologie des Kleinhirns der Teleostier. 145. Rippel, A., Die morphologische Gliede- rung des Wasserleitungssystems der höheren Pflanzen usw. 129. Robien, P., Vom Seeadler. 149. Scheiber, J., Harze und Harzersatz. 48 1 . Schips, M. , Lionardo da Vinci als Naturforscher. 256. — , Die Idee vom Typus und ihre Be- deutung für Morphologie und Syste- matik. 401. 3 884 4 IV Register. Schips, M., Über zwei tnecbaniscb be- dingte Gesetzmäßigkeiten im Bau der Blutgefäße. 605. Schloß, B., Der Lichtsinn der Pflanzen. 265. Scholich, K., Die Kristallisation von binären Salzgemischen. 249. Schüepp, O. , Die Formen des Laub- blattes, ihre Entstehung und Umbildung. 585. Schutt, K., Das Bohr'sche Atommodell. 49. — , Neonlampen. 364. Snell, K., Die Vermehrung der Kar- toffel. 407. Stark, F., Das Resultantengesetz in der Pflanzenphysiologie. 201. Stomps, Th. J. , Neue Beiträge zur Mutationsfrage. 471. Struck, B., Anthropologie und Völker- kunde. 377. T h e e 1 , J., Über die Symmetrie der Orga- nismen. 17. Weber, F., Der natürliche Tod der Pflanzen. S. 449, 465. Zache, E. , Die diluviale Eisdecke und die letzte Krustenbewegung in Nord- deutschland. 161. Zillig, H., Arbeitsgemeinschaft der naturwissenschaftlichen Körperschaften Deutschlands. 637. II. Kleinere Mitteilungen. Arndt, W., Notiz über Massenauftreten, von Marienkäfern im Ussurigebiet Ende September 1916. 754. Heller, H,, Über das Metallspritzverfah- ren von Schoop. 67. Krebs, W., Der Präsidentensturm in der dritten Dezemberwoche 1918 über 1 Europa. 114. Nachtsheim, Massenversammlungen und Massenwanderungen von Marienkäfer- chen. 21, 753. R eis in g er, L., Zum Kleinhirn der Tele- ostier. 79. j W i g a n d , A., Zur Frage des Zusammen- hangs zwischen Mumifikation und Radio- | aktivität. 78. J Zaunick, R., Zoologiehistorische Kritik des Buches von G. Stehli über Jan Swammerdam's ,,Bybel der natuure". 65. III. Einzelberichte. A. Astronomie. Brester, Eine neue Sonnentheorie. 519. Filehne, W., Die scheinbare Vergröße- rung der Gestirne am Horizont. 152. — , Zodiakallicht. 583. — , Absoluter Größeneindruck beim Sehen irdischer Gegenstände und der Gestirne. 709. Meyer, H., Anblick des Nachthimmels 396. Wegener, A., und Richarz, W., Me- leoritenfall in Treysa. 23. B. Physik, Meteorologie, Geophysik. Barschall, H., Entstehung der Gebirgs- winde. 615. Bjerknes, Konvergenzlinien in der Nähe eines Tiefdruckzentrums. 398. Bodmann, G., Die Winterstrenge als klimatischer Faktor. 25. Bourgeois, Bestimmung des Windes in den höheren Luftschichten. 226. Brauer, E., s. Seeliger, R. Collignon, M. M. , Große Hörweite des Geschützfeuers. 9. Debye, F., Atomanordnung des Wolf- ram. 414. Defant, A. , Nächtliche Abkühlung der unteren Luftschichten. 503. Dember, H. und Uibe, M., Polari- sation des diffusen Sonnenlichtes. 380. — , Scheinbare Gestalt des Himmels- gewölbes. 380. — , Größenänderung von Sonne und Mond usw. 426. Dieckmann, Orientierung von Luft- schiffen und Flugzeugen. 9. Frey, F., Luftwogen. 226. Gallenkamp, W. , Messungen der photochemischen Intensität des Himmels. S3- Guilbert, G., Verhalten des Windes von Skudesnes. 520. Hell mann, G., Nächtliche Abkühlung der bodennahen Luftschichten. 83. Heß, V. S., und S c h m i d t , W., Elektri- sierung der Atmosphäre. 380. Koppen, W., Angenehme Temperaturen, 24- La Rosa, M., Verflüssigung des Kohlen- stoffs. 82. Meissner, O., Wärmedämmerung. 383. Meyer, H., und Moser, F., Alpine Dämmerungserscheinungen. 300. Moser, F., s. Meyer, H. Quäck, E., GroSstation Nauen. 143. Richarz, s. Wegener. Schmauß, A., Schallausbreitung. 10. Sc h m i d t , W., Arbeitsleistung und Arbeits- verbrauch in der Atmosphäre. 171. Seeliger, R., und Bräuer, E. , Über die Methoden zur Untersuchung der Struktur des Windes. 60. Süring, R., Neigung der Wolken. 119. Uibe, M., s. Dember, H. Wiese, B., Verlauf der Witterung auf der Balkanhalbinsel. 25. Wegener, A. , Einige Hauptzüge aus der Natur der Tromben. 84. C. Physiologie, Medizin, Psychologie. Abderhalden, Ausschließliche Ernäh- rung mit einem bestimmten Nahrungs- mittel und der Einfluß dieser auf das Individuum und seine Nachkommen- schaft. 770. Basler, A., Blulbewegung in Haargefäßen. I43- Brunn, W.V., Rotz beim Menschen. 755. Bürgi, E., Chlorophyll in der Therapie. 375- Doflein, F., Die Sanierung der Balkan- länder durch Ausrottung der Überträger des Wechselfiebers. 64. Cur seh mann. F., und Koelsch, Ge- sundheitsgefährliche Stoffe. 41. Fischer, A. W., Weshalb sterben an der Grippe gerade die kräftigsten Personen? 142. 1 F 1 e i s c h , A. , Experimentelle Unter- suchungen über die Kohlensäurewirkung auf die Blutgefäße. 44. IGauducheau, Blut und Eingeweide ' der Schlachttiere zu Nährzwecken. 62. Hofmann, F. B., Physiologie des Ge- ruchsinnes. 119. Hörhammer, Spulwürmer im Gallen- gang. 374. Kaupe, Gelbfärbung der Gesichtsbaut, 333- Klose, Gelbliche Verfärbung der Ge- sichtshaut. 411. Kopsch, Entstehung des Karzinoms. 498. Kühn, s. Uhlenhuth. Löhlein, Gelbfärbung des Fettgewebes bei Negern. 333. Moro, E., Bewegungsreflex beim Säug- ling- 375- Nagel, W., s. Teichmann, E. Nitzescu, J. J., Nährwert des Maises. 394- Nöller, Räude. 21 1. Paulsen, J. , Vererbung von Thorax- anomalien und Neigung zur Tuberku- lose. 410. Pintner, Links gehen. 226. Ploetz, A., Die Bedeutung der Frühehe für die Volksvermehrung nach dem Kriege. 80. Schanz, F., Die photocheraische Wir- kung des Lichts auf den Organismus. 42. Schlesinger, Folgen der Unterernäh- rung der heranwachsenden Jugend. 554. Szalay-Ujfaluny, L. v., Blilzwirkun- gen auf den menschlichen Körper. 45. Teichmann, E., und Nagel, W., Ent- giftung eingeatmeter Blausäure. 626. Thomsen, E. , Purkinje's entoptische Phänomene. 182. Tirala, L., Der Aktionsstrom der Netz- haut. 297. Uhlenhuth und Kühn, Der Erreger der Weil'schen Krankheit (Spirochaeta icterogenes). loi. Vischer, A. L., Die Stacheldrahtkrank- heit. 40. V ö 1 tz , Verwertbarkeit von Hefezellen im tierischen Organismus. 227. Wacker, Totenstarre. 332. Wintrebert, M. P. , Autonomie der Muskelkontraktion. 376. Zuntz, N., Hebung des Wollertrages der Schafe. 395. D. Geologie, Hydrographie, Paläontologie. Arldt, Th,, Ursachen der Klimaschwan- kungen der Vorzeit. 613. Bächler, E. , Neue paläontologische Fundstelle. 347. Bayer, O., s. Häberle, D. Behrend, F. , Zinnerzvorkommen des Kongostaates. 372. Beut eil, A., Wachstumserscheinungen des Kupfers, Silbers und Goldes. 302. Beyschlag, F., Veränderlichkeit der Form der Erzlagerstätten. 645. B u b n o f f , S. V., Unterkarbon im Schwarz- wald und in den Vogesen. 599. Brauhäuser, M., Basalttuffmaar am Rauberbrunnen. 502. Buetz, G., Kohlenvorräte Japans. 302. — , Mineralvorkommen Britisch - Birmas. 359- Register. Buetz, G. , Kohle- und Erzvorkommen in Niederländisch-Indien. 756. Collet,Mellet, Ghezzi, Tieferlegung des Ritomsees in der Schweiz. 598. Er d mann, E., Koblenoxyd in den Ur- gasen der Kalisalzbergwerke. 646. Erdölgewinnung. 677. Franke, E., Mitteilungen über einige Erzlagerstätten in Kleinasien. 62. Franke, Neuerungen im Mansfeldschen Hüttenwesen. 659. Friedlaender, I., Der vulkanische Ausbruch des San Salvador. 371. Friedrich, P., Grundwasseruntersuchun- gen. 704. Geinitz, E., Endmoränen Deutschlands. 708. G e i p e 1 , Rücken im Mansfeldschen Re- vier. 659. Geyer, D., Verschollene Quartärmollus- ken. 554. Gropp, Gasvorkommen in Kalisalzberg- werken. 229. Häberle,D., Bayer, O., Gitter-, netz- und wabenförmige Verwitterung der Sandsteine. 259. — , Karrenähnliche Gebilde. Höhlen. Wachstum von Stalaktiten. 260. Hockelsberger, K., Deutsche Queck- silbervorkommen in der Rheinpfalz. 213. H engl ein, M. , Druckdestillation und Erdölwanderung. 757. , J aekel, O., Zur Geologie der Tektonik des Rügener Steilufers. 10. Jaggar, T. A., Temperaturgradient des Kilauea-Lavasees. 381. Jakob, J., Magmatische Mineralisatoren. 603. de Jongh, Eisenerze in Ost-Holland. 503- Kampfrath, Nacheiszeitlicher Einbruch des Elbtales zwischen Pirna und Meißen. 151. Keil hack, K., Nordgrenze des Löß in ihren Beziehungen zum nordischen Di- luvium. 228. Klautzsch, A., Tiefbohrung Schlagen- thin. 646. — I Entstehung der Frischen Nehrung. 704. Kohlschütte r,V,, Graphitischer Kohlen- stoff. 224. Korn, J., Dünenzüge im Torf des Netze- tales. 647. Koßmat, Fr., Geologischer Bau von Mittelmazedonien. 625. Krusch, P., Lebensdauer unserer Eisen- erzlagerstätten usw. 283. — , Verteilung des Metallgehaltes im Richelsdorfer Kupferschiefer. 659. Landgraeber, Oolithische Brauneisen- erzlagerstätten bei Volkmarsen. 756. Linstow, O. V. , Diluviale Depression im norddeutschen Tiefland. 227. Lotze, R. , Geologie des Aarmassivs. 567- Mestwerdt, A., Die Bäder Oeynhausen und Salzuflen. 676. Müller, J., Die diluviale Vergletsche- rung und Übertiefung im Lech- und liiergebiet. 706. Penck, A., Gipfelllur der .Alpen. 349. Penck, W., Tektonische Grundzüge West-Kleinasiens. 428. Richter, R. und E. , Die Lichadiden des Eitler Devons. 691. Salomon, W., Tote Landschaften und der Gang der Erdgeschichte. 213. Scheu, E., Entstehung der Trockentäler. 85. Schumacher, Bergbauliche Entwick- lung Mittelafrikas. 283. Schürmann, E., Cchemisch-geologische Tätigkeit des Neckars. 555. Simmersbach, B., Kohlenlager Spitz- bergens. 349. Sorg, Mittelschwedisches Molybdänerz- vorkommen. 412. Stahl, A., Die Gänge des Üstharzes. 196. Strigel, A., Prätriadische Einebnung im Schwarzwald. 582. Suess, F. E. , Drehende Wirkung von Erdbeben. 446. Vogt, J. H. L., Wie Outokumpu, Finn- lands neue Kupfererzlagerstätte, ent- deckt wurde. 348. Walt her, Joh., Salzlagerstätten und Braunkohlenbecken in ihren genetischen Lagerungsbeziehungen. 71. Wähner, F., Bau des mittelböhmischen Faltengebirges. 411. I Wegener, A., Entstehung der Kontinente und Ozeane. 5S0. 1 We igelt, J. , Gliederung und Faunen-' Verteilung im Unteren Culm des Ober- '' harzes. 212. Wunderlich, E. , Oberflächenentwick- lung des mitteleuropäischen Flach- landes. 282. Zoll er, A. , Goldführende Bäche des Hunsrücks. 359. E. Geographie. Hörn, A. v.. Die Sturmfluten längs der Nordsee- und Zuiderzceküste in Verbin- dung mit der .Abschließung der Zuider- zee. 171. Koch, J. P., Die Trift Nordgrönlands nach Westen. 395. Krebs, N., Gliederung der Balkanhalb- insel nach Siedlungsräumen. 674. Schott, G., Ozeanographie und Klima- tologie des Persischen Golfes von Oman. 171. F. Völkerkunde, Anthropologie. Ankermann, B., Seelenglaube bei den afrikanischen Völkern. 559. B a u d o u i n , M., Sexualdimorphismus der Wirbelsäule des Menschen. 144. F e h 1 i n g e r , Der gegenwärtige Stand der Akklimatisationsfrage. 69. Fischer, E., Anthropologie der iberi- schen Halbinsel. 3S2. Fritsch, G., Das stammesgeschichlliche Verhältnis der Anthropoiden. 183. Hahne, H., Geologische Lagerung der Moorleichen und Moorbrücken. 182. Montelius, O. , Vorfahren der Ger- manen. 692. Thorbecke, F., Anthropogeographie des Ost-Mbamlandes. 758. Werth, E., Problem des tertiären Men- schen. 557. Wilke, Die Zahl 13 im Glauben der Indogermanen. 675. G. Zoologie, Anatomie, Biologie, Vererbungslehre. Arens, Bastardierungsversuche bei Sal- moniden. 584. Arndt, W., Planaria alpina. 434. Bertrand, P. G., Neues Insektenver- tilgungsmittel. 425. Bois-Reymond, R. du, Verhalten von Fischen gegen Wasserschwingungen. 298. Bordage, Umwandlung der Kerne der quergestreiften Muskelfasern bei der Metamorphose der Insekten. 117. Bretscher, Abhängigkeit des Vogelzugs von der Witterung. 210. Brinkmann, M., Zunehmende nördliche Ausbreitung deutscher Vogelarten. 351. B u c h n e r , Akzessorische Kerne im Hyme- nopterenei. 181. Butt el -Reepen, H. v.. Seltsame Mit- bewohner der Bienenzellen. 100. Crinis, de, s. Kraus. DemoU, Forschungsinstitut für Pelztier- zucht. 566. Dewitz, Argynnis paphia var. 9 vale- sina. 702' — , s. Hesse, P. Dhere, Ch., und Veggezzi, G., Vor- kommen von Chlorophyll im Tierreich. 302. D ü r k e n , Wirkung farbigen Lichtes auf Puppen und Schmetterlinge. 99. Ehrenbaum, Herkunft der Herings- schwärme. 583. Erichsen, F., Neues Naturschutzgebiet. 211. Fejervary, A. M. v.. Rudimentäre Rip- pen der anuren Batrachier. 260. Franz, V., Neueres von der Morpho- logie der Pigmentzellen usw. 329. — , Einwirkung der Witterung auf das Vogelleben. 516. Frisch, K. v.. Sozialer Trieb bei einer solitären Bienenart. 553. Fritzsche, Osmotischer Druck bei Daphnia. 413. Gravier, M. Ch. J., Bau der Fußscheibe gewisser Aktinien. 208. Groeben, v. d., Wiedereinführung des Wisents in Deutschland. 100. Gut herz, S., Ursprung der tierischen Keimzellen. 514. Haenel, K., Maikäferplage und Vogel- schutz. 374. Hahn, R. H., Neues Geschlechtsmerkmal bei Fröschen. 425. Harms, W. , Augen grundbewohnender Knochenfische. 741. Hart mann. Theoretische Bedeutung und Terminologie der Vererbungs- erscheinungen bei haploiden Organis- men. 81. Hasebroek, K. , Der Melanismus von Cymatophora. 175. Heikertinger, F., Schutzmittel der Marienkäfer. 396. Heitz, Darmparasitenfauna des Lachses. 3S.V Hey der, R., Zunahme der Wachtel. 397. Hertwig, R., Das Verhalten der männ- lichen und weiblichen Erbsubstanz in den Geschlechtszellen bei Artbastardie- rung. 45. Heß, C. V., Bau und Funktion des Alci- opidenauges. 155. — , Farbensehen der Insekten. 319. Hesse, P., und D e w it z, J., Erblichkei' abnormer Windungsrichtung bei Schnek ken. 695. Jacobi, A., Anatomie des Elchgesichts Schädels. 660. VI Register. Kammerer, Fortpflanzung des Grotten- olms. 246. Kappers, A., Neurobiotaxis. 414. Klatt, Beeinflußbarkeit der Erbanlagen durch den Körper. 500. K olme r , W , Kristalloide in den Nerven- zellen der menschlichen Netzhaut. 193. Kraus, Saudek, Pregel, de Crinis, Serologische Vorherbestimmung des Ge- schlechts. 278. Kretzschmar, Ch., Nervensystem und jsphradiumartiges Sinnesorgan der Cy- clophoriden. ^Ö6. List, Teichplankton. 303. Lipschütz, Die Entwicklung eines penisartigen Organs beim maskulierten Weibchen. 45. Löhner, Warnreflex der Unken. 518. Marcus, Biologie des Aales. 661. Merkblatt zur Feststellung des Vorkom- mens der Fieberschnaken (Anopheles). 518. Meves, Plaslosomentheorie der Ver- erbung. 245. Nager, Versuche zur Wiedereinbürgerung des Steinbockes in den Schweizer Alpen. 769. Nuszbaum-Hilarowicz, J., Tiefsee- fische (Organe der inneren Sekretion). 661. Osterwald und Tänzer, Verbreitung von Anopheles in der Umgebung von Halle. U6. Pauly, M. , Frühjahrswanderung der Uferfauna. 225. Pause, J. , Larve von Chironomus gre- garius. 209. Peter, Der menschliche Wurmfortsatz. 142. Philippsen, Insektenwanderungen an der Nordsee. 702. Pregel, s. Kraus. Prell, H., Das Entstehen von Schnaken- plagen. 372. Kabl, C, Die Symmetrie des Wirbeltier- auges. 27. Koule, L. , Zahlenmäßiges Verhältnis beider Geschlechter zueinander und die Heranreifung der Keimdrüsen bei der Laichwanderung des Salms. 174. Sandek, s. Kraus. Schiemenz, F., Einfluß der Lebens- bedingungen auf die äußere Erscheinung unserer Süßwasserfische. 194. Schmidt, G., Lichtflucht der Clausilien. 641. Schmidt, W. J., Hautmuskel und Zell- sehnen beim Frosch. 300. Schreit niüller, W., Vorkommen der Sumpfschildkröte in Nordfrankreich. 500. Schuster, Wildeinbürgerung des Ailau- thusspinners. 117. Schwartz, M. , Nacktschneckenplage 1916 in Nordfrankreich. 703. Sikora, H., Eigenartiges Symbiose- verhältnis. 597. — , Seltene Hilfsaktionen bei der Eiablage. 641. Spemaun, H. , Neuere entwicklungs- geschichtliche Arbeiten. 444. Stellwaag, F., Blausäure im Kampf gegen den Traubenwickler. 501. Stieve, H. , Über den Einfluß der Ge- fangenschaft auf die Legetätigkeit und den Eierstock des Haushuhnes. 26. — , Veränderungen der männlichen Keim- drüsen saisondimorpher Tiere. 627. Strandberg, Chievitzsches Organ. 193. Ssy m anski, S., Beeinflussung der Tätig- keit der Tiere durch das Licht. 154. Tänzer, s. Osterwald. Thoman, H., Wanderzug des Uistel- falters (Vanessa cardui L.) 565. Vegezzi, G., s. Dhere, Ch. Veit, Kopfproblem. 642. Vogt, A., Vererbung in der Augenheil- kunde. 172. Wiederentdeckung der Wandertaube. 770. Yung, E., Concilium bibliographicum. 334- H. Botanik, Bakteriologie, Landwirtschaft, Pflanzenkrankheiten. ' Buder, J., Biologie der Purpurbakterien. 742. Di eis, L., Rhythmik und Verbreitung von Perennen. gS. Dittrich, G., Kolkwitz, R., Pilzver- giftungen. 157. Esmarch, s. Neger. G a ß n e r , G., Vom Entwicklungsrhythmus des Wintergetreides. 28. Göbel, Zur Organographie der Chara- ceen. 174. Götze, H., Hemmung und Richtungs- änderung begonnener Differenzierungs- prozesse bei Phycomyceten. 317. Haberlandt, G., Inwieweit unterliegen die Zellmembranen der Verdauung im tierischen Darm? 134. — , Physiologie der Zellteilung. 397, 755. Heinricher, Wirkungen des Mistel- schleims auf Pflanzengewebe. 173. Hiltner, s. Neger. K n i e p , H. , Geschlechtsdifferenzierung bei Sporidien der Brandpilze. 595. Kolkwitz, R., s. Dittrich, G. Lamprecht, W., Physiologie der Zell- teilung. 214. Lippmann, C. v., Vanillin in der Kar- toffel. 381. Löffler, B., Kontaktempfindlichkeit der Windepflanzen. 596. Meves, Fr., Spermien von Fucus und Chara. 28]. Neger, Esmarch, Hiltner, Blatt- rollkrankheit der Kartoffel. 594. Nienburg, W., Nitrophile Flechten. 333. Patschovsky, N., Oxalatlösungen in Pflanzenzellen. 426. Piedallu, A.. Ausweifen von Pflanz- löchern usw. 20S. Plaut, M., Periodische Erscheinungen an Wurzeln. 141. Renner, O., Erblichkeitsverhältnisse bei Oenotheren. 158. Stark, P. , Gültigkeit des Weberschen Gesetzes bei den haptotropischen Re- aktionen von Koleoptilen und Keim- stengeln. 192. Stellwaag, F., Kräuselkrankheit der Reben. 644. Weber, F., Das Frühtreiben der Pflanzen und die Winterruhe der Holzgewächse. 141. W e h m e r , Leuchtgasbeschädigungen 280. Zacher, Fr., Weißährigkeit der Wiesen- gräser. 644. I. Chemie, Mineralogie. Armstrong, E. F. , Einige technische Anwendungen der Katalyse. 118. Connstein, W., und Lüdecke, K., Glyzeringewinnung aus Zucker. 443. 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Bois-Reymond, Emil Du, Jugend- briefe an Eduard Hallmann. 476. Börnstein, R. , Die Lehre von der Wärme. 759. Boruttau, H. , Fortpflanzung und Ge- schlechtsunterschiedc des Menschen. 263. Register. Vli H randh o ff , A., Etwas aus Unendlichem. 44S. Brandstetter, K., Die Hirse im Kanton Luzern. 72- Brauns, R., Mineralogie. 376. Braunshausen, N., Einführung in die experimentelle Psychologie. 775. Brehms Tierleben. 215. Brill, A., Das Relativitätsprinzip. 415. Brunswig, H., Die Explosivstoffe. 335. Cohen-Kysper, A., Rückläufige Diffe- renzierung und Entwicklung. 47. Cohn, E. , Physikalisches über Raum und Zeit. 415. Deecke, W. , Morphologie von Baden auf geologischer Grundlage. 304. Deegener, Die Formen der Vergesell- schaftung im Tierreiche. 102. Demoll, Flug der Insekten und Vögel. 215. Dessoir, M. , Vom Jenseits der Seele. 632. Devrient, E., Farailienforschung. 744. Di eis, L., Ersatzstoffe aus dem Pflanzen- reich. 383. Dost-Hilgermann, Grundlinien für die chemische Untersuchung von Wasser und Abwasser. 384. Dürken, B., Einführung in die Experi- mentalzoologie. 725. Eichwald, E., und Fodor, A., Die physikalisch - chemischen Grundlagen der Biologie. 632. Eilermann, W. , Die übertragbare Hühnerleukose. 271. Erinnerungen an Theodor Boveri. 159. Ernst, A., Bastardierung als Ursache der Apogamie im Pflanzenreich. 773. Festschrift Eduard Hahn. 629. Floericke, K,, Spinnen und Spinnen- leben. 744. Föppl, A., Vorlesungen über technische Mechanik. 3S4. Freundlich, E. , Die Grundlagen der Einstein'schen Gravitationstheorie. 30. Frisch, K. v., Bakteriologie für Kran- kenschwestern, loi. Genetica. 429. Gerber, P. H., Die menschliche Stimme und ihre Hygiene. 272. Graetz, L. , Die Atomlehre in ihrer neuesten Entwicklung. 120. G r u b i c , D., Universal-Kausalprozel3. 462. Grünbaum, F., Elektromechanik und Elektrotechnik. 30. Haecker, V., Entwicklungsgeschicht- liche Eigenschaftsanalyse. II. 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Schmidt, Joh., Der Zeugungswert des Individuums beurteilt nach dem Ver- fahren kreuzweiser Paarung. 662. Schumburg, Die Geschlechtskrank- heiten, ihr Wesen, ihre Verbreitung usw. 263. Schwalm, J. H. , Mit Rucksack und Hammer durch Kellerwald und Knüll. 760. Sie Verl, O., Wetterkunde. 488. Silberer, H., Der Traum. 726. S o e rg e 1 , W., Lösse, Eiszeiten und Paläo- lithische Kulturen. 477. Spranger, Ed., Kultur und Erziehung. 760. Steche, O., Grundriß der Zoologie. 430. Stich, C, Bakteriologie und Sterilisation im Apothekenbetriebe. 159. Stoller, J., Geologischer Führer durch die Lüneburger Heide. 215. Strakosch - Grassmann, Ernteaus- sichten von 1919 — 1923. 744. Trier, G., Vorlesungen über die natür- lichen Grundlagen des Antialkoholis- mus. 261. Vater, R., Praktische Thermodynamik. 726. — , Die neueren Wärmekraftmaschinen. 727. Verworn, M., Kausale und konditionale Weltanschauung. 710. Wagner, G., Geologische Heimatkunde von Württembergisch-Franken. 696. Walther, J., Geologie der Heimat. 303. Weber, L., Einführung in die Wetter- kunde. 102. Weihe, C, Aus eigner Kraft. 272. Welten, H., Pflanzenkrankheiten. 680. W enger, R. , Die Vorherbestimmung des Wetters. 102. Weyl, H., Raum, Zeit, Materie. 415. Wiegner, G., Boden und Bodenbildung. 335- Wien, W., Vorträge über die neuere Entwicklung der Physik. 448. Wiener, O., Physik und Kulturentwick- lung. 120. Wiesen t, J., Die Fortschritte der draht- losen Telegraphie usw. 399. Wilhelmi, J. , Die hygienische Bedeu- tung der angewandten Entomologie. 198. — , Die angewandte Zoologie usw. 287. Wirtz, C, Tafeln und Formeln aus Astronomie und Geodäsie. 600. Wlassak, Ernst Mach. 709. Wolf, J. , Der Tabak, Anbau, Handel und Verarbeitung. 198. W u n d t , M., Griechische Weltanschauung. 503- Zander, R., Vom Nervensystem usw. 271. Zimmermann, Leo, Saladini de As- culo compendium aromatariorum. 600. Zittel, V., Grundzüge der Paläontologie. 429. Zschokke, D. , Der Flug der Tiere. 261. Zsigmondy, R., Kolloidchemie. 475. VIII Regislct. V. Anregungen und Antworten, Berichtigungen usw. Ambra, Geschichtliclie Notiz. 480, 776. Anfrage. 431. Anpassungsvermögen , Nichlausnutzung. 264. Atmungswärme bei Koniferennadeln. 336. Aufruf. 77^- Aufruf zur Mitarbeit an einer Wirbeltier- fauna von Hessen. 184. Berichtigung. 4S0, 680. Biologische Anstalt auf Helgoland. 479. Blausäure zur Bekämpfung von Ungeziefer. 88, 230. Blockade und Wetterdienst. 230. Blutbewegung im Rückengefäß der In- sekten. 231. Camera obscura, Erfindung der. 728. Chamisso und die Grippe. 128. Coccinelliden. 776. Diplokpis. a,yi. Druckfehlerberichtigung. 128, 184 664. Entgegnung. 200. Farbensehen der Insekten. 568. Galläpfel. 231. Gesang der Vögel während der Schlacht. 664. Geschlechtsbegrenzte Speziesmerkmale. 144. Giftwirkungen bei „eßbaren Pilzen". 712. Gips im Brot. 232. Glühwürmchen in kalter Jahreszeit. 264. Humanistische Vorbildung. 431, 560, 712. Kalkgeschiebe. 479. Lausfliegen. 560, Lichtschimmer beim Zerreißen von Zeitungs- papier. 480. Lionardo da Vinci als Physiker. 728. Marienkäfer, Massenwanderung. 199, 216. Microgaster, sticht er die Raupen oder die Eier an? 231. Mutationsfrage. 712. Rösselsprung. 462. Schlupfwespen. 432. Störche, Familienleben. 232. Tannenhäher in Hessen. 775. Temperaturstrahler, spektrale Zusammen- setzung. 232. Tiere ohne Nahrung, Lebensdauer. 432. Tierpsychologie, zusammenfassende Dar- stellungen. 87. J. G. Vogt f. 712. Wintcrgetreide , Entwicklungsrhythmus. 232. Wühlmäuse. 560. Zikaden, Gesang. 48. VI. Verzeichnis der Abbildungen. Alciopidenauge, Sagittalschnitt. 156. Ameise, Rückengefäß. 231. As bei Labina. 54S. Asar zwischen Plinka und Buwidischki. 248, , , 547 Asar-Landschaft am Kleinen Skirna-See. 548. Augenbecher vom Kaninchen, Äquatorial- schnitt. 27. — vom Torpedoembryo. 28. Belad el Djerid , Landschafts- und Vege- tationsbilder. 434 — 439. Blattgrundformen. 590. Blockpackung bei Burni am Dryswjaty- See. 549. Bunsenbrenner, chinesische Urform. 350. Cymatophora or F. und ihre Aberratio al- bigensis. 175. Drosophila, Mutationen. 106. — , Vererbungsschemata. 108, lio, iil, 112, 113. Elchkopf. 660. Elefant, indischer. 220. Flechten auf Rieselstraßen an Baum- stämmen. 334. Frische Nehrung, Karte. 705. Gallen von Diplolepis. 231. Gallenbilder, alte. 767, 768. Goethes Zeichnung: Höhen der alten und neuen Welt. 523. Johannisbeere , Abbildung im ,, Nieder- ländischen Gebetbuch". 347. Kakteendorn im Domschatz zu Regens- burg. 665. Kalmus, Bild von Dioscorides. 634. Kartoffelkrankheiten. 90, 91, 93, 9?, 9(1, 97- Laubblattentwicklung. 586, 587. Läuseeier. 670. Lepadogaster, Augen. 742. Lichas armatus. 692. Mastodonrekonstruktion. 231. Meerschweinchen, Geschlechtsgegend nor- maler, maskulierter und kastrierter Weibchen. 46. Mineralquellen des westfälisch-lippischen Berglandes, Karte. 676. Neonlampe, Modell. 365. Panjepferde. 234, 235, 236. Phaseolus vulgaris, Abbildung aus dem Codex Dioscorides. 307. — , Abbildung aus Fuchs' Kreutterbucb. 309- Pigmentzellen von Gobius minulus. 327. Pottwal, Abbildung von Saenredam. 358. Przewalski-Pferd. 235. Stachelbeere, Abbildung im Breviarium Grimani. 347. Teleostier, Kleinhirn. 146. — , geöffnete Schädelhöhle. 147. — , Anatomie. 79. Unke, Warnreflex. 518. Vanadis formosa, Auge. 151. Verwitterungserscheinungen im Buntsand- stein der Rheinpfalz. 328, 338. Wasserleitungsbahnen in Blättern. 130, 133. Windepflanzen , Kontaktempfindlichkeit. 597- ^ .. Zahnwale, Abbildung von Petrus Candi- dus. 357. VII. Neue Literatur. 32, 64, 72, 88, 104, 128, 160, 176, 200, 216, 248, 272, 288, 304, 320, 370, 384, 400, 416, 432, 44S, 464, 480, 486, 504, 544, 560, 568, 616, 664, 728, 776. O. PäH'sche Buchdr. Uppsrl 4 Co. G. m. b. H., Naumburg a. A. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge i8 Band; der ganzen Reihe 34. Band. Sonntag, den 5. Januar 1919. Nummer 1, Über das Sehen und Erkennen bei Nacht. [Nachdruck verboten.] Von P. Metzner. Durch die moderne Kriegführung ist die Tätigkeit des Soldaten im Felde zum großen Teil in die Nachtstunden verlegt worden. Im Schutze der Nacht wird geschanzt, wird Munition im Trichtergelände vorgetragen, werden Pa- trouillen gemacht — in der Nacht arbeitet auch der Feind: In der Nacht muß scharf beobachtet werden. Das alles stellt besonders hohe An- forderungen an das Sehen und Unterscheiden, Anforderungen, die für die meisten Menschen völlig neuartig sind. Eine große Zahl von Leuten klagt nun, daß ihr Sehvermögen in der Dämme- rung und in der Nacht gegenüber dem der Kame- raden ganz unverhältnismäßig schlechter sei. Es dürfte interessieren, einmal dem Grund der Beschwerden etwas nachzugehen und zu sehen, inwieweit diese Klagen berechtigt sind. Von vornherein sind verschiedene Möglichkeiten denk- bar. Einmal könnten physikalische Anomalien wie Trübungen des optischen Apparates oder hochgradige Kurz- oder Weitsichtigkeit die Ursache sein. In der Regel denkt man aber an physiologische Gründe, (ungenügende F"unk- tionstüchtigkeit des lichtperzipierenden Organes). Endlich müssen wir noch an Dinge denken, die mit dem Sehen an sich nichts zu tun haben, an psychische Gründe. Wegen der besonderen Verhältnisse im licht- empfindlichen Apparat — dem Auge — seien noch einige anatomisch-physiologische Einzel- heiten in Erinnerung gebracht. In der Netzhaut des Auges besitzen wir zweierlei lichtempfind- liche Apparate, die sich anatomisch als „Zapfen" und „Stäbchen" unterscheiden lassen. Die Zapfen vermitteln uns die Farbenempfindung, reagieren aber erst auf verhältnismäßig starke Reize. Die Stäbchen dagegen, die an den Außengliedern den ,, Sehpurpur" tragen, stellen höchst lichtempfindliche Gebilde dar, die bei stärkerer Belichtung (wenn der Sehpurpur aus- gebleicht ist) fast außer Funktion treten. Farben werden mit den Stäbchen nicht gesehen, nur Helligkeiten; die Reizschwelle liegt aber be- deutend niedriger als bei den farbenempfind- lichen Zapfen. Besonders wichtig für unsere Be- trachtung ist die Verteilung dieser beiden Ele- mente: in dem etwa i Grad umfassenden zentralen Bezirk der Netzhaut, mit dem wir das in der Verlängerung der Augenachse gelegene , Objekt scharf und deutlich sehen oder „fixieren" (zentral im sog. „gelben Fleck") finden sich nur Zapfen, deren jeder eine besondere Nervenbahn zur Sehrinde des Großhirnes besitzt. In den äußeren Teilen der Netzhaut dagegen häufen .sich vom Zentrum nach der Peripherie zu die Stäbchen, deren an sich ja größere Empfindlichkeit in den äußeren Bezirken noch durch eine Art „Parallel- schaltung" gesteigert wird: es hat da nicht jedes Stäbchen seine eigene Sehbahn; mehrere Stäb- chen übertragen ihre Erregung einer Nerven- faser und addieren so ihre Empfindlichkeit — allerdings auf Kosten der Sehschärfe. Das spielt aber für uns keine Rolle, weil die Randpartien der Netzhaut wegen der Krümmung der Bild- fläche und wegen der Abbildungsfehler des op- tischen Systems an sich schon nur sehr unscharfe Bilder erhalten. ') Unsere sichere Orientierung im Räume verdanken wir einesteils der ausgie- bigen und raschen Beweglichkeit unserer Augen, andererseits der Eigentümlichkeit, daß die Rand- teile der Netzhaut infolge der geschilderten Be- sonderheiten zur Erkennung von Bewegungen (also Helligkeitsänderungen) besonders ge- eignet sind. Dadurch werden wir auf diejenigen Raumteile hingewiesen, in denen sich irgend etwas ändert, dem wir also unsere Aufmerksam- keit zuwenden müssen. Um die Art des Ge- schehens schart zu erfassen, müssen wir dann das Bild dieser Gegend in den Bereich des besten Sehens bringen — wir müssen „fixieren". Zum Schluß sei noch einmal betont, daß der^ zentrale Bereich des „gelben Fleckes" zwar farbentüchtig ist, aber nur bei genügender Hellig- keit richtig arbeitet. Schon bei der Hellig- keit des Vollmondes machen sich Störungen bemerkbar: das Lesen feinster Druckschrift, das Ablesen feiner Karten ist schon deutlich erschwert. Geht die Helligkeit noch weiter herunter, dann scheiden die Zapfen völlig aus und nur der farben- bhnde Stäbchenapparat vermittelt dann das Sehen; da das Zentrum keine Stäbchen ent- hält, ist ein „Fixieren" dann nicht mehr möglich. Nur die äußeren Teile der Netzhaut vermitteln das Bild, das nun längst nicht mehr so scharf ist- als wir im Hellen gewohnt sind zu sehen. Daher auch das eigenartige Flimmern, das Ungewisse der Objekte. Ein lichtschwacher Stern z. B., der eben noch sichtbar war, verschwindet in dem Augenblick, in dem wir ihn genau ins Auge fassen wollen, um im nächsten Augenblick bei etwas seit- licher Stellung wieder aufzutauchen. Dieses „Stäbchensehen" tritt nun nicht sofort ein, wenn wir etwa aus dem Hellen in einen dunklen Raum treten : wir müssen uns erst an die Dunkelheit „ge- *) Die psychologische Zweckmäßigkeit dieser Einrichtung mag hier nur angedeutet werden. Wie auf jedem anderen Gebiet kann die Aufmerksamkeit sich nur auf eine ganz be- schränkte Anzahl von gleichzeitigen Bewußtseinsinhalten konzentrieren — ist dagegen imstande in zeitlich rascher Auf- einanderfolge eine große Anzahl von Eindrücken aufzunehmen. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. I wohnen", d. h. wir sind anfangs fast blind, und das Auge erlangt erst allmählich seine hohe Empfindlich- keit. Dieser Vorgang, „Adaptation" genannt, bean- sprucht etwa 40 — 50 Min. beim normalen Menschen. Physiologisch wird er erklärt durch die Zeit, in der sich der Sehpurpur — der ja bei heller Beleuchtung sofort bei der Bildung wieder zerstört wird — neubildet. Erwähnenswert ist noch, daß sich die enorme Empfindlichkeitssteigerung nur auf das kurzwellige Licht bezieht, was sich schon aus physikalisch- chemischer Betrachtungsweise ergeben muß: nur absorbierte Energie kann in andere Energieformen umgewandelt werden. Hier wird das langwellige Rot durchgelassen bzw. reflektiert, bleibt also unwirksam; nur das absorbierte grüne bis blaue Licht wirkt bleichend und erregend und erzeugt so eine Lichtempfindung. Den Aus- fall des zentralen Sehens bei geringen Intensitäten kann man sehr gut beobachten, wenn man eins der lichtschwachen selbstleuchtenden Radium- präparate — wie sie etwa zu nachtleuchtenden Zifferblättern verwandt werden ^) — im Dunkeln mit einer Lupe betrachtet. Man sieht dann einen Sternhimmel im Kleinen : Auf nachtschwarzem Grund unzählige aufleuchtende und blitzschnell wieder verschwindende Sternchen (ebenso wie im Thoms on 'sehen Spinthariskop). Versuchen wir die Erscheinung gleich nach dem Eintritt ins Dunkle zu sehen, so gelingt das nicht: die Intensität ist so gering, daß die Zapfen gar nicht erregt werden und die Stäbchen sind noch nicht aufnahmebereit, da der Sehpurpur noch fehlt. Allmählich — nach etwa 3 — 4 Minuten sehen wir einen schwachen Lichtschein — aber nur, wenn wir an dem Prä- parat vorbeisehen. Später sehen wir dann das oben beschriebene Bild, aber wo wir auch hin- sehen mögen, überall sehen wir einen dunklen runden Fleck, der mit dem Blick wandert (der anfangs größer ist und sich bis auf eine bleibende Größe verkleinert). Dieser Fleck entspricht dem stäbchenfreien Bezirk. Physikalisch bedingte Störungen des Sehens bei Dunkelheit können entweder durch Trü- bungen oder durch Brechungsfehler veranlaßt sein, wie schon oben erwähnt wurde. Daß Trübungen der Hornhaut, der Linse oder des Glaskörpers — mögen sie nun diffus oder partiell sein — neben einer Verschlechterung des Unterscheidungs- vermögens auch die Lichtempfindlichkeit des Auges beeinträchtigen, ist ohne weiteres klar, da sie nicht nur Licht absorbieren, sondern den durch- gelassenen Teil auch noch diffus zerstreuen. Nicht so eindeutig ist das von den Brechungs- fehlern zu sagen. Plier ist zwar schon bei ge- ringer Kurzsichtigkeit die zentrale Sehschärfe stark herabgesetzt (ohne korrigierende Gläser), die Licht- empfindlichkeit der Stäbchen wird dadurch nicht beeinflußt. Im Gegenteil , die Dunkelsehschärfe (parazentraleSehschärfe) nimmt nicht im selben Maße ab, wie man nach der Abnahme der zentralen Seh- schärfe erwarten sollte. Das hängt mit der Form und Ausdehnung der Zerstreuungskreise zusammen, die die Abbildung vermitteln. Wird passende Brille getragen, so liegen die Verhältnisse wie beim Normalsichtigen. Bei hochgradiger Kurz- und Weitsichtigkeit sind natürlich auch erheblichere Störungen des Orientierungsvermögens im Dunkeln zu verzeichnen; meist sind dann aber auch schon krankhafte Veränderungen im Augeninnern nach- weisbar. Dagegen treten schon bei verhältnismäßig geringen Graden von Astigmatismus (wenn die Hornhaut nicht in allen Meridianen gleichmäßig gekrümmt ist) gröbere Störungen auf. Auch das ist wegen der ungünstigen Lichtverteilung be- sonders der das optische System schief durch- setzenden Strahlenbüschel verständlich. Wichtiger sind die Störungen, die sich aus physiologischen Ursachen erklären. Zunächst kann man feststellen, daß die Empfindlichkeit der lichtperzipierenden Elemente individuellen Schwan- kungen von großem Umfange unterliegt. Mehrere Hundert Messungen^) an Soldaten in einer front- nahen Augenstation ergaben, daß in der Regel eine Fläche von 10" Raumwinkel im völlig dunklen Raum schon dann erkannt wird, wenn ihre Helligkeit (Beleuchtungsstärke) gleich ^20000 bis Veoüoo Meterkerzen beträgt*). In der Regel werden V^oooo Meterkerzen erkannt — in ein- zelnen Fällen kommt man aber auch auf Werte über V250000 Meterkerzen. Dies gilt von für das ausgeruhte („adaptierte") Auge, d. h. nach dreiviertelstündigem Dunkelaufenthalt und für kurzwelliges Licht. — Wenn man von heller Landstraße ins Dunkle tritt, vermag man im ersten Augenblick gerade die Helligkeit einer Meterkerze noch zu erkennen, die Empfindlichkeit steigt dann während der ersten Minuten erst lang- sam, dann rascher, bis sie nach 40—50 Minuten den Endwert erreicht. An dieser Stelle mag ein- gefügt werden, daß es Menschen gibt, die eigent- lich im Dunkeln besser sehen als bei Tage : das sind die Albinos, die kein Pigment besitzen. (Man kennt sie leicht an den schlohweißen Haaren, der weißlichen Regenbogenhaut und der rot auf- leuchtenden Pupille.) Deren Augen entbehren ganz des Lichtschutzes durch den in Regenbogen- haut und Aderhaut eingelagerten Farbstoff: die Leute werden vom Tageslicht schon so geblendet, daß sie dauernd die Augen zukneifen müssen. Ein vollkommener Albino ist auch farbenblind (ihm fehlen die Zapfen fast völlig) und kann nicht fixieren. Der Stäbchenapparat ist dagegen normal ausgebildet : die Empfindlichkeit zeigt meist recht ') Die Präparate bestehen meist aus Zinksulfid (Sidot- blende), dem etwas radioaktives Material beigefügt ist. Leucht- schirme dieser Art liefert z. B. die Ges. f. Verwerlg. ehem. Produkte, Berlin O. 17. Die Präparate dürfen für diesen Versuch vorher nicht ans Licht gebracht worden sein. ') Die Messungen werden an besonderen Apparaten (Adaptometern) ausgeführt, die die erkannte Helligkeit zahlen- mäßig festzustellen erlauben. Ich hatte Gelegenheit, mit dem „vereinfachten Adaptomeler" von Stargar dt (^Bonn) zu ar- beiten. *) Das entspricht der Helligkeit einer Fläche, die aus 158 bzw. 245 m von einer Normalkerze erleuchtet wird ^vorausgesetzt, daä die Luft nichts absorbiert) ! N. F. XVni. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 3 hohe Werte, so daß diese Leute in der Dunkel- heit in der Tat vielen Normalen überlegen sind. — Die Sehschärfe bei herabge'^etzter Beleuchtung sinkt sehr schnell; bei '/soo Meterkerzen ist die Sehschärfe nur Vio ^c"" Sehschärfe bei Tage, bei ^/loino Meterkerzen gar nur weniger als Vioo- Daß man trotzdem nicht so ganz hilflos ist, ver- dankt man eben besonders der Empfindlichkeit der peripheren Netzhautbezirke für Bewegungen. Und bewegt sich das Objekt auch nicht, so macht doch das Auge im Dunkeln „Suchbewegungen". Außer der Bewegung hat auch Größe der Objekte und Dauer der Bewegung Einfluß auf die Empfindlich- keit. Störungen können auftreten, wenn die An- passung an die Dunkelheit durch kurzdauernde Belichtung unterbrochen wird, daher die vielen Klagen über Blendung durch Leuchtkugeln. Tat- sächlich wird eine große Helligkeit vom ausge- ruhten Auge direkt als schmerzhaft empfunden. Eine dauernde Schädigung — wie viele Leute behaupten — kann jedoch dadurch allein nicht verursacht werden. Andererseits können auch Störungen auftreten, deren Ursachen im Auge selbst zu suchen sind. Es gibt mitunter im Auge Lichtempfindungen, denen kein äußerer Reiz entspricht, das sog. „Eigenlicht". Ursache ist vielleicht stärkere Blut- füllung der Gefäße ''). Die Intensität ist recht gering, tritt also bei hellerer Beleuchtung zurück, kann jedoch im Dunkeln die schwachen Licht- eindrücke zu Zeiten völlig verwischen. Die Leute sprechen dann von hellen Nebeln vor den Augen. Dies alles gehört noch in das Gebiet des Nor- malen. Wirklich erhebliche Beeinträchtigung er- fährt das Sehen im Dunkeln aber nur bei einer dauernden Funktionsstörung der Stäbchen. Ist die Empfindlichkeit der Stäbchen besonders stark herabgesetzt, so spricht man von „Nachtblindheit". Die Sehschärfe bei Tage braucht dabei gar nicht beeinträchtigt zu sein ; aber schon in der Dämmerung sind derartige Leute fast hilflos und müssen sich führen lassen. Bereits beim Vollmondlicht sind wirklich Nachtblinde schon stark in der Orien- tierung behindert. Eine solche Herabsetzung der Empfindlichkeit kann angeboren oder erworben sein. Die angeborene Nachtblindheit ist auch erblich. Am Auge selbst ist mit den gewöhn- lichen Methoden der Augenuntersuchung meist nichts Anormales nachzuweisen. Andere optische Methoden, z. B. die Prüfung mit der Nernstspalt- lampe , haben zu verschiedenen, zum Teil noch bestrittenen Ergebnissen geführt wie etwa Durch- lässigkeitsverminderung der brechenden Medien für kurzwelliges Licht. Eine andere Ursache könnte mangelnde Fähigkeit zur Bildung des Sehpurpurs sein. Meist ist wirklich vorhandene Nachtblindheit erworben — eine Folge von Er- krankungen der inneren Augenhäute. Besonders eine Form von Netzhautentzündung, die mit eigen- ') Jeder mechanische Reiz auf ein Sinnesorgan wird ja als homologer Reiz empfunden, vom Auge als Licht, vom Ohr als Ton usw. artiger Pigmentverschiebung im Augeninnern ein- hergeht (die sog. Retinitis pigmentosa), ist stets mit völliger Nachtblindheit verbunden bei manch- mal noch wenig beeinträchtigter Sehleistung im Hellen. Helligkeiten, die unter V20 Meterkerzen sind, werden dann schon nicht mehr erkannt. Auch bei Erkrankungen anderer Organe sind vorübergehende Störungen der Stäbchen funktion beobachtet worden, so z. B. bei gewissen Nieren- und Gallenblasenleiden. Beachtenswert ist, daß auch die Unterernährung (besonders der Mangel an Fettzufuhr) neben der allgemeinen Erschlaffung eine Herabsetzung der Netzhautempfindlichkeit hervorrufen kann ; durch entsprechende Diät wer- den derartige Störungen in der Regel bald wieder beseitigt. Auf alle Eindrücke und Willensäußerungen wirken regulierend und beeinflussend psychische Momente. Der aufnehmende Apparat (das Auge) mag völlig intakt sein, und trotzdem können Sehstörungen angegeben werden. Einflüsse, die psychisch bedingt sind. Wir wollen hier zwischen solchen Beeinflussungen unterscheiden, die dauernd bestehen und solchen, die nur zeitweise (unter bestimmten äußeren Bedingungen) auftreten. Als wichtigsten P'aktor möchte ich das an- sprechen, was man gemeinhin als Intelligenz bezeichnet. Ein intelligenter Mensch mit ge- ringerer Sehleistung wird auch bei Tage mitunter ebenso Gutes leisten können als ein Normalsichtiger — der Krieg hat uns schon genug Beispiele da- von geliefert — um so mehr bei Nacht, wo auch der Normale Schwierigkeiten begegnet, mit denen sich der andere schon immer abfinden mußte. Dahin gehört, daß viele derartige Menschen gar nicht wissen, daß sie schlechter sehen als andere. Der Intelligente arbeitet eben nicht allein mit dem gebotenen Gesichtseindruck — er vergleicht mit vorher Gesehenem, benutzt geringe parallak- tische Verschiebungen, Kombination mit Gehörs- eindrücken usw. In derselben Weise ist der Intelligente den anderen beim Sehen in der Nacht überlegen. Freilich eins gehört unbedingt dazu: guter Wille und Anspannung der Aufmerksam- keit. Das gewährleistet erst volle Ausnutzung aller Vorteile. Ebenso abhängig von bewußter Willensanspannung ist der Vorteil, der sich durch Übung erlangen läßt. Unsere Seeleute leisten Staunenswertes beim Beobachten in finsterster Nacht, das kann jeder bestätigen, der Gelegen- heit gehabt hat, sie bei der Arbeit zu sehen. Hier kommt auch neben der Übung in Betracht, daß die Betreffenden wissen, was sie sehen werden — bestimmte Erscheinungen erwarten. Das ist ein Vorteil, der sich schon in einer Verkürzung der Reaktionszeit ^) gegenüber dem Eintreten eines unerwarteten Ereignisses ausdrückt. Aus diesen Gründen sind auch die Leute, die sich viel im Freien bewegen und beobachten, z. B. *) Die „Reaktionszeit" , d. h. die Zeit, die zwischen der Aufnahme des Reizes und seinem Bewußtwerden verstreicht, kann experimentell mit Hilfe besonderer Apparate (Hipp'sches Chronoskop) gemessen werden. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. I Jäger, gegenüber anderen von vornherein im Vorteil. 1 — Daß Leute mit gröberen Schädi- gungen der im Gehirn verlaufenden Sehbahnen ynd ihrer Nebenbahnen (Assoziationsfasern) auch zu Beobachtungen während der Nacht nicht ge- eignet sind, bedarf wohl weiter keiner Diskussion. Das Sehvermögen an sich kann dabei völlig intakt sein, wie z. B. bei der optischen Agnosie (der Unfähigkeit, einen gesehenen Gegenstand z. B. ohne Betasten zu erkennen), der Alexie (der Unfähigkeit, zu lesen, obwohl das ge- sprochene Wort verstanden wird und die einzel- nen Buchstaben erkannt werden) usw. Das sind nun allerdings ganz giobe Beispiele, es gibt aber auch Störungen der Art, die weniger auffällig sind, aber trotzdem die Brauchbarkeit eines Menschen wesentlich herabsetzen. Meist sind dann aber noch andere körperUche Symptome vorhanden (z. B. bei multipler Sklerose). ') Schon oben wurde der Emfluß des guten Willens auf die Beobachtungstüchiigkeit angedeu- tet. Umgekehrt kann man sagen, daö die Leute, die sich einbilden, bei Nacht schlecht zu sehen, auch tatsächlich Beschwerden haben und vielleicht suggestiver Behandlung zugänglich sind. Bei unseren Messungen stellte es sich wenigstens heraus, daß unter den wegen ihrer Klagen unter- suchten Leuten über die Hälfte normale oder wenigstens annähernd normale Anpassungsfähig- keit besaßen. Nun ist auch eine allbekannte Tatsache, daß derartige Klagen mitunter ende- misch auftreten, wenn einmal — etwa in einem Armierungsbataillon — einer oder der andere wegen Sehstörungen vom Nachtdienst befreit ') Als Beispiel einer derartigen nur vorübergehenden Stö- rung mag die akute Alkoholvergirtung (^der Rausch) genannt werden, wo zwar das Sehvermögen an sich kaum leidet, wohl aber die Fähigkeit, das Gesehene zu beuneilen und richtig zu verwerten. wird. Früher war man im Felde nur auf den Augenspiegelbefund und unzuverlässige oder umständliche Prüfungsmethoden angewiesen. Jetzt besitzen wir eine Reihe von Adaptometern, die einwandfrei arbeiten und besondere Methoden, die auch bei geschicktester Simulation oder Übertreibung nicht versagen, so daß man imstande ist, die Wahrheit der Behauptungen nachzuprüfen. Doch auch völlig Normale unterliegen manchmal Störungen, sei es wegen der übermäßigen Anspan- nung aller Sinne (die Klarheit des Bewußtseins erlei- det auch Schwankungen), sei es wegen körperlicher Ermüdung. Beides spielt ja im Schützengraben- leben eine große Rolle. Dazu kommt die dauernde Lebensgefahr : Furcht, Angst sind Faktoren, die einesteils erregend, andernteils hemmend auf den Ablauf der körperlichen und geistigen Funktionen wirken können. Jedenfalls aber begünstigen sie das Auftreten von Sinnestäuschungen (Halluzina- tionen), beeinflussen auch die Intensität des oben erwähnten „Eigcnlichts". Dasselbe gilt von jeder geistigen Erregung: Zorn, Unzufriedenheit, aber auch t-reude kann die Zuverlä>sigkeit der Be- obachtungen in Frage stellen. Das gilt von den Beobachtungen während der Nacht in besonderem Maße, wo das Verstummen der Geräusche des Tages und die Dunkelheit dem Auftreten von solchen Erregungen (besonders Furcht) Vorschub leisten. Jedenfalls soll man Leute, die über „Nacht- blindheil" klagen und bei denen sich objektiv nichts nachweisen läßt, die auch zuverlässige An- gaben machen und gute Netzhautempfindlichkeit haben, nicht als Aggravanien behandeln, sondern sich erst einmal nach näheren Umständen erkun- digen. Befreiung vom Nachtdienst kann natürlich nur bei nachgewiesener erheblicher Störung des Dämmerungssehens erfolgen oder bei hysterischen u. a. Leuten, deren Beobachtungen voraussichtlich wertlos sind. tlber geschlechtsbegreuzte Speziosmerkniale bei Süßwasserorganismen und deren eventnelle experimeutelle Aulkiäriuig durch das Meiider.sche Spalt uug.sgesetz. tNacKdtuck verboten.] Von V. Brehm-Eger. Obgleich Woltereck durch seine erfolgreichen experimentellen Arbeiten der Süßwasserbiologie sozusagen neue Wege gewiesen hat, indem er zu- gleich die Bedeutung unserer Süßwassermikroorga- nismen für die Abstammungs- und Vererbungslehre deutlich machte, scheint man in Kreisen der Hydrobiologen dieser Richtung noch zu wenig Interesse entgegenzubringen; vielleicht mögen die durch den Krieg geschaffenen ungünstigen Be- dingungen hemmend wirken. In den mit der Vererbungslehre beschäftigten Kreisen hinwiederum dürfte man mit dem durch die Süßwasserbio- logie gefundenen Material, das für derlei Unter- suchungen von Interesse wäre, weniger vertraut sein.. So mag es nicht unangebracht sein, auf zwei Fälle aufmerksam zu machen, die vermutlich der experimentellen Behandlung zugänglich und dadurch geeignet sind, unsere Kenntnisse über Vererbungsvorgänge zu vertiefen. I. Über sog. „polymorphe Kopepoden- m ä n n c h e n" und latente Speziescharak- tere bei Süßwasserorganismen. Dr. Thaliwitz berichtet -in seiner Abhand- lung „Über Dimorphismus der Männchen bei einem Süßwasserharpacticiden" (Zool. Anz., Bd. XLVI, S. 238) über das Vorkommen zweier verschiede- ner Männchen bei Canthocamptus minutus Claus, von denen das eine das für das Weibchen der genannten Art so außerordentlich charakte- ristische Merkmal der Doppelzähne am Rand des Analdeckels aufweist, während das andere nur einspitzige Zähne und dadurch große Ähnlichkeit mit dem Männchen des nahe verwandten Cantho- camptus Vejdovskyi besitzt. Für unsere weiteren Überlegungen ist es jedenfalls wichtig zu betonen, daß — soweit bisher die Erfahrungen reichen — nicht beiderlei Männchen innerhalb derselben Ko- N. F. XVIII. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. ■5 lonie auftreten, sondern daß eine bestimmte minu- tus-Kolonie nur einen der beiden Männchentypen enthält. Dieser Fall erinnert sehr an einen ähnlichen früher von mir beschriebenen, der mich zur Auf- stellung des Diaptomus Steuer! veranlaßte. Im Plankton des Gardasees ist die Gattung Diaptomus durch eine Art vertreten, welche früher mit D. gra- cilis identifiziert wurde, ein Irrtum, der sehr be- greiflich erscheint, da die Weibchen dieses Diap- tomus wirklich mit denen des D. gracilis über- einstimmen. Bei der Untersuchung der IVlännchen aber stellte sich heraus, daß diese durch eine ganze Reihe konstanter Merkmale von den gra- cilis-Männchen abweichen, so daß die Aufstellung einer noy. spec. eben des D. Steueri notwendig erschien. (Vgl. Brehm-Zederbauer: „Beiträge zur Planktonuntersuchung alpiner Seen" in Verh. k. k. zool. bot. Ges. Wien 1904, S. 638.) Wohl mit Rücksicht auf die morphologische Übereinstimmung der Weibchen hat Ä. Tollinger in ihrer Arbeit „Die geographische Verbreitung der Diaptomiden (Spengel, Zool. Jahrb. XXX, 1911) den Diaptomus Steueri als Varietät des gracilis angeführt. Aber die seither gemachten Erfahrungen bestärken mich in der Überzeugung, daß hier trotz der morphologischen Identität der Weibchen zwei gute Arten, d. h. genotypisch verschiedene Formen vorliegen. Es sind mir nämlich noch zwei Steueri- Kolonien unterge- kommen, die eine in dem dem Gardasee benach- barten Ledrosee und die andere aus einem auf einer süddalmatinischen Insel gelegenen See; um welche Insel es sich handelte ist mir leider entfallen ; das Material wurde mir von Herrn Prof. Werner- Wien übergeben und war durch vorherrschendes Auftreten von Pedalion auffallend. Diese drei einzigen bisher bekannten Steueri-Kolonien lassen die Art als periadriatisch bezeichnen.^) Trotzdem mir bereits ziemlich viel Material aus periadriatischen Süßwasserbecken durch die Hand gegangen ist, kam mir doch noch keine Diapto- muskolonie unter, welche Zwischenformen zwischen gracilis und Steueri darstellen würde. Zudem spricht für die Trennung dieser beiden Arten auch ihre geographische Isolierung. Es ist bisher kein beglaubigter Fall bekannt, daß innerhalb des Ver- breitungsgebietes des D. Steueri eine gracilis- Kolonie vorkäme; cf. hierüber Tollinger 1. c. S. 82. Trotz der weitgehenden Ähnlichkeit dieser beiden Fälle, des Canthoramptus minutus und des Diaptomus Steueri, haben dieselben eine ungleiche Bewertung gefunden. Im Falle Diaptomus haben die zwei Männchenformen zur Aufstellung zweier Spezies Veranlassung gegeben, während, im Falle Canthocamptus lediglich von dimorphen Männchen einer Spezies die Rede ist. Da auch in anderen, gleich zum Vergleiche heranzuziehenden Fällen ') Die Pocbene ist bekanntlich ein erst in junger Zeit zugeschütteter Ausläufer der Adria, so daß die dem Südrand der Alpen dortselbst angehörenden Organismen noch dem Begrifif periadriatischer Formen zugerechnet werden können. von polymorphen Männchen oder Weibchen die Rede ist, ist es wohl nötig, darauf hinzuweisen, daß es sich bei dieser zweifachen Auffassung nicht nur um einen Wortstreit, sondern um einen essen- tiellen Unterschied handelt. Reden wir nur von dimorphen Männchen, so setzen wir damit im- plicite voraus, daß die zugehörigen Weibchen nicht nur morphologisch, sondern ihrem ganzen Wesen nach, d. h. genotypisch identisch sind ; trennen wir gestützt auf die Unterschiede der Männchen zwei Arten, so sagen wir damit, daß auch die Weibchen, trotz ihrer morphologischen Identität verschieden sind, verschieden in der Zusammensetzung ihres Artplasma, in ihrer genotypischen Konstitution. Daß solche latente Verschiedenheiten vor- kommen, ist ja eine dem Süßwasserbiologen sehr naheliegende Annahme, deren Bedeutung durch einige kurze Hinweise stärker betont werden soll. Wir stehen öfters vor der dem Systematiker sehr unbequemen Erscheinung, daß die morphologischen Unterschiede zweier Arten nur in bestimmten Phasen ihrer Entwicklung hervortreten. Rhode hat in seiner Abhandlung „Über Tendipediden und deren Beziehungen zum Chemismus des Wassers" (Deutche Entomol. Zeitschrift 1912) auf die merkwürdige Dissonanz aufmerksam gemacht, die zwischen der „Imaginalsystematik" von K i e f f e r und der Larven- und Puppensystematik besteht; denn viele der von Kieffer auf Grund des Aussehens des ent- wickelten Tieres aufgestellte Arten sind im Larven- stadium gar nicht zu unterscheiden. „Es wäre nun zu eigentümlich" — meint Rhode — „wenn sich aus gfbichen Larven Imagines entwickeln sollten, die ihrem Aussehen nach so verschieden wären, daß man sie als spezifisch unterschieden auffassen müßte. Nach meinem Dafürhalten ist die verschiedene Färbung der Imagines in vielen Fällen lediglich auf die Ernährung bzw. auf die „Lebensweise der Larven und Puppen zurück- zuführen". So weit Rhode, der demnach die von Kieffer unterschiedenen Tendipedidenarten für Modifikationen hält, um einen Terminus der modernen Vererbungslehre zu gebrauchen. Ob Rhode damit Recht hat, muß sich ja experimentell entscheiden lassen. Derzeit ist dieser Nachweis noch nicht erbracht und nach meinem Dafürhalten noch eine andere Auffassung möglich. Wenn wir in der ontogenetischen Entwicklung mit Driesch eine „Produktion sichtbarer Mannigfaltigkeit" er- blicken und gestützt auf die Ergebnisse der Abderhalde n 'sehen Serumstudien sagen können, daß ein Hühnerei vom Gänseei ebenso verschieden sei, wie das Huhn von der Gans, so bietet es uns doch auch keine Schwierigkeiten, anzunehmen, daß es Pelopiaarten gebe, die nur im Imaginal- zustand zu unterscheiden sind. Um so mehr als in anderen Fällen Derartiges tatsächlich bereits erwiesen ist. Man erinnere sich an die mannig- fachen analogen Beispiele aus der Reihe der Rost- pilze: Die als Teleutosporengeneration wohlunter- schiedenen Arten: Uromyces dactylidis, U. poae, Puccinia Magnusiana und perplexans sind in der Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. I Aecidiumphase gar nicht auseinanderzuhalten, so daß die zu den vier angeführten Arten gehörigen Aecidien allesamt als Aecidium ranunculacearum DC. bezeichnet zu werden pflegen. Phylogenetisch könnte diese Erscheinung von Lamarckianern als eine durch den gleichen Aecidienwirt induzierte Konvergenzerscheinung bei den Aecidien gedeutet werden, oder auch als eine vorläufig nur bei der Teleutosporengeneration manifest gewordene Auf- spaltung des ursprünglich einheitlichen Ae. ranun- culacearum in mehrere Arten infolge Gewöhnung an verschiedene Teleutosporenwirte. Und noch ein anderes Beispiel aus der bota- nischen Literatur sei zum Vergleich herangezogen: Wettstein machte (Verh. k. k. zool. bot. Ges. Wien LIX, 1909, S. 251) darauf aufmerksam, daß unter den Euphrasien zwei morphologisch iden- tische, aber genetisch verschiedene Arten vor- kommen, nämlich E. glabra und borealis; letztere ist eine saisondimorphe Form von E. stricta, erstere von brevipila. Man könnte nun annehmen, daß glabra = borealis eine polyphyletische Art darstelle, indem diese morphologisch einheitliche Spezies aus zwei verschiedenen Arten hervor- gegangen sei. Eher aber dürfte man das Richtige treffen, wenn man die auch nomenklatorisch ge- trennten Arten glabra und borealis als genotypisch unterschieden annimmt. Wenn, wie in diesen Beispielen angedeutet wurde, die Annahme nahe liegt, daß die geno- typische Verschiedenheit nur in gewissen Ent- wicklungsphasen äußerlich sichtbar wird, so ist ja auch die Annahme, daß solche Unterschiede zu- weilen nur in einem Geschlecht erkennbar sind, von vornherein als möglich gegeben. Ja wir kennen sogar bereits einen vererbungstheoretisch analysierten Fall, der ein lehrreiches Pendent zu unseren Kopepodenbeispielen darstellt und gegen die Auffassung spricht, als ob da lediglich ein Polymorphismus eines Geschlechts vorläge. Es handelt sich um das von de Mejere und Jacobson studierte Verhalten des Papilio Memnon. Es ist den Lepidopterologen schon lange bekannt, daß es bei manchen Schmetterlingsarten zwar nur eine Sorte von Männchen, aber mehrere, sehr verschiedene Sorten von Weibchen gibt, so daß man diese zuerst als verschiedene Spezies beschrieb, bis man die Erfahrung machte, daß man alle diese verschiedenen Formen aus einem Gelege züchten kann. Letztere Erfahrung, die zu einer Zusammenziehung aller dieser Formen, in unserem BeispielPapilioMemnon-(;J,P.Laomedon-$,Agenor$, Achates-?, zu einer Art führte, scheint mir aber nur für Züchtungsversuche im alten Stile zu gelten. Denn nach den neuen experimentellen Unter- suchungen liegt hier nicht ein geschlechtsbegrenzter Polymorphismus innerhalb einerSpezies vor, sondern Papilo Memnon im weiteren Sinne umfaßt drei Arten Laomedon, Agenor, Achates, deren Männchen sich ebenso wenig unterscheiden lassen, wie die Weibchen des Diaptomus gracilis und Steueri, obgleich diese morphologisch gleichen Männchen genotypisch verschieden sind, wie aus Jacobsons Kreuzungsversuchen mit Sicherheit hervorgeht. Man sollte also nicht, wie es immer noch ge- schieht, von einem Polymorphismus der Weibchen bei Papilio Memnon reden, sondern von mehreren Papilioarten, eben Laomedon, Agenor, Achates, deren Männchen ihre genotypischen Unterschiede äußerlich nicht erkennen lassen. Mit Rücksicht auf diesen bereits analysierten Fall halte ich auch die Annahme, es gäbe „di- morphe Kopepodenmännchen" nicht für wahr- scheinlich, sondern bin geneigt anzunehmen, daß in dem von Thaliwitz beschriebenen Cantho- camptus zwei Arten versteckt seien, die wir etwa als minutus var. haplodentatus und minutus var. diplodentatus bezeichnen können. 2. Experimentelle und spekulative Be- handlung der beiden Fälle. Die Annahme, daß Diaptomus Steueri und gracilis, bzw. Canthocamptus minutus haplo und diplodentatus spezifisch verschieden sind, kann wohl nur experimentell sichergestellt bzw. wider- legt werden, obschon die für D. Steueri eingangs erwähnten Momente sehr zugunsten der Annahme einer Speziestrennung sprechen. Wie der Frage experimentell näher zu treten wäre, ergibt eine einfache Überlegung. Es käme vor allem darauf an, durch Kreuzung eines Steueri Weibchens bzw. eines haplodentatus- Weibchens mit einem gracilis- Männchen bzw. diplodentatus-Männchen eine Fj- Generation zu gewinnen, die entweder selbst oder in der F'o-Generation Steueri-Männchen bzw. haplo- dentatus-Männchen aufweisen sollte. Denn gelingt dieser Versuch, so ist damit gezeigt, daß die Steueri-Weibchen trotz ihrer morphologischen Identität mit gracilis doch Steueri-Gene enthalten und ebenso, daß minutus- Weibchen aus einer haplodentatus -Kolonie die Erbeinheiten einer solchen enthalten, dieselben nur äußerlich nicht verraten, da diese nur im ^J-Geschlecht zum Aus- druck kommen. Experimente sind am grünen Tisch leichter ausgeklügelt als in die Tat umgesetzt. Darum noch einige Worte über die Ausführbarkeit der geforderten Versuche: Im allgemeinen scheinen Diaptomiden kein gutes Material für Bastardierungs- versuche abzugeben. Daß in der Natur Diaptomus- Bastarde zu fehlen scheinen, hängt wohl z. T. mit deren räumlicher Isolierung zusammen; meist ent- hält ein Wohngewässer nur eine einzige Art; treten ja einmal zwei Arten im selben Wohn- gewässer auf, so sind sie in ihrem zeitlichen Auf- treten so beschaffen, daß eine wechselseitige Be- fruchtung unmöglich wird. Zudem sind sie in Körpergröße und Form der Kopulationsapparate meist so verschieden, daß eine erfolgreiche Kopu- lation ausgeschlossen erscheint. Vergeblich wurden z. B. in Lunz Kreuzungen zwischen den dort heimischen Arten gracilis, denticornis und tatricus versucht. Dieser Mißerfolg war mit Rücksicht auf die weitgehenden morphologischen Differenzen N. F. XVni. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. der genannten Arten gewissermaßen vorauszusehen ; bei D. Steuer! und gracilis liegen die Verhältnisse anders, da die weitgehende Übereinstimmung die Möglichkeit einer erfolgreichen Kreuzung nahelegt. Da allerdings beide Arten geographisch gesondert auftreten, könnte man noch eine Schwierigkeit darin erblicken, wie man lebendes Material beider Arten im selben Laboratorium kultivieren könnte. Auch dieses Bedenken ist ohne Belang, da Steueri das Versenden gut verträgt, wie folgendes Beispiel zeigt. Kurz nach der Publikation des D. Steueri schickte Herr F'loreste Malfer aus Verona in einer verkorkten Flasche lebendes Gardasee- Plankton an den damaligen Leiter der biologischen Station in Plön Prof. Dr. O. Zacharias, der mir das Material zur Überprüfung des darin ent- haltenen Diaptomus nach Elbogen in Böhmen nachsandte. Obgleich also diese Planktonprobe mehrere Tage hindurch in einer verschlossenen Flasche den Insulten eines so langwierigen Trans- portes ausgesetzt war, trafen die Diaptomus- Exemplare wohlbehalten bei mir ein. Unter diesen Umständen erscheint es mir durchaus nicht aussichtslos, Gardasee-Plankton zur Durchführung der oben angedeuteten Kreuzung einem Labora- torium, dem D. gracilis zur Verfügung steht, zu übermitteln; an der biologischen Station in Lunz war bereits die Durchführung dieses Versuchs ge- plant, mußte aber wegen der durch den Krieg bedingten Sperrung dieses Forschungsinstitutes aufgeschoben werden. Günstiger lägen die Verhältnisse vielleicht noch in zwei anderen Fällen, die ebenfalls in das Kapitel geschlechtsbegrenzter Merkmale beim Genus Dia- ptomus einzureihen wären und die mit Rücksicht darauf, daß es sich nur um ein einzelnes ..Merk- mal" handelt, durch das die zu kreuzenden Formen sich unterscheiden, sich den Musterbeispielen der Versuche über Mendel' sehe Spaltung nähern. Der erste Fall betrifft eine in den Gewässern von Marienbad und Karlsbad heimische Rasse des Diaptomus coeruleus Schmeil (= D. vul- garis), die dadurch gekennzeichnet ist, daß am letzten Glied des Außenastes des rechten fünften Beines beim Männchen sich oberhalb des End- hakens ein kleiner Chitinknopf befindet, der der typischen Form fehlt; neben einer Reihe anderer Fragen, die ich bereits in früheren Arbeiten be- rührt habe, regt dieses Vorkommen auch zu der an, ob die Weibchen dieser Rasse die Fähigkeit haben, dieses nur dem Männchen zukommende Merkmal zu vererben; zur Lösung dieser Frage wären eben auch Kreuzungsversuche mit Männchen der typischen Form erforderlich. Der zweite Fall ist insofern noch interessanter, als es sich um ein geschlechtsbegrenztes abnormes Verhalten im Ablauf der Cyclomorphose handelt. Während z. B. die Cladoceren (Daphnia, Bosmina!) seit langem durch ihre cyclomorphen (saison- dimorphen der älteren Autoren) Veränderungen die Aufmerksamkeit auf sich lenkten, schien den Kopepoden diese Eigentümlichkeit zu fehlen. Allein im IV. Teil meiner „Beiträge zur Plankton- untersuchung alpiner Seen" (Verh. k. k. zool. bot. Ges. LVI Bd. 1906, S. 26) konnte ich gelegentlich des Berichtes über das Plankton des Hallstätter Sees mitteilen : „Die Untersuchung ergab einen konstanten Unterschied der Sommer- und Wintertiere des Diaptomus gracilis. Es ist dies unseres Wissens der erste sichere Fall von Saisondimor- phismus bei Kopepoden. Der Unterschied betrifft das drittletzte Glied der genikulierenden Antenne (sc. des Männchens). Bei den Winterexemplaren trägt dieses eine einfache hyaline Membran, bei den Sommerexemplaren einen „vogelschnabel- ähnlichen Fortsatz". Dieser Befund hat nunmehr durch O. H a e m p e 1 eine Bestätigung und Erweiterung erfahren. In seiner eben erschienenen Abhandlung „Zur Kennt- nis einiger Alpenseen etc." (Internationale Revue der ges. Hydrobiologie u. Hydrographie, Bd. VIII, Seite 284) sagt er diesbezüglich: ,, Der Hallstätter Diaptomus ist durch Brehms Untersuchungen als erster Centropagide bekannt geworden, bei welchem eine Variationserscheinung sicher nachgewiesen wurde. Bei den Winter- exemplaren trägt nämlich das drittletzte Glied der genannten Antenne eine einfache hyaline Mem- bran, bei den Sommerexemplaren einen vogel- schnabelähnlichen F"ortsatz. Bei der Durchsicht meines Hallstätter Materiales aus den Jahren 191 1 und 191 2 konnte ich diese Erscheinung bei allen Augusttieren wiederfinden, weniger bei denen aus dem Monat September, während im Oktober be- reits nur normale Tiere angetroffen werden. Genau die gleichen Verhältnisse wurden von mir im Traunsee wiedergefunden, während das Grundlsee- material nichts dergleichen erkennen läßt." Auch hier wäre es sehr interessant zu erfahren, ob unter den Männchen, die durch Kreuzung eines Hallstätter Weibchens mit einem Männchen des typischen Diaptomus gracilis entstanden sind, Exemplare auftreten werden, die im Spätsommer die eigenartige Bewehrung der genikulierenden Antenne besitzen. In diesen beiden Fällen sprechen alle bisher gemachten Erfahrungen dafür, daß die Beschaffung und Haltung der Versuchstiere, sowie die Kreuzung keinen Schwierigkeiten begegnen wird. Es sollen nicht auch noch die Chancen für das Gelingen der Kreuzungsversuche mit den Thall wit z'schen Canthocamptusformen abge- wogen werden. Probieren geht übers Studieren. Wohl aber möchte ich mich trotz Baurs be- rechtigter Mahnung: „Also: Viel mehr Experi- mentieren und weniger Theoretisieren ist die Parole für die nächste Zeit!" (Einführung in die experimentelle Vererbungslehre, Seite 268) dazu verleiten lassen, die Bedeutung des Mitgeteilten einer kurzen spekulativen Betrachtung zu unter- ziehen; nicht vielleicht, weil ich mir davon einen positiven Gewinn für die Beantwortung der sich •8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. I •ergebenden Fragen erwartete, sondern um dem Fernerstehenden Interesse für diese zunächst den Systematiker berührenden merkwürdigen Fälle zu erwecken. Nehmen wir zunächst einmal an, die Weibchen der fraglichen Kopepodenarten erwiesen sich durch das Experiment trotz ihres IVIangels morphologischer Unterscheidungsmerkmale durch entsprechendeErb- einheiten von einander ebenso verschieden, wie die Männchen ; dann liegt die Sache so wie bei Papilio Memnon. Die äußerliche Übereinstimmung in einem Geschlecht könnte dann als Konvergenz- erscheinung phylogenetisch gedeutet werden, ana- log dem oben zitierten Beispiel der Euphrasia glabra oder aber — und diese Deutung erscheint wohl plausibler — die Übereinstimmung könnte als Hinweis auf die Abstammung von einer Art angesehen werden. Wir hätten uns die Sachlage dann so vorzustellen, daß eine Art durch Mutation in zwei oder mehrere Arten zersplittert und daß zunächst die neuen Merkmale nur in einem Ge- schlecht sichtbar sind, während sich das andere Geschlecht noch in der Prämutationsperiode, nach de Vries Terminologie, befände. Die Studien Eimers über Orthogenese bei Schmetterlingen haben die Annahme wahrscheinlich gemacht, daß die Männchen in der phylogenetischen Entwicklung voranschreiten („Gesetz der männlichen Präpon- deranz"), wozu die Kopepoden nach diesen Mit- teilungen weitere Beispiele darbieten würden. Die Präponderanz läge in diesem Falle aller- dings lediglich darin, daß ein in beiden Ge- schlechtern vorhandenes Gen nur in einem Ge- schieht sich morphologisch manifestiert. Eine phylogenetische Präponderanz im strengen Sinn des Wortes läge freihch nur dann vor, wenn das präponderierende Geschlecht durch ein besonderes, dem anderen Geschlecht fehlendes Gen aus- gezeichnet wäre. Dann läge ein wahrer Dimorphis- mus des einen Geschlechtes vor. Über all' diese Fragen kann nur das Experiment Antwort geben. Übrigens dürften die beiden Kopepodenbeispiele nicht die einzigen aus dem Bereich unserer Süß- wasserfauna sein, die dem experimentell arbeitenden Forscher auf dem Gebiet der Vererbungslehre willkommen wären. Unter den Cladoceren scheint die Gattung Acroperus ähnliche Verhältnisse zu zeigen, wie später einmal in dem von der Station in Lunz herauszugebenden Bericht über die Lunzer Fauna gezeigt werden soll. Einzelberichte. Chemie. Fortschritte in der Darstellung künstlichen Kautschuks. Auf der diesjährigen Tagung der Deutschen Bunsengesellschaft für an- gewandte physikalische Chemie gab Geheimrat Prof Dr. Duisberg einen interessanten Über- blick über den gegenwärtigen Stand des Kaut- schukproblems. ') Der Kautschuk oder Gummi elasticum wurde bekanntlich bisher ausschließlich aus dem Milchsaft tropischer Pflanzen gewonnen. Diese Art der Darstellung kam jedoch für die Mittelmächte während des Krieges infolge der abgeschnittenen Überseezufuhr nicht mehr in Frage, so daß, nachdem die Vorräte an Roh- produkten aufgebraucht waren und die Regene- ration alter Kautschukfabrikate sich als ein auf die Dauer nicht ausreichender Behelf erwiesen hatte, auch auf diesem Gebiete die synthetische Chemie sich als die Retterin in der Not erweisen mußte. Dies ist ihr denn auch trotz der großen Schwierigkeiten gerade dieses Problems gelungen und zwar in solchem Maße, daß man die be- gründete Erwartung hegen darf, auch in der künftigen Friedenszeit die synthetisch hergestellten Kautschukwaren noch als konkurrenzfähige Er- zeugnisse auf dem Markte zu erhalten und bei weiterer Entwicklung dieses Industriezweiges den natürlichen Gummi durch das Kunstprodukt übertroffen und zum mindesten im Inlande völlig aus dem Felde geschlagen zu sehen. Zwar war die künstliche Synthese des Kautschuks bereits ') Vgl. Zeitsclir. f. .ingewandte Chemie 31, S. 242 f. (1918). vor dem Kriege geglückt (1909 F. Hofmann und Harries); auch hatte man bereits versucht, die Gewinnung desselben dadurch wirtschaftlich zu gestalten, daß man nicht von dem verhältnis- mäßig schwieriger darzustellenden Isopren (Methyl- butadien) sondern von dessen Homologen, dem Dimethylbutadien ausging, das leicht durch Ein- wirkung von Aluminium auf Aceton erhalten werden kann. Auf diese letztere Weise wird ein zwar mit dem natürlichen Kautschuk nicht völlig identisches, ihm in seinen Eigenschaften aber sehr nahekommendes Produkt, der „Methylkautschuk" erzielt. Der gerade zur Zeit dieser Entdeckungen einsetzende plötzliche Sturz der Kautschukpreise von fast 30 M. auf 4 M. pro kg infolge der über- reichen Erträge der neuangebauten südasiatischen Plantagen erstickte jedoch die junge Industrie schon im Keime. Aber an dieser Stelle, an der man damals die Versuche abbrach, lehrte der Krieg den Hebel wieder ansetzen. Zur Dar- stellung des Acetons, des wichtigsten Ausgangs- produktes für die Synthese des Methylkautschuks, benötigte man früher auch noch eines hauptsäch- lich im Ausland (in den Vereinigten Staaten) dar- gestellten Produktes, des „Graukalks" (d. i. rohes Kalziumacetat). Es gelang jedoch nunmehr, ein anderes, der Wissenschaft auch schon vor dem Kriege bekanntes, Verfahren zur Herstellung des Acetons für den Großbetrieb einzurichten, das uns bezüglich dieses, auch für die Munitionsindustrie wichtigen, Rohstoffs nun vom Ausland gänzlich unabhängig macht, das „Karbidverfahren". Nach N. F. XVIII. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. diesem wird billig herzustellendes Acetylengas durch katalytische Anlagerung von Wasser in Acetaldehyd, letzteres durch Oxydation in Essig- säure und diese wiederum unter Vermittlung eines Katalysators durch Abspaltung von Kohlen- säure in Aceton übergeführt. Das Aceton läßt sich durch Einwirkung von Aluminium zu Pina- kon reduzieren, welches durch Wasserabspaltung Dimethylbutadien liefert. Dieses geht schließlich durch Polymerisation in Methylkautschuk über. Von diesem Produkt werden jetzt bereits jährlich 2000 t synthetisch dargestellt, das ist '/s des ge- samten Bedarfs an Kautschuk. Auch der ratio- nellen Darstellung des mit dem besten Natur- kautschuk völlig identischen sog. Isoprenkautschuks stehen keine unüberwindlichen Schwierigkeiten mehr im Wege, da es in neuester Zeit auch ge- lungen ist, das Ausgangsprodukt dieses Körpers, das Isopren billig zu fabrizieren. Die charakteristischste Eigenschaft des Kaut- schuks: seine Elastizität ist an ein bestimmtes Temperaturintervall gebunden. Rohkautschuk er- weist sich nur zwischen 15 und 20" als elastisch; bei o" ist er bereits hart wie Holz. Durch be- stimmte Bearbeitung (mäßiges Vulkanisieren) ist es bekanntlich möglich, diesen Elastizitätsbereich auf ein etwas größeres Temperaturintervall aus- zudehnen. Bei dem Methylkautschuk liegt aber das gesamte Elastizitätsgebiet bei einer höheren Temperatur. Deshalb eignet sich dieses Produkt weniger zur Herstellung von Weichgummi- gegenständen. Das daraus durch starke Vulkani- sation gebildete Hartgummi dagegen ist dem aus natürlichen Kautschuk oder aus künstlichem Isoprenkautschuk erhaltenen nicht nur vollkommen gleichwertig, sondern in mancher Hinsicht so- gar überlegen. Ein russischer Forscher I. O s t r o - mysslenski^) hat nun gefunden, daß eine andere synthetisch darstellbare Kautschukart, der Erythren- kautschuk gerade bezüglich der elastischen Qualitäten den natürlichen Kautschuk übertrifft und ihm also zur Herstellung von Weich- gummiwaren vorzuziehen ist. Wie der Methylkautschuk aus dem nächsthöheren Homo- logen des Isoprens so wird der Erythrenkautschuk aus dessen nächstniederem Homologen, dem Ery- thren (=; Butadien) dargestellt. Ostromys- slenski hat nicht weniger als zwanzig Verfahren hierfür ausgearbeitet, von denen die Zukunft das technisch brauchbarste auszuwählen haben wird. Auch die Konstitutionsformel des Kautschuks glaubt dieser Verfasser aus seinen Untersuchungen erschließen zu können. Danach wäre der natür- liche Kautschuk ein Oktomeres des Isoprens, d. h. ein aus acht Molekülen Isopren aufgebautes Kondensationsprodukt, in der chemischen Formel- sprache: (C(jHg)g. Entsprechend wäre der Methyl- kautschuk durch die Formel (CgHi(,\ ""^ der Erythrenkautschuk durch (QHe)g darzustellen. Dieses letztere Produkt, das sich in der Natur ■) Journ. russ. phys.-chem. Ges. 47, S. 1374 ff. nicht vorfindet, dürfte sich, sobald es sich erst im Großbetrieb wirtschaftlich gewinnen läßt, wegen seiner vorzüglichen elastischen Eigenschaften viel- leicht zu einem für die Herstellung von Weich- gummigegenständen auf dem Weltmarkte kon- kurrenzlosen Idealkautschuk entwickeln. R-y. Physik. Schon früher (Bd. 1$, 1916, S. 589) wurde über die große Hörweite des Geschützfeuers, ihre physikalischen Ursachen und die Abhängig- keit vom jeweiligen Zustand der Atmosphäre be- richtet. M. M. Collignon (Comptes rendus Ac. Paris, Bd. 167, 9) hat drei Jahre lang (1915 bis 1917) in Louviers (25 ü. M.), 130 km von der Front von Lassigny und 170 km von der von Arras und St. Quentin entfernt Beobachtungen gemacht, aus welchen hervorging, daß die Er- scheinung jahreszeitlichen Schwankungen unter- liegt. Die große Hörweite machte sich von Anfang Mai bisAnfang September bemerk- bar, während in der übrigen Zeit des Jahres fast völliges Schweigen herrschte. Kathariner. Zur Orientierung von Luftschiffen und Flug- zeugen kann man nach Dieckmann die draht- lose Telegraphie in folgender Weise verwenden. Eine ortsfeste Station sendet von Zeit zu Zeit mit gleichbleibender Intensität vereinbarte Zeichen aus. Je weiter das empfangende Luftschiff von der Gebestelle entfernt ist, desto schwächer wird es die Zeichen empfangen, was sich mit Hilfe der Parallelohmmethode oder mittels Seitengalvano- meters feststellen läßt. Sind drei ortsfeste sendende Stationen vorhanden, so läßt sich das Lautstärken- verhältnis der ankommenden Zeichen und damit das Verhältnis der Abstände der Bordstation von den festen messen ; daraus kann man den Schiffs- ort berechnen. Voraussetzung, nach dieser Methode zuverlässige Resultate zu erhalten, ist natürlich, daß die festen Stationen stets mit gleichbleibender Intensität senden, daß also die Dämpfung der Sendestationen konstant ist. Ist das z. B. bei einer derselben nicht der Fall, so wird das bei der Bordstation gemessene Lautverstärkeverhältnis ver- ändert, und damit wird auch die Entfernung ge- fälscht. Eine Kontrolle der Dämpfung der Sender- anlage ist daher von Wichtigkeit. H. Wiesent beschreibt im Jahrbuch f. drahtl. Telegr. u. Telephonie XII (191 7) S. 330 einen direkt zeigenden Dämpfungsmesser, an dem das logarithmische Dekrement der Senderschwingungen zwischen 0,75 und 0.04 mit einer Genauigkeit von etwa 0,2 % abgelesen werden kann. Zwei mit ihren Ebenen um 45" gegeneinander geneigte Kurzschlußringe aus sehr dünnem Messingblech sitzen starr miteinander ver-, bunden an einer vertikalen Achse aus Glas. Jeder der Ringe liegt im Innern einer Spule von 10 cm Durchmesser aus Litzendraht (36 Windungen), die lO Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVHI. Nr. I einen Winkel von 90" miteinander bilden. Die eine Spule befindet sich in Resonanz mit der Sender- anlage, die andere ist um einen bestimmten Be- trag verstimmt. Beide beeinflussen elektrodyna- misch die Kurzschlußringe, die eine Ruhelage auf- suchen. Diese ist nur durch die Dämpfung bedingt; sie ist unabhängig von Koppelung und Frequenz. An der Skala, über welcher der mit dem Ring- system verbundene Zeiger spielt, Hest man die Dämpfung direkt ab. Seh. Meteorologie. W.Krebs führte neulich in den Artilleristischen Monatsheften ') mehrere Beispiele aus der Geschichte von Friedrichs des Großen Zeit bis zur Gegenwart dafür an, daß der Schall des Geschützdonners durch Gewitterluft stark ge- dämpft wird, und daß dies in einigen Fällen auch Bedeutung für die Strategie gehabt hat. Zur Erklärung jener physikalischen Tatsache führt A. Schmauß-) an: bei einem Gewitter ist der Bewegungszustand der Atmosphäre einer un- gehinderten Schallausbreitung stets hinderlich: auf der Vorderseite des Gewitters weht der Wind zum Gewitter hin, die Rückseite des Gewitters besteht aus den auf die Böenlinie zustürzenden Luftmassen, die sicli also ebenfalls vom Beobachter entfernen. — Der einzige für die Schallausbreitung förderliche Bewegungszustand der Atmosphäre ist bekanntlich der des heranfahrenden Windes, dessen Stärke, wie es fast immer in Erdnähe der Fall ist, mit der Höhe wächst; denn dann entsteht eine zur Erdoberflache konkave Wellenfront, die wie eine Rotunde wirkt. — Außerdem vertritt Schmauß die Ansicht, fast jedem Gewitter gehe ein Wirbel mit hori- zontaler Achse voran, der auch die Einleitung des Gewitters bilde, und auch dieser Wirbel schaffe einen Luftraum, aus dem der Schall nur schwer nach außen dringt. Aus diesen Gründen ist denn auch die Hörweite des Gewitterdonners im Verhähnis zur Reichweite des Geschützdon- ners im allgemeinen gering, eine Tatsache, auf die wiederum erst der Krieg die Aufmerksamkeit gelenkt hat. Noch mehrere Tatsachen, wie die verminderte Stärke des Donners bei sehr vielen Blitzen, die ihrerseits eine Folge gewaltiger Ver- tikalbewegung sind, und die vergrößerte Reich- weite des Geschützdonners im Winter, in der Jahreszeit mit verminderten Gewittern, zeigen die Bedeutung des Bewegungszustands der Atmosphäre für die Schallausbreitung an und rechtfertigen den Satz: „die größte akustische Trübung, die man sich denken kann, ist ein Gewitter." ^) V. Franz. 1) November/Dezember 1917, Nr. 131/132. 2) A. Schmaui3, Die Hörweite des Donners. Meteoro- logische Zeitschr. Juli/August 1918, S. 183 — 184. ') Wie Schmauß an eleichem Orte vermutet, würde die oft gehörte Behauptung, daß starker Geschützdonner schlechtes Wetter im Gefolge habe, nur darauf beruhen, daß oft Wind- wcchsel, der Vorbote einer Witterungsveränderung, die Hörbarkeit des Geschützdonners plötzlich verstärke. Es sind aber zahlreiche auf diese Weise nicht zu widerlegende Be- obachtungen für obige (gewiß höchst strittige) Behauptung herangezogen worden. Geologie. Zur Geologie u nd Tektonik des Rügener Steilufers veröffentlicht Otto Jaekel Untersuchungen in der Zeitschr. d. Deutschen Geol. Gesellschaft, 191 8. Diese Untersuchungen sind auch für die Kennt- nis der Tektonik des östlichen, norddeutschen Flachlandes sehr wichtig. Fhillippi hatte die Störungen der Kreide und des Diluviums als vom diluvialen Eise herrührend erkannt. In einer früheren Abhandlung schon war Jaekel anderer Meinung gewesen. Am Jasmunder Steilufer, bei Möen, Ankona, steht die nach seinen'neuen Untersuchungen 300 rn mächtige obersenone Mukronatenkreide an. Weil das Danien, das erst westlich von Stewns Klint als ufernahe Flachseebildung beobachtet wurde, hier fehlt, ist anzunehmen, daß am Ende des Senons die Mukronatenkreide gehoben wurde. Da tertiäre Bildungen fehlen, ist es sehr wahr- scheinlich, daß Rügen seit der postmukronaten Hebung Festland geblieben ist. Zu Beginn des Diluviums bildete daS Land zwischen Schwe- den, Rügen, Möen eine ebene Fläche, auf die sich konkordant der unterste diluviale Geschiebemergel absetzte. Die ebene Kreidefläche war etwas nach Süden und Südwesten geneigt. Darauf schob sich von der fennoscandischen Platte das Inlandeis leicht nach Süden und Südwesten. Der unterste oder erste Geschiebemergel keilt am Jasmunder Steilrand aus. In Saßnitz scheint er zu fehlen. Nach Westen (Hamburg zu) steht er weiter an. Wie der erste Geschiebemergel zeigen auch die Sande und Kiese des ersten Interglazial eine große Einheitlichkeit. In die Sande und Kiese dieser Interglazials schalten sich hier und da sandige Tone ein, Absätze stehender oder ganz flach fließender Wassertümpel. Wechsel- schichtigkeit zeichnet die Sande aus. Nicht Eis- bedeckung hat diese wechselschichtigen Sande und eingeschalteten Tonbänder erzeugt, sondern sie verdanken ihre Entstehung den Wassern vor dem Eisrande. Er bezeichnet die Flächen, auf denen dieses Intcrglazial sich ablagerte, als „Fließ- flächcn". Von E. Bruckmann wurdejS/S aus diesen Schichten bei Saßnitz eine Flora und eine Fauna beschrieben. ^- Pine zweite^Vereisung'trat" ein, setzte einen zweiten, einheitlichen Geschiebemergel ab, der nur ganz vereinzelt schwache 'Sandschmitzen ein- schließt. Er ist 7—12 m mächtig, tiefgreifend verwittert. Sein blaugrau hat sich in eine gelb- liche braune Lehmfarbe abgeändert. Neu von Jaekel wurde das zweite Intergla- zial aufgefunden. Zwischen den Prinzenhäusern und del- f „Blase" bei Saßnitz besitzen diese Schichten ihre größte Mächtigkeit. Holzreste und mehrere kohlige Schmitzen sprechen für eine zeit- weise Eisfreiheit dieser Gebiete. Die von mehre- ren Orten Rügens vorliegenden Zähne von Elephus primigenius stammen wahrscheinlich aus diesen Schichten, N F. XVni. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. II Nun setzten nach Ablagerungen dieser Diluvial- schichten tektonische Störungen ein, die als Rand- bewegungen der fennoskandischen Masse zu deuten sind. Der ganze östliche Rand von Jasmund wurde zur Antiklinale aufgewölbt. Der Sattel streicht von NW — SO. Weiter westlich folgt ein zweiter bei Möen. Jasmunds Ostufer läßt nur den westlich einfallenden Flügel dieser Antiklinale er- kennen. Am Ende der zweiten Interglazialphasc trat jenes gewaltige Ereignis ein, das nicht nur die Gegend von Rügen, sondern weite Gebiete zwischen Skandinavien, Dänemark bis zu den Sudeten hin durch die „baltischen Brüche" in Schollen zerriß. Zahlreiche Dislokationen im Untergrunde von Stralsund, Greifswald, in Mecklenburg, wo ältere Schichten bis zum Lias horstartig auftauchen, haben diese „baltischen Brüche" zur Ursache. Weiter werden viele bisher durch glazialen Druck entstanden erklärte Schichtenstörungen in Nord- deutschland auf diese Weise verständlich werden. In Rügen erreichten diese Störungen Sprunghöhen von lOO m. Als Zeitpunkt dieser so ausgelösten Erdbeben nimmt Jaekel die jüngere Phase des Paläolithikums an ( ?Magdalenien). Als unmittelbare Folgen der baltischen Brüche sind die zahlreichen Faltungen der Kreide in Jasmund anzusehen. Dort traten sie auf, wo die vertikalen Bewegungen nicht sehr groß waren. Wo sich in diesen Kollokationen ein Rückstau gegen das Bruchgebiet geltend machte, wurden durch Translokationen bei schroffen Höhendiffe- renzen sanftere Ausgleiche geschaffen. Über die abgesunkenen Diluvialschichten legten sich die Steilwände der weichen Kreide und preßten die eingekeilten Diluvialschichten zusammen. Zu den Nachwirkungen sind auch die scharf eingeschnitte- nen Erosionsrinnen zu zählen. Eine dieser Rinnen (Grautippen am Tipper Ort) enthält im unteren Teil Schutt aus abgeschlämmter Kreide, vielen Feuersteinen und nordischen Geschieben. Über diese gestörte Landoberfläche zog nun zum dritten Male das Inlandeis. Die entstande- nen und nun vorhandenen Bergzüge mußten vom Inlandeis der dritten Vereisung überstiegen werden. Die Höhen wurden abgetragen. Die normale Grundmoräne wurde stellenweise durch eine Lokal- moräne ersetzt, die zwar aucü nordisches Material enthält, aber in ihren\ unteren Teile vorzugsweise aus abgehobelten Lokalgesteinen besteht. Schich- tung zeichnet diese Lokalmoräne aus.' In den toten Winkeln, die dem vorrückenden Eise entrückt waren, wurde der aufgewühlte Grundschutt nor- mal sedimentiert. Auf der Seeseite von Höhen bildet sich die „Seemoräne" mit durch „Walz- schichtung" abgelagerter Grundmoräne. IDie in der überschrittenen Fläche befindlichen Vertie- futigcn konnten mühelos vom Eise überschritten werden. In ,, Subjektionen" wurde Moränenschutt in die Vertiefungen hineingepreßt und oftmals die Vertieiung durch Zusammenpressen der plastischen Kreide in Zwickel oder Taschen umgewandelt. Diese dritte Vereisung wirkte beim Vorwärts- dringen auf die weichen Kreidemassen abtragend. Erst auf dem Wege des Rückzuges setzte sich eine Grundmoräne auf der abgehobelten Kreide oder auf den Subjektionen ab. Durch Schmelz- wasser wurden sowohl die Oberfläche der Kreide als auch die der Diluvialschollen abgewaschen und die Schlämmprodukte vermischt. Durch Absturz an den Prinzenhäusern konate unter den posttektonischen Diluvialgebilden ein i6 m-mächtiger braungrauer Geschiebemcrgel, ein 12 m mächtiges sandiges Interglazial und ein ober- ster 2 m mächtiger hellgrauer Geschiebemergel nachgewiesen werden, so daß also in Rügen wie in den Alpen vier Eiszeiten nachgewiesen worden wären mit vier Geschiebemergeln und drei Inter- glazialen. Zwischen die beiden älteren gestörten und die beiden jüngeren ungestörten Geschiebe- mergeln schieben sich die tektonischen Erschei- nungen der „baltischen Brüche" ein. Rudolf Hundt. Bücherbesprechungen. V. Haecker. Entwicklungsgeschichtliche Eigenschaftsanalyse (Phänogenetik). Ge- meinsame Aufgaben der Entwicklungsgeschichte, Vererbungs- und Rassenlehre. Jena, G. Fischer 1918. 344 S. 181 Abb. — 12 M. Den gewaltigen Aufschwung, welchen die Lehre von den Vererbungsvorgängen seit der Jahrhundert- wende genommen hat, verdankt sie bekanntlich der Wiederentdeckung der Mendel'schen Regel. Von dem einfachsten Grundbeispiel mit seinen klaren Zahlenverhältnissen ausgehend, hat die For- schung allmählich auch andere Fälle aufzuklären vermocht, die auf den ersten Blick ganz und gar nicht in die Regel hineinzupassen schienen. Wenn z. B. ein für unser Auge einheitlich erscheinendes Merkmal erst durch Zusammenwirken mehrerer Faktoren entsteht, deren jeder für sich der Mendel'schen Regel folgt, so müssen in der Verteilung dieses Merkmals auf die Gesamtzahl der Nachkommen vom Grundschema abweichende Zahlenverhältnisse entstehen. Durch planmäßige Kreuzung ganz bestimmter Individuen, insbesondere durch Rückkreuzung mit den Eltern kann die hypothetische Auffassung, die man sich im einzelnen Fall gebildet hat, geprüft und gegebenenfalls be- wiesen werden. Die heute, nach fast 20 Jahren Mendel forschung, schon sehr weit vorgeschrittene Analyse einzelner Formen scheint fast zu zeigen, daß es kaum erbliche Unterschiede geben mag, die sich nicht letzten Endes in das Grundschema 12 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. I einfügen ließen. Allererste Voraussetzung für diese moderne Auffassung der Vererbungsvorgänge ist die Anschauung der Erbfaktoren als selbständiger Einheiten, die somit im Wechsel der Gene- rationen in den verschiedensten Kombinationen zusammen- und auseinandertreten können wie die Paare beim Reihentanz. So scheint die heutige Forschung zu einer atomistlschen Grundauffassung des Lebenden zu führen, wie eine solche ja auch hervorragend fruchtbar für die Entwicklung der anorganischen Naturwissenschaft gewesen ist. Nur zu leicht wird man daher versucht, die Parallele noch weiter zu ziehen und den Erbfaktoren selbständige Wesen- heit als räumlich abgegrenzter Partikelchen im Keimplasma zuzusprechen. Das ist aber keines- wegs notwendig, zumal ein bedeutsamer Unter- schied zwischen den Vorgängen in der anorga- nischen und der organischen Natur gegeben ist durch die für die letztgenannte so charakteristische Tatsache der Entwicklung. Jede Eigenschaft eines Organismus entsteht ja zu einer ganz be- stimmten Zeit seiner Entwicklung als Folge einer ganzen Reihe von Ursachen. Gelänge es, diese Ursachenkette lückenlos rückwärts zu überblicken bis in die noch unentwickelte Keimzelle zurück, dann hätten wir damit den dieser Eigenschaft zu- grunde liegenden Erbfaktor in seiner Wesenheit erkannt. — Diese Art der Erforschung der Erb- vorgänge, die gleichsam auf dem Wege einer Biographie des E i n z e-1 i n d i v i d u u m s unserem Kausalerkenntnisdrange gerecht zu werden versucht, erfordert damit ganz andere Methoden als die reine Mendelforschung sie liefern kann, die ja doch stets ihre Folgerungen auf Massen- erscheinungen aufbaut, also im Gegensatz zur biographischen doch letzten Endes eine sta- tistische Methode ist. Phänogenetik, d. h. Wissenschaft von der Entstehung der Erscheinung, nennt Ha eck er, der schon auf den Gebieten der Keimzellenforschung ebenso wie auf dem der Mendel forschung gleicher- maßen bekannte Hallenser Zoologe, dieses neue Forschungsgebiet , das somit von einer dritten Seite her auf die Geheimnisse der Vererbungs- vorgänge Licht werfen soll. „Neues" Forschungs- gebiet ist allerdings etwas zu viel gesagt, denn entwicklungsgeschichtliche und besonders ent- wicklungsmechanische Untersuchungen, aus denen ja in erster Linie die Anschauungen auf diesem Gebiet genährt werden können, wurden ja lange vor der Wiederentdeckung der Mendel sehen Regel betrieben. ,,Neu" ist vielmehr nur der Standpunkt, von dem aus die Tatsachen betrachtet werden, also ihre gedankliche Verbindung mit den Ergebnissen der Vererbungslehre. Das zugesetzte „nur" soll dabei natürlich keine Wertbeschränkung ausdrücken: im Gegenteil, es ist bewundernswert, wie selbst dem Zoologen sonst entlegene Teil- gebiete der Wissenschaft, wie Pathologie, Anthro- pologie, Tierzucht usw. verarbeitet sind, und wie- viel tatsächlich schon für dieses neue Teilgebiet der Biologie dabei herauskommt. Manche ein- gestreute Bemerkungen über einzelne in Museen und Instituten hier und da vorhandene besonders interessante Objekte, wohl bei gelegentlichen Be- suchen des Verfassers an Ort und Stelle notiert, weisen darauf hin, daß es sich um Gedankengänge handelt, die in langen Jahren heranreiften. Und schließlich hat Haecker durch — z. T. noch unveröffentlichte Untersuchungen seiner Schüler — bestimmte Teile des neuen Wissensgebiets plan- mäßig selbst in Bearbeitung genommen. Wenn trotzdem nicht alle Seiten des tierischen Organismus gleichmäßig der phänogenetischen Lupe unterstellt werden, so liegt das daran, daß es sich eben um ein neues Gebiet handelt, das gleichmäßig zu überblicken erst nach Jahrzehnten angestrengter Arbeit Vieler möglich sein wird. Im vorliegenden Buch werden in erster Linie einige allgemeine Eigenschaften wie Größe (Kap. 3), Symmetrieverhältnisse (Kap. 4), dann besonders die verschiedene Ausgestaltung der Abkömmlinge des Ektoderms (Haare, Federn, P'arbe, Zeichnung: Kap. 5 — 19) behandelt. Denn hier ist ja sowohl die Mendelforschung wie die phänogenetische Analyse weitaus am weitesten vorgeschritten. Dagegen kommen die gerade für menschliche Rassenfragen so eminent wichtigen Teile wie Schädel (Kap. 22), Hirn usw. viel schlechter weg, weil hier beide Forschungsgebiete noch nicht über tastende Vorversuche hinaus gediehen sind. — An einem Beispiel sei kurz die Art der Behandlung des Themas klar gemacht: die Zeichnung der Wirbeltiere — man denke besonders an die schon von Eimer zu phylogenetischen Spekulationen benutzte Längs- und Ouerstreifung — ist von der kausal-entwicklungsgeschichtlichen Forschung in einen mutmaßlichen Zusammenhang mit den z. T. ähnlich angeordneten Nerven und Blutgefäßen ge- bracht worden. Nachdem Haecker die diesen Hypothesen z. T. entgegenstehenden Schwierig- keiten erörtert hat, zeigt er für sein spezielles Objekt, den Axolotl, durch genaue direkte Unter- suchung der Zellvermehrungsverhältnisse in der Epidermis, daß es das rhythmische Wachstum der Haut ist, welches hier die charakteristische Aus- breitung der Zeichnung bedingt, womit der An- schluß an die ganz ähnlichen Verhältnisse bei Pflanzen (weiße Flecken grüner Blätter) gewonnen ist. Für eine noch weitere Zurückbegründung dieser Wachstumsverhältnisse auf andere mit der Organ- und Keimblattbildung und schließlich der Furchung zusammenhängende können vor- läufig nur Mutmaßungen geäußert, doch noch nichts sicheres ausgesagt werden. Diese an einem nackten Landwirbeltier gemachten Fest- stellungen lassen nun Schlüsse zu auf die wahr- scheinlichen Ursachen der Zeichnung bei den be- haarten und befiederten Formen, wenngleich be- sonders bei den letztgenannten die Verhältnisse kompliziert werden durch den hohen Grad von Selbständigkeit, den das einzelne Federindividuum besitzt. — In ähnlicher Weise wie im vorliegenden N. F. XVIII. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 13 Beispiel gestaltet sich auch in den übrigen Aus- führungen Haeckers das Prozentverhältnis zwischen bloßer Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit der kausalen Zusammenhänge einerseits und der ge- nauen Analyse derselben selbst andrerseits, wie das ja bei der Neuheit der Fragestellung und der Schwierigkeit der Beantwortung nicht anders sein kann. Sehr genau wird stets für die einzelnen Eigen- schaften, soweit es bekannt ist, auch ihr Verhalten beim Kreuzungsexpenment referiert. Das hat seinen besonderen Grund. Haeckers Buch will nämlich mehr als eine bloße Sammlung des bis- her Bekannten auf dem Gebiet der Phänogenetik sein; er versucht darüber hinaus aus der Synthese der Ergebnisse dieses Gebietes mit denen der Mendelforschung eine allgemeine Erkenntnis ab- zuleiten, die er als die ,, entwicklungsgeschichtliche Vererbungsregel" folgendermaßen formuliert: „Merk- male mit emfach- verursachter, frühzeitig autonomer Entwicklung weisen klare Spaltungsverhältnisse auf. Merkmale mit komplex-verursachter, durch Korrelationengebundener Entwicklung zeigen häufig die Erschemung der unregelmäßigen Dominanz und der Krcuzungsvariabilität, sowie ungewöhnliche ZahlenverhältnisbC." So zeigen, um seinen Ge- dankengang wieder an einem der vielen Beispiele klar zu machen, die Farbenunterschiede der Nager sehr klare Zahlenverhältnisse im Kreuzungsexperi- ment — sind sie doch zum Schulbeispiel der Mendelforschung geworden — ; dementsprechend handele es sich hier auch um einfache Kausal- verhältnisse, nämlich allgemeine Unterschiede im Chemismus der sämtlichen Epidermiszellen. Da- gegen ist z. B. die Scheckzeichnung derselben Tiere einer von jenen Fällen, die bisher noch immer hartnäckig einer mendelistischen Erklärung trotzen ; entsprechend weise auch hier die Lage der verschiedenen Flecken in der Nähe hochdiffe- renzierter Organe wie Auge, Ohr, Kreuzbein usw. auf eine durch Korrelationen mitbestimmte Kausal- entwicklung hin. — Wenn nun aber wirklich zwischen beiden Forschungsgebieten derartige Zusammenhänge bestehen, welcher Art sind die- selben ? Bei Beantwortung dieser Frage faßt Haecker besonders die Möglichkeit ins Auge, daß die Erbfaktoren doch nicht in dem Maße selbständige Einheiten sind wie das die extremen Mendelianer annehmen, und wie es auch am Ein- gänge dieser Besprechung auseinandergesetzt wurde. Sondern er hält die Möglichkeit lür ge- geben, daß, wenn wir schon im fertigen Organis- mus weitgehende Beeinflussung entfernt liegender Teile finden — man denke z. B. an die Tatsachen der inneren Sekretion — , daß dann auch eine gegenseitige „Befleckung" der Erbanlagen inner- halb der Keimzelle wohl denkbar sei. Je größer aber die Zahl der die Entwicklung einer Eigen- schaft überhaupt bestimmenden Plasmaqualitäten sei, um so leichter sei eine solche „Verunreinigung" möglich, und damit die Störung der Zahlenverhält- nisse in der Nachkommenschaft gerade bei kom- plex verursachten Eigenschaften bedingt. Im Zusammenhang mit dieser Anschauungsweise steht 'dann, daß er auch in der Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften einen zwischen den Extremen vermittelnden Standpunkt einnimmt, der — wohl zum erstenmal — diesem Problem in einer mehr logischen Weise beizukommen sucht, die allerdings jedem, der in der Annahme einer Pluripotenz mit Haecker übereinstimmt, selbst- verständlich sein wird. Auf einen Punkt möchte ich zum Schluß noch die Aufmerksamkeit lenken, der von Haecker im Gegensatz zu den meisten auf dem Gebiet der Vererbungs- und Rassenlehre arbeitenden Autoren wenigstens in Erwägung gezogen wird, nämlich auf die Beziehungen der hierher gehörigen Tatsachen zu den Problemen der Domestikation. Haecker bemüht sich an mehreren Stellen dar- zutun, daß die Domestikation keine spezifische Ursache für die in ihr auftretenden Veränderungen sei. Zugegeben selbst, daß Domestikation aus dem tierischen Organismus nur das herausholen kann, was er auch im freilebenden Zustande schon potentiell besitzt, so darf doch andererseits nicht verkannt werden, daß weitaus die größte Zahl der Abänderungen und besonders die bedeutend- sten uns ausschließlich bei Tieren im Zustande der Domestikation erst bekannt sind, und daß nur sehr wenige relativ einfache — Haecker führt auf: Albinismus, Schwanzlosigkeit, Weißbunt- heit bei einigen Vögeln — aucn gelegentlich bei freilebenden Formen beobachtet werden. Bei dieser fast ausschließlichen Gründung unserer An- schauungen über die Vererbungserscheinungen auf domestizierte Tiere (im weitesten Sinne) sollte man dem Studium der Domeslikationsprobleme doch ein ganz besonderes Interesse widmen, wäh- rend in Wahrheit die meisten Zoologen heute noch die Beschäftigung mit diesen als nicht recht vollwertige Wissenschaft betrachten dürften. B. Klatt. Oskar Hertwig, Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwi- nismus. 119 Seiten. Jena 1918, Verlag von G. Fischer. — Preis geh. 4 M. Vor drei Jahren erschien Oskar Hertwig 's umfangreiches Werk über ,,das Werden der Or- ganismen", in dem er darlegt, daß die Selektions- oder Zufallstheorie Darwin 's sich als unhaltbar erwiesen hat und nicht mehr als Erklärungs- prinzip der Abstammungslehre in Betracht kommt. ^) Wie reges Interesse dieses Werk ge- funden hat, das zeigt bereits zur Genüge die Tat- sache, daß es trotz Krieg heute schon in zweiter Auflage vorliegt. In seinem „Werden der Or- ganismen" hat Hertwig sich fast ausschließlich mit dem biologischen Darwinismus beschäf- tigt und nur kurz darauf hingewiesen, wie bald ') Vergl. die Besprechung in N. F. Bd. 16, 1917, dieser Zeitschrift, Seite 365. 14 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. I nach dem Erscheinen von Darwin's Hauptwerk der „Kampf ums Dasein" zu einem universalen Erklärungsprinzip wurde, zu einem allgemeinen Schlagwort, dessen sich nicht nur die Natur- wissenschaften, sondern auch Rechts- und Staats- wissenschaften, Nationalökonomie, Kunst und Religion in gleicher Weise bedienten. Gegen diesen ethischen, sozialen und politischen Darwinismus wendet sich Hertwig nun in einer neuen Schrift. Auch diese Arbeit kann der Aufmerksamkeit weitester Kreise sicher sein, be- handelt sie doch Fragen, die heute die ganze denkende JVIenschheit bewegen : Werden Recht und Sitte, für die in mehr als vier schweren Kriegsjahren mancherorts die Begriffe fast gänz- lich geschwunden zu sein scheinen, nicht nur wiederkehren, sondern auch sich weiter ent- wickeln und vervollkommnen? Gibt es noch Wege, das Menschengeschlecht zu heben und zu veredeln und einer glücklicheren Zukunft ent- gegenzuführen? Und vor allem: Wird es ge- lingen, Kriege zwischen Kulturnationen in Zukunft dauernd unmöglich zu machen, oder werden unsere Nachkommen ebenfalls das Schauspiel eines sich selbst zerfleischenden, von Blut trie- fenden Europas erleben? Ehe Hertwig zur Kritik des übertragenen Darwinismus übergeht, gibt er eine kurze Zu- sammenfassung seines Urteils über Darwin's Theorie im biologischen Sinne, zu dem er in seinem „Werden der Organismen" gekoinmen ist. Er übt vor allem scharfe Kritik an den seit Darwin „zu einer Art wissenschaftlicher Münze gewordenen Redewendungen": Kampf ums Dasein, Wettbewerb oder Konkurrenz in der Natur, Zucht- wahl, künstliche und natürliche Auslese u. ä. Der Nahrungsmangel, den Darwin voraussetzt, be- steht normalerweise in der Natur überhaupt nicht, und selbst wenn wir einen dauernden Kampf ums Dasein hätten, so wäre die dabei erfolgende Auslese doch nicht imstande. Neues zu schaffen, sie ist kein schöpferisches Prinzip und keine treibende Kraft in der Entwicklung. Und wo in der Natur ein Kampf ums Dasein geführt wird, da vermag ein kleiner Vorteil in irgend einer Eigenschaft anderen Individuen gegenüber nur in seltenen Fällen vor der Vernichtung zu be- wahren, mit anderen Worten, der Selektionswert mancher Eigenschaften ist außerordentlich gering. Dem Darwinismus, der die Veränderungen der Lebewesen auf Zufall beruhen läßt, stellt Hertwig den Lamarekismus oder, wie er sie mit Nägel i nennt, die Theorie der direkten Bewirkung gegenüber, die das Variieren der Organismen nach Entwicklungsgesetzen vor sich gehen läßt, „die sich aus der Natur der organisierten Substanz der Lebewesen und aus ihren Beziehungen zu der sich verändernden Umwelt, also aus dem Zusammentreffen innerer und äußerer Ursachen und den hieraus fol- genden Wirkungen ergeben." Von den Versuchen, die Prinzipien des Daseins- kampfes und der natürlichen Zuchtwahl auf die menschliche Gesellschaft zu übertragen, befaßt sich Hertwig zunächst mit den Bestrebungen der „Entwicklungsethike r". Ihre Welt- anschauung steht in schroffem Gegensatz zu der christlich-humanen. So spricht Tille, einer der extremsten Entwicklungsethiker, es offen aus, daß das christliche Ideal der absoluten Nächsten- liebe sich vor den ehernen Gesetzen des Darwi- nismus nicht retten läßt, jenes „sichere dem Elenden die Fortpflanzung", es vermehre „das Unglück in der Welt mit jedem Geschlecht"; „das einzig sichere Mittel zur Hebung der Gattung" ist und bleibt nach seiner Ansicht „die Aufrechterhaltung der natürlichen Auslese" und „das Recht des Starken gegenüber dem Schwachen", es muß nach Tille ,,die geltende Moral bedingungslos fallen". Ähnliche Ansichten haben Haeckel, Steiner u. a. geäußert. Auch Nietzsche gehört in die Reihe der Entwicklungsethiker. Dem Gedeihen seines „Übermenschen" muß „die Menschheit als Masse" geopfert werden, die christliche Sitten- lehre ist für ihn eine „Sklavenmoral", die die Ver- schlechterung der menschlichen Rasse zur Folge gehabt hat. Den Immoralisten hält Hertwig zunächst entgegen, daß sie die Bedeutung des historisch Gewordenen entweder gänzlich ver- kennen, oder ihr doch zu wenig Verständnis entgegenbringen. Im Gegensatz zu ihnen, die in den Naturwissenschaften die Vertreter einer mecha- nistischen Weltanschauung sind, aber auch im Gegensatz zu Huxley, dem Vitalisten unter den Entwicklungsethikern — er stellt dem „Walten der Naturmächte" das „Walten der ethischen Mächte" entgegen — , gelangt Hertwig auf Grund erkenntniskritischer Betrachtungen zu einem „biologischen Standpunkt". Von Recht und Sitte in der Natur können wir nur da sprechen, wo ihr Bestehen und ihre Herrschaft möglich ist, d. h. haupt- sächlich in der menschlichen Gemeinschaft. Das Raubtier, das sein unschuldiges Opfer zerreißt oder gar noch quält, handelt weder sittlich noch un- sittlich, weder nach Recht noch nach Unrecht, es handelt naturgemäß. Huxley 's Urteil: „Vor das Tribunal der Ethik gezogen, würde die Natur wohl ihrer Verurteilung sicher sein" ist ebenso falsch wie Tille 's Lehre, daß Ethik angewandte Naturwissenschaft ist. „Da außerhalb der mensch- lichen Gemeinschaft Naturvorgänge weder zur Ethik noch zum Recht in einer Beziehung stehen, so können wir aus ihrem Studium auch keine neuen Gesichtspunkte für eine Reform oder gar für eine Begründung einer neuen Ethik als Ersatz der alten gewinnen." Es sei aber besonders be- tont, daß Hertwig mit Huxley und Tille darin einig ist, daß sich sittliche und rechtliche Begriffe auf natürlichem Wege im Menschen ent- wickelt haben, sie sind „ebensogut wie die Lebens- eigenschaften der Zelle Naturprodukte, hervor- gegangen aus dem Entwicklungsprozeß der Natur, der sich innerhalb des Menschengeschlechtes bei seiner Vergesellschaftung vollzogen hat und weiter N. F. XVni. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. IS vollzieht." „Die ungeheuren Unterschiede, die zwischen der Menschheit mit ihrer geistigen und sittlichen Welt auf der einen Seite und dem Tierreich auf der anderen Seite bestehen, sind keine prinzipiellen, sondern nur solche des Grades." ,,Im menschlichen Geschlecht sind die schon im Tierreich vorhandenen Instinkte nur verstärkt und zur Gatten-, Kitern-, Kindes-, Geschwisterliebe verfeinert und veredelt worden." H er tw ig ver- sucht dann weiter die Lehre des Christentums und des Rousseauismus von der Gleichheit der Menschen, die Nietzsche verspottet — der moderne demokratische Staat ist für ihn nichts weiter als der „neue Götze" — , naturwissenschaft- lich zu begründen. „Bei voller Anerkennung der zahllosen Ungleichheiten, die zwischen den Menschen bestehen, sind sie doch als Objekte der syste- matisierenden Naturgeschichte dem Kern ihres Wesens nach gleich, gleich im Besitz der Sprache zu gegenseitiger Verständigung, gleich als Gesell- schafter, die sich zu sozialen Gemeinschaften in weit zurückliegenden Zeiten allmählich zusammen- gefunden haben, und von da an immer wieder, wenn sich hierfür Gelegenheit bietet, den Schein ihrer Gleichheit präsentieren." Besonders eingehend beschäftigt sich Hertwig mit dem sozialen Darwinismus, mit den Ver- suchen derer, die auf Grund der Lehre vom Da- seinskampf und von der natürlichen Zuchtwahl eine systematische Rassenhygiene betreiben wollen. Ihr Ziel, die Verbesserung und Höherzüchtung des Menschengeschlechtes, suchen die Rassen- hygieniker auf zwei Wegen zu erreichen, einmal durch negative und dann durch positive Auslese. In dem wachsenden Schutz der Schwachen, der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Armen in der Bekämpfung der Säuglings- und Kinder' Sterblichkeit, der Infektionskrankheiten, der Trunk' sucht, in dem weiten Gebiet der sozialen Für- sorge also, sehen die extremsten Rassenhygieniker eine schwere Gefahr für die Tüchtigkeit unserer Rasse. Die „Ausjätemaschine" für die Minder- wertigen und Schwachen wird dadurch ganz oder wenigstens teilweise außer Funktion gesetzt, aus Gründen einer falchen Mitleidsmoral wirken wir mit unserer Fürsorge kontraselektorisch und schaden uns dadurch nur selbst. Zu welchen Forderungen wissenschaftlicher Fanatismus führen kann, das mögen die Worte eines unserer bekann- testen Rassenhygieniker, Floetz, zeigen: „Gegen die Kriege", so sagt er, „wird der Rassenhygieniker weniger etwas haben, da sie eines der Mittel im Kampf ums Dasein der Völker bilden. Nur wird er darauf dringen, daß entweder mit Söldnerheeren gekämpft wird, oder daß die Aushebung beim System der allgemeinen Wehrpflicht so umfassend wie nur möglich ist, um recht viele auch der schlechteren Individuen ins Heer zu bekommen, so daß der Nachteil für die guten Konvarianten nicht zu stark wird. Während des Feldzuges wäre es dann gut, die besonders zusammengereihten, schlechten Varianten an die Stellen zu bringen, wo man hauptsächlich Kanonenfutter braucht und wo es auf die individuelle Tüchtigkeit nicht so an- kommt". Um kein falches Urteil über den Ur- heber dieser Worte aufkommen zu lassen, sei übrigens hinzugefügt, daß sie nicht aus unserer heutigen Zeit stammen, sondern bereits aus dem Jahre 1895. Positive Auslese streben die Rassenhygieniker dadurch an, daß sie die tüchtigsten Individuen der Rasse in jeder Weise gefördert sehen wollen; eine möglichst rege Fortpflanzung der Tüchtigsten ist wünschenswert, damit sie ihre Vorzüge auf eine große Nachkommenschaft vererben. Andererseits muß bei den Minderwertigen die Erzeugung von Nachkommen nach Möglichkeit verhindert werden. Auch hier führen die Forderungen der Extremsten zu einer vollständigen Umkehrung der bestehenden Verhältnise. So will v. Ehrenfels an die Stelle der Monogamie die Vielweiberei setzen, die Zeu- gungskraft der „Auserwählten" müsse in weitestem Maße ausgenutzt werden, der Staat müsse nach den Regeln der wissenschaftlichen Tierzucht ein- gerichtet werden usw. Der wichtigste Einwand, den man den Sozial- darwinianern machen kann, ist nach Hertwig der, daß sie das biologische Gesetz der Arbeitsteilung und Differenzierung nicht beachten. In dem menschlichen Gemein- wesen hat die fortschreitende Arbeitsteilung und Differenzierung zu einer derartigen Abhängig- keit der einzelnen Glieder der Gemeinschaft geführt, daß die Lehre von der Gleichheit der Menschen hier eine Einschränkung erfahren muß. Je höher sich das Gemeinwesen entwickelt, desto mehr ist jeder „ohne Unterschied der Fähigkeiten, des Ranges und des Besitzes auf die Mithilfe vieler anderer in seiner ganzen Existenz ange- wiesen". ,,So wenig wie zwischen den Zellen eines pflanzlichen und tierischen Organismus, findet zwischen den Gliedern eines Staatswesens (normalerweise 1 — N.) ein Kampf ums Dasein mit einer sich aus ihm ergebenden Zuchtwahl und den hieraus abgeleiteten Folgen für die Ver- änderung der Organismenwelt statt." Noch vieles macht Hertwig gegen die Sozialdarwinianer und ihre „Marstallprinzipien", wie sie H u x 1 e y nennt, geltend. Er zeigt, daß die Schlagworte der Sozialdarwinianer, soziale Auslese, Selektion der Tüchtigen, Ausjäten der Untüchtigen, gar nichts mit der Darwin 'sehen Formel für das Entwicklungsproblem zu tun haben, lediglich „einer wissenschaftlichen Mode zu Liebe" erklären sie die Tatsachen aus Darwin 's Theorie. Sollte der Züchtungsstaat der Sozialdarwinianer erfolgreich sein, so wären ganz ungeheuerliche Eingriffe in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen not- wendig, es müßte „das Leben jedes einzelnen von der Wiege bis zum Grabe unter Zuchtwahlkon- trolle gestellt werden". Und selbst dann wäre ein voller Erfolg der Menschenzucht noch nicht gewährleistet, denn wer vermag zu sagen, was für Anlagen und Fähigkeiten in einem Menschen I6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 1 darinnenhegen, und welche von den zahllosen Tüchtigkeiten verschiedenster Art sollen wir be- günstigen ? Auch Hertwig hält die soziale Gemeinschaft der IVIenschen für verbesserungsbedürftig. Aber die Wege, die er zur Hebung und Veredelung des Men- schengeschlechtes einschlagen will, sind ganz andere als die der Rassenhygieniker: „Verbesserung der äußeren Faktoren des Daseins durch vollkommenere Beherrschung der Naturkräfte und durch Ver- mehrung des äußeren Reichtums der Nationen", „Hebung der menschlichen Gesundheit in allen Volksständen durch soziale, medizinische und hy- gienische Maßnahmen, Verlängerung des Lebens durch Bekämpfung der Ursachen vorzeitigen Todes, durch Verhütung der Ausbreitung von Infektions- krankheiten, durch Vernichtung schädlicher Mikro- organismen", „Kampf gegen soziale Lasier jeder Art", „Verbesserung des Wohnungswesens und Sicherung einer menschenwürdigen Existenz auch in den untersten Bevölkerungsschichten' usw. Im letzten Teile seiner Schrift wendet sich Hertwig gegen den gerade während der letzten Jahre — vor und während des Krieges — wieder mehr in den Vordergrund getretenen politischen Darwinismus. Gegenüber den Leuten, die den Krieg als „schaffendes Weltprinzip'' (Claus Wagner) verehren, die ihn als ,, biologische Not- wendigkeit" (Bernhard i) betrachten und ohne ihn die Welt ,,im Materialismus versumpfen" lassen (Moltke), redet Hertwig dem Pazifismus und der Völkerverständigung das Wort. Uns, die wir heute nach mehr als vier Jahren heldenmütigen Kampfes am Ende eines verlorenen Krieges stehen, mögen seine Worte ein Trost sein, Worte, die er schrieb, als wir noch auf der Höhe unserer mili- tärischen Erfolge standen: „Mag ein Staat nach einem verlorenen Krieg seine Verfassung und Organisation oder Teile seines Besitzes und Territoriums verlieren, er mag aufgeteilt oder auch ganz unterjocht werden, so bleiben doch seine Bürger, die den lebendigen Inhalt und den Wert eines Staatswesens ausmachen, trotz alledem er- halten und können sich durch Fortpflanzung in der Zukunft, unter Umständen in noch reicherem Maße als ihre ehemaligen Besieger, vermehren und sich ausbreiten. Völker sterben nicht durch verlorene Kriege." „Der Friedensgedanke", so schließt Hertwig, „ist gewiß nicht als utopistisch zu bezeichnen mit seiner Erwartung, daß die Ent- wicklung der Menschheit, wenn auch nach mannig- fachen Erschütterungen und Umwegen zu einem Zustand führen wird, in welchem zwischen den Völkern der einzelnen Weltteile und ebenso zwischen diesen eine internationale Friedensorga- nisation herrschen und Moral und Recht die ent- scheidende Macht im Völkerbund der Menschheit sein wird." Wir haben bisher Hertwig meist selbst sprechen lassen. Damit sollte nicht gesagt sein, daß wir ihm in allem voll und ganz zustimmen. Es sei hier nur auf zwei Punkte hingewiesen. Zunächst einmal scheint uns, daß der nicht natur- wissenschaftlich orientierte Leser auf Grund des Studiums von Hertwig's Schrift doch zu einem etwas allzu harten Urteil über Darwin 's Werk kommen wird. Es liegt uns fern, für die Selektionstheorie eine Lanze brechen zu wollen, aber Worte wie Kampf ums Dasein, Aus- wahl des Passendsten sind denn doch nicht nur Phrasen. Es gibt in der Tat einen Kampf ums Dasein und eine Selektion in der Natur! Schaffen sie auch nichts Neues, wie Darwin meinte, so üben sie auf die Zu- sammensetzung des Weltbildes doch einen wesentlichen Einfluß aus. Und sodann können wir uns auch dem abfälligen Urteil Hertwig's über die Bestrebungen der Rassen- hygieniker nicht anschließen. Gewiß hat die auf den Darwinismus begründete Rassenhygiene manche geradezu absurde Forderungen gezeitigt, aber Hertwig führt nur die extremsten Ver- treter an, es geht nicht an, die Rassenhygiene in Bausch und Bogen zu verwerfen. Manche der rassenhygienischen P'orderungen stehen sehr wohl im Einklang mit den Ergebnissen der modernen Erblichkeitsforschung, und es wäre unseres Er- achtens sehr zweckdienlich, wenn gerade in unserer Zeit der Staat diesen Forderungen seine Aufmerksamkeit zuwenden würde. Doch das sind kleine Einwendungen gegen die Hertwig 'sehe Schrift, im großen und ganzen geben wir seinen Ausführungen unsere volle Zustimmung. Die Schrift ist, wie bereits gesagt, in einer Zeit ge- schrieben, als wir noch auf der Höhe unserer militärischen Erfolge standen. Um so erfreulicher ist es, daß sie frei von jedem Chauvinismus ist, daß sie einer Völkerverständigung das Wort redet. Als unser Kriegsziel bezeichnet Hertwig in seinem Nachwort „das Ziel eines europäischen Friedensbundes gleich- berechtigter Staaten, die gleich, frei und brüderlich nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit" einander in der Weltwirt- schaft wie in den Werken der Kultur ergänzen und andere gleichgeartete Völker der. Erde zum Anschluß einladen." Möge dieses Ziel erreicht werden 1 Nachtsheim. Inhalt i P. Metzner, Über das Sehen und Erkennen bei Nacht. S. I. V. Brehm, Über gcschlechtsbegrenzte Spezies- merltmale bei Süßwasserorganismen und deren eventuelle experimentelle Aufklärung durch das Mendel'sche Spaltungs- gesetz. S. 4. — Einzelberichte: Duisberg, Forlschritle in der Darstellung künstlichen Kautschuks. S. 8. M. M. Collignon, Große Hörweite des Geschiitzfeuers. S. 9. Dieckmann, Orientierung von Luftschiffen und Flugzeugen. S. 9. A. Schmauß, Schallausbreitung. S. lo. Otto J aekel, Zur Geologie der Tektonik des Kügener Steilufers S. 10. — Bücherbesprecbungrn: V. Haccker, Entwicklungsgeschichtliche Eigenschaftsanalyse. S. 11. Oskar Hertwig, Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwinismus. S. 13. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 18. Band; der ganzen Reihe 34, Bund. Sonntag, den 12. Januar 1919. Nummer 3. Über die Symmetrie der Organismen. [Nachdruck verboten.l Von Prof. Joh Symmetrie ist ein Grundzug im Bau der Or- ganismen. Die meisten Lebewesen zeigen — im ganzen oder in ihren Teilen — Symmetrien irgend- welcher Art. Auch von den Gebilden der Archi- tektur und Ornamentik fordern wir symmetrische Gestaltung. Der Mensch fügt Schmuck und Kleidung seinem Körper im allgemeinen symmetrisch an. Einige bekannte Ausnahmen erklären sich durch die Lage des Herzens und die bessere Ausbildung der rechten Hand. Mutwillige Abweichungen (wie die asymmetrische Tracht der Landsknechte oder die allzu schiefe Mütze) sind bewußte Ab- sagen an das herkömmlich Schickliche. In den Büchern, welche die allgemeine Botanik und Zoologie behandeln, wird dieses gestaltende Prinzip ersten Ranges überaus stiefmütterlich be- dacht. Ganz im Anfang werden zwar einige Er- klärungen gegeben, welche hinreichen, die üblichen Kunstausdrücke (bilateral, monaxon u. a.) ver- ständlich zu machen , die Darstellung der Sym- metrie zeigt aber auch in unseren besten Lehr- büchern zwei wesentliche Mängel. i. Die Be- schreibung ist nicht aus einem klaren Begriff hergeleitet, so daß die verschiedenen Fälle ofc nicht richtig koordiniert sind. 2. Es ist, soweit ich sehe, nirgends der Versuch gemacht worden, die Symmetrie zu erklären. Dennoch sind beide Mängel leicht zu beseitigen. Ich möchte deshalb im folgenden den Versuch machen, die Symmetrien, die an organischen Ge- bilden vorkommen, physikalisch zu erklären. Die Symmetrie ist nämlich kein geometrisches Prinzip, das als leitender Grundgedanke die Ge- staltung regelt, sondern in jedem Falle das Re- sultat der Wirkung bestimmter Faktoren, und die Behandlung der Symmetrie ist eine Aufgabe nicht der formalen, sondern der kausalen Morphologie. Zuvörderst braucht man allerdings eine Definition und eine zweckmäßige Anordnung der Fälle; beides ist in befriedigender Weise nur durch geometrische Abstraktion erreichbar. Man denke sich einen beliebigen Körper und eine beliebige Ebene, die Symmetrieebene. Von jedem Punkte des Körpers soll auf die Ebene das Lot gefällt und über die Ebene hinaus nach der anderen Seite verlängert werden. Macht man die Verlängerung ebenso lang wie das Lot, so erhält man den zum Ausgangspunkte symmetrischen Punkt. Man denke sich nun diese Konstruktion für jeden Punkt des Körpers ausgeführt, so erhält man einen zweiten Körper: Dieser heißt sym- metrisch zum ersten in bezug auf die Ebene. Sind beide Körper Teile eines Ganzen , so heißt dies Ganze symmetrisch. annes Theel, Die genauste Symmetrie zeigt ein Körper und sein Bild in einem ebenen Metallspiegel, das nächstliegende Beispiel bieten die rechte und die linke Hand. Körper mit dieser Art Symmetrie nennt man zygomorph oder bilateral-symmetrisch, auch kurz bilateral. Die Symmetrie in der Natur ist nie vollkommen. Es kann noch eine zweite Symmetrieebene vorhanden sein, diese muß dann aus geometrischen Gründen zur ersten senkrecht stehen. Der Schnitt beider Symmetrieebenen heißt Symmetrieachse. Beispiele: die normale Kruziferenblüte, die Wal- nuß, viele Diatomeen (Naviculaarten), wenige niedere Tiere (Akiinien). ') Es können nun auch 3 oder mehr Symmetrie- ebenen vorhanden sein, die alle durch dieselbe Symmetrieachse gehen; die Winkel, welche je zwei benachbarte miteinander bilden, müssen aus geometrischen Gründen gleich sein. Körper mit 3 oder mehr Symmetrieebenen und einer Achse heißen radial • symmetrisch , radiär, multilateral, monaxon oder aktinomorph. Den Grenzfall bilden die sogenannten Rotationskörper; man kann sagen, daß sie unendlich viele Symmetrieebenen haben. Beispiele für radiären Bau: Die Blüte der Tulpe und des Mauerpfeffers, die regulären Seeigel; für Rotationskörper: Die Eier der Vögel. Die Symmetrie multilateraler Gebilde kann noch gesteigert werden, wenn noch eine Symmetrie- ebene hinzukommt, die dann zur Achse senkrecht stehen muß. Beispiel: Microcubus zonarius. -) Waren vorher n Symmetrieebenen mit einer Achse da, so sind jetzt im ganzen n -|- i Ebenen mit n -|- I Achsen vorhanden, denn die neue Symmetrieebene bildet mit jeder der ursprüng- lichen eine Symmetrieachse. Der einfachste Fall dieser Art entsteht, wenn 3 Symmetrieebenen vorhanden sind, von denen dann je 2 aufeinander senkrecht stehen müssen. Ihr Schnittpunkt heißt Zentrum. Beispiel: Ein dreiachsiges EUipsoid; in der Natur einige Des- midiazeen ^j und Radiolarien. *) Diese Symmetrie, so einfach sie ist, spielt im Bereiche der Organis- men eine ganz untergeordnete Rolle; die physi- kalische Betrachtung wird zeigen, daß die für diese spezielle Form erforderlichen Bedingungen nirgends vorliegen. Allerdings hat ja jede Kugel ') Siehe Rieh. Hartwig, Lehrb. d. Zool. 9. Aufl. Jena 1910, Fig- 91. Um nicht bekannte Bilder zu reprodu- zieren, gebe ich Hinweise auf Figuren weitverbreiteter Bücher. *) Siehe Haeckel, Kunstformen der Natur. Leipzig und Wien 1904, Taf. 71, Fig. 7. ^1 Ibid. Taf. 24. *) Ibid. Taf. 91. i8' Naturwissenschaftliche Wochenschrift N. F. XVIII. Nr. 2 3 solche Symmetrieebenen, aber da diese jede beliebige Stellung haben können, so ist die Kugel nur ein Grenzfall der letztbeschriebenen Symmetrie ebenso gut wie auch für jede andere. Die Sym- metrie der Kugel hat keinen bestimmten Charakter. Die nächste Verallgemeinerung ist dann, daß statt der 3 Achsen eine beliebige Anzahl vorhan- den ist, die alle durch einen Punkt gehen müssen. Einfache und ziemlich bekannte Beispiele hierfür bieten die regulären Körper. Das Tetraeder z. B. hat 4 Symmetrieachsen, deren jede 3 Sym- metrieebenen enthält; im ganzen sind es aber nur 6. Symmetrien dieser Art, z. T. von höchster Kompliziertheit sind in der Natur verwirklicht. Man findet meisterhafte Abbildungen in Haeckel's „Kunstformen der Natur", z. B. die erstaunliche Sagenoscena stellata auf Tafel 61. Diese kurze Darstellung der Symmetrieverhält- nisse, die bei Organismen vorkommen, wird den Mathematiker nicht befriedigen. Die Beschreibung ist weder vollständig noch systematisch und schon die Definition ist exoterisch, denn in der Geometrie erscheint die Symmetrie als besonderer Fall einer allgemeinen Verwandtschaft. Jedoch nicht eine geometrische Behandlung, sondern eine biologische Erklärung der Symmetrie soll hier versucht wer- den. Dabei wird das Hauptgewicht gelegt auf .die Ursachen der bilateralen Symmetrie der höheren Tiere, weil sie vollständig durch mechanische Be- trachtung erklärt werden kann; die komplizierteren Symmetrien, die bei niederen Organismen vor- kommen, sind weniger ergiebig. Wenden wir uns also nach dieser rein for- malen Einleitung zu der Hauptfrage; Welche natürlichen Ursachen hat die Symmetrie? Man denke sich ein Lebewesen in einem homogenen Medium, so ist gegeben ein Gegen- satz zwischen innen und außen. Schützende Hüllen und Organe der Fortbewegung müssen außen liegen; die Assimilation findet naturgemäß im Innern statt. Für symmetrischen Bau ist keine Ursache angebbar. Wenn aber das Lebewesen klein ist, so kann es jede beliebige Form haben, denn die Beschränkungen im Bauplan treten erst mit zunehmendqr Größe auf. Der einfachste Fall wäre dann der, daß von einem Zentrum nach jeder Richtung dieselbe Gestaltung ausgeht. Die völlige Gleicli.wertigkeit aller Richtungen findet ihren räumlichen Ausdruck in einem Auf- bau aus konzentrischen Kugelschalen, deren jede in sich gleichartig ist. Diese Schalen brauchen nicht geschlossen zu sein, sondern können gilter- artig aussehen oder aus kongruenten Platten be- stehen, die sich auf einer Kugelfläche gleichmäßig verteilen. Wenn nun die Knoten des Gitters oder die Platten mit dem Zentrum verbunden sind oder wenn sie nach außen radiale Fortsätze tragen, so zeigen sie das bekannte Bild der Strahlenkugel. Beispiele: Haeckeliana porcellana Murr.') oder Haliomma erinaceus. ') Schließlich kann auch die radiale Struktur überwiegen, dann sieht man von einem Zentrum aus gleichartige Radien in gleich- mäßiger Verteilung ausstrahlen; Beispiel: Prista- cantha polyodon Haeck. ') und viele andere „Ra- diolarien". Die Natur löst hierbei die Aufgabe, n Punkte auf einer Kugelfläche gleichmäßig zu ver- teilen. Für n = 4, 6, 8, 12 und 20 wird diese Aufgabe durch die regulären Körper gelöst, d. h. die 20 Ecken eines Ikosaeders verteilen sich gleichmäßig auf der umbeschriebenen Kugel. Diese Lösung hat die Natur angenommen bei Circogenia icosahedra Haeck. ■*) Jedoch können 20 Radien auch auf andere Weise im Räume gleichmäßig verteilt werden; füi die Acanthometra z. B. nach dem „Ikosakanthengesetz" (s. die schon zitierte Pristacaniha), das auch den Eindruck völliger Gleichmäßigkeit hervorbringt. Alle diese möglichen Baupläne, die der Aus- druck gleichmäßiger Verteilung um einen Punkt sind, werden von selbst symmetrisch. Meist sind viele Symmetrieebenen und viele Achsen vorhanden. Man wird nun beim Betrachten zahlreicher Pro- tozoen und einzelliger Pflanzen leicht die Über- zeugung gewinnen, daß die Symmetrie der symme- trischen ebenso zufällig da ist, wie sie bei den zahlreichen asymmetrischen, z. B. allen spiraligen fehlt. Sie ist der läumliche Ausdruck der Gleich- wertigkeit von n Richtungen und bedarf weiter keiner Erklärung. Wie das hexagonale Muster der Bienenwabe stellen sich diese Symmetrien unter dem räu m lieh e n Zwange von selbst ein. Ich gehe nun über zu den Symmetrien, die mechanisch bewirkt sind. — Der unendlichen Fülle von Entwürfen, die bei den kleinsten Lebe- wesen verwirklicht sind, setzt zuerst die Schwer- kraft eine Grenze. Bei einem großen Organis- mus stehen nämlich die unteren Teile unter dem Druck der oberen. Das führt zu einer der Schwere entsprechenden Anordnung der Organe oder zur Ausbildung besonderer Stützen und dabei muß die Gleichwertigkeit der Richtungen aufgegeben werden. Größere Organismen können deswegen nicht strahlenkugelig sein. Hier zeigt sich also, daß die Größe als solche für den Körper- bau von Bedeutung ist. Alle einigermaßen großen Gebilde der Natur und der Kunst ■*) stehen unter dem gestaltenden Einfluß der Schwere. Diese bewirkt einen Unterschied zwischen unten und oben, oder anders, sie gestattet nicht, daß Symmetrie zu einer wagerec hten Ebene stattfinde. Dagegen ist es für die Schwerkraft gleichgültig, ob über- haupt keine Symmetrie stattfindet oder nur zu einer senkrechten Ebene oder zu mehreren. ») Haeckel, 1. c. Taf. I, Fig. 3. ') Hertwig, 1. c. Fig. 88. «) Haeckel, 1. c. Taf. 21, Fig. 4. 3) Haeckel, 1. c. Taf. I, Fig. I. ■*) Vgl. Th. Lipps, Raumäslhetik und geom.-opt. Täu- schungen (Schriften der Ges. für psychol. Forschung II. Samm- lung, Leipzig 1893—97). N. F. XVIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 19 Dem entspricht der tatsächliche Befund. Bleiben wir zunächst im Tierreich. Mangel jeg- licher Symmetrie ist bei Protozoen häufig, bei Metazoen selten. Symmetrie in bezug auf eine wagerechte Ebene kommt nicht vor. Symmetrie zu einer senkrechten Ebene ist sehr häufig. Symmetrie zu mehreren senkrechten Ebenen i^t auf gewisse Tierkreise beschränkt. Diese Ver- teilung der möglichen Fälle wird nun auch ver- ständlich, wenn man den physikalischen Be- dingungen weiter nachspürt. Organismen, die sich fortbewegen, gewinnen einen Vorteil, wenn immer derselbe Körperteil vorangeht, weil dabei die Spezialisierung der Organe, die Arbeitsteilung, einen höheren Grad erreichen kann. Dementsprechend findet man rtieist bei beweglichen Tieren einen Unterschied zwischen vorn und hinten. Handelt es sich um größere Wesen, deren Körperteile sich durch ihre Schwere beeinflussen, so sind damit 2 Richtungen gegeben, die der Schwerkraft und die der Be- wegungsachse. Diese beiden Richtungen bestimmen zwar eine Ebene, es ist aber noch nicht ersichtlich, warum in bezug auf diese Ebene Symmetrie statt- finden sollte. In der Tat, bei einer Schnecke, z. B. Helix pomatia, die auf ebener Bahn kriecht, kann man deutlich den Unterschied zwischen oben und unten, vorn und hintensehen ; dagegen spricht sie schon durch ihr Gehäuse jeder Symmetrie Hohn. Aber eine Schnecke ist auch kein glücklich gewähltes Beispiel für ein Tier, das sich bewegt. Nehmen wir einen Hirsch. Dessen Gestalt ist allerdings vollkommen symmetrisch und d i e Symmetrieebene ist auch gerade die Ebene, welche durch die Richtung der Schwerkraft und der Bewegung be- stimmt wird. Ebenso sind alle Tiere, welche schnelle Bewegungen machen, ob sie nun laufen, schwimmen oder fliegen, streng bilateral-sym- metrisch. Diese Tatsache ist eine mechanische Not- wendigkeit. Der Körper eines Läufers (Pferd, Strauß, Laufkäfer) ruht nicht mit breiter Basis auf dem Boden, sondern ist durch die Beine emporgehoben und wird von ihnen vorwärtsbe- wegt. Die geringste Abweichung von der Sym- metrie in bezug auf die durch Schwerkraft und Bewegung bestimmte Ebene würde ein Drehungsmoment erzeugen, das eine be- ständige Bedrohung des Unterschiedes von unten und oben enthielte. Noch empfindlicher gegen ungleiche Belastung rechts und hnks sind schwimmende Wesen und im höchsten IVlaße die Flieger; dabei nimmt die Empfindlichkeit gegen Asymmetrie mit der Größe rapide zu, weil die Drehungsmomente mit der 4. Potenz der Länge wachsen. ^) Streng genommen braucht nun aber ein be- ') Die Abhängigkeit des Baues uod der Funktionen leben- der Wesen von der Größe ist in einem früheren Aufsatz dieser Zeitschrift ausführlicher behandelt worden; s. 1917, Nr. 35 und 36. wegliches Tier von einiger Größe nur rechts und links gleiche Drehungsmomente zu haben; in Wirklichkeit findet sich jedoch, von den schon erwähnten Schnecken abgesehen, immer voll- kommene Symmetrie. Das hat zwei Ursachen. I. Die Symmetrie ist die einfachste Lösung der Aufgabe, rechts und links soll die Summe der Dreliungsmomente gleich sein. 2. Schnelle Bewegung erfordert auch Symmetrie des Quer- schnittes. Bei der geringsten Abweichung von dieser Forderung entsteht nämlich durch den Widerstand der Luft oder des Wassers ein Drehungsmoment um eine senkrechte Achse, das dem Quadrat der Geschwindigkeit proportional ist und die beabsichtigte Bewegung unmöglich macht. Es ergibt sich also, wenn man die Extreme zur Charakterisierung benutzt : Ein Tier, das schnell fliegt, muß in Gestalt und Massen- verteilung bilateral -symmetrisch sein; ein Tier, das langsam kriecht, kann ohne Symmetrie der Gestalt auskommen, wenn nur die Summen der Drehungsmomente rechts und links der Längs- achse gleich sind. Durch welche Verteilung der inneren Organe diese Gleichgewichlsforderung er- füllt wird, ist gleichgültig. Im inneren Bau sind denn auch bekanntlich alle Tiere asymmetrisch. Die noch nicht besprochene Symmetrie in bezug auf mehrere senkrechte Ebenen gestattet mechanisch auch eine Bewegung, jedoch nicht den Grad von spezieller Anpassung an die besonderen Bedürfnisse des schnellen Forlkommens. Sie findet sich unter den Metazoen nur bei den Echinodermen und Coelenteraten. Die Echinodermen sind z. T. festgewachsen (Seelilien), z. T. kriechen sie umher (Seesterne, Seeigel). Von den Seeigeln sind einige bilateral geworden, haben aber die senkrechte Stellung der Hauptachse beibehalten. Dagegen hat ein Zweig der Echinodermen, die Holothurien, den Übergang zur Bilateralität sozusagen im Sprunge vollzogen. Die senkrechte Hauptachse der Echinodermen ist bei ihnen wagerecht ge- lagert. Bei dieser Stellung kann radiäre Symmetrie nicht fortbestehen , sie muß durch die Wirkung der Schwere umschlagen in bilaterale. Mit der neuen Lage ist den Holothurien die Möglichkeit schnellen Fortkommens gegeben. Sie haben keinen Gebrauch davon gemacht. Nur eine einzige Spezies, Pelagothuria natatrix Ludw., ') hat gelernt, sich schwimmend fortzubewegen; mir ist nicht bekannt, rnit welcher Geschwindigkeit. Daß die einzige Schwimmerin unter den Echino- dermen aus dem bilateralen Seitenzweig hervor- gegangen ist, illustriert immerhin die vorgetragene Ansicht über den Ursprung der Symmetrie. Übrigens sind die Larven der Echinodermen, die frei herumschwimmen, auch bilateral-symmetrisch. Die Coelenteraten, die ebenfalls radiären Bau zeigen, sind z. T. festgewachsen, z. T. führen sie eine pelagische Lebensweise. ') Siehe Hertwig, 1. c. S. 335; Abb. bei Keller, Das Leben des Meeres, Leipzig 1895, Fig. 150. 20 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 2 Es scheint mir nicht ohne Interesse , festzu- stellen, daß diejenigen Schnecken, welche schwim- men, bilateral sind, z. B. Hyalaea, ') während um- gekehrt Gliedertiere, die auf Bewegung ganz oder teilweise verzichten, die Symmetrie aufgeben können, wenn sie dadurch einen anderen Vorteil gewinnen. Das hat der Einsiedlerkrebs getan. Es lohnt sich, auch noch einen Blick auf die Gestalt des Querschnittes zu werfen, um die Kräfte zu erkennen, welche den Umriß model- lieren. Bei Fliegern (notabene , während sie fliegen) ist er allgemein viel breiter als hoch, weil sie Unterstützungsfläche gebrauchen, eben dadurch um so empfindücher gegen Asymmetrie und des- wegen immer streng symmetrisch. — Für Läufer ist ein ungefähr runder Querschnitt am vorteil- haftesten. Dabei treten keine starken Drehungs- momente auf und die Unterstützungsfläche kann klein sein. — Allein die Schwimmer können sich jenen merkwürdigen Querschnitt leisten, der viel- mals höher ist als breit. Dieser würde auf fester Grundlage in der Luft zu wenig stabil sein und einen konstruktiven Aufwand zur Stabilisierung erfordern ; die Beschaffenheit des Wassers erspart diesen Notbehelf. Übrigens können die Schwim- mer alle möglichen Querschnitte haben je nach ihrer Lebensweise. — Tiere, die graben oder bohren, brauchen einen kreisrunden Querschnitt, weil der Kreis am meisten Fläche im Verhältnis zum Umfang hat. Die hier gebotene Beschränkung gestattet nicht, mehr ins einzelne zu gehen; ich möchte nur noch auf die Pleuronectiden hinweisen. Diese Fische stammen offenbar von solchen mit hohem Querschnitt ab. Indem sie sich auf die Seite legten, brachten sie ihre Symmetrieebene in wage- rechte Lage. Dieser Zustand ist unhaltbar. Das untere Auge rückt also auf die neue Oberseite, die Färbung von ursprünglich rechts und links wird ganz verschieden. Eine Veränderung des Querschnittes dagegen ist für das ruhende Tier nicht nötig; rechts und links könnten also verschieden bleiben wie ursprünglich oben und unten. Will aber das Tier auch seine Bewegun- gen in der neuen Lage ausführen, so muß der Körper eine Symmetrieebene annehmen, die nun- mehr wieder senkrecht von vorn nach hinten läuft. Dieser Prozeß hat sich bei den Pleuro- nectiden vollzogen und damit ist die neue Körper- lage auch für die Bewegung fixiert. Im Pflanzenreich ist der gestaltende Einfluß der Schwere viel geringer als im Tierreich. Der meist ausgeprägte Unterschied zwischen oben und unten, die Dorsiventralität, ist hier eine Wirkung des Lichtes und des Wassers. Die Organe der Assimilation, die Blätter, sind aller- meist dorsiventral. Im typischen P'alle hat die Oberseite eine starke, zusammenhängende Epider- mis und Palisadenzellen, die Unterseite schwächere Epidermis, von zahlreichen Spaltöffnungen unter- brochen, und Schwammparenchym. Daß diese Dorsiventralität nur die angegebenen Ursachen hat, zeigen die „isolateralen" Blätter ') mit senk- rechter Stellung und die, deren Unter- und Ober- seite ihren Charakter vertauscht haben , weil das Blatt sich herumgedreht hat. Licht und Wasser haben also die Dorsiven- tralität des Blattes bewirkt; die Schwere ist hier- bei als Faktor nicht beteiligt, wohl aber hat sie die Symmetrie geschaffen, die den meisten Blättern eigentümlich ist. Ein typisches Blatt ist an einem Stiel befestigt, der es in eine günstige Lichtlage bringt. Dadurch entsteht ein proximales und ein distales Ende, die naturgemäß verschieden gebaut sind. Es sind also zwei Richtungen ausgezeichnet, die, aus der das Licht kommt, und die der Be- festigungsachse. Dabei wäre immer noch Asym- metrie möglich und kommt auch vor (Ulme, Linde, Schiefblatt). Die Asymmetrie erzeugt aber ein Drehungsmoment und ist also mechanisch unvor- teilhaft, denn das Drehungsmoment muß durch irgendwelche konstruktiven Mittel (Versteifung, Turgor) aufgehoben werden, damit das Blatt in günstiger Lage bleibt. Dieser Nachteil kann durch einen größeren Vorteil kompensiert werden, z. B. bessere Lichtausnutzung. Je größer aber das Blatt, desto unvorteilhafter ist die Asymmetrie. iVIan kann also sagen: Die Dorsiventralität des Blattes ist eine Folge des Lichtes und des Regens, die Symmetrie dagegen eine Wirkung der Schwere wie im Tierreich. Anders bei den Blüten. Sie bestehen aus um- gewandelten Blättern und die Glieder mit gleicher Funktion sind meist zu mehreren dicht beisammen. Die Aufgabe der Blüten gestattet ihnen jede Stellung. Sind nun mehrere homologe Glieder in gleicher Höhe an einer senkrechten Achse befestigt, so ist kein zureichender Grund erkennbar, weshalb eines anders geformt sein sollte als das andere. Der Unterschied zwischen innen und außen, befestigtem und freiem Ende bewirkt dann einen radialen Bau der ganzen Blüte. In der Tat sind Blüten mit se nkre c ht e r Achse meist aktinomorph. Wenn aber viele solche Blüten zu einem wagerechten Blütenstand dicht vereint sind, so entsteht von neuem ein Gegen- satz zwischen innen und außen und bewirkt eine Umgestaltung der Randblüten in Richtung des Radius(Umbelliferen,Kompositen,Viburnum, Iberis). Der Aktinomorphie der einzelnen Blüte super- poniert sich dann eine Aktinomorphie des Ganzen. Der Vorgang kann sich noch einmal, wiederholen. Andererseits sind Blüten mit ungefähr wage- rechter Achse zygomorph oder tendieren dazu, wenn sie einer aktinomorphen Verwandt- schaft angehören (Hosta). Hier kann die Schwere direkt wirken, wenn etwa Nektar in einem Behälter zusammenfließt, der natürlich unten sein ') Siehe Hertwig, 1. c. Fig. 330. ') Siehe Heinrichcr, Jahrb. f. wiss. Bot. is- Bd. (1884). N. F. XVIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 21 muß. ') In den meisten Fällen ist aber die Zygo- morphie der Blüten mit wagerechter Achse indirekt von der Schwerkraft bewirkt. Diese Blüten sind dem Besuch bestimmter Insekten angepaßt und die von der Schwere bewirkte Symmetrie der Besucher hat der Blüte ihre Form gegeben (Labiaten, Orchideen). Daher ist eine zygomorphe Blüte mit wagerechter Symmetrie- ebene ebenso unnatürlich wie ein so gebautes Tier. Man muß aber bei gelegentlichen Ab- "weichungen von der genau senkrechten Stellung der Symmetrieebeiie nicht vergessen, daß die Abhängigkeit der Blüten von der Schwere nur indirekt ist und daß die Drehungsmomente bei kleinen, leichten, festsitzenden Gebilden leicht kompensiert werden können. Die Färbung und Zeichnung, das „Farbmuster", symmetrischer Gebilde ist fast immer ebenfalls symmetrisch. Eine physikalische Ursache dafür läßt sich nicht angeben. Es scheint, daß diese Symmetrie nicht lebenswichtig ist, denn sie wird ganz vermißt bei den Schecken, die unter den Haustieren häufig sind. Das Ergebnis dieser physikalischen Betrachtung wäre also in Kürze: Symmetrie kann rein räum- liche Ursachen haben, dann sie ist außerwesentlich und kann dasein oder fehlen, so die mannig- fachen Symmetrien bei einzelligen Lebewesen. Symmetrie kann eine oder zwei mechanische ') Auch hier liegt der Fall für kleine Blüten oder kleine Nektarmengen anders, denn kleine Mengen werden kapillar gehalten. Ursachen haben, dann ist sie wesentlich und findet sich bei allen Organismen, für welche die mechanischen Ursachen wirksam sind; so die Bilateralität der Metazoen. Je schneller die Be- wegung, desto wichtiger und daher auch desto ausgeprägter wird diese Symmetrie. Im Pflanzen- reich scheint die radiale Symmetrie räumliche Gründe zu haben und kann daher überall durch die spiralige (asymmetrische) Anordnung ersetzt werden. Die Zygomorphie der Blüten ist in manchen Fällen eine direkte Deformation akti- nomorpher Typen durch die Schwere, in anderen F"ällen eine Anpassung an bilaterale Besucher. Die Symmetrie der Blätter dagegen ist eine mechanische Wirkung der Schwerkraft. Eine horizontale Symmetrieebene ist durchweg aus- geschlossen. ') Mit dem promorphologischen System Haeckel's'-) läßt sich diese Entwicklung nicht vereinigen. Es scheint, daß die Analogie zu den Kristallen, von der Haeckel ausgeht, für die Grundformen lebender Wesen kein glücklicher Griff war, und daß daher das ganze System auf einer unnatürlichen Grundlage steht. ') Selbst in den von der Schwere unabhängigen mensch- lichen Kunstforraen tritt eine wagerechte Symmetrieebene (oder Achse) allein kaum jemals auf. Man durchmustere z. B. die lateinischen Buchstaben , die hier gebraucht sind. B ist nicht symmetrisch (herumdrehen!), sondern wie unter einer ästhetischen Nachwirkung der Schwerkraft ist der untere Bogen vergrößert. '') Siehe z. B. Haeckel, 1. c. Supplementheft. Kleinere Mitteilungen. Massenversammlungen und Massenwanderungen von Marienkäferchen. Es ist eine schon des ölteren beobachtete Erscheinung, daß sich manche Insekten- arten zur Paarungszeit an hochgelegenen, weithin sichtbaren Punkten in großer Zahl versammeln, um dort dann den Geschlechtsakt zu vollziehen. „So findet man", sagt D o f 1 e i n in seinem vortrefflichen Buche „Das Tier als Glied des Naturganzen" (Hesse - Doflein, Tierbau und Tierleben, Bd. 2), „Massen- versammlungen von Oestriden, z. B. Hirsch- und Rentierbremsen, die sonst als seltene Tiere be- trachtet werden, auf hohen Berggipfeln, an Aussichts- und Kirchtürmen oder in weiter Ebene an einzelnen Bäumen. Ähnlich versammeln sich oft Hundert- tausende von geflügelten Geschlechtstieren der Ameisen ao Kreuzen auf Berggipfeln, und man kann leicht beobachten, daß sie tatsächlich zur Begattung da zusammenkamen. Ferner geben sich Männchen und Weibchen von Pyrameis- und Papilioarten auf Berggipfeln ein Rendezvous." Massenversammlungen von Marienkäferchen (Cocci- nellen) zum Zwecke der Begattung, wie ich sie im April des vergangenen Jahres in Mazedonien beobachten konnte, sind, soviel ich weiß, bisher nicht beschrieben worden. In der ersten April- hälfte bestieg ich von Üsküb aus den etwa i lOO m hohen Wodno. An den vorderen Gipfel, an dessen Fuße Usküb liegt, schließen sich nach Westen zwei weitere, etwas höhere Gipfel an, jeder von dem anderen durch eine flache Mulde getrennt. Die Gipfel tragen nur schwachen Pflanzenwuchs, hie und da steht niederer Buchrbaum. Auf diesen Buchsbaumsträuchern nun saßen Unmassen von Marienkäferchen, es war Coccinella septempunctata, eine unserer häufigsten Arten. Li dichten Trauben saßen sie beisammen, fast immer Männchen und Weibchen zum Geschlechtsakt vereinigt, das gelbliche Grün der Buchsbaumblättchen und das Braunrot der Käfertrauben ein prächtiges Bild. Ging man zu den Buchsbaumsträuchern nur wenige Meter unterhalb des Gipfels, so suchte man ver- geblich nach Marienkäferchen, nicht eines fand man dort, alle strebten der höchsten Stelle des Berges zu. Auf dem zweiten Gipfel fehlt der Buchsbaum. Dort hatten sie sich alle auf und unter einem großen Felsblock versammelt, ähnlich war es auf dem dritten Gipfel, in den Mulden zwischen den Gipfeln aber wieder keine Spur von den Käfern. Wenige Tage später besuchte ich zusammen mit Professor Doflein abermals den 22 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 2 Wodno. Die Massen von Marienkäferchen hatten sich noch vergrößert, es waren Tausende von Tieren, die auf jedem Gipfel versammelt waren. Auch in der nächsten Woche waren sie noch dort, wie mir berichtet wurde, und sogar noch höher hinauf strebten die auf dem ersten Gipfel. Dort befand sich eine hohe Signalstange, und selbst auf dieser Stange hatten sich Scharen nieder- gelassen. Wie lange die Erscheinung dauerte, vermochte ich leider nicht festzustellen, Anfang Mai waren die Tiere jedenfalls verschwunden. Übrigens scheinen diese Massenversammlungen von Marienkäferchen Jahr für Jahr dort stattzu- finden, denn ein Stabsarzt erzählte mir, daß er " im vorhergehenden Jahre ungefähr um die gleiche Zeit die gleiche Beobachtung gemacht hat, und zwar ist nicht nur der Wodno die Versammlungs- stätte, auch auf anderen Gipfeln der Umgegend finden solche Versammlungen statt. Auf die Zweckmäßigkeit solcher Massenversammlungen zur Fortpflanzungszeit hat bereits Doflein hin- gewiesen. Aus einem weiten Gebiet kommen die Tiere zusammen, und so wird die Inzucht mit ihren oft schädlichen Folgen vermieden. Können wir somit auch den Vorteil, den eine solche Massenversammlung für die Erhaltung der Art darstellt, verstehen, so sind damit freilich die Ursachen, die alle Tiere den höchsten Punkten der Berge zustreben lassen, noch nicht geklärt. Über Massen wand eru n gen von Marien- käferchen, die aber offenbar ganz andere Ursachen haben als diese Massenversammlungen, liegen Berichte vor aus dem Jahre 1847. Im August dieses Jahres traten im Südosten Eng- lands ungeheure Schwärme des Käfers auf, und zwar soll es sich um mehrere Arten gehandelt haben. Einige Beobachter geben an, daß die Tiere über das Meer kamen, der Ostwind soll sie von Frankreich herübergebracht haben. Von dem Umfang dieser Schwärme geben die zahl- reichen Berichte von Augenzeugen ein anschau- liches Bild. ') „Donnerstag Abend zwischen vier und sechs Uhr", so hieß es in der Times, , .beob- achteten viele hundert Zuschauer von den Höhen von Ramsgate und Margale eine lange, mehrere Meilen über dem Meere sich ausbreitende Wolke, die sich aus der Richtung von Calais und Ost- ende gegen unsere südliche Küste zu bewegte und der langen Rauchsäule eines Dampfers bei ruhigem Wetter glich. Gegen zehn Uhr Abends aber waren zum allgemeinen Erstaunen der Spaziergänger alle Wege und die Felsen buch- stäblich mit Marienkäferchen bedeckt. Viele wurden auf ihrem Heimweg vollständig einge- hüllt von diesem kleinen Insekt, und so dicht saßen die Tiere an den Kleidern, daß diese Panzerhemden glichen. Am folgenden Morgen in der Frühe war zu allgemeinem Verdruß die ganze ') Cornelius stellt in seinem Buche „Die Zug- und Wandertiere aller Tierklassen" (Berlin 1865) einige von diesen Berichten zusammen. Küste mit ihnen bedeckt, und um dem Leser eine Vorstellung von der Ausdehnung und Masse dieser unwillkommenen Einwanderer zu geben, sei bemerkt, daß auf der Mole von Margate fünf Scheffel und fast ebenso viel auf der im Hafen von Ramsgate zusammengekehrt wurden. Trat man auf die Tiere, so hatte man den Eindruck, als gehe man auf Schnee an einem kalten Wintertage." „Jeder wahre Freund der Land- wirtschaft", so sagt ein anderer Berichterstatter, „begrüßt das Erscheinen dieser Insekten, da sie als Vertilger der für die Vegetation außerordent- lich schädlichen Blattläuse wohlbekannt sind." Seitdem sind derartige Massenwanderungen von Marienkäferchen meines Wissens nicht mehr be- schrieben worden. Worauf die Wanderungen im Jahre 1857 zurückzuführen waren, ist nicht sicher. Vielleicht waren die Tiere auf dem Festland in- folge örtlicher Übervölkerung und dadurch her- vorgerufenen Nahrungsmangel zur Wanderung ge- zwungen, und ein um diese Zeit gerade ein- setzender Ostwind wirbelte sie zusammen und führte sie in solch großen Massen über das Meer. Zusatz bei der Korrektur. Während des Drucks'dieser Mitteilung erschien in Heft 10/12 vom 15. Nov. der „Entomologischen Mitteilungen" (Bd. 7, 1918) eine Notiz von O. Taschenberg über „Auffällige Häufigkeit von Coccinella sep- tempunctata L. im Sommer 1918", auf die ich noch hinweisen möchte. Taschenberg erhielt aus verschiedenen Gegenden Deutschlands Berichte über massenhaftes Auftreten von Marienkäferchen im vergangenen Sommer, so aus dem Südharz, wo die Tiere derart häufig waren, daß man sich in acht nehmen mußte, sie nicht auf Schritt und Tritt zu zertreten, dann aus dem Vogtlande, aus der Umgegend von Halle und aus Mecklenburg. „Ganz besonders interessant wurde mir", so schreibt Taschenberg, „die Sache, als mir mein Arzt, Herr Sanitätsrat Dr. Köh n, folgendes aus seinen Sommererholungserfahrungen mitteilte. Er war in AltGaarz, einem kleinen mecklenburgischen Ostseeorte, wo er eines Morgens unzählbare Mengen des Marienkäfers unter dem Seetang ver- krochen (als ob er gierig daselbst seiner Nahrung nachging) bemerkte. Ich erklärte ihm, nachdem er mir die Strandbeschaffenheit mitgeteilt hatte und die herrschende Witterung, daß die Tiere in solcher Menge nur durch nächtlichen Sturm übers Meer getragen und den ersten besten Schutz im Seetang gefunden haben könnten. Der Wind hatte von Nordwesten an der holsteinischen Küste, Dahme und von der Insel P"ehmarn geweht und konnte allein als Ursache des massigen Auftretens des Käferchens unter Seetang zur Erklärung dienen. Ich teile diese Befunde sehr verschiedenen Vor- kommens nur darum mit, um noch mehr ähnliche Erfahrungen andererseits zur Mitteilung zu ver- anlassen." Vielleicht kann auch der eine oder andere Leser der Naturw. Wochenschr. über ähnliche Beobachtungen berichten. Nachtsheim, N. F. XVIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 23 Einzelberichte. Astronomie. Über den 'Meteoritenfall von Treysa in Hessen am 3. April 1916 (s. H. 14, Jahrg. 19 18, S. 206) sind nunmehr zwei weitere Arbeiten erschienen : A. W e g e n e't : Über die planmäßige Auffindung des Meteoriten von Treysa. Astron. Nachrichten, Nr. 4961. F. Richarz, Auffindung, Beschreibung und vorläufige physikalische Untersuchung des Meteoriten von Treysa, Schriften der Gesellschaft zur Beförderung der gesamten Naturwissenschaften zu Marburg, 14. Bd., 2. H. Wegener hatte bekanntlich bereits vor der Auffindung des Meteoriten auf Grund der Licht- und Schallwahrnehmungen die geozentrische Bahn der Feuerkugel ermittelt und zufolge dieser Be- rechnung auch den mutmaßlichen Ort des Nieder- falls angegeben. Auf dieser Grundlage wurden in der Gegend von Treysa und Ziegenhain, Bezirk Cassel, Nachforschungen vorgenommen, die noch im Herbst und Winter 1916 ohne Erfolg blieben. Die Hoffnung, daß die Einschlagstelle bei der Ernte aufgefunden würde, erfüllte sich nicht. Als letztes Mittel richtete der Vorstand der obenge- nannten Marburger naturwissenschaftlichen Gesell- schaft einen Aufruf an die Forstbeamten der dor- tigen Gegend und setzte gleichzeitig eine Belohnung von 300 Mk. aus, mit dem Ergebnis, daß ein Förster auf eine ihm schon seit dem Sommer 1916 bekannte, im Walde liegende flache Grube als die wahrscheinliche Stelle des Niederfalls aufmerksam machte. Die Nachgrabung förderte in der Tat den Meteoriten zutage. Die Tiefe des Einschlags betrug 1,60 m, der Schußkanal verlief nicht senk- recht, sondern war ein wenig gegen Norden ge- neigt. In seiner neuen Arbeit knüpft Wegener an die frühere Veröffentlichung (in den Schriften der Marburger Gesellschaft) an und bespricht die Er- fahrungen, die sich aus den Umständen der Auf- findung für seine Bahnbestimmung ergeben. Das Erlöschen der Feuerkugel fand in einer Höhe von etwa 16 km statt. Von hier aus muß der Meteorit als nicht leuchtender Körper zur Erde gefallen sein. Wegener bestimmte s. Zt. den Punkt der Erdoberfläche, der das Meteor beim Erlöschen im Zenit hatte, mit einer rechnungsmäßigen Unsicher- heit von etwa 2 km, glaubte aber aus einer wahr- genommenen Verschwenkung der Rauchspur gegen Osten hin schließen zu können, daß auch der Meteorit selbst seinen Lauf nach dem Erlöschen nicht geradlinig fortgesetzt habe, und verlegte des- halb den wahrscheinlichen Ort des Niederfalls etwa 7 km südöstlich der Projektion des Erlöschungs- punktes. Auf die Unwahrscheinlichkeit der An- nahme, daß der Meteorit beim Niederfallen wirk- lich als schwarzer Körper gesehen worden sein soll, habe ich bereits früher hingewiesen. Der wahre Ort der Auffindung liegt nun nicht südöst- lich des Projeklionspunktes, sondern nur 800 m südlich davon, also innerhalb der Fehlergrenzen mit ihm zusammenfallend. Daraus ergibt sich vor allem, daß eine Änderung des Bahnazimuts auch nach dem Erlöschen der Feuerkugel nicht statt- gefunden hat. Die Richtungsänderung ist offen-' bar dadurch vorgetäuscht worden, daß der untere Teil der Rauchspur, die sich sehr wahrscheinlich auch noch unterhalb des Erlöschungspunktes fort- setzte, durch den in den oberen Teilen der Tropo- sphäre fast stets herrschenden Westwind eine Versetzung nach Osten erfahren hat. Es ist dabei zu berücksichtigen, daß im engeren Fallgebiet nur wenige Beobachter die Lichterscheinung gesehen haben, da diese sich in unmittelbarer Nähe des Scheitelpunktes abgespielt hat. Meist wurde man überhaupt erst durch den nachfolgenden Donner auf die Erscheinung aufmerksam und sah dann nur noch die in der Zwischenzeit nach Osten ab- getriebene Rauchspur. Man könnte nunmehr meinen, daß der Meteorit vom Punkte des Erlöschens nahezu senkrecht zur Erde gefallen sei. In der Tat kommt man in ähnlichen Fällen meist zu dem gleichen Ergebnis. Indessen bekennt sich Wegener nicht zu dieser Ansicht, und die Wahrnehmung, daß der in den Erdboden geschlagene Kanal eine Neigung gegen Norden besaß, stützt seine Annahme, daß die Neigung der Meteorbahn, die vor dem Erlöschen etwa 50" betrug, auch nachher nur wenig steiler geworden ist. Dann müßte aber auch der Punkt des Erlöschens weiter im Norden gelegen haben, was deshalb nicht unwahrscheinlich ist, weil viele Beobachter die Lichterscheinung, wie eben ausge- führt, nicht gesehen haben und das Ende der Rauchspur als Erlöschungspunkt bezeichneten, und weil sehr häufig die leuchtende Bahn vom Be- obachter unwillkürlich über den Erlöschungspunkt hinaus verlängert wird. Gerade bei dem hessischen Meteor lag dieser Fehler nahe, da das Erlöschen nicht, wie sonst oft, unter explosionsartigen Er- scheinungen, sondern allmählich erfolgte. Eine Verallgemeinerung dieser Erfahrungen scheint aber gleichwohl nicht angebracht. Insbesondere lagen bei dem Meteoritenfall von Pultusk in Polen am 30. Januar 1868, den Wegener zum Vergleich heranzieht, die Verhältnisse doch wesentlich anders: nach G all es klassischer Untersuchung (Abhand- lungen der Schlesischen Gesellschaft für vater- ländische Kultur, Abt. f. Naturwissenschaften und Medizin 1867/68) ist es sehr wahrscheinlich, daß bei Pultusk der aus mehreren Tausend Einzel- körpern bestehende Steinregen wirklich nahe- zu senkrecht vom Hemmungspunkte der Feuer- kugel niedergefallen ist. Man muß beachten, daß ein solcher Hemmungspunkt, d. h. jene Stelle der Bahn, an der die kosmische Eigengeschwindig- keit des Meteoriten durch den Luftwiderstand ver- nichtet wird, bei der hessischen Feuerkugel eigent- lich garnicht vorhanden war. Der Vorgang der Hemmung erfolgt, wie an mehreren Beispielen Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVHI Nr. 2 zahlenmäßig nachgewiesen werden konnte, nicht aHmählich, sondern fast augenblicklich und zeich- net sich schon äußerlich durch glänzende Begleit- erscheinungen, wie plötzliche Lichtsteigerung und Funkensprühen aus, wodurch die richtige Auf- fassung des Hemmungspunktes für die Beobachter sehr erleichtert wird. Ähnliches wurde auch bei Pultusk beobachtet, nicht dagegen bei dem hes- sischen Meteor, und We gener war deshalb -voll- auf berechtigt, bei diesem eine Fortsetzung der Bewegung im ursprünglichen Bahnazymut anzu- nehmen. Die P'euerkugel von Pultusk erlosch bereits in 42 km Höhe; die Neigung ihrer Bahn betrug 44* gegen die Horizontale. Es ist nun zwar verständlich, daß die viel kleineren Meteo- riten sich bei einem Fall aus dieser Höhe der Senkrechten mehr nähern mußten als der hessische Meteorit. Ebenso ist aber auch sicher, daß bei Meteoren mit ausgeprägtem Hemmungspunkt ein großer Teil der Bewegungsenergie in Licht und \A''ärme umgesetzt wird. Daß die kosmische Ge- schwindigkeit auch bei dem Steinfall von Pultusk nicht völlig vernichtet worden ist, beweist schon die Anordnung der Steine auf dem etwa 8 km langen Streufeld : die größten fand man am äußer- sten vorderen Ende, und je kleiner die Steine waren, desto steiler waren sie herabgefallen. Der völlig senkrechte Absturz der festen Massen ist also an sich nicht wahrscheinlich. Jedenfalls aber muß man bei der Ermittelung der wahrschein- lichen P'allstelle nicht nur die Bahnlage, sondern auch den Verlauf der Lichterscheinungen berück- sichtigen, denn sobald ein ausgeprägter Hemmungs- punkt mit den kennzeichnenden Begleitumständen wahrzunehmen ist, wird man die Fallstelle viel näher am Projektionspunkt der Hemmung suchen müssen, als bei gleicher Bahnlage und allmählichem Erlöschen der Feuerkugel. Die Annahme, daß es sich bei dem hessischen Meteor um einen einzelnen, ziemlich großen Eisen- meteoriten handelte, hat Wegen er bereits an- läßlich der Bahnbestimmung ausgesprochen, und der spätere Befund hat dies, wie auch die Mut- maßungen über die Tiefe des Einschiagens usw., vollauf bestätigt. F. Richarz beschreibt in seiner Arbeit zu- nächst die schon eingangs mitgeteilten Umstände der Auffindung und gibt dann einen Bericht über die vorläufige Untersuchung des Meteoriten. Das Gewicht beträgt 63 kg. Die Form ist unregel- mäßig polyedrisch mit Durchmessern von 24 und 36 cm. Die Abbildungen zeigen die in allen ähn- lichen Fällen bemerkten Eindrücke, die besonders ausgeprägt auf der Seite des Meteoriten zu finden sind, die bei seiner Lagerung im Erdboden nach Norden gekehrt war. Es scheint wohl, daß diese Seite während des Fluges nach vorn gerichtet und dem heißen Lufrstrome mehr ausgesetzt war. Die gleiche Erscheinung — Unterscheidung einer Vorder- und Rückseite nach der Ausbildung der Schmelzrinde — hat man schon bei mehreren großen Eisenmeteoriten beobachten können. Die Oberfläche wird von einer schwarzen Oxydschicht gebildet, in der chemischen Zusammensetzung FcjO^ übereinstimmend mit Magnetit oder dem sog. Hammerschlag. Nur an einer Stelle, auf dem Grunde einer Einkerbung, findet sich ein gelblicher Einschluß, vermutlich von Eisensulfid. Durch Ein- tauchen in Wasser wurde das spezifische Gewicht des Meteoriten zu 7,88 bestimmt, woraus auf einen Nickelgehalt von etwa 8 v. H. geschlossen werden kann. Näheres über den inneren Aufbau des Meteoriten wird sich erst nach der geplanten Zerschneidung ergeben, die aber mangels geübter Arbeitskräfte zurzeit nicht ausgeführt werden kann. Aus dem Umstände, daß der Meteorit während seiner neunmonatigen Ruhe im Erdboden ziemlich starke magnetische Eigenschaften angenommen hat, kann jedoch geschlossen werden, daß der Nickelgehalt allenfalls 20 v. H. nicht übersteigt, da die Zusammensetzung sonst unmagnetisch werden würde. Da der Meteorit aus einem einzigen Stücke besteht und nirgends Bruchflächen aufweist, sein Niederfall aber trotzdem mit außerordentlich starkem Donner verbunden war, so kann, beson- ders wenn man das oben über das Fehlen eines eigentlichen Hemmungspunktes Gesagte berück- sichtigt, nunmehr mit Sicherheit angenommen werden, daß der Meteordonner nicht auf Explosions- vorgänge zurückzuführen ist, sondern lediglich durch das Einschlagen des festen Körpers in die Luftmasse verursacht wird. Er ist somit dem „Geschoßknall" in der Ballistik sowie dem heulen- den oder brummenden Geräusch der Artillerie- geschosse vergleichbar. Zur gleichen Annahme hatten bereits Erfahrungen anderer Art geführt. Der Meteorit von Treysa muß wohl als der erste angesehen werden, der lediglich auf Grund der Berechnung seiner Bahn aufgefunden werden konnte. Einen ganz ähnlichen Fall vom 18. F"e- bruar 191 2, der ebenso von starkem Donner be- gleitet war, habe ich beschrieben in den Mittei- lungen der Vereinigung von Freunden der Astro- nomie und kosmischen Physik (23. Jahrg. S. 32—47). Das Meteor zog in wenig geneigter Bahn von Südwest nach Nordost über Thüringen hinweg und endete unter ausgeprägten Hemmungserscheinungen in einer Höhe von 23 km über der Gegend von Mücheln bei Merseburg. Leider fehlten aus jener Gegend die Beobachtungen, so daß auch die Lage des Hemmungspunktes nicht sicher bestimmt werden konnte. Anhaltspunkte dafür, daß wirk- lich ein Niedcrfall fester Massen stattgefunden hat, sind gleichfalls nicht vorhanden, doch gleicht der ganze Vorgang den bei Meteoritenfällen beobach- teten Erscheinungen so, daß mit der Möglichkeit einer nachträglichen Auffindung immerhin gerech- net werden kann. Planmäßige Nachforschungen hätten aber auch damals wohl kaum Erfolg gehabt. C. Hoffmeister. Meteorologie. Angenehme Temperaturen. In Ruhe oder mäßiger Bewegung oder im N. F. XVni. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 2S Zimmer fühlen wir uns wohl bei Temperaturen um 18" (14 Vo" R), also bei 14— 18 " in der Nacht und 18 — 22" am Tage. Um diese Temperatur ständig zu haben, müßte der Mensch viel reisen (W. Koppen, Das Wetter 191 8, S. 116) und hätte in manchen Monaten nicht viel Auswahl für seinen Aufenthalt auf der nördlichen Halbkugel. Im Seeklima wäre hier der Ortswechsel am geringsten, vom Januar auf Teneriffe zum Juli im nördlichen Frankreich oder in geringer See- höhe im nördlichen Portugal, Oberägypten. Im März in Kairo und Bagdad, im April Sevilla, Malaga, Algier und Nazareth. Der Mai wäre ge- nehm in fast ganz Griechenland, Italien und an der französischen Mittelmeerküste. Für den Juli wären geeignet Bordeaux — Genf — Wien — Kiew nordwärts bis London-Kristiania — Helsingfors und beinahe Archangelsk, südlich dieser Linie an etwas höher gelegenen Orten wie Graz, Klagenfurt, Laibach, Lemberg, Hermannstadt u. a. Im September wären es Lissabon, Madrid, Bordeaux, Lyon, Marseille, Mailand, Agram, Buda- pest, Bukarest, Sofia, Odessa, Astrachan. Im November die Azoren, Madeira, Malta, Mogador, Kairo, Bagdad. Im Dezember Madeira, die Kanarischen Inseln, Wadi Haifa und einige andere Orte. In Ostasien wären Temperaturen von 16 — 20" in jeder Jahreszeit anzutreffen im Januar in Calcutta, März in Honkong, Mai in Peking und Tokio, Juli an der Küste von Sachalin, im Innern erst bei Jakutsk, Irkutsk und Urga. Es herrschen diese Temperaturen in Indien in nächster Nähe im Gebirge in Darjeeling und Simla (dort im Juli und August, hier vom Mai bis zum September) und in Südindien an den hochgelegenen Gesund- heitsstationen fast das ganze Jahr hindurch. Blaschke. Der allgemeine Verlauf der Witterung auf der Balkanhalbinsel vollzieht sich nach B. Wiese (Das Wetter 1918, S. 120— 124) unter wesentlich anderen Bedingungen als in Zentraleuropa. Es ist kein einheitliches Witterungsgebiet, sondern es bildet die Übergangszone vom Meerklima zum ausgesprochenen Kontinentalklima. Die Boden- beschaffenheit, das wenig regelmäßige Gebirgs- land, wirkt störend auf die Temperaturverteilung und die Winde in den unteren Schichten, so daß örtliche Erscheinungen auftreten. Bemerkbar macht sich der Einfluß der Adria, des Ägäischen und des Schwarzen Meeres. Aus- geprägte Anticyklonen ziehen sehr selten durch, meist hoher Druck von NW her in Form kalter Hochdruckkeile, obwohl die Gebirge im NW (Ost- alpen) eine Art Stauwehr bilden, bis dann plötzlich doch ein Hochdruckkeil vorschießt mit Temperatur- abnahme, vorübergehenden, stärkeren Nieder- schlägen und Gewittern im Sommer. Von den Zugstraßen der Minima kommen in Betracht Va, Vb, Vc, Vd und III a, am meisten aber Va und Vd. Selten wandern Depressionen vom Ägäischen nach dem Schwarzen Meer, sie bilden aber die typische Schlechtwetterlage im ganzen Balkangebiet und in Mazedonien und Albanien vielfach Wintergewitter. Von Einfluß in den Sommermonaten ist das stationäre Tiefdruckgebiet über Syrien und Meso- potamien, das zur Verflachung der Hochdruck- gebiete über der Balkanhalbinsel wesentlich beiträgt. Im Sommer herrschen NW-liche bis N liehe Oberwinde vor, im ungarisch-serbischen Grenz- gebiet die Kassowa, ein SO- bis SSO-Wind bis 20 m/s an Stärke am Boden erreichend mit dem Maximum der Windstärke bis looo m. Er hält 2 — 3 Tage an bei NS lieh gerichtetem Isobaren- verlauf und Druckgefälle von O nach W. Ferner sind zu erwähnen Crivet, Austru und Scirocco. Der Föhn tritt auf bei Winden aus SW bis SSW und bringt trockene und warme Luft, die typische Föhnwolke und örtliche Aufheiterung. Die P'allwinde sind verstärkte NO- bis ONO- Winde bei heiterem Wetter um Mittag oder Nachmittag bei hohem Druck und NW- Winde bei tiefem Druck über dem Ägäischen Meer. Häufig treten Gewitter auf, im Sommer vor- wiegend Wärmegewitter, im Winter bei Tiefdruck- gebieten infolge der ihre Entwicklung störenden Bodenbeschaffenheit. Gewitterherde sind in Alba- nien und Mazedonien und am Südabhang der Karpathen. Bei Beurteilung der Witterung im Balkangebiet sind zu beachten die häufig auftretenden tiefen Stratokumulusdecken an der unteren Donau und am Schwarzen Meer. Trotz der größeren Viel- gestaltigkeit der Witterungsformen sind aber in mancher Richtung die Vorhersagen im Balkan- gebiet sicherer und leichter zu stellen als in Mitteleuropa. Blaschke. Die Winterstrenge als klimatischer Faktor. Das Kältegefühl ist nicht nur von der Lufttem- peratur abhängig, sondern auch von anderen Fak- toren, besonders vom Wind. Strenger Frost ist bei windstillem Wetter leichter zu ertragen als gelinder Frost bei starkem Wind. Franken- häuser erfand zwar das .^bkühlungsthermometer „Homoeotherm" zur zahlenmäßigen Feststellung der abkühlenden Wirkung bewegter Luft, aber eine exakte klimatalogische Bezeichnung der Strenge des Winters fehlte, welche zahlenmäßig den Ein- fluß von Temperatur und Windgeschwindigkeit wiedergibt. Vincent stellte bereits früher eine Skala auf und suchte die Abhängigkeit der Tem- peratur der Haut (H) von derjenigen der Luft (L), den Unterschied zwischen der Lufttemperatur im Sonnenschein und Schatten (S) und der Wind- geschwindigkeit in mp/s darzustellen durch : H = 2ö.5 +0.3 L + 0.2 S — 1.2 V, wobei er das Wetter in eine siebengradige Skala teilte nach den verschiedenen Werten für H, welche schwanken zwischen; 26 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 2 ]> 37.5= sehr heiß und <^ 22 =sehr kalt. Für sehr strenge Winter reicht aber diese Skala nicht aus, und so hat G. Bodmann (O. Baschin, Das Wetter 1918, S. loi) versucht auf andere Weise die Strenge des Winters zahlen- mäßig wiederzugeben. Durch Untersuchung der abkühlenden Einwirkung des Wetters auf ein und denselben Gegenstand bei verschiedenen Tempe- raturen und Windgeschwindigkeiten fand er: S= (1—0.041) (1+0.272 v), wenn t die Lufttemperatur bedeutet, v die Wind- geschwindigkeit. Die Winderstrenge S ist darnach eine Funktion von Temperatur und Windgeschwindigkeit. Blaschke. Zoologie. Über den Einfluß der Gefangenschaft auf die Legetätigkeit und den Eierstock des Haus- huhnes. Es ist eine altbekannte Tatsache, daß viele freilebende Tiere, wenn sie in der Gefangenschaft ge- halten werden, selbst bei bester Pflege sich nicht fort- pflanzen oder doch eine stark verminderte Frucht- barkeit zeigen. Sogar die sekundären Geschlechts- charaktere werden bei manchen Tieren durch die Gefangenschaft beeinflußt, sie werden rückgebildet, die Tiere werden dem andern Geschlecht ähnlicher. Auch viele unserer Haustiere zeigen eine starke Beein- trächtigung ihrer Geschlechtstätigkeit, wenn ihnen die freie Bewegungsmöglichkeit genommen wird. So hören Haüshühner, wenn sie eingesperrt werden, so- gleichaufzu legen, beginnen allerdings, wenn sie nicht zu reichlich gefüttert werden, nach gewisser Zeit wieder mit ihrer Legetätigkeit. Die Beobachtungen legen die Annahme nahe, daß die Gefangenschaft Veränderungen am Eierstock der Tiere zur Folge hat, doch lagen darüber bisher keine Unter- suchungen vor. Welcher A-rt diese Veränderungen sind, zeigt nun Stieve') in einer kürzlich er- schienenen Arbeit. Er brachte Hühnet (rebhuhn- farbige Italiener), die bis dahin in einer großen Ge- flügelzuchtanstalt gezüchtet worden waren und regel- mäßig gelegt hatten, in Käfige von ungefähr i cbm Inhalt. Nach kürzerer oder längerer Gefangenschaft, während der die 'Tiere in normaler Weise ge- füttert wurden, wurden die Tiere getötet und ihre Eierstöcke fixiert und untersucht. Da Leber und Niere besonders leicht krankhaften Veränderungen unterworfen sind, wurden von jedem Tier auch diese Organe histologisch untersucht, aber es sei gleich hier bemerkt, daß außer den Eierstöcken kein Organ bei den gefangen gehaUenen Tieren irgend- welche Veränderungen aufwies. Die Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen indessen wird durch das Ge- fangensetzen sofort gestört. Eier, die sich bereits in den keimleitenden Wegen befinden, können allerdings in den ersten drei Tagen der Gefangen- ') Stieve, H. Über experimentell, durch veränderte äußere Bedingungen hervorgerufene Rückbildungsvorgänge am Eierstock des Haushuhncs (Gallus domesticus). Arch. f. Ent- wicklungsmech. d. Organ., Bd. 44, 191S. Schaft noch abgelegt werden, es können hin und wieder auch der größte oder die beiden größten Follikel des Ovars noch während der Gefangenschaft platzen und ihren Inhalt in den Uterus entleeren, wo dann die normale Zusammensetzung der Eier erfolgt. Auch diese Eier werden in der Regel noch normal abgesetzt. Dann aber ruht die Ei- ablage. Die größten, bereits mit gelbem Nahrungsdotter beladenen Follikel verfallen der Rückbildung, und zwar schreitet die Rück- bildung um so weiter fort, je länger das Tier in Gefangenschaft gehalten wird. Schließlich greift die Rückbildung auch auf die kleineren Follikel über, und bei einer Gefangenschaft von zwei oder mehreren Monaten verfällt der ganze Eierstock der fettigen Degeneration. Nur dann gingen die Tiere bei lange andauernder Gefangenschaft schließlich wieder zur Legetätigkeit über, wenn sie schwach gefüttert wurden. Die histologische Untersuchung solcher Hühner ergab, daß auch bei diesen Tieren die größten Follikel rückgebildet werden und zerfallen, die kleineren aber schreiten nach anfänglichem Stillstand in der Entwicklung fort und führen nach einiger Zeit wieder einen normalen Zustand herbei. Es erhebt sich nun die Frage, auf welchen äußeren Umstand der Stillstand in der Eiablage zurückzuführen ist. Stieve sieht drei IVIöglich- keiten: i. das Fehlen des Hahnes, 2. die bei der geringen Bewegungsmöglichkeit zu gute Ernährung, 3. die veränderten äußeren Bedingungen überhaupt, d. h. die Trennung von den anderen Tieren, die ungewohnte Umgebung, eine Erregung von Un- behagen und Angstgefühl also. Die erste Möglich- keit können wir von vornherein ausschalten, da oft genug Hühner ohne Hahn gehalten werden, ohne daß ihre Legetätigkeit nachläßt. Der beste Beweis dafür, daß die Anwesenheit eines Hahnes nicht erforderlich ist, sind ja übrigens die Ver- suche, in denen die gefangen gehaltenen Tiere (bei schwacher Ernährung) schließlich wieder mit der normalen Legetätigkeit begannen. Stieve ist geneigt, als die Hauptursache für den Stillstand der Legetätigkeit das durch die Gefangenschaft bei den Tieren hervorgerufene Unbehagen zu be- trachten. Gewiß ist auch die im Verhältnis zu der geringen Bewegungsmöglichkeit zu üppige Ernährung von Bedeutung — dafür ist abermals die Wiederaufnahme der Legetätigkeit bei schwach gefütterten Tieren ein Beweis — , aber in den ersten Tagen der Gefangenschaft spielt die Er- nährung jedenfalls noch keine Rolle. Das Un- behagen, das die gefangenen Tiere empfinden, hat offenbar Änderungen im Stoffwechsel zur Folge, und diese Änderungen hemmen die Tätig- keit der Geschlechtsdrüsen. Dauert die Gefangen- schaft längere Zeit an, so schwinden zwar die Angst und das Unbehagen, aber die reichliche Ernährung und die mangelnde Bewegung ') führen ') Eine Nebenbemerkung; Die Berechtigung der kate- gorischen Erklärung Stieve 's, daß „jedes Tier von Natur aus faul" ist, möchte ich denn doch bestreiten. Man braucht N. F. XVIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 27 zu Fettansatz — die Tiere nehmen in der Ge- fangenschaft alle rasch an Gewicht zu — , und daß dieser die Funktion der Geschlechtsdrüsen nachteilig beeinflußt, ist eine seit langem bekannte Tatsache. ^) Äußere Veränderungen oft ganz geringfügiger Natur können also, wie aus den Untersuchungen Stieve's hervorgeht, tiefgreifende Rückbildungen der Geschlechtsorgane nach sich ziehen. Stieve sieht darin eine Zweckmäßigkeitseinrichtung der Natur. Wenn, so sagt er, ein Organismus in neue Bedingungen kommt, so muß er sich zunächst diesen neuen Verhältnissen anpassen. Es werden da oft derart hohe Anforderungen an das Individuum ge- stellt, daß es ihnen erliegen müßte, wenn es gleich- zeitig auch noch die Fortpflanzungstätigkeit zu er- ledigen hätte. Erst wenn es sich in die neuen Verhält- nisse vollkommen eingewöhnt hat, stellt sich auch die normale Tätigkeit der Geschlecht^zellen wieder ein. Ob nicht Stieve hier doch etwas zu viel Zweckmäßigkeit in der Natur sieht, mag dahin- gestellt bleiben. Nachtsheim. Die Symmetrie des Wirbeltierauges, nach Carl Rabl. Mit 3 Textfiguren. Den längst feststehenden Erkenntnissen über die Entwicklung des Wirbeltierauges fügt Rabl (Archiv für mikroskopische Anatomie Bd. 90, Abt. I, S. 26 1 — 444 191 7) nach Beobachtungen am Säugetier- und menschlichen Embryonen, die sich hierin bis auf den größeren Reichtum an um so kleineren Zellen bei Homo im wesentlichen gleich verhalten, fol- gende hinzu. Auf einem gewissen Stadium der noch uneingestülpten Augenblase, erscheinen unter reichlicher Zellvermehrung in ihrem unteren Teil zwei mächtige nachinnenvorspringende Wülste, Abb. i. Diese werden auf weiteren, hier nicht abgebildeten Stadien noch beträchtlich höher, während die Einstülpung zum Augenbecher von vorn her beginnt, aber bevor sie sich als fötale Augenspalte auf die Unterseite hin fortsetzt. Da diese Wülste gerade den später zur Netzhaut werdenden Teil der unteren Augenblasenwand ein- nehmen, ist, wie Rabl es ausdrückt, die retinaleWand der Augenblase schon auf diesem Stadium zwei- lappig, oder die Augenanlage bilateral oder nasotemporal symmetrisch. Auf dem Stadium, wo die untere Einstülpung bemerkbar wird, muß diese sich zwischen die sehr mächtig gewordenen Wülste hindurchschieben. Nach ihrer Vollendung — Abb. 2 — ist dann die Zweilappigkeit des nunmehrigen Innenblockes, der Netzhaut, auch noch sehr deutlich erkennbar, da eine Furche die nasale von der temporalen Hälfte abgrenzt. Der Furche auf der Ventrikelseite entspricht auf der Glaskörperseite eine in den Glaskörperraum vor- springende Leiste. Nach Verschluß der fötalen Augenspalte entsteht gegenüber der dorsalen Netz- hautfalte, furche und -leiste auch eine ventrale. Die beiden Leisten, die dorsale und die ventrale oder nach der Zeitfolge ihres Auftretens die pri- märe und die sekundäre teilen nun auch den r- ^^ ', ^ ' \ \ ' ( ' fi^^ \\-- ' * ( . * Abb. I und 2. Äquatorialschnitte des Augenbecliers vom Kaninchen am II. und 13. Entwicklungstage. Nach Rabl. — Glaskörperraum unvollständig in eine nasale und temporale Hälfte. Dabei ist der Umriß des ganzen Äquatorialschniltes jetzt breiter als hoch und nahe- zu rechteckig. Von allen diesen Merkzeichen der bilateralen oder nasotemporalen Symmetrie ist am 17. Entwicklungstage des Kaninchens nur mehr wenig übrig geblieben: der horizontalellip- tische Umriß und allenfalls eine geringe Verdün- nung der Netzhaut dorsal in der Mitte. nicht einmal an die Bienen und Ameisen zu erinnern, auch sonst gibt es Beispiele genug, die zeigen, daß dieser Satz so allgemein nicht stimmt. ^J Es sei hier aber andererseits mit Stieve darauf hin- gewiesen, daß allzu lange anhaltende schlechte Ernährung die Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen ebenfalls hemmt. So ist statistisch festgestellt, daß die vor allem in den Industriebe- zirken schlechte Ernährung bei einem hohen Prozentsatz der P'rauen (bis zu 70 "/„l) ein Ausbleiben der Menstruation zur Folge hat. 28 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 2 Das sind die einfachen, aber g^ewiß über- raschenden neuen Tatsachen der Bilaterie des Säugetierauges, von denen Rabl mit Recht sagen kann, „man staunt, daß diese Beobachtung nicht längst gemacht wurde." Der Grund dafür liegt in der bisherigen Bevorzugung des Horizontal- schnittes gegenüber dem Aquatorialschnitt. Deutliche Anzeichen einer entsprechenden Symmetrie sind am Auge von Vogel-, Reptilien-, Amphibien- und Fischembryonen erkennbar. Am größten ist die Übereinstimmung mit Säugetieren wohl bei Selachiern und Ganoiden, über Amphibien liegt wenig Material vor, doch auch dieses, sowie das von Vögeln und Reptilien läßt die somit bei allen Wirbeltiertypen wiederkehrende Bilaterie des embryonalen Auges deutlich wiedererkennen. An Augen erwachsener Säugetiere, zeigt Rabl, steht die Gefäßverteilung in der Netzhaut im Einklang mit der nasotemporalen Symmetrie, da sich stets das Gefäßgebiet, wo es ausgiebiger entwickelt ist, in zwei symmetrische Hälften zerlegen läßt, entsprechend der entwick- lungsgeschichtlichen Grenzlinie beider Hälften. Ferner macht Rabl treffend darauf aufmerksam, daß im Bereich der Ciliar fortsätze bei Wirbeltieren sehr häufig besondere Differenzie- rungen sich gerade dorsal und ventral vorfinden, zum Beispiel der dorsale und ventrale Papillar- knoten beiFroschlurchen, der ventrale Linsenmuskel der Fische; daß ferner die Chorioidea „zwei Arterien im horizontalen Meridian, eine dorsale und eine ventrale, und zwei Venen im senkrechten Meridian, eine dorsale und ventrale besitzt," wo- mit Hans Virchow als erster und bisher als letzter die Bilaterie des Wirbeltierauges, allerdings nur soweit die Blutgefäße in Betracht kommen, vollkommen klar ausgesprochen hat. Die in allen diesen Punkten auftretenden geringen Asymme- trien, zu denen zum Beispiel auch die nicht genau zentrale Stellung der Pupille der Menschen gehört , sind entwicklungsgeschichtlich nur als etwas Sekundäres zu beurteilen nach dem Satze: „Es gibt keine bilaterale Symmetrie oder Eudi- pleurie, die nicht eine Störung erleiden könnte." Ferner erinnert Rabl daran, daß die Region des scharfen Sehens bei der Mehrzahl der Wirbeltierarten durch den horizontalen Meridian der Netzhaut dargestellt wird. Bei Salamandra maculosa konnte Rabl eine bei diesem Tier bis- her vermißte, sehr schöne bandförmige, im hori- zontalen Meridian verlaufende Area auffinden. Es ist eben bei den meisten Wirbeltieren das Sehen in der Horizontalebene weitaus das wichtigste. Hierin sucht Rabl die physiologische Bedeutung seiner entwicklungsgeschichtlichen Befunde. Nach Heß kommt eine iDilaterale Symmetrie auch dem Cephalopodenauge zu. Wie erst seit einigen Jahren durch Mitteilungen See felders, die auf unveröffentlichte Beobach- tungen Rabls zurücktjingen, bekannt ist, treten übrigens am vorderen Umschlagsrand des Augen- bechers zeitweilig gewisse Einkerbungen auf. Solche Randkerben gibt es nun, wie Rabl jetzt mitteilt, und zwar wiederum allgemein bei Wirbeltieren, vier an bestimmter Stelle: je eine vordere (nasale) dorsale und hintere (temporale) dorsale, vordere ventrale und hintere ventrale. Auch hierin betätigt also die Augenanlage Symme- trie. Die dorsalen treten früher auf als die ven- tralen. Nachdem sie alle vier und außerdem die schon ältere fötale Augenspalte da sind, treffen daher weit vorn liegende dem Augenäquator paral- lele Schnitte auf fünf Randlappen der Retina, Abb. 3. Was die Ursache der Kerben betrifft, so findet man in ihnen meist je ein kleines Gefäß liegen, vermutlich Venen, durch die das Blut aus der in der fötalen Augenspalte in den Glaskörper- raum eindringenden Arteria ophthalmina abfließt, bevor die Vena ophthalmina sich gebildet hat. Abbildung 3. Weit vorn liegender .aquatorialschnitt durch den Augenbecher eines Torpedoembryos von 21 mm Länge. Nach Kabl. Zur Benennung der Augenbecherteile erwähnt Rabl nach Hyrtl, daß „Retina" wirkUch nicht mit „Netzhaut", wie von rete abgeleitet, zu über- setzen wäre, sondern aus dem Arabischen stammt und Hülle, Oberwurf oder Umhüllung -des Glas- körpers bedeutet. Man kann daher ohne weiteres beide Blätter zusammen als Retina bezeichnen, diese hat also ein Innenblatt und ein Außenblatt und zerfällt der Fläche nach in Pars optica und Pars caeca, letztere in Pars ciliaris und Pars iridi- aca, jede wieder mit zwei Blättern. Das Innenblatt der Pars optica kann als Retina im engeren Sinne bezeichnet werden. . V. Franz. Botanik. Vom Entwicklungsrhythmus des Wintergetreides. Als winterannuelle Pflanzen be- zeichnet man diejenigen einjährigen Gewächse, die, wie unsere Wintergetreidearten, schon im Herbste keimen, während des Winters ruhen und im folgenden Sommer ihre volle Entwicklung er- reichen. Sie haben unter natürlichen Verhält- nissen eine wesentlich längere Vegetationsdauer als die sommerannuellen Pflanzen, die (Sommer- roggen usw.) im Frühling keimen und innerhalb weniger Monate zu Blüte und Frucht gelangen. N. F. XVIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 29 Aber diese lange Vegetationszeit ist, wie neuer- dings Gustav Gaßner darlegt, nicht das wesent- liche Merkmal der winterannuellen Gewächse. Es ist nämlich möglich , sie in demselben Jahre von der Keimung bis zur Reife zu bringen, wenn man sie bei genügend niedrigen Temperaturen keimen läßt. Werden beispielsweise Winter- und Sommerroggen im zeitigen Frühjahr nebeneinander bei I — 2" zum Keimen gebracht und dann im Freien weiterkultiviert, so entwickeln sie sich ganz gleichmäßig weiter und blühen und reifen auch gleichzeitig. Bringt man aber Sommer- und Wintergetreide im Frühjahr bei gewöhnlicher Temperatur zur Aussaat, so entwickelt sich nur das Sommergetreide normal bis zur Reife, wäh- rend das Wintergetreide nur vegetativ weiter- wächst. Umgekehrt würde das Sommergetreide bei Aussaat im Herbste den niedrigen Winter- temperaturen unterliegen. Was das Wintergetreide auszeichnet, ist mithin nicht die lange Vegetations- dauer, sondern das Bedürfnis der Kälteeinwirkung in dieser oder jener Periode seiner Entwicklung. Es ist nicht durchaus notwendig, daß diese Ein- wirkung während der Keimung erfolgt; sie kann auch auf einem späteren Stadium zum Ziele, d. h. zur Abkürzung der Vegetationsdauer, führen. Gaßner lehnt die Aimahme ab, daß es sich hierbei um eine bloße Reizwirkung der Kälte handle, und zieht im Einklänge mit den von Klebs vertretenen Anschauungen die bei niederer Temperatur eintretende Steigerung des Gehaltes an organischen Stoffen, besonders an Zucker, zur Erklärung des Kälteeinflusses auf die Blütenbildung heran. Diese Zuckeranreicherung würde mit einer Herabdrückung der Dissimilation (Atmung) zu- sammenhängen. Da der Zucker als Schutzstoff der Pflanzenzelle gegen Kälteeinflüsse wirkt, so steht auch die Frostharte mit dem Zuckergehalt in ursächlichem Zusammenhange. So würde sich nach Gaßner ergeben, ,,daß niedere Tempera- turen auf dem Umweg einer Verschiebung der Konzentration organischer Stoffe, insbesondere der Zuckerarten , einerseits die Frosthärte und zweitens die Blütenbildung winterannueller Ge- wächse bestimmend beeinflussen. Auch zweijährige Pflanzen lassen sich durch Einwirkung niederer Temperaturen innerhalb einer Vegetationsperiode zu normaler Entwick- lung bringen, während andererseits Klebs gezeigt hat, daß man ihre Lebensdauer durch Ausschal- tung der winterlichen „Ruheperiode" um Jahre verlängern kann. „Die Vegetationsdauer ist also auch hier nicht das Primäre, sondern die Reaktions- weise des Organismus auf die normalen („natür- lichen'') Vegetationsbedingungen." Auf diesen Tatsachen fußend, nähert sich Gaßner in der Auffassung der „Entwicklungs- rhythmik" der Ansicht von Klebs, die von den meisten Physiologen nicht geteilt wird. Diese betrachten die periodischen Erscheinungen, wie die Winterruhe, als Äußerungen einer vererbbaren autonomen Rhythmik, während nach Klebs nur eine „spezifische Struktur" des Plasmas vererbt wird und die jährliche Periodizität unter dem Zusammenwirken innerer und äußerer Bedingungen hervortritt. Unter Bezugnahme auf eine Bemer- kung E. Baur's gelangt Gaßner zu folgendem Schlüsse: „Es geht bei der ganzen Frage nicht mehr darum, ob es eine autonome vererbbare Periodizität gibt oder nicht, sondern zunächst darum, ob Eigenschaften als solche vererbt werden oder nur die spezifische P'ähigkeit des Organismus, unter diesen oder jenen „natürlichen" oder „un- natürlichen" Außenbedingungen mit der Ausbil- dung dieser oder jener „natürlichen" oder „un- natürlichen" Eigenschaft zu reagieren." Mit der Verwerfung der Vererbbarkeit der Eigenschaften und der Entscheidung, daß nur die spezifische Reaktionsweise auf Außenbedingungen sich ver- erbt, würde auch der Autonomiebegriff einge- schränkt werden müssen ; er dürfte wenigstens nicht mehr mit der Vererbung in Verbindung ge- bracht werden. Gaßner schlägt vor, da in den bisher „autonom" genannten Vorgängen ,,der Zu- sammenhang zwischen Reaktionsweise des Orga- nismus und Außenbedingungen im Verborgenen liegt', diese Vorgänge als kryptonom zu be- zeichnen. (Zeitschrift für Botanik, Jahrg. 10, 1918, S. 417—480.) F. Moewes. Bticherbesprechungen. Schmidt, Dr. Heinrich, Geschichte der Ent- wicklungslehre. Leipzig, 18. A. Kröner. — 12 IVl. Es ist eine große und außerordenilich weit- greifende Aufgabe, die sich der Verfasser stellt und mit deren Bewältigung er in dem vorliegenden starken Bande den Anfang gemacht hat. Er be- absichtigt nichts geringeres, als in systematischem Zusammenhange die Bedeutung des Entwicklungs- gedankens im geistigen Leben der MenschJieit darzustellen. In diesem Buche beginnt er mit dem Versuch, die Geschichte der I£ntwicklungslehre auf dem Gesamtgebiete der Naturwissenschaften zu behandeln. Er geht aus von der Schöpfungs- lehre als der primitiven Auffassung und erörtert, wie sie von der naturalistischen Anschauung von dem allmählichen Werden der Dinge überwunden wurde. Im zweiten Kapitel bespricht er den Entwicklungsgedanken als rein philosophisches Theorem und kommt dann, nachdem er noch im dritten den Entwicklungsbegriff selber in seinen verschiedenen Färbungen und Abwandlungen historisch untersucht hat, zu seinem Hauptthema, indem er in einer ganzen Reihe von Kapiteln die Lehre von der Entwicklung in der Geschichte der einzelnen Naturwissenschaften sowie in derjenigen 3Ö Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVm. Nr. 2 einzelner wichtiger Teilprobleine verfolgt. Die Darstellung erfreut durch Übersichtlichkeit und Klarheit, besonders zu rühmen ist cie Sichei'heit, mit der durchweg die wichtigen Gedankengänge aus dem ungeheuren Material herausgearbeitet sind, sowie das hohe Maß eigenen Quellenstudiums, von dem schon ein flüchtiges Lesen überzeugt und das zusammen mit den zahlreichen Literaturnach- weisen den Wert des Buches steigert. Man kann nur wünschen, daß es dem Verfasser gelingen möge, auch seine weiteren Pläne auszuführen. Miehe. F. Grünbaum, Elektromechanik und Elektrotechnik. 353 Seiten mit 203 Ab- bildungen im Text. Leipzig '18, G. Thieme. — Geh. 8,75 M. Das vorliegende Buch kann angehenden Technikern als Repetitorium bestens empfohlen werden. Es wird vornehmlich den aus dem Kriege zurückkehrenden Studierenden vermöge der Anschaulichkeit seiner Darstellung, die schon äußerlich durch die Einfügung einer großen Zahl klarer schematischer Figuren und die übersichtliche Anordnung des Stoffs hervortritt, ein wertvolles Hilfsmittel sein können, mühelos in das Gebiet einzudringen oder ältere Kenntnis rasch aufzu- frischen. Der erste Teil behandelt die physikalischen Grundlagen, während der zweite auf die wichtigeren technischen Einzelheiten näher eingeht. Die Be- handlung beschränkt sich überwiegend auf die möglichst elementare Wiedergabe der qualitativen Verhältnisse. Dem Einblick in die quantitativen Beziehungen dienen vorzugsweise geometrische Betrachtungen, und rein mathematische Entwick- lungen treten zurück. Vielleicht wäre eine etwas stärkere Betonung der letzteren ohne Beeinträch- tigung der Leichtverständlichkeit immerhin im Interesse weiterer Vertiefung der Darstellung wünschenswert. A. Becker. E. Freundlich, Die Grundlagen der Ein- stein 'sehen Gravitationstheorie. Zweite, erweiterte und verbesserte Auflage. 54, mit Anhang 74 Seiten. Berlin '17, J. Springer. — Geh. 3,60 M. Die durch ein kurzes Vorwort von Einstein ausgezeichnete Schrift sucht dem Bedürfnis eines weiteren Leserkreises nach einem orientierenden Überblick über die Grundlagen und den gedank- lichen Entwicklungsgang der allgemeinen Relati- vitätstheorie und ihrer Anwendung auf das Gra- vitationsproblem gerecht zu werden. Sie zeigt zunächst, wie weit die neue Theorie einerseits als eine konsequente Weiterführung der in der speziellen Relativitätstheorie gewonnenen Erkennt- nisse, anderseits als eine Verwirklichung allgemeiner erkenntnistheoretischer Forderungen aller Naturbe- schreibung zu betrachten ist. Die daran an- schließende Betrachtung ihrer Beziehungen zur klassischen Mechanik und der vordem ungelösten prinzipiellen Schwierigkeiten der letzteren führt dann unmittelbar zum Verständnis der für die Theorie charakteristischen speziellen Problemstellung und der durch Einstein gegebenen Lösung. Die allgemeinen prinzipiellen Zusammenhänge treten überall mit voller Klarheit hervor. Ihrem Verständnis sucht noch besonders eine Reihe von auf die Literatur bezüglichen Anmerkungen eines umfangreichen Anhangs entgegen zu kommen. Besonders willkommen dürfte auch die hier sich findende Besprechung einzelner konkreter Fälle sein. Da der Leser um so mehr Be- friedigung finden wird, je mehr es ihm an der Hand einer solchen Einführung gelingt, den Ge- dankeninhalt der Theorie an einfachen, leicht vor- stellbaren Fällen sich zu veranschaulichen, so dürfte eine etwaige künftige weitere Ergänzung der an sich empfehlenswerten Schrift in dieser Richtung besonders dankenswert sein. A. Becker. M. V. Rohr, Die optischen Instrumente. ■ Dritte, vermehrte und verbesserte Auflage. (88. Bändchen von ,,Aus Natur und Geisteswelt"). 137 Seiten . mit 89 Abbildungen im Text. Leipzig u. Berlin '18, B. G. Teubner. — Preis geb. 1,50 M. Wer sich über die optischen Instrumente im allgemeinen und deren verschiedene Ausführungs- formen im einzelnen orientieren will, findet in dieser kurzen, den Gegenstand aber erschöpfenden Darstellung, die jetzt in dritter, durch zahlreiche Ergänzungen erweiterter Auflage vorliegt, ein vortreftliches Hilfsmittel. Ihre Vorzüge dürften bereits in weiteren Kreisen so bekannt sein, daß ein näheres Eingehen auf dieselben hier nicht mehr erforderlich erscheint. A. Becker. Anregungen und Antworten. In der Naturw. Wochenschr. N. F. XVII. Nr. 45 (lo.Nov. 1918) S. 646 berichtet V. Franz über einen Fall von Nicht- Ausnutzung des Anpassungsvermögens in der Natur bei dem Krebs Leander aäspersus ^ einem Salz- und brackwassertier, das, wie künstliche Versuche gezeigt haben, an Süßwasser gewöhnt werden kann, gleichwohl aber in der Natur nie in demselben angetroffen wird. Dem Pfianzengeographen sind analoge F.rscheinungen aus der Pflanzenwelt in ziemlicher An- zahl bekannt. So haben KuUurversuche von Professor J. A. Battandier in Algier gezeigt, daß viele Wüstenpflanzen der algerischen Sahara ebenso gut im Mediterranklinia von Algier gedeihen, wenn sie vor der Überwucherung durch tJn- kräuter geschützt werden; ja manche Arten entwickeln sich sogar viel besser und üppiger als an ihrem natürlichen Stand- ort, der also offenbar — entgegen aller Erwartung — den betreffenden Pflanzen nicht die optimalen Lebensbedingungen bietet ') Man muß also wohl annehmen, daß viele VVüsien- ') J. A. Battandier, Les plantes sahariennes souff rent- elies plus que les autres de la secheresse? — Bull. Soc. bot. France l.VI (iqog) 520 — 530. N. F. XVni. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 31 pflanzen nur deswegen iu der Wüste wachsen, weil sie von übermächtigen Konlturrcnten , denen sie im Daseinskampfe nicht gewachsen sind , in solche e.xtreme Lebensbedingungen gedrängt werden, die sie selbst zu ertragen vermögen, wäh- rend ihre Feinde nicht imstande sind, ihnen daliin zu folgen. Ebenso ist es eine bekannte Talsache, dafl Halophyten in botanischen Gärten auch ganz gut auf salzfreiem Boden ge- zogen werden können, und daß sich die betretlenden Kulturen von deji salzhaltigen KoLtrollparzellen in der Hauptsache nur durch eine stärkere Verunkrautung unterscheiden, die mit der Zeit allerdings das Gedeihen der Salzpflanzen beeinträchtigen könnte. Auch die Halophyten wachsen also offenbar größten- teils nicht aus Lust und Liebe, ') sondern nur aus Zwang und bitterer Not an ihrem natürlichen Standort. Und als ein typi- sches Phänomen der biologischen Konkurrenz wird mehr und mehr von den Pfianzengeographen auch die Krage der Boden- sletigkeit der Pflanzen, z. B. der Kalk- und Kieselpflanzen in den Alpen, betrachtet; in Gebieten, wo konkurrierende Aiten- paare [z. B. Khiniodendron hirsuliim [Ca] und fditi^'iiiirtim [Si], Achiltea atrata [Ca] und moschata [Si], Cerastium latifoliuiit [Ca] und uitißoruin [Si] , Amirosace Chamacjasme [Ca] und obtiisi- folia [Si], Snxifraga viosi'hata [Ca bevorzugend] und t'xaratii [Si]| gleichzeitig vorkommen, pflegen sie nach dem Untergrund mehr oder weniger scharf getrennt aufzutreteü ; wo dagegen die eine konkurrierende Art fehlt, da vermag der allein herr- schende Konkurrent auch auf die andere , ihm nach der ge- wöhnlichen Auffassung weniger zusagende Bodenart überzu- gchen (so wächst im Schweizerischen Jura, einem typischen Kalkgebirge, im spontanen Zustand einzig das in den Alpen sich kalkfliehend \ZJ[hü\{tndi: A'hododendron feryugiiwttnt). Alle diese Fälle sind also Beispiele dafür, daß Pflanzenarten durch biologische Konkurrenz an der vollen Ausnutzung ihres An- passungsvermögens verhindert und dadurch in ihrer Verbreitung eingeengt und von Lebens-Orten ausgeschlossen werden, deren physikalisch-chemische Bedingungen sie wohl zu ertragen ver- möchten. Vielleicht findet auch das Verhalten des Leander adspeisiis in diesem Sinne eine Erklärung. A. Thellung (Zürich). Noch mehr Forschungsinstitute? Die Textilindustrie hat im Frieden geglaubt, eines großen wissenschaltlichen Forschungs- institutes entraten zu können. Die Rohstoffe waren in ge- nügendem Umfange vorhanden. Ihre Verarbeitung hatte sich in langer Entwicklung herausgebildet. Die Abhängigkeit vom Ausland abzuwenden, schien nicht erforderlich, auch gar nicht möglich. Die Bestrebungen, ein wissenschaftliches Institut für die Textilindu^lrie zu gründen, stießen auf Widerspruch, auch gerade bei der Industrie selbst. Die Industrie sah in den Forschungsinstituten eine nicht erwünschte Bevormundung. Auch betrachtete man sie damals als schädliche Konkurrenz der Hochschulen, ein Vorwurf, der auch den Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft nicht erspart blieb. Die während des Krieges eingetretene Absperrung vom Auslandsmarkt ließ die Textilindustrie das Fehlen von Roh- stoffen besonders hart empfinden. Da galt es vor allem, rasch zu helfen, denn zahlreiche Betriebe lagen bereits still, tausende von Arbeitern waren brotlos. Andererseits lag ein dringender Bedarf vor; Millionen und Abermillionen Meter von Ersatzgeweben wurden für den Stellungskrieg gebraucht. In dieser Notlage wurde durch Vermittlung des Ministe- riums des Innern im Jahre 1916 die erste deutsche For- schungsstätte in Karlsruhe gegründet, um durch wissen- schaftliche Forschungen die Textilindustrie insbesondere durch Einführung von Ersatzstoffen zu fördern. Enger Zusammenarbeit von Industrie und Wissenschaft gelang es denn auch bald, das anfangs drahtartige Papiergarngeflecht, das sich zur Not für Sandsäcke geeignet hatte, so zu verbessern, daß es weich und waschbar wurde und sich selbst für Anzugstoff und viele andere Verwendungszwecke eignete. Dies veranlaßte Textil- industrielle aus allen Teilen Deutschlands, das Karlsruher Institut in jeder Wtise zu fördern und es weiter zu entwickeln. Ständig tauchten neue Fragen auf und es wäre unwirtschaft- lich gewesen, die Lösung dieser Fragen den einzelnen Fabriken zu überlassen. Und die Industrie zeigte jetzt ein lebhaftes Interesse an Forschungsinstituten. In Deutschland bestand vor dem Kriege kein eigentliches Forschungsinstitut für die Textil- industrie , wohl aber hatten wir eine Reihe Fachschulen und Prüfungsinstitute, die unter anderem hauptsächlich als Lehrstätten und unparteiische Gutachter in den tausenderlei Zweifels- und Streitfragen des täglichen Arbeitsbetriebes sehr geschätzt waren. Alle diese Anstalten nahmen jetzt die Be- zeichnung Deutsches Forschungsinstitut an. So ist Anfang 1918 der Entschluß gefaßt worden, das seit Jahren bestehende Technikum in Reutlingen zu einem Forschungsinstitut auszu- bauen. Im Jahre 1918 trat d.as deutsche Forschungsinstitut für Textilstoffe in Dresden, eine Gründung eines Dresdener Vereins, ins Leben. Andere Forschungsinstitute wurden ge- gründet in Crefeld, M-Gladbach, Aachen und Sorau, so daß heute die Textilindustrie einen Mangel an Forschungsinstituten jedenfalls nicht hat. Die Zahl der so entstandenen, bzw. gepLanten Forschungs- institute ist eigentlich schon zu groß und die Gefahr einer Zer- splitterung der Kräfte bei der jetzigen Zahl nicht von der Hand zu weisen, und wenn man jalirelang vor dem Krieg sich nicht dazu entschließen konnte, den ersten Schritt zu tun, so scheint man jetzt tatsächlich zu weit zu gehen, denn noch immer tauchen Pläne für die Gründung weiterer Forschungsinstitute auf. Es scheint so, als ob man über die bestehenden Institute einfach hinwegsehe, als seien sie gar nicht vorhanden. So wird schon seit langem geworben für ein Institut für Zellu- loseforschung, das in Dahlem seinen Sitz haben und haupt- sächlich biologische und chemische Forschungen über Zell- stoffe anstellen soll. Ferner ist der Plan entwickelt worden, für eine Holzforschungsstätte in Essen oder München. Das Institut soll, so heißt es in einem der Aufrufe „der vollstän- digen Ausnutzung der mechanischen und chemischen Eigen- schaften des Holzes dienen und so der Zellstoff-, Papier-, Textil-, Bau-, Maschinen- und Gärungsindustrie von erheb- lichem Nutzen sein". F"ür ein sehr ähnliches Institut, das in Darmstadt errichtet werden soll, wird wieder von anderer Seite geworben Dabei hat das erst vor einigen Jahren neu gegründete technologische Institut an der Forstakademie in Eberswalde hauptsächlich die Aufgabe, gerade diese Erforschung des Zcllstoflfes zu betreiben. Für alle diese Institute wird Geld gesammelt und auch gern gegeben. Wenn aber die Entwicklung so weiter geht, so ist jedenfalls eine heillose Zersplitterung und Verwirrung die Folge. Hierauf hinzuweisen, ist der Zweck dieser Zeilen. Man muß endlich mit der verwirrenden Propaganda für neue In- stitute aufhören und sich den zuerst gegründeten Instituten zuwenden, die zahlreich genug sind, um die Aufgaben der verschiedensten Art, die die Industrie in dieser schwierigen Zeit zu stellen hat, zu erfüllen. Dann werden die Mittel richtig angewendet und der Industrie reiche Früchte tragen. ') Aus diesem Grunde sind Ausdrücke wie halo,,phil", psammo,,phil", oro,,phil", xero,,phil" usw. sehr anfechtbar, da sie eine — in Wirklichkeit wohl gar nicht vorhandene — „Vorliebe" der Pflanze für den betreffenden Standort insinu- ieren. In Nr. 35 fand ich eine Frage über die Entfernung der Milz. Mir sind die jetzt noch im französischen gebräuchlichen Redensarten ,,courir comme un derate", laufen wie ein Ent- milzter, und „ne pas se fouler la rate", sich die Milz nicht verstauchen, was soviel heißt wie sich kein Bein ausreißen, be- kannt. Es sollen auch indische Fakire und tanzende Der- wische sich die Milz haben entfernen lassen, ebenso auch die Schnelläufer im Mittelalter. Durch diese Operation sollte das durch Blutüberfüllung der Milz hervorgerufene lästige Seiten- stechen bei heftigem Laufen aufgehoben worden sein. Etwas näheres über diese Gebräuche habe ich aber nicht erfahren können. Was die Frage anlangt, ob man imstande ist, die Milz zu entfernen, ohne daß der Gesamtorganismus wesentlich ge- schädigt wird, so ist dieselbe zu bejahen. Durch Tierexperi- mente und durch Beobachtung an splenektomierten Menschen, besonders solchen, die ihre vorher nicht krankhaft veränderte Milz durch ein Trauma einbüßten, ist klargestellt, daß die Entfernung der Milz an sich keinen irgendwie erkennbaren Nachteil für die Gesundheit der Patienten zur Folge hat, und 32 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 2 dies anscheinend, wie die experimentellen Untersuchungen von Jacoby, Cournout und Duffan lehren, auch nicht ein- mal im Hinblick auf spätere Infektionskrankheiten. Freilich so ganz spurlos geht ein solcher EingritT nicht am mensch- lichen Organismus vorüber. Vermehrung der weißen Blut- körperchen , eventuell mit gleichzeitiger Verminderung der roten und Rückgang des Hämoglobingehalts des Blutes traten in einigen Fällen auf, in anderen wieder wurden keinerlei Veränderungen ira Blute wahrgenommen. Über den Einfluß der Entternung der Milz auf die Lymphdrüsen, die Schild- drüse und das Knochenmark sind die Ansichten sehr wider- sprechend, Vulpius hält die Schilddrüse für kein vikari- ierendes Organ , hat aber erhöhte blutbildende Tätigkeit der Lymphdrüsen und des Knochenmarks nach jNIilzverlust ge- funden. Nach Zesas u. a. existiert ein physiologischer Zu- sammenhang zwischen Milz und Schilddrüse in der Weise, daß im Falle der Entfernung des einen dieser Organe das zurückgelassene dessen blutbildende l'ätigkeit übernimmt. Die Indikationen zur Entfernung der Milz sind Ver- letzungen derselben, Geschwülste, in besonderen Fällen leukä- mischer Milztumor, in gewissen Fällen Malariamilz. Die ersten Milzexstirpationen hat meines Wissens Viard 15S1 ausgeführt. Die Technik der Operation ist immerhin eine subtile und die Blutstillung, besonders am Stiel, muß sehr sorgfältig ge- schehen, so daß ich mir eigentlich kaum denken kann, daß die Milzexstirpation im Mittelalter einmal ,,in Mode" gewesen sein soll. Dr. Karl Hammesfahr. Antwort. In Nummer 45 dieser Zeitschrift ist ein Ar- tikel von L. Reh ,, Blausäure zur Bekämpfung von Ungeziefer" erschienen. Der Verfasser berichtet über die Geschichte der Entwick- lung seit iSSi, erwähnt, daß bis 1913 irgendwelche Erfolge für die Praxis in Deutschland nicht zu verzeichnen waren und verweist auf den guten Erfolg, den ein Kammerjäger in diesem Jahre auf seinen Rat erreicfite. Dann berichtet er weiter da- von , daß 1916 die Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt in Frankfurt a. M. den Versuch machte , das Verfahren in Deutschland einzuführen. Der Schilderung ist bis dahin nichts hinzuzufügen. Sie kennzeichnet die 3^jährige für die Anwen- dung im großen negativ ausgegangene Tätigkeit. Umso irriger ist der Bericht über den Fortgang. Die Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt trat nämlich zur Ein- führung des Verfahrens Anfang 1917 an die führenden Mit- glieder des derzeitigen Technischen Ausschusses für Schädlings- bekämpfung heran, der es bei den obwaltenden Kriegsver- hältnis^en für das Zweckmäßigste hielt, militärische Personen für die Ausführung heranzuziehen, und hierzu Anlehnung an' das Preußische Kriegsministerium suchte und fand. Mit diesem militärischen Personal ist dann die gesamte Durchführung erfolgt, die zur Zeit rund 3000000 cbm erfaßt hat. Auch die größeren Versuche (Weinbau), die statt- fanden, hat der Technische Ausschuß für Schädlingsbekämpfung veranlaßt und durch seine Mittel ermöglicht. Die Ausführung des Verfahrens durch Kammerjäger unterblieb, weil angesichts der Gefährlichkeit der Blausäure die Handhabung durch Privatpersonen ohne öffentliche Gewalt den beteiligten behörd- lichen Zentralstellen untunlich erschien. An der Ausübung sind die entomologischen Stellen, in erster Linie Herr Prof Dr. Heymons von der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin und Herr Prof Dr. Escherich von der Universität München, sowie die Biologische Reichsanstalt als Mitglieder des Technischen Ausschusses für Schädlingsbekämpfung auf das Ausgiebigste beteiligt worden. Dr. W. Heerdt. Ersatzmittel in der mikroskopischen Technik (Antwort auf die Frage in Nr. 42 der Nalurw. Wochenschr.). Äthyl- alkohol kann in der mikroskopischen Technik sowohl durch denaturierten Spiritus als auch durch Methylalkohol ersetzt werden. Auch Azeton kann als Alkoholersatz verwendet wer- den. Stören die Pyridinbasen des Brennspirilus, was aber wohl höchst selten der Fall sein dürfte, so entfernt man sie mit Sublimat Methylalkohol habe ich schon in Friedens- zeiten als Ersatz des teureren Äthylalkohols verwendet. Er ist aber im Giftschrank streng unter Verschluß zu halten, da zahlreiche Erblindungen und Todesfälle nach dem Gebrauch desselben vorgekommen sind. In aller Erinnerung ist wohl noch das Massensterben im Dezember 191 1 in Berlin, bei dem 70 Personen, die Methylalkohol getrunken hatten, den Tod fanden. Azeton muß natürlich , um absoluten Alkohol zu er- setzen, wasserfrei sein. Zu beachten ist ferner, daß diese Mittel die Farben in verschiedener Weise ausziehen. Verwendet man Brennspiritus oder Azeton in nicht ganz wasserfreiem Zustande, so kann man trotzdem in Balsam ein- schließen , wenn man als Zwischenmiltel Karbolxylol (Karbol, krist : Xylol ^1:3) oder Kreosotalkohol (Kreosot : Alkohol = 1:1) benutzt. Die Alkoholentwässerung läßt sich übrigens oft ganz ver- meiden, wenn man nämlich die Schnitte auf dem Objektträger unter gelindem Erwärmen an der Luft trocknet und dann das Einschlußmedium darauf bringt. An Stelle von Xylol wird häufig Benzin oder Benzol, auch Chloroform, Terpentinöl, Nelkenöl, Zedernholzöl ver- wendbar sein. Als Ersatz für Kanadabalsam käme Zedernhülzol, Vosseler's Terpentin, Euparal , Kolophonium, Gummi arabicum oder andere Harze in Betracht. Für Nelkenöl ist ebenfalls Zedernholzöl oder etwa Bergamottöl, Oirganumöl, Zimtöl, Karbolsäure zu verwenden. Näheres findet man in dem Aufsatz von K. W. Fischer, Ersatzmittel in der Mikroskopie (^Mikrokosmos XII, p. 21). Dr. W. Herter. Literatur. Aus Natur und Geisteswelt. Leipzig und Berlin '18, B. G. Teubner. Jedes Bändchen 1,50 M. L. Weber, Einführung in die Wetterkunde. 3. Aufl. Mit 28 Texlabbildungen und 3 Tafeln. M. Mendelssohn, Einführung in die Mathematik. Mit 42 Textfiguren. P. H. Gerber. Die menschliche Stimme und ihre Hygiene. 3. Aufl. Mit 21 Textabbildungen. R. Vater, Praktische Thermodynamik. Aufgaben und Beispiele zur Technischen Wärmelehre. Mit 40 Text- abbildungen und 3 Tafeln. R. Börnstein, Die Lehre von der Wärme. 2. durchge- sehene Aufl. von A. Wiegand. Mit 33 Textabbildungen. H. Boruttau, Fortpflanzung und Geschlechtsunterschiede des Menschen. Eine Einführung in die Sexualbiologie. 2. verbesserte Aufl. Mit 39 Textabbildungen. Schumburg, Die Geschlechtskrankheiten, ihr Wesen, ihre Verbreitung, Bekämpfung und Verhütung. 4. Aufl. Mit 4 Textabbildungen und einer mehrfarbigen Tafel. Brauns, Prof Dr. R , Mineralogie. Mit 132 Abbildungen. 5. verb. Aufl. Sammlung Göschen. 1,25 M. Steinmann, P. und Surbeck, G., Die Wirkung or- ganischer Verunreinigungen auf die Fauna schweizerischer fließender Gewässer. Preisschrift der Schweizerischen Zoolo- gischen Gesellschaft. Mit 3 Kärtchen und 4 Textabbildungen. Bern '18. Inhalt ; Joh annes Theel, Über die Symmetrie der Organismen. S. 17. — Kleinere Mitteilungen : Nachtsheim, Massen- versammlungen und Massenwanderungen von Marienkäferchen. S.2I. — Einzelberichte: A. W egener und W. Ric h arz, Meteoritenfall von Treysa. S. 23. W. K ö p p e n , Angenehme Temperaturen. S. 24. B.Wiese, Verlauf der Witterung auf der Balkanhalbinsel. S. 25. G. Bodmann, Die Winterstrenge als klimatischer Faktor. S. 25. Stieve, Über den Einfluß der Gefangenschaft auf die Legetätigkeit und den Eierstock des Haushuhnes. S. 26. Carl RabI, Die Sym ■ metrie des Wirbeltierauges. (3 -Abb.) S. 27. Gustav Gaßner, Vom Entwicklungsrhythmus des Wintergetreides. S. 28 — Bücherbesprechungen; H einrieb .Sc hmi dt, Geschichte der Entwicklungslehre. S. 29. F. Grün bäum, Elektro mechanik und Elektrotechnik. S. 30. E. Freundlich, Die Grundlagen der Einstein'schen Gravitationstheorie. S. 30, M. v. Rohr, Die optischen Instrumente. S. 30. — Anregungen und Antworten; Nicht- Ausnutzung des Anpassungs Vermögens in der Natur. S. 30. Noch mehr Forschungsinstitute? S. 31. Entfernung der Milz. S. 31. Blausäure zu: Bekämpfung von Ungeziefer. S. 32. Ersatzmittel in der mikroskopischen Technik. S. 32. — Literatur: Liste. S. 32. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 18. Band; der ganzen Reihe 34 Band. Sonntag, den 19. Januar 1919. Nummer 3> Die Chemie der Zellulose und ihre textilwirtschaftliche Bedeutung. [Nachdruck verboten.] Unsere Textilindustrie, die 191 3 mit 956076 Arbeitern nahezu 13"/.) '^^^ gesamten Industrie- arbeiterschaft betätigte, bezog in eben diesem Jahre rund 932 ooo Tonnen Faserstoff im Werte von 1290,5 Millionen Mark aus dem Auslande. Im einzelnen verteilt sich diese Riesenmenge auf 486000 Tonnen Baumwolle Von Prof. P. W. Bohne, Oeventrop. 182000 154000 56000 55000 4000 Wolle Jute Flachs Hanf Seide 578,8 Mill. Mark 362,1 „ 89,9 „ 50,6 „ 37,7 „ 151,7 „ Baumwolle lieferte Nordamerika, Indien und Ägypten; Wolle: Australien, Neuseeland und Südafrika; Jute: Indien; Flachs und Hanf: Ruß- land ; und Seide : Italien und Ostasien. Daraus ergibt sich, da Deutschlands Eigenproduktion mit 1 1 000 t Wolle 3600 t Flachs und loo t Hanf und seiner kolonialen Erzeugung von 2 700 t Baumwolle 100 t Wolle und 19700 t Sisalhanf neben jener riesenhaften Einfuhrmenge eigentlich gar nicht in F'rage kommt, daß unsere Textil- industrie auf Gedeih und Verderb unseren Feinden ausgeliefert gewesen wäre, wenn es nicht ge- lungen wäre, ihr andere unabhängige Hilfsquellen zu erschließen. Von den unmittelbar Rohstoff verarbeitenden Fabriken war keine Selbsthilfe und Abhilfe zu erwarten; diese konnte nur von anderer Seite, von der Technik und Wissenschaft kommen. Ihr ist es nach kaum zweijährigem F^ingreifen nicht nur gelungen, die erste Not zu beschwören; sondern sie hat auch durch dauernde Verdrängung fremder Rohstoffe die Gefahren eines späteren Wirtschaftskrieges wesentlich ver- mindert. Naturgemäß hielt man zunächst Um- schau im eigenen Hause und besann sich auf allerlei heimische fasernliefernde Pflanzenarten, die als Ersatz für die ausfallende Baumwolle und Jute dienen konnten. In größerem Umfange an- gestellte Versuche ergaben, daß die Nessel Ur- tica dioica, das Kolbenschilf Typha, verschiedene Rindenbastarten, Torfarien, sowie Hopfen, Binsen, Lupinen, Stroh, Weidenröschen, einen mehr oder weniger gleichwertigen Ersatz für Jute und teilweise sogar tür Baumwolle liefern könnten. Aber vorläufig nicht zu behebende Schwierig- keiten lassen es als ausgeschlossen erscheinen, diesen Faserstofflieferern die ausreichende und vollwertige Vertretung der Baumwolle und der Jute zu übertragen. Diese Rolle fällt gegenwärtig und wohl auch für die Zukunft, bis der hei- mische Hanf- und Flachsanbau wieder einen hinreichenden Umfang angenommen hat, unein- geschränkt dem Zellstoff oder der Zellulose zu ; und zwar zunächst deshalb, weil für deren Beschaffung entsprechend dem Umfang des außer- ordentlichen Bedarfs der Holzreichtum Mitteleuropas und unserer östlichen Nachbarländer bei wirt- schaftlicher Nutzung eine nie versiegende Quelle bietet. Die Zellulose liegt uns in der Gerüstsubstanz pflanzlicher Gewebe vor. Bei allen jungen Pflanzen- zellen (und z. B. auch bei den F"asern des Flachses und der Baumwolle) bestehen die Zellmembranen aus nahezu reinem Zellstoff, dem in diesem natur- feuchten Zustand außer hoher Festigkeit eine bis ins Endlose gehende Biegsamkeit eignet. Bei andern Pflanzen aber, vornehmlich bei sämtlichen Hölzern, erleiden die Zellmembranen mit fort- schreitendem Altern erhebliche chemische und morphologische Veränderungen. So ist z. B. die Zellulose des Holzes durch spezifische Holzsub- stanzen und Pentosane als inkrustierende Stoffe verunreinigt. Die Gewinnung der durch Festigkeit wie durch Geschmeidigkeit gleich ausgezeichneten Zellstoffaser aus Holz ist somit wesentlich mit der Möglichkeit ihrer Herauslösung aus den inkru- stierenden Stoffen und gewissen stets vorhandenen anorganischen Aschenbestandteilen verknüpft. Nun war aber von altersher eine solche Absonderung des Zellstoffs durch Kochen zerkleinerten Holzes mit alkalischen Laugen bekannt; und es ist un- möglich sein erstmaliges Ausbringen irgendwo in der Geschichte der Chemie als ein besonderes Ereignis nachzuweisen. Verschiedene mit dem so gewonnenen Zellstoff verbundene Mißlichkeiten ver- hinderten seine industrielle Nutzbarmachung, die bereits seit den Anregungen Reaumur's, ganz besonders aber des Regensburger Superintendenten Dr. Joh. Ch. Schäffer 1772 auf die Herstellung von Papier aus Holz abzielte. Aber erst im Laufe des vorigen Jahrhunderts bildeten sich zwei Hauptverfahren heraus, die eine großzügige Zell- stoffiechnik anbahnten. Nach dem älteren, dem Natronsulfat- oder Sulfalverfahren schließt man den Zellstoff dünner Schnitte von Tannen- oder Fichtenholz durch Kochen mit einem Lösungs- gemisch von 6 '7o Ätznatron und Natriumsulfat in großen bis 60 cbm und mehr fassenden Kesseln auf. Indem diese Kocher mit Heizdampf bis zu 10 Atmosphären Druck beschickt werden, löst die Natronsulfatlauge alle verholzenden Bestand- 34 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 3 teile: Lignine, Pentosane, Harze, Gerbstoffe und andere aus den Schnitten heraus; und die freie Zellstoffaser bleibt unangriffen übrig. Da der so gewonnene, als Natron- oder Sulfatzellstoff be- zeichnete F'aserstoff bräunlich gefärbt und das Aus- bringen verhältnismäßig gering ist, wurde dieses Ver- fahren durch das seit 1884 im Großbetriebe ange- wandte 1867 von A Mitch er lieh erfundene ver- drängt. Mitcherlich erzielte durch Anwendung einer IVIischung von schwefeliger Säure H.^SO., und schwefligsaurem Kalk CaSOg, also einer Calcium- bisulfit-Kochlauge Ca(HSOg)o, eine nahezu quan- titative Ausbeute und zwar sogleich gebleichten Zellstoffs, der als Sulfitzellstoff in Form lockerer Papiere und Pappen in den Handel gebracht wird. Dieser Rohstoff stellt technisch reinen Zellstoff dar. Um für kleinere Versuche und eigens angestellte Untersuchungen chemisch reinen Zellstoff zu erhalten, geht man von diesem Rohstoff oder von Baumwolle, Hollundermark oder besseren, im Handel erhältlichen Filtrier- papieren z B. der Firma Schleicher und Schüll in Düren aus; zerzupft eine entsprechende Menge, verrührt eine Zeillang mit verdünnter Kalilauge über der Flamme, und stumpft dann mit ver- dünnter Salzsäure ab. Den von der Kaliumchlorid- lösung abfiltrierten Rückstand behandelt man mit etwas wässeriger Fluorwasserstoffsäure zur Ent- fernung etwa vorhandener Kieselsäure, wäscht dann tüchtig mit Wasser aus und zuletzt mit Alkohol und Äther, dessen letzte Reste abgedunstet werden. So erhält man den reinen Zellstoff in seiner unveränderten, ursprünglichen Struktur. Diese reine Zellulose stellt chemisch eigentlich ein Gemenge verschiedener Kohlehydrate dar und gehört zur Gruppe der Polysaccharide von der Form (CgHjiiOgln, die je nach der Größe des Moleküls in Stärke- Zellulose- und Gummi- arten zerfallen. Die eigentliche Zellulose zeichnet sich durch Schwerlöslichkeit aus, da sie weder in heißem oder kaltem Wasser noch in verdünnten Säuren, in Alkalien, in Aiher oder Alkohol löslich ist. Sogar in ihrem spezifischen Lösungsmittel, dem Schweiizer'schen Reagens, einer ammoniakalischen Kupferoxydlösung, ist die Zellulose sehr wahr- scheinlich nur unter beginnender Hydrolyse löslich. Aus dieser optisch aktiven und zwar linksdrchen- den Lösung wird die Zellulose durch Säuren, Salze, Zucker oder auch durch viel Wasser wieder ausgefällt als weißes amorphes Pulver, welches mit Jod zwar die für stärkeähnliche Körper charakteristische Blaufärbung nicht gibt, aber bei nur kurze Zeit dauernder Einwirkung von kalter, konzentrierter Schwefelsäure in besagter Weise mit Jod reagiert. Dauert die Behandlung mit kalter, konzentrierter Schwefelsäure (3:1) etwas länger, so entsteht ohne Schwärzung eine Lösung von Zellulose in Schwefelsäure, aus welcher Wasser flockige, kolloidale Zellulose ausfallt, die eben- falls mit Jod die Farbenreaktion zeigt, und wegen der Übereinstimmung dieses Verhaltens mit Amylum oder Stärke, Amyloid genannt wird. Diese Umwandlung in Amyloid wird technisch dadurch nutzbar gemacht, daß man Zellulose- papier schnell durch Schwefel>äure vom spe- zifischen Gewicht 1,66 hindurchzieht und dann in Wasser gründlich auswäscht. Durch oberfläch- liche Umwandlung der Zellulose in Amyloid er- hält man das beirannte Pflanzenpergament, welches dem eigentlichen tierischen Pergament in seinen dialysierenden Eigenschaften gleich- wertig ist. Bei länger anhaltendem Kochen der verdünnten schwefelsauren Zelluloselösung tritt als Ergebnis eine Art Dextrin, die Zcllose, eine zuerst von Franchimont 1870 beobachte Spaltung der Zellulose auf, die später durch Skraup und König als eine „Biose" erkannt wurde. Diese Zellose geht bei weiterem Kochen mit ver- dünnter Schwefelsäure in Glykose oder Trauben- zucker über, welche Tatsache die Grundlage für die in neuster Zeit in Großbetrieb übet führte Darstellung von Alkohol aus Zellstoffablaugen ab- gibt. Eine auffällige Abänderung der Zellulose konnte Girard 1875 zum ersten Male dadurch herstellen, daß er 12 Stunden hindurch 55 proz. Schwefelsäure bei Zimmertemperatur auf Zellu- lose einwirken ließ. Dies von Girard Hydro- zellulose genannte Produkt unterschied sich dem Aussehen nach zunächst nicht von der verwendeten Zellulose, erwies sich aber nach dem Auswaschen und Trocknen als ein sehr leicht zerreiblicher und zerstäubender Stoff. In diesem pulverigen Zustande eignet der Hydrozelluiose ein lebhaf- teres Reakiionsbestreben gegen Säuren und Alkalien als die gewöhnliche Zellulose. Wie Amyloid zeigt sie die Farbenreaktionen gegen Jod-Kaliumjodid; nur ist die Färbung gegen Wasser weniger beständig. Chemisch betrachtete man die Hydrozelluiose iCjoHo.jOnJn lange Zeit als eine durch Anlagerung von einem oder mehreren Molekeln Wasser bewirkte Umwandlung der Zellulose (Cj2H„oOjo)n, was ja Girard in An- lehnung an die sonst übliche Bezeichnungsweise solcher Hydratationsprodukte durch seine Namen- gebung zum Ausdruck brachte. Häufige Nach- prütungen durch andere P'orscher, unter denen Büttner, Neumann und Ost an erster Stelle stehen, erziehen sehr abweichende Analysenbe- funde, was Ost auf die Verwendung von fehler- haft entwässerten Untersuchungsproben zurück- führt. Als später Stern und Stein unter Berück- sichtigung dieser Fehlerquelle keinen quantita- tiven Unterschied zwischen Zellulose und Hydro- zelluiose feststellen konnten, nahm Ost noch- mals die gewissenhafte Nachprüfung der Befunde auf und kam zu dem Ergebnis, daß ohne Zweifel in der Hydrozelluiose ein durch Wasseraufnahme veränderter Zellstoff vorliege; daß aber die Ele- mentaranaiyse nicht imstande sei, dieselbe quan- titativ nachzuweisen wegen der abnormen Größe der Zellulosespallungen, die oft bis zu 20 und mehr Glykosereste enthielten. Gegenüber oxy- dierenden Reagentien zeigt Zellulose je nach der zersetzenden Schärfe der verwendeten Mittel N. F. XVIII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 35 ein verschiedenes Verhalten. Eine Mischung von 15 Teilen Salpetersäure von spez. Gewicht 1,1 und einem Teile Chlorsäuren Kalis läßt Zellu- lose nahezu vollständig unangegrififen ; dagegen wird sie durch Zusammenschmelzen mit Ätz- alkalien zu Oxalsäure oxydiert. Diese chemischen Eigenschaften lassen erkennen, daß in der Zellulose ein ausnahmsweise wider- standsfähiger, organischer Stoff vorliegt, dessen ausgeprägt langfaseriges Auftreten in der Baum- wolle, der Jute, dem Hanf und Flachs diese Pflan- zen von Haus aus zu den natürlichen Belieferern des Spinnereigewerbes machte. Da aber auch aus Holz, namentlich gewissen Fichten- und Tannenarten eine relativ lange Zellstoffaser zu ge- winnen ist, konnte es für die Chemie gar keine Frage sein , wo im Notfalle , wie er jetzt vor- liegt, für Baumwolle und Jute Ersatz zu suchen sei. Allerdings ist die Holzzellulosefaser nicht von solcher Länge, daß sie ohne weiteres einen ver- spinnbaren Rohstoff darstellte, vielmehr gestattet sie zunächst nur eine Fasernverfilzung, welche zur Papierherstellung hinreicht. In Japan und China, bekanntlich altberühmten Heimatländern der Papiererzeugung und seiner Umwandlungsprodukte, verstand man sich bereits vor hundert Jahren auf Papierverspinnung, die eine ausgedehnte Papier- stoffgarnindustrie ins Leben rief. Man zerschnitt Papierbogen, die aus dem langsträhnigen äußerst festen und biegsamen Fasernmaterial des Brousso- netiabastes vom Papiermaulbeerbaum hergestellt waren, in schmale 2 — 3 cm breite Streifen so, daß der Schnitt wechselweise bis auf 2 — 3 cm vom Blattrande entfernt blieb, oder aber ganz durch- gezogen wurde. So erzielte man aus jedem Bogen ein langes Papierband , das dann von Hand auf einer glatten Steinplatte zusammengedreht wurde. Der vorzügliche Broussonetiabast macht die hohe Blüte der japanischen Papierstoffgarnindusirie be- greiflich, die erst zurückging, als die Engländer ihre billigeren Baumwollgarne auf den japanischen Markt brachten. Von Japan ging die Papiergarn- industrie zunächst auf Amerika und dann auch auf Deutschland über, wo im Jahre 1890 die ersten Papiergarne auftauchten. In Deutschland hat sich das aus Natronzellulose hergestellte Spinnpapier am besten bewährt, sowohl wegen semer, trotz großer Leichtigkeit doch bedeutenden Festigkeit, als auch wegen seiner großen Reinheit und unvergilbbaren Färbung. Die deutschen Er- finder versuchten zuerst die Papierspinnstreifen direkt durch Aufteilen der noch nassen Papierbahn auf der Siebmaschine zu erhalten und die noch nassen Streifen zusammenzudrehen und zu ver- spinnen. Da aber bei der Lagerung naß ver- sponnener Garne durch Schimmelbildung und Gärungserscheinungen große finanzielle Schäden nicht zu verhüten waren, wurde dieser Weg bald wieder verlassen. Durchgreifende Erfolge erzielte man erst mit dem von Emil Clavicz in Adorf im Vogtlande ausgebildeten Trockenspinn verfahren. Hiernach wurden die fertigen trockenen Papier- bahnen durch drehende Kreismesser in schmale Streifen zerlegt, die zu flachen Tellern oder Rädern aufgewickelt und dann wie Spindeln den Spinn- maschinen zur Garnherstellung vorgelegt wur Ci„Hi,(CH30)eOio + 6H.,0. Ähnlich ergeben zwei Mol. Azetylchlorid, ein Mol. Magnesiumazetat und ein Mol. Zellulose durch mehrfachen Umsatz Zellulosetetrazetat C,,H,„(CH30),0,o. Franchimont verbesserte die Synthese Schützenberger's, indem durch Zusatz kata- lytisch wirkender Schwefelsäure die Veresterung der Zellulose bei niedrigerer Temperatur ermög- licht und so die Bildung von Neben- und Zer- setzung.sprodukten hintangehalten wurde. Die Katalyse der Schwefelsäure hat man sich so zu denken, daß Essigsäureanhydrid und Schwefelsäure zunächst Azetylschwefelsäure bilden : (CH3CO).,0 + H.,SO, -> CH3COHSO, + CHoCOOH. Diese Azetylschwefelsäure azetyliert dann ihrer- seits unter Rückbildung der Schwefelsäure die Zellulose: 3(CH3CO.HSOJ-f CeHj„0 -> CeH,(CH3CO}30, + 3H,S0,. Dieses Triazetat ist von Ost bei Bildung der Zelluloseazetate immer als Endprodukt nachge- wiesen worden. Als die von Franchimont isolierten Azetylderivate scheinen ihm, soviel sich aus den Literaturangaben schließen läßt, sowohl das Octazetylderivat der Zellobiose, als auch das Pentazetylderivat der Glykose vorgelegen zu haben. Erst Straub und seine Schüler König und Hamburger brachten Licht in den bei der Bildung des Octazetylderivates mit unterlaufenden Abbau der Zellulose. Durch Verseifen des Oct- azetylesters konnten sie nämlich die weiter nicht gespaltene Zellobiose von der Form CijH.^oO,^ als Abbauprodukt der Zellulose nachweisen. Seit- dem ist eine große Anzahl von. Essigsäurezellulose- estern dargestellt worden, namentlich von Groß, Bevan, Lederer, Knoe venagel , Eich en- grün, Ost und Schwalbe. Alle diese Ver- bindungen gaben beim Verdunsten ihres Lösungs- mittels durchscheinende Massen, die nicht ent- flammbar, nicht explosiv, schwer brennbar sind und durch Festigkeit, Elastizität und Bildsamkeit ihrer praktischen Anwendung die denkbar günstigsten Aussichten eröffnen. Abgesehen von der Filmerzeu- gung, die längst für das explosive Zellulosenitrat einen ungefährlichen Ersatz suchte, hat sich vor allem die Kunstfaserindustrie des neuen Rohstoffes be- mächtigt. Geradezu ein neuer Aufschwung erfaßte die Kunstfaserindustrie, seit Knoe venagel einige Jahre vor dem Kriege durch Erhitzen unlöslicher Zellulosetriazetate auf 100 " in indifferenten Flüssig- keiten, bei Abwesenheit von Wasser, azetonlösliche Zelluloseazetate, die also durch Hydrolyse nicht ge- schädigt würden, ein Produkt von höchster Festig- keit, herstellte. Es wurde in diesen Zelluloseazetaten der Zellulosefaserindustrie ein wirklich idealer Roh- stoff dargeboten. In Chloroform oder Azeton ge- löst wird dieser Spinnstofifaus den oben mehrfach ge- nannten Spinndüsen als feiner Faden herausgepreßt, der durch augenblickliches Verdunsten des Lösungs- mittels zu einem festen Gebilde erstarrt. Allen vorgenannten chemischen Spinnstoffen gegen- über verdient die Azetylzellulose aus mehrfachen Gründen den Vorrang. Mit der Viskose teilt sie den Vorzug der Billigkeit, da zur Herstellung die gewöhnliche Holzzellulose genügt. Der Ge- spinnstfaden bedarf zur Erstarrung oder P'ixierung keines Fällungsmittels wie die Viskose, die Kupfer- N. F. XVI ir. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 39 ammoniak- oder Nitrozellulose; und was besonders ins Gewicht fällt, der Gespinnstfaden, dem als Essigsäure-Ester nach dem Verfahren von Knoeve- nagel gerade die in textiler Beziehung not- wendigen Eigenschaften in hervorragendem Maße eignen, bedarf keiner Wiederherstellung zu reiner Zellulose. Damit geht sowohl ein geringerer Arbeitsaufwand, als auch eine erheblich gesteigerte chemische Ausbeute Hand in Hand. Das Lösungs- mittel der Zellulose, die Essigsäure, bildet nämlich einen wesentlichen, bleibenden Bestandteil des fertigen aus Zelluloseazetat bestehenden Fadens. Weil außerdem der Zelluloseester wasserunlöslich ist, kann der Zelluloseazetatfaden genau so wie Naturseide eine Wasserbehandlung vertragen, ohne an Festigkeit einzubüßen. Die genannten Eigenschaften gaben den Zelluloseazetatspinn- stoffen im Kunstfasergewerbe bald eine führende Stellung und zwar abgesehen vom Druck der Kriegsnotwendigkeiten bceits im freien Wett- bewerb mit den im Überfluß vorhandenen Baum- woU- und Wollmengen der Frieden.sjahre. Die Zwirnereifirma Karl Wolf zu Schweinsburg in Sachsen verspann bereits 1910 die nach Art der Kammgarnherstellung als Abfälle bei der Kunst- seideverarbeitung gewonnenen Zellulosefasern zu Garn, das von Webereien zu Männer- und Frauen- kleidersloffen verwebt wurde; gewiß ein Beweis dafür, daß solche Stoffe einen vollwertigen Er- satz für Woll- und Baumwollgewebe bilden. Die Übereinstimmung und Ähnlichkeit ist so täuschend, daß nur fachmännische Vertrautheit mit mikroskopischen und chemisch-analytischen Untersuchungsmethoden Kunst von Natur zu trennen vermag. Deshalb wird es begreiffich, daß gleich zu Beginn der Faserknappheit die deutsche chemische Technik sich mit beson- derem Eifer der bereits so weit gediehenen Zellulosefasererzeugung annahm. Über die seit- dem erzielten stofflichen Verbesserungen der Spinnstoffe und deren chemische Konstitution ist wie erklärlich nichts in die Öffentlichkeit ge- drungen. Wohl aber wurde bekannt, daß das Spinnmaschinenerzeugnis nicht mehr wie früher ein sehr langer Faden, ähnlich dem Kokon- gespinnst der Seidenraupe ist; daß vielmehr das maschinenmäßige Spinnen kürzerer Fasern von etwa 10, 20 und mehr Zentimetern Länge ge- lungen ist; also Fasern die den Größenverhält- nissen der Baumwoll-, Flachs-, Woll- und Nessel- faser gleichkommen. Die verschiedenen Bear- beitungsverfahren wie das Auflockern, Krempeln, Kämmen, Strecken und Duplieren, die zur Vor- bereitung des Spinnens an diesen Naturfasern vor- genommen werden, haben den Zweck die geknäulten Fasern und verwulsleten durch para- llel gelegte und verschränkte Einzelfasern zu Bündclchen oder „Stapel" zu ordnen, die dann durch Zusammendrehen den gesponnenen Faden, das Garn liefern. Die Möglichkeit nun die Zellulosefaser als Stapelfaser darzustellen, er- öffnet ihrer praktischen Verarbeitung die besten Aussichten, indem der ausgedehnte deutsche tex- tile Maschinenpark ohne Umstände zu Verar- beitung der neuen Stapelfaser übergehen kann, als ob überhaupt keine Änderung des Rohstoffes stattgefunden hätte. Der unbeschränkten Stapelfasererzeugung standen bisher noch zwei Hindernisse hemmend im Wege. Die Inhaber alter Patente machten aus Gewinnsucht vielfach der Lizenzerteilung an andere Unternehmer Schwierigkeiten; und die Kriegs- Rohstoff- Abteilung wollte nicht ohne weiteres jedem beliebigen Bewerber die Ge- nehmigung fabrikmäßiger Stapelfasererzeugung erteilen, weil sie mit Recht der Meinung ist, daß bei unserm augenblicklichen Chemikalienmangel nicht jedtm ersten besten Fabrikschemiker die wirtschaftliche Durchführung solch verwickelter chemischer Probleme anvertraut werden darf. Der . andere Grund ist der ungeheuere Bedarf gerade solcher Chemikalien, die auch in andern kriegswichtigen Betrieben unentbehrlich sind. Es kann jedoch kein Zweifel sein, daß angesichts der unverkennbaren Bedeutung dieses Faserersatzes gerade für die Zeit nach dem Kriege die Reichs- leitung der deutschen chemischen Industrie alle Mittel bieten wird, um durch erfolgreichen Aus- bau dieses Gebietes an dem wirtschaftlichen Wiederaufbau und Aufstieg Deutschlands mit- zuarbeiten. Verzeichnis benutzter Literatur: Prof. Dr. Paul Arndt," Alte und neue Faserstofife. ' Reimer, Berlin 1918. Büttner und Neumann, Zeitschr. f. angewandte Chemie. 21. Bd. 1908 und 22. Bd. 190g. Groß und Bevan, Ccllulose, London 1895. — — , Researches on Cellulose I. II. III. 1S95 — 1910. Francbimont, Compt. rend. 92. Bd. 1S81. , Rec. trav. chira. Pays-Bas 2. Bd. 24I, 18S3 u. 18. Bd. 472, 1899. Girard, Compt. rend. 81. Bd. 1875. Knoevenapel, Zeitschr. f. angew. Chemie 21. Bd. 2401 1908 u. 23. Bd. 440. 1910. Neuman, Kritische Stud en über Hydrolyse der Zellulose und des Holzes. Dissertation. Dresden 1910. Ost, Zeitschr. f. angew. Chemie. 19. Bd. 993, 1906. — , Lieb. Annal. 398. Heft, 313; 19 13. — , Bir. d. deutsch, ehem. Ges. 46. Bd. 2995, 1913. Straup und Hamburger, Ber. d. deutsch, ehem. Ges. 32. Bd. 2413, 1899, Schwalbe, Die Chemie der Zellulose. Berlin 1911. Aufsätze aus der Chemiker-Zeitung der Jahrgänge 1914 — 1918. Prof. Dr. K ap p f. Über Wolle, Baumwolle, Leinen, natürliche und künstliche Seide. Fock, Leipzig 1913. 40 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVI II. Nr. 3 Einzelberichte. Chemie. Zur Frage des Wismutwasserst off äußert sich F. Paneth (Prag) in der Zeitschritt für Elektrochemie XXIV (1918) S. 298. In Gruppe 5 des periodischen Systems der Elemente kommen vor die Elemente Stickstoff, Phosphor, Arsen, Antimon und Wismut, die außer zahlreichen andern ähnlichen Eigenschaften WasserstoftVer- bindungen mit drei Atomen Wasserstoff eingehen; doch ist der Wismutwasserstoff bisher nicht be- kannt. Schon bei den ersten vier der genannnten Elemente nimmt die Stabilität der Hydride mit zunehmendem Atomgewicht ab: das Ammoniak NH3 ist eine auch bei höheren Temperaturen konsistente Verbindung, während die leichte Zersetzbarkeit des AsHj aus der Arsenprobe von Marsh bekannt ist; noch leichter (bei etwa 150" (zerfällt das Stibin SbH.,. Nun stehen unter der Ordnungszahl 83 außer Wismut noch 4 andere Elemente, die dem Wismut isotop sind (sie haben bei etwas verschiedenem Atomgewicht gleiche physikalische und chemische Eigenschaften wie Wismut). Es sind die radioaktiven Wismutarten Ra- dium C, Thorium C, Aktinium C und Radium E. Wegen der Gleichheit der chemischen Eigenschaften ist es gleichgiltig, welches der Isotopen man für eine chemische Untersuchung nimmt. Meistens geht man von der in großer Menge vorhandenen inaktiven Form aus, also in diesem Fall vom Wismut. Doch hat es in vielen Fällen Vorteile, einen der radioaktiven Körper zu untersuchen wegen der außerordentlichen Empfindlichkeit der radioaktiven Methoden, die die anderen chemischen und physikalischen Methoden z. B. die spektral- analytischen bei weitem übertreffen. Diese Über- legung bringt Paneth auf den Gedanken, die Darstellung des Wismutwasserstoffs aus einem der Isotopen des Wismuts, dem Thorium C zu versuchen; es zeigt sich, daß der Gedanke richtig ist, BiHa läßt sich so herstellen. Er exponiert zu dem Zweck Magnesiumblech in Thoriumema- nation, einem schweren Gase, das aus dem Tho- rium (nicht unmittelbar) entsteht. Es schlägt sich dann auf dem Bleche Thorium B eine Blei-Art, und das Thorium C nieder. Das so präparierte Magnesium wird in einer verdünnten Säure gelöst und das entstehende Gas durch einen Stickstoff- strom in ein Emanationselektroskop überführt. Es erweist sich als aktiv und zwar zeigt es den charakteristischen Abfall des Thorium C. Daß es sich dabei nicht um ein Verspritztwerden handelt, geht daraus hervor, daß, wie die .^b- klingungskurve zeigt Thorium B nicht mit über- führt wird. Daß die Wirkung die gleiche ist bei Anwendung von HCl, HNO3 und H.SO^, daß sie dagegen bei Einwirkung von Chlor fehlt, beweist, daß es sich um ein Hydrid handelt. Da der auf diese Weise aus der radioaktiven Wismutart Thorium C hergestellte Wismutwasserstoff sich radioaktiv verhält und dabei eine starke a-Strahlung (positiv geladene Heliumatome) aussendet, kann man ihn einem größeren Zuschauerkreise sichtbar machen, indem man das auf die oben geschilderte Weise entwickelte Gas in ein mit Sidotblende versehenes Glasrohr leitet. Dieses leuchtet im Dunkeln unter dem Anprall der «-Strahlen. Der Wismutwasserstoff, der bei Zimmertemperatur ziemlich beständig ist, zerfällt bei höherer Tempe- ratur sehr rasch unter Bildung eines Wismutspiegels. Bei der Temperatur der flüssigen Luft tritt ebenso wie bei den Emanationen eine Kondensation ein. Es ist hiermit nachgewiesen, daß BiHg existenz- fähig ist. Der Verfasser hofft bald über eine Methode berichten zu können, nach der er aus inaktivem Wismut sich herstellen läßt. Seh. Medizin. Die Stacheldrahtkrank heit. Im Laufe des Wehkrieges sind etwa fünf Millionen Menschen in Kriegsgefangenschaft geraten. Sie werden in größeren Gemeinschaften auf unbestimmte Zeit- dauer eingesperrt. Unter dem Einfluß der Freiheits- beraubung, der Einschränkung der Lebensgewohn- heiten und dem Zwang zom ständigen Beisammen- sein mit Schicksalsgenossen wird die Seele der Gefangenen weitgehend beeinflußt und es kommt bei vielen zum Auftreten deutlicher Zeichen psychi- scher Erkrankung, die deutsche Kriegsgefangene gewöhnlich als „Stacheldrahtfieber" bezeichneten. Die Krankheit äußert sich in erhöhter Reizbar- keit, Unlustgefühlen, Gedächtnisschwäche, Urteils- trübung, Unfähigkeit zur Konzentration des Denkens u. s. w. Ihr Bild weist beträchtliche Verschieden- heiten auf, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, daß die Stärke der Wirkung der verschiederien kränkmachenden Einflüsse bei den einzelnen Indivi- duen ungleich ist. Die schlimmste Wirkung scheint im allgemeinen von dem erzwungenen Massendasein auszugehen. Diesbezüglich sagt Dr. A. L. Vischer'): „Die Seele verlangt offenbar nach einem gewissen Ausgleich zwischen Einsam- keit und Zusammensein ; wird dieser .Verkehrs- ausgleich' beeinträchtigt, so entstehen Störungen", wie sie nicht nur bei Kriegsgefangenen, sondern z. B. auch bei den Bemannungen von Segelschiffen, bei Polarfahrten u. s. w. beobachtet wurden. Selbst im gewöhnlichen Militärleben treten solche Stö- rungen auf, jedoch in geringerer Stärke als bei den Kriegsgefangenen. Die Zwangsgemeinschaft führt vor allem zu Reizbarkeit, die Unmöglichkeit, sich abzusondern und allein zu sein, „geht auf die Nerven." Aus geringfügigen Anlässen kommt es deshalb zu Zänkereien, ja oft zu Prügeleien. Da es in den Gefangenenlagern keine nennens- werten Ereignisse gibt, werden deren Insassen von Langeweile gequält und es kommt infolge davon zu Klatsch über Mitgefangene, zur Erfindung von allerhand Nachrichten u. dgl. Der erzwungene Müßiggang führt auch zu Unterhaltungssucht; es ») Die Stacheldrahtkrankheit. Beiträge zur Psychologie der KriegsgefaDgencQ. Zürich 1918, Rascher & Co. N. F. XVHI. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 41 entsteht Spielwut und eine eigenartige Tingel- tangelstimmung. Durch die dauernde Beschäftigung mit dem Kleinkram des Lagerlebens, sagt Dr. Vischer, werden die Leute kleinlich und egoistisch. Sie bauen sich allmählich eine Klein- welt, die für sie alles bedeutet und in der sie völlig aufgehen. Schließlich legen sie die Maßstäbe dieser Kleinwelt auch an das Geschehen der Außenwelt an, von der im Laufe der Zeit wenig im Bewußtsein bleibt. Damit verlernen die Gefangenen, mit Wirklichkeiten zu rechnen. Sie leben in gewissem Sinne ein Schattendasein, sie führen eine Existenz, in der alles um einige Noten herabgestimmt ist. Das Dasein der Kriegs- gefangenen ist einem Traumwandeln vergleichbar. So viel festzustellen ist, tritt in den ersten Monaten der Gefangenschaft Homosexualität relativ häufig auf; doch bald läßt das Geschlechtsempfinden nach und nicht selten tritt sexuelle Impotenz ein. In ihrem Tun und Lassen tragen viele Ge- fangene große Unstätigkeit zur Schau. Sehr häufig wird über rasch einsetzende geistige Ermüdung geklagt. Von Krieg'igefangenen, die in der Schweiz untergebracht waren, hörte Dr. Vischer, daß sie Musik- und Theateraufführungen nicht für längere Zeit beiwohnen könnten, vielmehr vor innerer Unruhe das Lokal vorzeitig verlassen müßten. Schwer mitgenommene Leute sprechen oft tagelang kein Wort. Allen gemeinsam ist pessimistische Stimmung und Niedergeschlagen- heit. Viele Gefangene erzählten Dr. Vischer, daß ihr Schlaf durch wilde Träume gestört würde. Lautes Sprechen im Schlaf ist häufig. Ganz frei von der Krankheit sind nur wenige Leute, die sich längere Zeit in Kriegsgefangenschaft befinden. Das Verhältnis der Schwerkranken zur Gesamtzahl beträgt nach Angaben von Gefangenen selbst etwa 10 bis 20%. Sehr ausgeprägt sind die psychischen Störungen gewöhnlich bei Leuten, -die an das Lagerleben, besonders an das Beisammensein mit vielen anderen, nicht gewöhnt sind. Bei Berufs- soldaten kommen hingegen schwere Störungen ziemlich selten vor. Wenig Einfluß auf den Seelen- zustand der Gefangenen hat nach Dr. Vischers Erfahrungen die Behandlung. Schlechte, selbst brutale Behandlung erzeugt die Krankheit nicht und gute Behandlung hält sie nicht fern. Auch eine schöne Lage des Lagers ist kein Prophy- laktikum. Grundbedingung für die Behebung der „Stachel- drahtkrankheit" ist die Befreiung der Gefangenen und ihre Rückkehr in normale Lebensverhältnisse. In den schwereren Fällen wird freilich die Heilung lange Zeit erfordern, namentlich bei den vielen, die ganz und gar den Eindruck von „gebrochenen Leuten" machen; so manche werden bis zum Ende ihres Lebens nicht mehr froh werden, und die Bevölkerung Europas wird von Menschen durchsetzt sein, deren seelische Reaktionen abnorm sind. Es ist zu befürchten, daß dies nicht ohne Einfluß auf die Gesamtpsyche sein wird. H. Fehlinger. Unter den für Fabrikarbeiter gesundheits- gefährlichen Stoffen haben die Nitroverbindungen der Kohlenwasserstoffe der aromatischen Reihe eine erhöhte Bedeutimg erlangt, seitdem sie in Spreng- stoff- und Munitionsfabriken" zu Kriegs- zwecken in großen Mengen hergestellt und ver- arbeitet werden. Manche von ihnen rufen unter den Arbeitern erhebliche Gesundheitsschädigungen hervor. Mit dieser Frage beschäftigen sich F. Cursch- mann und Koelsch in Heft 14 und 15 der „Zeitschr. f. d. gesamte Schieß- und Sprengstoff- wesen", 13. Jahrg., 19 18. Zu den praktisch wichtigen Nitroverbindungen der erwähnten Art gehören das Mono- und Dini- trobenzol, das Di- und Trinitrotoluol, das Di- und Tetranitronaphtalin, das Trinitroanisol "und das Trinitrophenol (Pikrinsäure). Von diesen Stoffen ist gesundheitlich am bedenklichsten das Dinitro- benzol. Es ist ein gefährliches Gift und hat be- reits zahlreiche Erkrankungen, ja Todesfälle ver- ursacht. Die übrigen aromatischen Nitroverbin- dungen sind viel weniger schädlich. Die Ver- giftungsfälle mit Dinitrobenzol sind festgestellt worden bei der Herstellung und Verarbeitung dieses Stoffes, in letzterem Falle auch dann, wenn das Dinitrobenzol mit anderen Sprengstoffen gemischt war. Die Disposition zur Erkrankung zeigt be- trächtliche persönliche Verschiedenheiten. Es erkrankten vorzugsweise körperlich schwächliche Personen, Unterernährte und Übermüdete. Aus- schweifungen und selbst geringer Alkoholgenuß, auch nach der Arbeit, erhöhen die Disposition. Die Eingangspforte des Giftes in den Körper ist in erster Linie die Haut, auch wenn sie keine Verletzung aufweist. Auch durch die Atmungs- und Verdauungsorgane wird das Gift in Staub- oder Dampfform aufgenommen. Ausgeschieden wird es mit dem Harn und der Atmungsluft. Die Wirkung des Giftes äußert sich in einer Schädi- gung des Blutfarbstoffes, in Methämoglobinbildung, in Zerstörung der roten Blutkörperchen und in Schädigungen namentlich parenchymatöser Organe, insbesondere der Leber. Als Maßnahmen gegenüber den Erkrankten kommen in Betracht: ein kühles Reinigungsbad, sodann F"ühren an die frische Luft, eventuell Ver- abreichung von Milch. Bei vorhandener Zyanose ist Sauerstoffeinatmung möglichst frühzeitig und längere Zeit hindurch vorzunehmen. Die Gewäh- rung kräftigender Kost und eine zweckmäßige Lebensweise beschleunigen die Genesung. Zeit- weiliger Ausschluß von der Arbeit mit Dinitro- benzol ist notwendig beim Nachweise von Meihä- moglobin und bei starker Abnahme der Zahl der roten Blutkörperchen. Dauernder Ausschluß ist notwendig bei Personen, die Leberveränderungen gezeigt haben oder die zu Dinitrobenzolvergif- tungen neigen, ferner bei Frauen während der Schwangerschaft und während sie stillen. Die Krankheitserscheinungen bei Vergiftungen 42 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVUI. Nr. 3 mit Mononitrobenzol sind ähnlich den vorstehend für Dinitrobenzol geschilderten. Auf Grund der gemachten Erfahrungen waren jedoch die Betriebs- leitungen imstande, den Gefahren bei der Ver- arbeitung dieses Stoffes wirksam vorzubeugen, so- daß Vergiftungen nur selten vorgekommen sind. Das Trinitrotoluol galt bisher, da Allgemein- vergiftungen bei ordnungsmäßig geführten Bei rieben anscheinend nur selten auftreten, für praktisch so gut wie ungiftig. Doch sind in letzter Zeit unter besonders ungünstigen Arbeitsbedingungen einige schwere und selbst tödliche Vergiftungen vorge- kommen, die die Annahme nahelegen, daß auch Trinitrotoluol unter Umständen recht gefährlich werden kann. Die Erholung der Erkrankten geht nur langsam vor sich. Selbst nach längerem, an- scheinend günstigem Verlaufe kann infolge plötz- lichen Verfalls in kurzer Zeit der Tod erfolgen. Bei der Sektion wurden außer Veränderungen an der Leber akute parenchymatöse Nierenentzündung gefunden. Beim Arbeiten mit unreinem (nicht umkristallisiertem, Tetranitromethan enthaltendem) Trinitrotoluol am Schmelzkessel können infolge Aufnahme von Tetranitromethandämpfen, schwere, selbst tödlich verlaufende Lungenerkrankungen auftreten. Von Dinitrotoluol, Di- und Tetranitronaphtalin undTrinitroanisol sindl Allgemeinvergiftungen noch nicht beobachtet worden. Der letztgenannte Stofif besitzt jedoch die Eigentümlichkeit, auf die Haut stark reizend einzuwirken, sodaß Hautentzündungen häufig schon nach kurzer Beschäftigung auftreten. Desgleichen treten Hautreizungen mitunter bei den mit Trinitrophenol (Pikrinsäure) Beschäf- tigten auf. Ein Fall von Allgemeinvergiftung ist nicht festgestellt worden. Der bitter schmeckende Stoff färbt nur infolge seiner Eigenfarbe die Haut und die Haare gelb oder grünlichgelb. Der Artikel von Koelsch behandelt nur die Gesundheitsschädigungen bei Arbeiten mit Trini- trotoluol. In einer früheren Arbeit war der Ver- fasser zu dem Schluß gekommen, daß das Trini- trotoluol, wenn es einigermaßen rein bzw. um- kristallisiert ist, unter gewerbehygienischen Ge- sichtspunkten als praktisch ungiftig bezeichnet werden kann. Hingegen zeigten sich bei Ver- arbeitung unreiner Präparate mehr oder minder schädigende Wirkungen. Es wurden hierbei hauptsächlich Blutwirkungen und deren Folgen, bei einigen wenigen Fällen Leberschmerzen und Gelbsucht, bei anderen Fällen Reizerscheinungen der Luftwege bis zur Ausbildung entzündlicher Veränderungen im Lungengewebe bzw. Lungen- ödem beobachtet. Neuerdings wurden nun besonders aus dem Auslande eigenartige Erkrankungen mitgeteilt, die beim Füllen von Granaten mit Trinitrotoluol ent- standen waren. Besonders in England waren diese Gesundheitsschädigungen so zahlreich und schwer, daß sie die öffentliche Meinung stark er- regten und insbesondere unter den Munitions- arbeitern, von denen nach englischen Berichten wohl über 100 000 mit Trinitrotoluol beschäftigt smd, lebhafte Beunruhigung auslösten, sodaß sich das neugeschaffene Munitionsministerium zu einer offiziellen Mitteilung veranlaßt sah „zur Aufklärung des Publikums, zur Belehrung der Ärzte und zur Beruhigung der Munitionsarbeiter". Auch in Deutschland wurden im Verlauf der Kriegsjahre neben verschiedenartigenReizwirkungen unii Blutschädigungen ebenfalls mit Gelbsucht ein- hergehende schwere Leberschädigungen beobachtet, allerdings in einer sehr viel kleineren Anzahl (etwa in 2 Dutzend Fällen), und nur in einigen wenigen Betrieben, und auch hier nicht regelmäßig, sondern nur schubweise. Man müßte nun wohl an- nehmen, daß, falls eine derartige schwere Gift- wirkung für Trinitrotoluol spezifisch wäre, bei der augenblicklichen Massenverarbeitung dieser Sub- stanz während vierer Kriegsjahre auch massenhafte Erkrankungen hätten auftreten müssen. Nachdem aber dem nicht so ist, nachdem insbesondere aus der ganzen Friedenspraxis des In- und Auslandes derartige Vergiftungserscheinung bei der Herstel- lung und Verarbeitung des Trinitrotoluols nie aufgetreten waren, kann die akute gelbe Leber- atrophie nicht als eine für das Trinitrotoluol selbst spezifische Giftwirkung angesehen werden. Die auffällige Tatsache, daß die Erkrankungen trotz gleicher Arbeitsweise nur schubweise auftreten, kann nur damit erklärt werden, daß eben das augenblicklich verarbeitete Trinitrotoluol anders beschaffen war bzw. besondere Verunreinigungen zeigte. Der Verfasser kommt zu dem Schluß, daß die akute gelbe Leberatrophie bei Arbeiten mit Trinitrotoluol nicht als typische gewerbliche Vergiftung zu bezeichnen ist. Dieselbe ist viel- mehr höchstwahrscheinlich die Wirkung von ver- schiedenen, uns augenblicklich noch unbekannten, im verwendeten Trinitrotoluol enthaltenen chemi- schen Körpern, die z. T. auf unreine Rohprodukte, z. T. auf Unregelmäßigkeiten beim Nitrierprozeß zurückgeführt werden dürften. F. H. Physiologie. Die photochemische Wirkung des Lichts auf den Organismus. Fritz Schanz (Pflugers Archiv für die gesamte Physiologie, Bd. 170, 10.— 12. Heft, Bonn 1918) führt aus, daß die Eiweißkörper unter dem Lichteinfluß sich in schwer lösliche Formen umwandeln, auch wenn sie chemisch rein (z. B. frei von Eisen, Zucker usw.) den Lichtstrahlen ausgesetzt werden. Da in der Natur reines Eiweiß nicht vorkommt, wirkt die Beleuchtung auf die Lebewesen nur noch inten- siver, so ist die Trübung der Augenlinse, Alters- star, auf die Lichteinflüsse zurückzuführen, denen die Linse während des Lebens ausgesetzt war. Das Eiweiß absorbiert schon in Blau und Violett, und besonders kurzwellige Strahlen jenseits der Grenze der Sichtbarkeit bei l 400 ///<. S. weist darauf hin, daß es die im Sonnenlicht enthaltenen ultravioletten Strahlen sind, welche, indem sie die Linse passieren, unbemerkt ihren deletären Ein- N. F. XVni. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 43 fluß ausüben. *) Da sie als zu kurzwellige Licht- strahlen unsichtbar sind, werden sie vom Auge nicht wahrgenommen; auch lösen sie in der nervenlosen Linse keinen fühlbaren Einfluß au<:. Von künstlichem Licht ist das der elektrischen Bogen- lampe an ultravioletten Strahlen am reichsten und ein ihm ungeschützt längere Zeit ausgesetztes Auge bietet ein ganz charakteristisches Krankheits- bild, die ..elektrische Ophthalmie". Da das Eiweiß nicht von gewissen Begleit- stoffen zu trennen ist, wurde die Lichtreaktion der letzteren allein festgestellt. Verf. arbeitete mit Aceton, welches sich besonders bei Zucker- krankheit in den Geweben des menschlichen Kör[)ers findet, und führt darauf die Linsentrübung zurück. Er fand, daß die Lichtreaktion des Ei- weißes durch das Aceton nur gesteigert wird und nicht auf dessen Zersetzung beruht. Das Aceton selbst ist eine wasserklare Flüssigkeit, muß also Lichtstrahlen absorbieren, welche unsichtbar sind, denn nur dann, wenn das Licht absorbiert wird, kann es chemisch wirken. Eisenfreies Aceton zerfällt unter Lichteinvvirkung ziemlich rasch. Zu- setzung von Eisensalzen beschleunigte die Zer- setzung nicht. Dasselbe gilt für die Milchsäure; Ameisensäure dagegen läßt deutlich den Einfluß der Eisenbeimengung erkennen. Aber nicht nur die unsichtbaren ultravioletten, sondern auch die sichtbaren Lichtstrahlen sind chemisch wirksam. 'Während die chemische Wirksamkeit nach Blau und Violett des Spektral- bands hin zunimmt, sind Rot bzw. Ultrarot nur Wärmestrahlen. Die Photochemie ist noch nicht über die Kenntnis der Prozesse hinausgekommen, welche die in der Photographie gebrauchten Substanzen betreffen. Schon am Papier macht sich der Licht- einfluß durch chemische Wirkungen geltend, wie man am Vergilben des Papiers im Sonnenlicht sieht. Fallen die Sonnenstrahlen fast senkrecht auf, so ist bei Holzschliffpapier die Veränderung schon nach einer Stunde bemerkbar. Das Eosin und andere fluoreszierende Farbstoffe wirken auf das Eiereiweiß und auf das Blutserum nur als Sensibilisatoren. Das Eosin selbst ist in starker Verdünnung bei Belichtung auf Infuso- rien viel stärker wirksam als in Dunkelheit eine konzentrierte Lösung. Auch Toxine, F~ermente und ähnliche Produkte tierischer und pflanzlicher Organismen werden beim Vorhandensein derartiger Farbstoffe im Licht zerstört, während sie im Dunkeln nicht "beeinflußt werden. Rote Blut- körperchen werden bei Belichtung zersetzt, wie man am Durchsichtigwerden der Aufschwemmungen sieht. Da Eosin bromhaltig ist, wird es bei der Epilepsie in Arzneien verwandt. Nach 6 — 8- wöchentlicher Behandlung tritt jedoch eine Rötung und schmerzlose Anschwellung an den, dem Licht ausgesetzten Körperteilen (Gesicht, Hals, Hände, oberer Teil der Brust und Mundschleimhaut) der Vgl. No. 45, 1914 S. 715 d. Bl. Patienten ein. Am I.September 1909 wurde gesetzlich vorgeschrieben, daß die zur Schweinefütterung be- nutzte importierte Futtergerste von der Braugerste für die zollamtliche Unterscheidung mit Eosin zu färben sei. Bald aber wurden seitens der Schweine- züchter lebhafte Klagen darüber laut, daß die mit Eosingerste gefütterten Tiere im F"reien bei Sonnenschein häufig ganz plötzlich verendeten. Da eine eingehendere Prüfung durch das Gesund- heitsamt in Berlin die Futterung mit Eosingerste keine schädliche Einwirkung auf Fleisch und Fett der Schlachttiere erkennen ließ, hielt man trotz aller Reklamationen an der gesetzlichen Vorschrift fest, bis sie mit Beginn des Krieges als überflüssig aufgeh' iben wurde, da eine Unterscheidung für die Verzollung zwischen Futter- und Braugerste nicht mehr nötig war. S. jgibt dann Versuche mit zwei Gruppen weißer Mäuse an ; die eine war mit eosionge- färbtem Hafer, die andere mit reinem Hafer ge- füttert worden. „Das eine Paar wurde in der Mitte eines nach Norden gelegenen Zimmers in einem offenen Glasgefäß gehalten, das andere in einem gleichen Gefäß an das Fenster gestellt. Nach 14 Tagen wurden die Tiere nachmittags gegen 3^2 Uhr ins Sonnenlicht gestellt. Der Versuch war am 2. August ausgeführt. Die Tagestemperatur war für die Jahreszeit sehr niedrig, die Höchst- temperatur betrug 22'* C. Es hatte in der Nacht vorher und auch am Morgen noch stark gewittert, und der Himmel zeigte noch rasch wechselnde Bewölkung, so daß auch während des Versuches die Tiere nicht fortwährender Besonnung ausge- setzt waren. Die Tiere wurden, als sie in das direkte Sonnenlicht kamen, außerordentlich unruhig, kratzten sich, scharrten. Schon nach ^/j Stunde begann die Erschöpfung, die Tiere brachen zu- sammen, streckten die Extremitäten von sich, sprangen zeitweise wieder auf, versuchten sich wieder zu kratzen. Gegen 5 Uhr waren sie tot. Das Vergleichstier zeigte keine Störung. In i '/2 Stunden konnte ich die mit Eosinhafer gefütterten Tiere mittels Tageslicht, das nicht einmal die ganze Zeit in voller Intensität einwirkte, töten. Von , Hitzschlag' kann man hier nicht sprechen, die Temperatur war dazu zu niedrig, „Lichtschlag" ist hierfür die zutreffende Bezeichnung, denn das Licht ist hier der für die Erscheinungen allein verantwortliche Faktor. Sonnenstich würde für die Fälle zutreffen, wo Licht und abnorm hohe Wärme zusammenwirken." Die starke Lichtreaktion bei den Warmblüt- lern ist auf das Hämatoporphyrin zurückzuführen, ein eisenfreics Abbauprodukt des Blutfarbstoffs, des Hämoglobins. S. machte neue diesbezüg- liche Versuche mit weißen Mäusen. Er spritzte ihnen eine Hämatoporphyrinlösung ein und ließ die Tiere drei Tage im Dunkeln, ohne eine Ver- änderung an ihnen zu bemerken. Als sie sodann am vierten Tag dem Tageslicht ausgesetzt wurden, waren sie in vier Stunden tot. Gibt man größere Dosen von Hämatoporphyrin und setzt dann die 44 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 3 Tiere alsbald dem Tageslicht aus, so tritt bald nach Rötung der Ohren, Juckerscheinungen und ausgesprochener Lichtscheu in 2 — 3 Stunden der Tod ein. Die subakute Form stellt sich ein, wenn die Tiere erst etwa eine Woche nach der Injek- tion in intensive Belichtung kommen, oder wenn sie bald nach der Injektion nur dem nicht zu hellen diffusen Tageslicht ausgesetzt werden. Sie äußert sich in starker Schwellung der Haut und Haarausfall. Daß Rinder und Schafe, die im Winter Buchweizen als Futter bekamen, im Frühjahr an den unbedeckten Körperstellen erkrank- ten, beruht gleichfalls darauf, daß der Buchweizen einen fluoreszierenden Stoff enthält, der ähnlich dem Eosin bei Belichtung als Sensibilisator wirkt Verbreitet bei den Organismen sind das Hämoglobin und das Chlorophyll, sie absor- bieren nicht nur unsichtbare, sondern auch farbige Strahlen und für beide gilt, daß sie die Licht- einwirkung steigern. Bezüglich der mitunter so prächtig gefärbten Wassertiere und pflanzen weist S. darauf hin, daß ihren Farben als solchen die ihnen zugeschriebene Bedeutung nicht zu- komme; das Licht dringt nur 6 — 8 m tief in das Wasser, und die roten und gelben Lichtstrahlen werden zuerst absorbiert. Durch die Rot- und Gelbfärbung aber würde daslntegument in Stand gesetzt, die blauen und grünen Strahlen zu ab- sorbieren; außerdem wären ja alle Wassertiere farbenblind. Auch für viele auf der Erde lebenden Tiere hätte das Pigment nur die Bedeutung, daß die komplementären Strahlen absorbiert würden; darauf beruhe die Lichtempfindlichkeit vieler augenloser Tiere. Der Regenwurm z. B. sei lichtempfindlich und zieht sich bei Belichtung zurück, was auf den, Hämatoporphyrin enthalten- den Rückenstrang zurückzuführen sei. Dasselbe gilt auch für viele andere Tiere, die auf dem Rücken dunkel gefärbt sind. S. beschreibt dann einen Versuch , den er an seinem eigenen Auge anstellte. In einem dunkeln Raum stellte er eine Bogenlampe in einem Blechkasten auf, an dem ein Fenster mit dunkelblauem Glas (5 mm dickes blaues Uviol- glas) angebracht war. Er beobachtete in dem Licht ein Fluoreszieren seiner Linse. Auch ge- ringfügige Pigmentveränderungen der Haut (Sommersprossen) würden deutlich sichtbar, was daraus zu erklären sei, daß die unsichtbaren Strahlen durch das als Sensibilisator wirkende Pigment in sichtbare verwandelt würden. Er meinte, man hätte im Pigment der Haut eine Bildung zu sehen, durch welche nicht nur die tieferliegenden Gewebe geschützt würden, sondern welche auch die Umwandlung der strahlenden in die lebende Energie in erhöhtem Maße ver- mittelte. Die Wirkung der ultravioletten Strahlen des Sonnenlichts kommt bei den Pflanzen als Wachs- tumshemmung zum Ausdruck. S. stellte mit Begonien, Reseda, Bohnen und Erbsen drei Ver- suchsreihen auf. Es wurden möglichst gleich große Stecklinge von derselben Pflanze in Blumentöpfen in die gleiche Gartenerde gepflanzt und mit demselben Quantum Wasser begossen. Eine von ihnen wuchs frei, die zweite war mit einer Glasglocke von gewöhnlichem Glas und die dritte mit einer solchen von Euphosglas, welches nur sichtbare Strahlen durchläßt, bedeckt. Die frei wachsenden Pflanzen zeigten in ihrem Wachstum nichts Auffälliges; die unter der Glas- glocke wachsenden waren größer, und am größten die unter Euphosglas gewachsenen. Es ent- spreche dies den Erscheinungen in der freien Natur; die Hochgebirg'^pflanzen, welche am stärksten den ultravioletten Strahlen des Sonnen- lichts ausgesetzt sind, bleiben niedriger. Am größten werden die Pflanzen der Tiefebene, wo die ultravioletten Strahlen geringere Wirkung haben. Kathariner. Experimentelle Untersuchungen über die Kohlen- säurewirkung auf die Blutgefäße. Die gefaßer- weiternde, dilatatorische, und die gefäßverengende, konstriktorische, Einwirkung der im zirkulierenden Blut enthaltenen Kohlensäuremenge ist nach Unter- suchungen von Dr. Altred F'leisch (Pflüger's Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere, 171. Bd., 191 8) eine sekundäre Erscheinung und eine Folge einer Reizung der Gefäßnerven. Da die Muskelarbeit auf einer Ver- brennung beruht, der dazu nötige Sauerstoff aber dem Gewebe durch das Blut zugeführt wird, so bedarf ein tätiger Muskel einer stärkeren Durch- blutung. Die Zuführung einer größeren Blut- menge wird durch eine Erweiterung der Haarge- fäße ermöglicht. Dieselbe wird nach F. durch den Kohlensäuregehalt des Blutes unter Ver- mittlung der durch periphere Gefaßnerven hervor- gerufenen Erweiterung des Gefäßlumens bewirkt; die Säuremenge muß eine relativ geringe sein, weil in stärkerer Konzentration die Kohlensäure eine gefäßverengende Wirkung ausübt, infolge der Zusammenziehung der Muskuläres der Gefäßwand. So sahen schon Gaskell und Bayliss eine Ge- fäßerweiterung eintreten, wenn die Adern des M. mylohyoideus des P'rosches von stark verdünnter Milch- oder Essigsäure durchströmt wurden; das- selbe fanden Schwarz und Lemberger, wenn kleinste Säuremengen in die Arterien injiziert wurden. Man kann nun fragen, ob die* jeweiligen Reize, welche den wechselnden Tonus des Gefäßes verursachen, zentralen oder peripheren Ursprungs sind, d. h. ob sie auf dem Weg der Gefäßnerven der Muskuläres zugeführt werden, oder eine Reaktion auf von dieser selbst aufgenommene Reize dar- stellen. Die Versuchsergebnisse von F. sprachen für erstere Alternative; die Kohlensäurewirkung nämlich machte sich bei einem Versuchstier (Frosch) auch an dem unverletzten, am Körper gelassenen Bein geltend, wenn der Kohlensäure- N. F. XVni. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 45 Strom durch ein Gefäß des andern, abgesetzten, Beins geführt wurde. Die Reizübermittlung hatte nur durch einen zentripetal zum Gehirn als Zen- tralorgan hin, und von diesem zur Muskuläres ab- führenden zentrifugalen Nerven stattfinden können. In der Tat bildete auch die Unversehrtheit des nervösen Zusammenhangs die notwendige Voraus- setzung für das Gelingen des Versuchs. Daß die Erweiterung des Gefäßes gleichfalls eine aktive Lebenserscheinung ist, nicht etwa auf einer durch die Kohlensäure bewirkten Lähmung beruht, zeigte das Verhalten der Getäßmuskeln andern Reagentien gegenüber. Kathariner. Die Blitzwirkungen auf den menschlichen Körper bestehen, nach Dr. Ladislaus von Szalay-Ujfaluny, *) bei tödlichen Fällen in groben Verletzungen oder Brandwunden an der Ursprungsstelle, bei anderen und zwar manchmal gleichfalls tödlichen, oft aber auch auffallend harm- losen Fällen, die wohl nur durch Seitenäste eines Blitzes hervorgerufen sind, in rötlichen Flecken oder auch baumartig verästelten sog. Lichtenberg- schen Figuren. Es ist nicht nachweisbar, daß der Blitz ebenso wie der Strom einer Gleichstrom- maschine auf die Zersetzung des Blutes oder wie der einer Wechselstrommaschine auf die Zer- störung des Nervensystems einwirken könne, hin- gegen kommen Verletzungen mechanischer Art ganz analog denen durch Mörderhand vor, wie Kontusionen, Sugillationen, Schädelfrakturen und Verletzungen des Zerebrospinalsystems. Fallen Personen dem Blitz zum Opfer, ohne sichtbare Spuren des Blitzes auf ihren Körper davonzu- tragen, so sind sie nicht direkt als getroffen zu betrachten. In solchen Fällen liegt das Opfer stets auf dem Rücken, ein Anzeichen, daß der niederfahrende Blitzstrahl in kurzer Entfernung gesehen wurde. Der Tod kann dann durch Still- stand der Atmungsorgane oder der Herzfunktionen eintreten. Leute mit gesundem Organismus sind widerstandsfähiger als Leute mit Gebrechen, auch scheint das Bewußtsein eine Rolle zu spielen. Sehr kleine Kinder, Schlafende und Betrunkene verfallen, falls sie nicht getroffen werden, weniger leicht der Ohnmacht oder dem Tode als diejenigen, die im Besitz des Bewußtseins sind. Es ist, führt Verf aus, ein Schade für die Wissenschaft, daß im Falle eines durch Zeugen bestätigten Todes durch Blitzschlag von der Er- öffnung der Leichen abgesehen wird. V. Franz. Zoologie. Das Verhalten der männlichen und weiblichen Erbsubstanz in den Geschlechtszellen bei Artbasiardierung. Nach R. Hertwig kann die embryonale Entwicklung bei der Kreuzung zweier Arten entweder harmonisch oder dis- harmonisch verlaufen. Bei ersterer sind Fur- chung und Larvenentwicklung normal, während bei disharmonischer Entwicklung das Chromatin des Samenkerns ganz oder teilweise eliminiert wird ; charakteristisch dabei ist eine Erkrankung des Keims dicht vor Beginn der Gastrulation. Dies hat Balzer (Sitzungsberichte der Physikal.-med. Gesellschaft zu Würzburg, Sitzung vom 15. No- vember 1917.) auch für eine Anzahl von Stachel- häutern beobachtet, wo eine Elimination von Spermachromatin nicht eintritt. Er meint, das disharmonische Verhallen bei Artbastardierungen, welches von den bei Rassenkreuzungen abweicht, beruhe darauf, daß artfremdes Chromatin des Spermakerns das Chromatin des Eikerns nicht ersetzen könnte. In die Gruppe der EchinodermenBastarde wären wahrscheinlich eine Reihe weiterer Fälle einzuordnen: Amphibienkreuzungen, gewisse Fisch- kreuzungen, vielleicht manche Schmetterlings- bastarde und HelixBastarde. Es wäre kein Zweifel, daß man bei disharmonischen Bastarden eine Vererbung nach dem Mendel'schen Typus nicht erwarten dürfe. Die Vererbung sei in stark dis- harmonischen Fällen rein mütterlich. Bei einer Reihe von Artbastarden, die weiter gezüchtet werden konnten, verliefe die Entwicklung nicht nur in den embryonalen Stadien, sondern bis zur Geschlechtsreife des Fj Individuums ') harmonisch. Daß aber auch diese Typen nicht als völlig har- monisch betrachtet werden könnten, ginge aus dem anormalen Verhalten der Geschlechiszellen- bildung hervor. Es wären hier die von Federley und Harrison and Doncaster gezüchte- ten zahlreichen Schmetterlings-Artbastarde zu nennen. Bei diesen Kreuzungen falle die Kon- jugation der väterlichen und mütterlichen Chromo- somen total oder partiell aus. Die Geschlechts- zellen übernähmen den diploiden Chromosomen- bestand der Körperzellen fast vollzählig, während die Chromosomenreduktion fehlte. Als Beispiele für harmonische Entwicklung gibt B. an: Seeigelbastard Sphaerechinus granu- laris $ >C Paracenirotus lividus (J, gewisse Sceigel- kreuzungen zwischen Echinus acutus, esculentus, miliaris; für disharmonische Entwicklung: Seeigel $ X Ringelwürmer (J, Seeigel $ >< Mollusken (5*, — Seeigelbastarde Paracentroius 9 X Sphaerechinus (J, Paracentrotus $ X Arbacia 'nZ- ') Naturw.Wochenschr. XV (igiö) 577 — 584: Die Quanten- hypothese. universellen Konstanten zusammensetzt (Ladung e, Masse /( des Elektrons und Planck' sehe Kon- stante h), dann erhält man die Rydberg- sche Zahl t'^. Gleichung 9 geht dann in die Balmer'sche Serienformel (i) über: I I s- n^J' Wie oben erwähnt, liefert die Formel für z= i die F"requenz der Balmerserie H„, H^, H., usw., wenn man s = 2 und n = 3, 4 .... 31 setzt. Das bedeutet aber im Sinne des Bohr 'sehen Modells folgendes: Dem Elektron, das die 29 sichtbaren Linien des Wasserstoffs aussendet, stehen 31 sta- tische Bahnen zur Verfügung entsprechend den Quantenzahlen 2, 3, 4 .... 31. Springt es von der 3. auf die weiter nach innen gelegene 2. Bahn, dann emittiert es die Energie A3 — A^ als rote Wasserstofflinie H„ von der Frequenz ^ — -. Beim Sprung vom 4. auf den 2. Kreis sendet es die blaugrüne Linie H-^ aus, deren Frequenz wegen des größeren Wertes von A4 — Aj größer ist. H). entsteht beim Übergang vom 5. auf den 2. Kreis usw. Man hat sich den Vorgang des Leuchtens von Wasserstoffgas so vorzustellen, daß nicht etwa ein Atom gleichzeitig sämtliche Linien aussendet; 52 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVlII. Nr. 4 vielmehr sendet eine Gruppe H,„ eine zweite H,i usw. aus. Doch wechseln dauernd die Atom- individuen der einzelnen Gruppen. Diejenigen Gruppen , die besonders helle Linien emittieren, sind größer als die anderen. Neben der Balmerserie sind noch zwei weitere Serien des Wasserstoffs bekannt, welche im un- sichtbaren Teil des Spektrums liegen, nämlich die ultrarote und die ultraviolette. Auch für diese liefert die Bohr'sche Formel die Schwingungs- zahlen, wenn man s = 3 bzw. = i und n = 4, 5, 6 . . . . bzw. 2, 3, 4 ... . setzt. Die ultraroten Linien werden demnach erzeugt durch Sprünge des Elektrons von äußeren Ringen auf den dritten, während für die kurzwellige Serie der erste Elek- tronenring die Endbahn darstellt. Das zweite in der Reihe der Elemente ist das Edelgas Helium, für dasselbe ist demnach 2=2, d. h. der Kern enthält zwei positive La- dungen. Um diese kreist ein Elektron, d.h. das Heliumatom ist nicht neutral, sondern positiv ge- laden. IVIan erhält, wenn man in (9) z = 2 setzt: Daraus ergeben sich für s = 3 und = 4 die bei- den Serien des Heliums, welche man vor Bohr dem Wasserstoff zuschrieb. Doch stimmen die berechneten Zahlen nicht genau mit den beobach- teten überein. Volle Übereinstimmung wird er- zielt, wenn man berücksichtigt, daß Kern und Elektron um ihren gemeinsamen Schwerpunkt rotieren, daß also der Kern an der Bewegung teilnimmt. Beim Wasserstoff haben wir die Kern- masse m als unendlich groß gegenüber der Elektronenmasse /( angesehen. Die genauere Rechnung ergibt, daß zu der Ry dberg'schen Zahl der Faktor hinzutritt (die Zahl v„ ist m demnach genau genommen keine Konstante, sie ändert vielmehr ein wenig von Element zu Ele- ment). Die Tatsache, daß eine Verschärfung in der Genauigkeit der Rechnung die Resultate ver- bessert, ist ein neuer Triumph der Bohr 'sehen Theorie. Eine nur oberflächliche Übereinstimmung des Modells mit der Wirklichkeit erscheint hier- nach nicht mehr möglich. d) Sommer feld's Weiter führung der Bohr'schen Theorie. Bei hinreichend starker Auflösung zeigt es sich, daß jede Linie der Balmerserie aus zwei dicht nebeneinander liegenden Linien (Dublett) besteht, deren Schwingungszahlen sich um den kleinen Betrag ^ ^ h unterscheiden, d. h. im Sinne des Bohr'schen Modells, daß die Endbahn, aufweiche das Elektron springt, aus zwei dicht nebenein- ander liegenden Bahnen von ein wenig verschiedener Energie besteht (es können natürlich auch zwei verschiedene Anfangsbahnen und eine Endbahn $ein). Es müssen also mehr statische Bahnen vorhanden sein als die Bohr'sche Formel an- gibt. Über diese gibt uns die Weiterführung der Theorie durch Sommerfeld (1916) Auskunft. Unter dem Einfluß der Newton'schen An- ziehung beschreibt der Planet eine Ellipse, deren Gestalt durch zwei Größen (große und kleine Achse, a und b) bestimmt ist. Durch Angabe von zwei veränderlichen (Polarkoordinaten), näm- lich der azimutalen (Winkel) (p und der radialen r, ist die jeweilige Lage des Planeten festgelegt. Bei der Bewegung auf dem Kreise dagegen ge- nügt die Angabe von (p. Sommerfeld stellt nun für beide Koordinaten (Freiheitsgrade) eine Quantenbedingung auf. Neben der Bohr'schen, die für die azimutale (p fordert, daß das Impuls- iv moment n ^ sei, stellt er eine entsprechende für die radiale Koordinate ein. Er findet dann als statische Bahnen neben, dem Bohr'schen Kreis konfokale Ellipsen, deren große Achse mit dem Kreisdurchmesser übereinstimmen. Berechnet man die Energie des Elektrons auf den verschiedenen Bahnen, dann findet man einen Wert, der sich von dem Bohr'schen (7) nur dadurch unterscheidet, daß statt der einen Quantenzahl n entsprechend den beiden Quanten- bedingungen die azimutale Quantenzahl n und die radiale n' vorkommen. Die Energie der ver- schiedenen Kreis- und Ellipsenbahnen ist dem- nach nur abhängig von der Summe (n -j- n') der Quantenzahlen und unabhängig von der Kom- bination, wie die Quantenzahfen einzeln auf die beiden Freiheitsgrade verteilt sind. Wir erhalten also neben dem Bohr'schen Kreise als statische Bahnen wohl Ellipsen z. B. für n -|- n' = 2 eine; doch da die Energie der Kreis- und der Eilipsen- bahnen gleich sind, ergibt die 2. Bohr'sche Quantenbedingung (8), nach der h-v^An — As ist, dieselbe Frequenz der ausgesandten Spek- trallinie, wenn das Elektron von emer der äußeren Bahnen auf den Kreis oder die Ellipse springt. Eine Erklärung der Doppellinien ist also bisher nicht erreicht. Berücksichtigt man indessen, daß die Masse /t des Elektrons nicht unveränderlich ist, sondern von der Geschwindigkeit abhängt (Relativitäts- theorie), dann wird die Energie der Bahnen, welche zu n -)- n' = konst. gehören, etwas ver- schieden; es ergibt sich eine geringe Verschieden- heit /^ v in der Frequenz des emittierten Lichtes, wenn das Elektron auf den Kreis oder die Ellipse des zweiquantigen Ringes übergeht. Die Theorie liefert für das /\ v der Doppellinien des Wasser- stoffs, kurz mit /\ )'h bezeichnet, 0,363, einen Wert der mit der Messung an den Dubletts der Balmerserie gut übereinstimmt. Die Ausmessung ist wegen der Unscharfe der H-Linien und wegen der Kleinheit der zu messenden Größe schwierig. Günstiger liegen die Verhältnisse beim Helium; N. F. XVni. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 53 die Theorie ergibt nämlich, daß /\ v proportional z* ist, so daß der PVequenzunterschied der Doppel- linien für irgendein Element beträgt : (12) A'' = z-'-A J'H. Da für Helium die Ordnungszahl z = 2 ist, muß der Abstand seiner Doppellinien 2* = i6 mal so groß wie beim Wasserstoff. Die 1916 von Paschen ausgeführten Messungen zeigen, daß die Beobachtungen am Helium mit der Theorie übereinstimmen, eine Tatsache, die sehr für die Sommerfeld'sche Hypothese spricht. e) Theorie der Röntgenspektren. Wie schon angedeutet, haben wir uns den Atombau der übrigen Elemente so vorzustellen, daß wenn wir im periodischen System um einen Schritt weiter gehen, die Kernladung um eine positive Elementarladung zunimmt, während in den Ringen ein Elektron hinzutritt. Es bilden sich nach außen immer neue von Elektronen be- setzte Ringe aus, wobei die Elektronenzahl der inneren ungeändert bleibt. Das periodische Ver- halten der physikalisch chemischen Eigenschaften der Elemente, das in der Anordnung im periodi- schen System zum Ausdruck kommt, ist durch die periodische Ausbildung äußerer Ringe bedingt. Diejenigen physikalischen Eigenschaften, die in den innersten, unverändert bleibenden Ringen ihren Ursprung haben, sind eine einfache nicht periodische Funktion der Kernladung. Man hat nun Grund (s. u.) zu der Annahme, daß die Ent- stehung der Röntgenspektren in den innersten Ringen zu suchen ist. Die Röntgenspektroskopie 1) wird uns also über das Bohr 'sehe Modell weiteren Aufschluß geben. Die von der Antikathode der Röntgenröhre ausgehende Strahlung besteht aus zwei Teilen, der „weißen" Bremsstrahlung, die bei der Verzögerung des Elektrons im Antikathoden- metall entsteht und ein kontinuierliches Spektrum liefert, und zweitens der Ei gen- oder charakteristischen Strahlung, welche von dem Atom des Antikathodenmetalls ausgeht, wenn seine Elektronen durch den Aufprall des fremden hineinfahrenden Elektrons zum Strahlen gebracht werden. Nur die letztere, welche sich als Linienspektrum erweist, wenn man sie mit einem sich drehenden Kristall untersucht, ist für uns von Interesse. Jedes Element hat ebenso, wie es in dampfförmigem Zustande ein charakte- ristisches optisches Spektrum besitzt, auch sein eigenes Röntgenspektrum, dessen Linien sich ebenfalls in Serien gliedern; man unterscheidet die sehr harte (kurzwellige) K- und die weichere L-Serie, und schließlich ist bei einigen schweren Elementen noch die langwellige M-Serie beobachtet worden. Das bekannte Röntgenlinienspektrum der Elemente umfaßt rund 6 Oktaven, die Wellen- längen liegen etwa zwischen 0,2 und 12-10-8 cm; ') Naturw. Wochenschr. 1918. 611— 6l8. Über Röntgen- spektroskopie. seine längste Wellenlänge ist durch 6 Oktaven von der kürzesten optischen (ultravioletten) ge- trennt. Da das Hochfrequenzspektrum einer Le- gierung die Linien ihrer Komponenten unver- ändert zeigt, ist das Röntgenspektrum eine additive Eigenschaft der Atome. Der Aufbau der Spektren ist wesentlich einfacher als bei den optischen : die K-Serie sämtlicher Elemente — von Elementen, deren Ordnungszahl z kleiner als II (Natrium) ist, ist ein Röntgenspektrum nicht bekannt — zeigt fast immer die gleiche Anzahl Linien, nämlich 4, ebenso die M- und die L-Rei_he, welch letztere mehr Linien hat. Geht man in der Reihe der Elemente im Sinne wachsen- der Ordnungszahl z vorwärts, dann verschieben sich sämtliche Serienlinien ganz regelmäßig um annähernd gleiche Schritte nach der Seite der kürzeren Wellenlängen, und zwar erfolgt die Ver- schiebung so regelmäßig, daß man dadurch fehlende Elemente und falsche Gruppierungen der Elemente auffinden kann. Da mit der Ordnungszahl die Kernladung zunimmt, so liegt die Auffassung nahe, daß die Röntgenspektren in den innersten Elektronenringen, die am stärksten unter dem Einfluß des Kerns stehen, ihren Ursprung haben. Die Beziehung zwischen Frequenz v (d. i. Lage der Linie) und der Ordnungszahl z ist wie schon erwähnt (2) nach Moseley gegeben durch ]»'=a (z— b\ wo a und b Konstante. Dieser Ausdruck nimmt, wenn man die Zahlenwerte für a und b einführt, für die stärkste Linie der K- bzw. der L-Serie die Form an : »'K = »-o (Z I - I I T^ 2 2 I I 2^ 3~' "L = »'0 (Z — 7.4)' ^- Man erkennt leicht die nahe Übereinstimmung mit der Balmer'schen Serienformel (10) Vo be- deutet wieder die Rydberg'sche Zahl; statt z tritt z — I bzw. z — 7,4 auf, d. h. nicht die ganze Kernladung, sondern nur ein Teil derselben ist wirksam (s. w. u.). Nach Bohr heißt das aber, die Linie- K„ entsteht, wenn das Elektron von zweiten auf den innersten Kreis übergeht, dann würde aber die K-Serie der ultravioletten VVasser- stoffserie, die L-Reihe der Balm erserie der Wasser- stoffs entsprechen, da beide beim Übergang des Elektrons auf den zweiten Ring entstehen, eine Annahme, die durch die genauere Untersuchung betätigt wird. Die Theorie Sommerfeld 's, die Ausdeh- nung der Quantenhypothese auf Systeme mit zwei Freiheitsgraden, hat auch hier weitere Auf- klärung geschaffen. Wie oben auseinandergesetzt wurde, führt die Aufstellung der Quantenbedingung auch für die radiale Koordinate und die Berück- sichtigung der Veränderlichkeit der Elektronen- masse mit der Geschwindigkeit zu einer größeren Zahl von statischen Bahnen ; neben den B o h r ' - sehen Kreisen sind Ellipsen zulässig. Da die 54 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVLI. Nr. 4 Energie der zu einem Ring gehörigen Kurven etwas verschieden ist, ergeben sich etwas ab- weichende Frequenzen, wenn das Elektron von außen her auf die eine oder die andere Kurve springt; auf diese Weise gelingt es, die Fein- struktur der Wasserstoff- und Heliumserien in guter Übereinstimmung mit der Erfahrung abzu- leiten. Auch die Feinstruktur der Röntgeuserien- linien läßt sich auf diese Weise erklären. Die "La, Abbildung ') zeigt das Modell des inneren Teiles eines Atoms: Im Zentrum sitzt mit + bezeichnet der positiv geladene Kern. Als innerste Bahn kommt der Kreis I als sogenannter K Ring (ein- quantig) in Betracht. Der nächste Ring, der L- Ring, ist zweiquantig (n + n' = 2); er setzt sich aus zwei Bahnen zusammen, dem Kreise und der Ellipse, deren große Achse dem Kreisdurchmesser gleich ist; sie ist gestrichelt ebenfalls als Kreis gezeichnet. Auf dem dreiquantigen MRing sind drei Bahnen, ein Kreis und zwei Ellipsen (von verschiedener kleiner Achse) möglich usw. Springt der Elektron von außen her auf den Kreis K, so wird beim schweren Atom die K-Reihe, beim Wasserstoff die dieser entsprechende ultraviolette Serie (in Formel 10 ist s = I, n ^ 2, 3, 4 .' . .) emittiert, und zwar ergibt sich folgende Fein- struktur: Es entsteht beim Übergang des Elek- trons zum einfachen K-Ring I i) vom zweifachen L Ring II ein Dublett (in der Fig. mit K„ und Ki/, bezeichnet), 2) vom dreifachen M Ring III ein Triplett (der Übersichtlichkeit halber ist in der Abb. nur die Entstehung einer Linie durch den Strahl K^ an- gedeutet, es müßten drei sein), 3) vom vierfachen NRing IV, ein Quartett. K;. besteht aus 4 Linien usw. Entsprechend wird beim Übergang des Elek- trons auf den L-Ring II vom schweren Atom die L-Reihe, vom Wasserstoff die Balmerserie emittiert (s = 2, n = 3, 4, 5 in Gleichung). Die ') Die Abbildung ist der Arbeit von E. Wagner, Über Röntgenspektroskopie, Phys. Zeitsclir. XVIII (1917) S. 489, entnommen. zu erwartende Feinstruktur der Linien läßt sich durch Abzahlung der möglichen Übergänge leicht aus der Figur ermitteln. Wie schon erwähnt ergibt sich die Beziehung (12) zwischen dem Abstand 1\v-q_ des Wasser- stoffdublettes und dem /\ v der Doppellinien der übrigen Elemente: Nach Sommerfeld gilt für die Röntgen- dubletts die ähnliche Formel A»' = A''H-(z — 3, 5)*- Die Schwingungsdifferenzen der K- und L- Dubletts lassen sich messen und nach obiger Formel berechnen. Es ergibt sich gute Überein- stimmung, was eine außerordentliche Stütze der Theorie bedeutet , da /\ y für z := 92 (Uran , in der LSerie gemessen) rund 150 Millionen mal größer ist als für Wasserstoff. Die Röntgen- dubletts sind nach Sommerfeld makro- skopische Wasserstoffdubl e tts. A''H wird daher am besten nicht an den Wasserstoff- linien, sondern am Röntgenspektrum eines Schwer- metalls gemessen. Warum auch hier wie in der Mosel ey'schen Formel von der Kernladung z etwas abgezogen werden muß, um volle Übereinstimmung zu er- zielen, ist noch nicht ganz aufgeklärt. Daß nicht die ganze Kernladung wirksam ist, ist vielleicht dadurch zu erklären, daß die auf den Ringen kreisenden Elektronen sich gegenseitig abstoßen und so die Wirkung des Kerns vermindern (ab- schirmen). Eine weitere Frage, welche noch der Beant- wortung harrt, ist die, mit wieviel Elektronen die verschiedenen Ringe im Normalzustand besetzt sind. Debye nimmt z. B. im innersten Ring (K-Ring) 3 Elektronen an, während Kossei von innen nach außen fortschreitend für die Ringe 2, 8, 8, 18, 18 Elektronen fordert; die vier letzten dieser Zahlen geben die Zahl der Elemente an, die den vier ersten Perioden des periodischen Systems angehören. Von dem Vorgang der Emission der charak- teristischen Röntgenstrahlen (Eigenstrahlung) kann man sich nach Kossei folgendes Bild machen: Ein mit großer Wucht von der Kathode kommen- des Elektron dringt durch den innersten Teil eines Atoms des Antikathodenmetalls, es entfernt dabei ein Elektron des ersten Ringes und befördert es an die Oberfläche des Atoms (in der Abbildung ist dieser Vorgang durch den Strahl Ka (°°) an- gedeutet). Das im ersten Ring fehlende Elektron wird durch eins aus dem zweiten (L-)Ring ersetzt, dabei wird K„ ausgestrahlt. Wird es aus dem dritten, dem M Ring ersetzt, dann wird K.( emit- tiert. Da das letztere relativ seltener geschieht, ist K.( lichtschwächer als K«. Jetzt fehlt im L- Ring ein Elektron, dieses wird aus dem MRing ersetzt, wobei eine Ausstrahlung von L., erfolgt, und so geht es weiter. Es wird die am K-Ring verausgabte Energie Ka sukzessive in den einzel- nen Emissionsakten der aufeinanderfolgenden Serien N. F. XVIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 55 in immer kleineren Beträgen restlos zurückerstattet. (Die Energiebilanz lautet: Ka = K„ + U -f M« -)-....) Ist die Geschwindigkeit der die Strah- lung erregenden Kathodenstrahlen geringer, dann dringen sie nicht bis zum innersten K-, sondern nur bis zum LRing vor und schlagen aus diesem ein Elektron heraus. Wieder findet ein sukzessives Auffüllen der Ringe von außen her statt. Als härteste Strahlung wird hierbei die L Serie emit- tiert, und zwar müssen, wie es auch die Erfahrung zeigt, sämtliche Linien gleichzeitig auftreten; es gelingt nicht, eine oder einzelne für sich allein zu erregen. Ist die Röhre, wie wir oben ange- nommen hatten, härter, ist also die Kathodenstrahl- geschwindigkeit größer, dann wird die (härtere) kurzwellige K-Strahlung erregt und zwar wieder sämtliche Serienlinien gleichzeitig. Zu betonen ist, daß sich die Bohr- Sommer- feld 'sehe Spektraltheorie nur auf wasserstoff- ähnliche Spektren bezieht, d. h. auf solche, die durch die Strahlung von einem Elektron entstehen. Den Einfluß der übrigen Elektronen in Rechnung zu stellen, ist noch nicht gelungen. Auf jeden Fall ist man berechtigt zu sagen, daß mit dem Bohr 'sehen Modell ein recht ver- heißungsvoller Anfang in der Atomdynamik ge- macht ist. Es gelingt nicht nur die Serien von Wasserstoff und Helium und die Röntgenserien der Schwermetalle mit ihm zu erklären, sondern worauf hier nicht eingegangen werden soll, auch der Stark- und der Zeeman n - Effekt lassen sich quantitativ richtig aus dem Modell ableiten. Literaturangaben. 1) E. Wagner, Über Röntgenspektroskopie. Phys. Zeit- schrift XVIII (1917) 461, 488. 2) ¥..\. Lindemann, Über die Grundlagen der Atom- modelle. Ber. d. deutsch, physikal. Ges. XVI (1914) 281. 3) W. Kossei, Bemerkungen zur Absorption homogener Röntgenstrahlen. Ber. d. deutsch, physikal. Ges. XVI (1914) 953- 4) F. Reiche, Die Quantentheorie. Naturwissenschaften VI (1918) S. 213. 5) P. Epstein, Anwendungen der Quantenlehre in der Theorie der Serienspektren. Ebenda S. 230. 6) A.Sommerfeld, Der innere Aufbau des chemischen .Atoms und seine Erforschung durch Röntgenstrahlen. Zeitschr. d. Vereins deutsch. Ingenieure 1917. 7) N. Bohr, Phil. Mag. XXVI (1913) I, 476, S57, XXVH (1914) 506, XXX (1915) 394- 8) E. Riecke, Das Bohr'sche Atommodell. Physikal. Zeitschr. XVI (1915) 222. Die philosophischen Richtungen in ihrem Verhältnis zur Matur Wissenschaft und ihre Synthese in der „Philosophie des Als-ob". [Nachdruck verboten.] Von E. Boerma. Heute besteht in den Naturwissenschaften, den exakten wie den beschreibenden, und der ihnen nächstverwandten Wissenschaft, der Mathe- matik, ein reges philosophisches Interesse, und es ist daher natürlich, wenn die Vertreter und Freunde dieser Disziplinen von Zeit zu Zeit, sei es von einem einzelnen Problem geführt, sei es im Blick auf das Ganze ihres Gebietes, sich in philosophischen Dingen umsehen. Diese immer noch zunehmende Bedeutung der Philosophie ist neuerdings auch von offizieller Stelle anerkannt durch die Betonung, welche die philosophische Ausbildung in der neuen Prüfungsordnung für die Kandidaten des höh. Lehramts erfahren hat. Dieses Eindringen der Philosophie wurde ver- ursacht einerseits durch den Aufschwung der Naturwissenschaft im allgemeinen, sodaß es not- wendig wurde, ihre Stellung im Gesamtgebiete des Geistesleben näher zu bestimmen und ihre Leistungs- fähigkeit für das Ganze einer Weltanschauung ab- zuschätzen; andererseits durch die Verfolgung ge- wisser Einzelprobleme, welche auf die Grundlagen der Logik und Erkenntnistheorie zurückzugehen zwangen. Von der gewaltigen Höhe, zu der sich die Forschung in unserem „naturwissenschaftlichen Zeitalter" emporgeschwungen hatte, glaubte sie sich berechtigt, ein umfassendes Weltbild zu ent- werfen und die letzten Welträtsel zu lösen. Wer erinnert sich nicht an die mächtige, im vorigen Jahrhundert über Deutschland hereinbrechende Welle des Materialismus, der in Kraft und Stoff die einzigen Substanzen der Welt sah und alle Lebensvorgänge, auch die Erscheinungen des Seelenlebens, mit dem Mechanismus von Atom- bewegungen erklären wollte. Die ,, Überwindung des naturwissenschaftlichen Materialismus" führte zu dem — weit genialeren — energetischen Wellbilde (Ostwald), in welchem die unklaren Vorstellungen von Materie und Kraft durch den exakten und viel umfassenderen Energiebegriff ab- gelöst waren, ohne daß aber dieses Wehbild mit jenen Unklarheiten auch zugleich die prinzipiellen Mängel solcher einseitigen Metaphysik überwunden hätte. Wenn heute im allgemeinen von selten der Naturforscher jene metaphysischen, d. h. über das tatsächlich naturwissenschaftlich Erforschte will- kürlich hinausgehenden Naturphilosophien abge- lehnt werden-, so ist dafür ein Hauptgrund die Tatsache, daß wie wir schon sagten, innerhalb der Einzelforschung selbst an gewissen Stellen eine philosophische Vertiefung notwendig wurde, die ihrerseits die philosophische Kritik bei den Natur- forschern wachrief. Diese Probleme sind heute ungemein zahlreich und stehen zum Teil im Vordergrund der wissenschaftlichen Erörterung, teils haben sie eine längere Entwicklung hinter sich. Nur einige Beispiele. In der Geometrie nehmen wir nicht mehr, wie die Alten, eine Anzahl von Grundsätzen als selbstverständlich hin und dedu- zieren von da. Was ist die Natur der geometrischen 56 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 4 Axiome ? Dies ist eine Frage, welche auch die Philosophie angeht, da sie auf den Ursprung unseres Erkennens zurückgreift. Ist die Geometrie, weit entfernt, eine bloße Ausspinnung reiner Denkbeziehungen zu sein, etwa auch eine Natur- wissenschaft, basiert auf die Erfahrung, nur daß diese Erfahrungen viel allgemeinerer Art und leichter zu machen sind als etwa diejenigen der Physik und Chemie ? Tatsächlich sind iihre Axiome, wo sie nicht einfach nur Definitionen enthalten, willkürliche, aber durch die Erfahrung als zweckmäßig nahegelegte Festsetzungen. Kein Wunder also, daß der Beweis des berühmten Euklidischen Parallelenaxioms so lange vergeblich gesucht wurde, bis hier, ähnlich wie bei der Konstruktion des perpetuum mobile, aus dem negativen Ergebnis eine positive Erkenntnis wurde. ^ Mit der zunehmenden Genauigkeit der Messungen könnten sich also solche Axiome sehr wohl als nur angenähert brauchbar erweisen. Hier ergeben sich Ausblicke auf ganz neue Geo- metrien; wie sie in der Tat von der Wissen- schaft bereits ausgebaut sind. Auch die strenge Begründung der Arithmetik erfordert, ähnlich wie die der Geometrie, eine tiefere logische Durchdringung. Die neuere Mathematik endlich unterscheidet sich von der griechischen dadurch, daß sie freier mit dem Be- griff des Unendlichen operiert; eben damit aber hat sie eine ewige crux der Mathematiker und der Philosophen eingeführt. Die Antinomien des Unendlichen haben seither nie aufgehört, die Geister zu beschäftigen. In der Physik kommt man zunächst scheinbar ohne philosophische Untersuchung aus. Aber schon die Analyse des Trägheitsgesetzdes, das auf die Voraussetzung einer absoluten Bewegung führt, häuft die Schwierigkeiten und beschwört die heute lebhafte Diskussion über die funda- mentalen Begriffe Raum und Zeit herauf Die Entwicklung, welche die physikalische Erklärung der Erscheinungen der verschiedenen Sinnesge- biete durchmacht, der Streit zwischen dem mechanischen und elektrischen Bilde der Außen- welt, ist auch von philosophischer Bedeutung. Die Astronomie ist die Geburtsstätte desjenigen Begriffs, der seit Kepler die Naturforschung be- herrscht: das ist der Begriff des aus der Er- fahrung abgeleiteten „Naturgesetzes". Der Sinn der Naturgesetzlichkeit führt, namentlich durch den Konflikt mit der Willensfreiheit, zu einem berühmten philosophischen Problem. Aber auch die beiden aktuellsten Einzelprobleme der gegen- wärtigen Physik, die man mit den Schlagworten Quantentheorie und Relativitätsprinzip andeuten kann, greifen mit ihren eigenartigen Vorstellungen in die letzten Grundbegriffe unserer Weltanschauung hinein. — Die Probleme, welche die Chemie über die Struktur der Materie aufgibt, fallen hinsicht- lich ihrer philosophischen Bedeutung mit denen der Physik zusammen, Die biologischen Wissen- schaften enthalten wieder eine große Zahl philo- sophisch wichtiger Probleme, in dem Maße, als sie dem schließlichen Ausgangs- und Endpunkte aller Philosophie — dem menschlichen Leben — näher kommen. Hier der Streit zwischen Mechanismus und Vitalismus, und die damit eng zusammen- hängende Frage nach der Entstehung des Lebens, hier vor allem der über das engere Gebiet weit hinaus einflußreiche Entwicklungsgedanke. Die Psychologie endlich ist durch ihre grundsätzlichen Fragen nach dem Verhältnis zwischen Geist und Körper so eng mit der Philosophie verwachsen, daß ihre Abtrennung zu einer selbständigen Naturwissenschaft erst in jüngster Zeit und noch immer nicht vollständig erfolgt ist. So bemächtigt sich die Philosophie in allen Einzelwissenschaften der Mitarbeit an gewissen Problemen. Diese Verschmelzung reiht sich ein in eine allgemeinere Erscheinung, die wir in unserer Zeit beobachten können : trotz aller Spezi- alisierung auf der einen Seite finden andererseits immerneue Synthesen zwischen den verschiedensten Gebieten statt; ihre Grenzen verwaschen sich, es entstehen Mischdisziplinen von zum Teil hervor- ragender Fruchtbarkeit. Als typisches Beispiel kann heute die physikalische Chemie gelten. Zweifellos müssen die Förderer dieser Gebiete besonders vielseitig sein, wie dies an dieser Stelle ') Auerbach kürzlich ausgeführt hat; es müssen universelle Forscher sein vom Schlage eines Helm- holtz, des Begründers der physiologischen Optik. Es wäre übrigens ein Irrtum, anzunehmen, daß die Verschwesterung der Philosophie mit den Einzelwissenschaften nur für die Gegenwart cha- rakteristisch sei. Wenn auch zu verschiedenen Zeiten in wechselndem Maße, so hat doch immer wieder ein Kontakt zwischen beiden stattgefunden, der oft prinzipielle Fortschritte gebracht hat. So zeigt es die älteste der Wissenschaften, die Mathe- matik: Ihre größten Fortschritte, so urteilt der berühmte Historiker dieser Wissenschaft, H. Han- kel, waren die pythagoräische Entdeckung des Irrationalen, Plato's Einführung der analytischen Methode, Descartes' analytische Geometrie und Leibniz' Differential- und Integralrechnung; und alle vier Leistungen verdanken wir Forschern, die gleichzeitig hervorragende Mathematiker und un- sterbliche Philosophen gewesen sind. Es ist also nur natürlich, wenn von natur- wissenschaftlicher Seite de.' Philosophie Aufmerk- samkeit geschenkt wird. Nun aber ist die Philo- sophie in ihrer Entwicklung eigene Wege ge- gangen, es haben sich bestimmte keineswegs mit- einander übereinstimmende Richtungen heraus- gebildet; an welche wird sich der Naturwissen- schaftler anlehnen? Von vorn herein ist nicht zu erwarten , daß sie alle in ihrem Verhältnis zur Naturwissenschaft gleichwertig sind. Die bunte Mannigfaltigkeit des ersten Ein- ') .Auerbach, ,,Zur physiologischen < )ptik", Naturw. Wochenschr. N. F. XVU. S. 599 fif. N. F. XVIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 57 druckes beim Betrachten der philosophischen Richtungen weicht alsbald einer ausgeprägten Gruppierung in zwei vorherrschende Typen, die natürlich durchaus nicht immer ui-.vermischt auf- treten. Wir schalten dabei diejenigen unkriti- schen Systeme aus, welche überhaupt keine Er- kenntnistheorie zulassen, wie z. B. jene eingangs erwähnten Naturphilosophien. Von den kritischen Richtungen hält sich die eine an die positiven, gegebenen Tatsachen und hat daher den treffen- den Namen Positivismus erhalten ; sie verwirft die Einmischung aller über die unmittelbare Gegeben- heit hinausgehenden, metaphysischen Vorstellungen, sie stellt sich ganz auf den Boden einer einheit- lichen, „monistischen" Erkenntnisquelle: der Er- fahrung. Von hier aus sucht sie die Erkenntnis- theorie, die Ethik, die Kulturphilosophie zu be- gründen und eine gesamte Welt- und Lebens- anschauung zu geben. Das Gegenstück bildet jede Richtung, die den Boden der positiven Tatsachen veiläßt, und hier sind natürlich weit mehr Mannigfaltigkeiten mög- lich. Nach dem ersten System, welches diese Richtung verkörperte und wegen der Vollkommen- heit seines Baues und der Wucht seiner geschicht- lichen Wirkung als typischer Vertreter gelten kann, nach der Lehre Plato's, pflegt msn diese Tendenzen unter dem Namen Idealismus zusammen- zufassen. Wir können uns hier eine genauere Definition, die notwendig mit einer ausführlichen Analyse der klassischen Philosophie verbunden wäre, ersparen. Jeder pflegt bei der Lektüre eines philosophischen Werkes sehr bald ein Gefühl da- für zu haben, welcher Richtung ein Denker vor- wiegend angehört. Immer dort, wo von „abso- luten" Wahrheiten die Rede ist, wo von der Er- fahrung unabhängige, „a priorische" Erkenntnis- formen nachgewiesen werden, wo, sei es offen, sei es versteckt, auf die metaphysischen Wurzeln des Denkens zurückgegangen wird, liegt diese Richtung vor. Im allgemeinen läßt sich nun sagen, daß der Positivismus ein weit innigeres Verhältnis zu den Naturwissenschaften einnimmt. Es ist daher nicht verwunderlich, daß wir die großen philosophieren- den Naturforscher unserer Zeit vorwiegend im positivistischen Lager antreffen. Hier stehen z. B. die großen Physiker wie Kirchhoff, der das Ziel der Physik in einer möglichst einfachen und vollständigen Beschreibung der Vorgänge sah ; wie Maxwell, Hertz und nicht zuletzt Ernst Mach, einer der wenigen Naturforscher, die einen philosophischen Lehrstuhl innehatten und so gleich- sam persönlich die Synthese zwischen Naturwissen- schaft und Philosophie verkörpern. Ernst Mach hat mit seinem Kampf gegen metaphysische Vor- stellungen eine dauernde Wirkung, mit seiner auf das Prinzip der „Ökonomie des Denkens" gegrün- deten Erkenntnistheorie einen ziemlich ausgedehnten Einfluß auf die Gegenwart ausgeübt. Von den Vertretern der biologischen Wissenschaften nennen wir hier den Physiologen Verworn, dessen Kritik des Kausalbegriffes und sonstige philo- sophische Erörterungen sich ganz im positivisti- schen Sinne halten. — Einer der Größten, Helm- h o 1 1 z , bekennt sich zwar als Kantianer, aber seine Auffassung ist in Wahrheit von der trans- zendentalen Erkenntnislehre Kant's weit entfernt; überdies ist das Kan tische System selbst, das auf den ersten Eindruck wie aus einem Guß er- scheint, von den widersprechendsten Tendenzen durchsetzt; es finden sich bei Kant so viele positivistische Seiten, daß ihn einer der treuesten Schüler Com t es (des Begründers des neueren Positivismus) sogar als einen Vorläufer seines Meisters betrachten konnte. Auf der anderen Seite steht der Idealismus den Naturwissenschaften fremder gegenüber. Seine Stärke liegt mehr auf dem Gebiet der Geistes- wissenschaften und der Kulturprobleme; außer in der Erkenntnistheorie wirkt er erfolgreich in der Begründung der Ethik, der Rechtsphilosophie, der Kunst, der Religion. Durch die Erkenntnistheorie kommt auch der Idealismus mit den Naturwissen- schaften in Berührung, aber seine Wirkung auf sie ist sichtbar geringer. Unter den selbständig philosophischen Naturforschern findet man weit weniger Vertreter der idealistischen Richtung. Die idealistischen Philosophen pflegen heute die Naturwissenschaften keineswegs gering zu achten. Es scheint, als wollten sie die Fehler wieder gut machen, welche der Idealismus in seiner letzten Blüteperiode begangen hat. Durch diese, namentlich durch Seh el 1 ing und Hegel, war die Philosophie bei den Naturforschern in Mißkredit gekommen. Die neue idealistische Be- wegung ging, wie die klassische, von Kant aus, aber sie nahm eine mehr kritische Entwicklung. Die einflußreiche Marburger Schule mit den Führern Cohen und N a t o r p hat in ihrer Erkennt- nistheorie sogar gewisse mathematisch- naturwissen- schaftliche Probleme in den Vordergrund gestellt. Auch sonst wird von idealistischer Seite der prinzipielle Unterschied zwischen Natur- und Kulturwissenschaften herausgearbeitet. Indessen so scharfsinnig und geistvoll oft die hier vorge- brachten Gesichtspunkte sind, haben sie sich doch nicht mit den lebendigen Naturwissenschaften amalgamieren können. Es bleibt aber immer noch für den Natur- wissenschaftler wertvoll, gelegentlich in einzelne dieser oft tiefgreifenden Spekulationen einzu- dringen. Hier mag, neben den uns näher stehen- den deutschen Forschern, auf den kürzlich (Oktober 191S) verstorbenen französischen Philo- sophen Emile Boutroux hingewiesen werden, der übrigens ein vortrefflicher Kenner des deut- schen Geisteslebens war; bedauerlicherweise hat er während des Krieges nicht immer die objektive Haltung gegen Deutschland gewahrt. Dieser Denker hat in einer Aufsehen erregenden Arbeit „De la contingence des lois de la nature" das Problem Naturgesetz und Willensfreiheit in ori- gineller Weise angegriffen, die einer Weiterent- 58 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 4 Wicklung fähig ist und auch in weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient. Hier ka;nn auf die speziellen philosophischen Untersuchungen nicht eingegangen werden. Der Positivismus hat also für den Naturwissen- schaftler von seinem Standpunkte aus einen Vor- zug, aber gerade darin liegt eine Gefahr. Dem Positivismus ist es bisher nicht gelungen, ein be- friedigendes Weltbild aufzustellen; schon die Be- gründung der Ethik stößt wie es scheint, auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Diese entgehen oft demjenigen, der der Philosophie nur von ferne folgt. So bewirkt der Posivitismus für alle, die über die Einzelforschung hinaus das Streben nach einer einheitlichen Weltanschauung nicht verloren haben , die Gefahr der Einseitigkeit oder aber jenes Zwiespaltes, der zwischen naturwissenschaft- lichen und ethisch-religiösen Dingen eine unüber- windliche Kluft errichtet. Hier ist es nun von Interesse, daß gegen- wärtig versucht wird, den Gegensatz zwischen Positivismus und Idealismus zu überbrücken und zwischen den aus den Naturwissenschaften ge- wonnenen positivistischen Anschauungen und den damit unverträglichen, von den Idealisten betonten Forderungen des ethischen Lebens eine Synthese herzustellen. Ein Versuch, der sich dieses Ziel von neuem stellt, kann, außer der Aufmerksam- keit der Fach Philosophen, auch das Interesse der Naturforscher beanspruchen. Dieser Versuch ist gemacht in einem eigen- artigen, in kurzem berühmt gewordenen Werke „Die Philosophie des Als ob" ^) von Hans Vai- hingen Es gehört zu jenen bemerkenswerten Werken der Philosophie, die, wie Leibniz' Essais, durch Zufall erst lange Zeit nach ihrer Entstehung ihren Weg in die Öffentlichkeit ge- funden haben und dann doch von einer außer- ordenUichen Wirkung gewesen sind. Es begründet eine Synthese zwischen den beiden sich be- kämpfenden Strömungen, einen „idealistischen Positivismus"; der Standpunkt, den das vor etwa 40 Jahren geschriebene Buch vertritt, ist durch die seitherige Entwicklung von Wissenschaft und Philosophie mehr und mehr provoziert worden, sodaß die Weiterarbeit in dieser Richtung,'') die von Vaihinger angekündigt wird, sehr aus- sichtsreich erscheint. Vaihinger's eigenartiger Standpunkt ist, daß eine Kritik des Wahrheitsbegriffes zu seiner Auf- hebung führt. Nicht nur die absolute Wahrheit der Idealisten ist sinnlos, sondern streng ge- nommen jeder Wahrheitsbegriff überhaupt. Eine Vorstellung hieß wahr, wenn sie mit ihrem Gegen- stand übereinstimmt; diese „Übereinstimmung" aber ist tatsächlich nirgends vorhanden, weil sie unmöglich ist. Wenn sich eine Vorstellung „be- währt", so ist ihre Anlehnung an die Wirklich- ') 191 1; 3. Aufl. 191S, Leipzig. *) In den ,,Annalen der Philosophie" (Im Erscheinen.) Leipzig, F. Meiner. keit oft am wenigsten die Ursache dazu. Wo finden wir imaginäre Zahlen, unendlich kleine Größen, ausdehnungslose Massenpunkte? Wir arbeiten im Gegenteil oft mit unwirklichen, noto- risch falschen Begriffen und kommen doch damit zu richtigen Resultaten.' Die bisherige Logik hatte besonders die Schlußweisen gepflegt, die ihren alten, traditionellen Regeln entsprachen. Vai- hinger richtet umgekehrt seinen Blick auf die Wege des Denkens, welche nicht in das alte Schema passen. Er verhält sich hier wie der Naturforscher, der instinktiv fühlt, daß gerade dort, wo ein Experiment nicht mit dem Er- warteten stimmt, der Hebel zu neuen Entdeckungen verborgen liegt. Die Gedankenwendung, welche Vaihinger studiert und nach der er sein Werk benennt, läßt sich auf die Formel bringen: ein Begriff A wird betrachtet, als ob er B wäre. Vaihinger untersucht ihre Bedeutung. Mit diesem falschen Begriff, mit der „Fiktion", kommen wir auf Um- wegen zu richtigen Ergebnissen. Diese Fiktionen sollen nicht wahr sein; es genügt, wenn sie zweck- mäßig sind. So merkwürdig es nun klingt, Vai- hinger zeigt in seinem Buche, daß diese Fiktion der Typus alles Denkens ist. Die alten Schluß- weisen, die Allgemeinbegriffe, der Syllogismus, enthalten im wesentlichen neue Fiktionen. Sie sind zweckmäßig, d. h. für uns wahr. Es gibt also keine neue Wahrheit, die entdeckt werden müßte; sie muß erfunden werden. Natürlich be- trifft dies nicht die positiven Tatsachen selbst, das wirklich existierende Mit- und Nacheinander der Sinnesempfindungen ; aber schon jeder abstrakte Begriff geht darüber hinaus, verfälscht die Wirk- lichkeit und formt aus jenem Rohmaterial einen Baustein zu einer fingierten Außenwelt. Es scheint, als sei dieser Positivismus noch radikaler als der gewöhnliche und noch weiter vom Idealismus entfernt. Aber eben diese Auf- hebung der Wahrheit im gewöhnlichen Sinne läßt Raum für Ideen, welche dem positivistischen Standpunkt sonst widersprechen. Formal ist z. B. die Fiktion der Willensfreiheit nicht unrichtiger und nicht unberechtigter als die ihr entgegen- stehende der Naturnotwendigkeit. Die Begriffs- gebilde der Religion, auf ihrem Gebiete angewandt, können so wenig widerlegt werden wie die Axiome der Geometrie, die man in einem be- stimmten Bereich als zweckmäßig gewählt hat. Es kann hier nicht auf eine Kritik dieses radi- kalen Standpunktes eingegangen werden, zumal hierüber in der Philosophie noch keineswegs das letzte Wort gesprochen ist. Jedenfalls wird in V a i h i n g e r's Werk das Problem, die P"orderungen des Idealismus mit den einseitigen Beschränkungen des Positivismus in Einklang zu bringen, in denk- bar deutlichster Weise hervorgehoben. Es ist mög- lich, daß die besondere Lösung dieses Problems und der Beweisgang Vaihinger's der weiteren Analyse nicht standhalten wird. Es könnte sehr wohl sein, daß der extreme „Fiktivismus" abge- N. F. XVIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 59 lehnt werden müßte und man sich auf die Fik- tionslehre zu beschränken hätte. Diese Methodologie der Fiktionen bleibt aber ein unverlierbares Ergebnis. Es gibt kaum ein philosophisches Werk, das eine solche Anzahl aus den Einzelwissenschaften herausgegriffener Begriffe analysiert und den Kennern dieser Diszi- plinen eine solche Fülle von Anregungen bietet. Klarheit über Denkmethoden ist immer auch von pädagogischem Wert; diese pädagogische Seite der Philosophie des Als-ob ist bisher noch nicht genügend hervorgehoben worden. Ich er- innere mich aus meiner Schülerzeit der Frage eines Mitschülers in einer Mechanikstunde der Prima: wie soll ein ausdehnungsloser Massen- punkt, den es nirgends gibt, uns doch zu richtigen Formeln führen ? Dies war nichts anderes als in concreto das Ausgangsproblem der Philosophie des Als-ob. Die Einsicht in die fiktiven Wege des Denkens räumt viele scheinbaren Schwierig- keiten für den Lernenden mit einem Schlage hinweg, so, wie sie den Forscher von zahlreichen Scheinproblemen befreit. Einen besonders hervorragenden Platz nimmt in den Erörterungen Vaihingers die mathema- tische Fiktion des Unendlichkleinen ein. Mit diesem widerspruchsvollen Begriff erreicht man doch richtige Resultate, weil der erste Fehler durch einen entgegengesetzten aufgehoben wird. Vaihinger erhebt die alte Berkeley'sche Theorie der Fehlerkompensation zu einem allgemeinen Denkprinzip, das den Mechanismus aller Fiktionen beherrscht. Es besteht ein scharfer Unterschied zwischen Fiktion und Hypothese und diese Scheidung ist ein wesentlicher Punkt der F"iktionslehre. Eine Hypothese sucht die Wirklichkeit darzustellen, eine Fiktion ist nur ein logisches Hilfsmittel, eine Vorstellung, der nichts Wirkliches zu ent- sprechen braucht. Hypothese und Fiktion gehen historisch oft ineinander über. (Vaihingers Ge- setz der Ideenverschiebung.) Die elektromag- netische Lichttheorie ist eine Hypothese, denn sie behauptet, daß die Strahlungsvorgänge wirk- lich in elektromagnetischen Störungen bestehen; die alte Undulationstheorie ist deshalb aber, be- sonders didaktisch, durchaus nicht wertlos ge- worden, sondern eine einfache, anschauliche Hilfsvorstellung; doch vermag sie nicht mehr alle bekannten Erscheinungen darzustellen. Sie ist heute zu einer Fiktion degradiert worden. — Die geradlinige Ausbreitung des Lichtes hat zu dem Begriff des Lichtstrahls geführt. Aber ein solcher hat keine reale Existenz. Versucht man, aus einem Strahlenbündel einen immer kleineren Querschnitt herauszuschneiden, so gelingt dies nicht, weil bei engen Offnungen das Licht sich nicht mehr geradlinig ausbreitet; es entsteht, als Folge seiner Wellennatur, das bekannte Phänomen der Beugung. Trotzdem behält für viele Vorgänge die Fiktion des Lichtstrahls ihren großen Wert. Das Licht verhält sich dann so, „als ob" es aus unendlich vielen geradlinigen Strahlen zusammen- gesetzt wäre. Es gibt viele Erscheinungen, die sich dadurch einfach und anschaulich darstellen lassen, daß sie aus zahlreichen oder unendlich vielen fiktiven Elementen zusammengesetzt gedacht werden. Die Anwendung der Fiktion kommt also auf ein Summations- oder Integralprinzip hinaus. Die wirklichen Elemente können ganz anderer Art sein, aber ihre Summation ergibt dasselbe Resultat. So läßt sich die Fiktion eines Lichtstrahlenbündels nur deshalb anwenden, weil die wirklichen Wellen (nach dem Hu y gen 'sehen Prinzip) in einem Punkte des Schattenraumes durch Interferenz in ihrer Gesamtintensität die Summe Null ergeben. Ähnlich kann man die magnetische Wirkung eines linearen elektrischen Stromes so berechnen, ,,als ob" jedes unendlich kleine Stromleiterstück ein magnetisches Feld erzeugt, das unter anderem dem Entfernungsquadrat umgekehrt proportional ist. (Gesetz von BiotSavart). Dieses Fernwirkungs- gesetz führt durch Integration auf die gleichen Formeln, welche sich aus der elektromagnetischen Theorie Maxwells ergeben. — Die kinetische Gastheorie leitet die Gasgesetze her durch ele- mentare Berechnung des Druckes eines Gases aus dem Anprall der Moleküle gegen die Gefäßwände. Diese Berechnung kann, nach Joule, ganz ein- fach erfolgen, indem man die Stöße der Moleküle gegen die Wände eines Würfels betrachtet und dabei sich die Bewegung der Moleküle so denkt, „als ob" sie i. mit gleicher Geschwindigkeit und 2. nur in den drei Richtungen der Würfelkanten erfolgte - obwohl dies offenbar gezwungene und physikalisch unmögliche Annahmen sind. Beides sind Fiktionen, die der Wirklichkeit nicht ent- sprechen, aber sie führen doch zu dem wahren Gesetz. In der Tat hat Clausius gezeigt, daß man bei Zulassung aller möglichen Richtungen, wie sie der Wirklichkeit entsprechen, durch Inte- gration zu genau dem gleichen Resultate kommt. Maxwell hat auch die Geschwindigkeit nach wahrscheinlichkeitstheoretischen Gesichtspunkten variiert, und es zeigt sich, daß man auch jetzt zu den gleichen Formeln gelangt, wenn das Quadrat der früheren einheitlichen Geschwindigkeit nunmehr das mittlere Geschwindigkeitsquadrat bedeutet. Durch diese Ergebnisse werden also jene vereinfachenden Fiktionen gerechtfertigt. Den größten Triumph feiert die Fiktion, wie schon Vaihinger zeigt, in der mathematischen Wissenschaft. Ganze Disziplinen sind hier durch Erfindung einer genialen F'iktion entstanden. Die Infinitesimalrechnung, die Vektoranalysis sind Beispiele hierfür. Die erstere beruht, formal be- trachtet, auf der fingierten Anwendung des Divi- sionszeichens, die letztere auf einer solchen des Additionssymbols. Der Hauptbegriff der ersteren ist der Differentialquotient, wodurch der Limes eines Quotienten selbst als Quotient (von „unend- lich kleinen" Größen) gedeutet wird; bei der letzteren ist grundlegend der Begriff des Vektors 6o Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 4 als „Summe" seiner Komponenten, bzw. der Be- griff der sog. geometrrschen Addition. Innerhalb dieser Disziplinen selbst macht man wieder oft vom fiktiven Verfahren Gebrauch; es sei erinnert an das Symbol des Hamilton'schen Differential- operators, mit dem ganz so gerechnet werden kann, „als ob" es selbst einen Vektor darstelle. Die fiktive Denkoperation ist in der Tat von grundlegender Wichtigkeit und ihre systematische Betrachtung in der „Philosophie des Als-ob" bildet einen entscheidenden Fortschritt. Dieses Verdienst bleibt ihr erhalten , auch wenn die von ihr ent- wickelte Philosophie sich nicht als haltbar er- weisen sollte und wenn somit das alle Problem, die Kluft zwischen Positivismus und Idealismus zu überbrücken, noch bestehen bleiben wird. Einzelberichte. Meteorologie. Über die Methoden zur Unter- suchung der Struktur des Windes berichten R. Seeliger und E. Bräu er in einer längeren, in der Meteorolog. Zeitschr. XXXV (1918) S. 30, 82 u. 124 veröffentlichten Arbeit. In der IMeteo- rologie bezeichnet man als „Böen" eine charakte- ristische, tumultuöse Witterungsform, die man je nach ihrer Erscheinungsart Gewitter-, Regen-, Hagel-, Schnee-Böe nennt; sie wandert mit be- trächtlicher Geschwindigkeit über weite Strecken hin. Die Untersuchung hat gezeigt, daß man es in ihr mit einem Luftwirbel (oder -walze) mit horizontaler Achse zu tun hat, der sich in breiter p-ront und geringer Tiefe fortbewegt. Im Gegen- satz dazu wird das Wort Böe noch in einem anderen Sinne gebraucht; der Seemann und der Luftfahrer versteht darunter unregelmäßig aufein- ander folgende, verschieden gerichtete Windstöße. Solche dauernden raschen Schwankungen von Richtung und Geschwindigkeit des Windes um einen Mittelwert sind natürlich auch der wissen- schaftlichen Meteorologie bekannt; sie werden als Struktur oder Textur des Windes bezeichnet und mittels geeigneter Apparate, der Böenschreiber, untersucht. Man kann die Lufibewegung charakterisieren durch Angabe der Luftmenge M, die in der Zeit- einheit durch eine Fläche von der Größe i hin- durchtransportiert wird. M hängt ab von der Windgeschwindigkeit v, dem Neigungswinkel « der Wmdgesch windigkeit gegen die; Flächen- normale, der Luftdichte q und dem Querschnitt Q des Luftstromes. Ändert sich M mit~der Zeit, so müssen die vier genannten Größen Funktionen der Zeit sein. Man kommt demnach zu vier Grundtypen der Böen, von denen die beiden wichtigsten die Geschwindigkeits- und die Richtungsböen sind, wenn nämlich v bzw. a veränderlich sind, während Dichte- und Quer- schnittsböen nur gelegentlich ^vorkommen und keine weitere Bedeutung haben. ' Die Betrachtung beschränkt sich auf die beiden ersten Typen. Zerlegt man die Geschwindigkeit in Richtung der drei aufeinander senkrechten Koordinatenachsen in drei Komponenten, dann liegt, wenn bei kon- stantem v das Verhältnis der Komponenten sich ändert, eine reine Richtungsböe vor, während man es bei Änderung von v unter Konstantbleiben des Komponentenverhältnisses mit einer reinen Ge- schwindigkeitsböe zu tun hat. In der Natur kom- men, wenn auch die Richtungsböen zu überwiegen scheinen, beide Typen stets vermengt vor. Man macht sich ein richtiges geometrisches und dyna- misches Bild der Böen, wenn man als Grundform die Wogenbewegung annimmt. Die Beobach- tung des Bewegungszustandes der Luft am „wogen- den" Kornfeld, beim Nebeltreiben oder an den Wolken läßt uns stets die Wogenform erkennen. Doch ist diese vielfach überlagert von turbulenten Vorgängen , also dem Auftreten von zahlreichen fortschreitenden Wirbeln, ähnlich wie man es bei den schäumenden und sich überstürzenden Wasser- wellen beobachtet. Interessant ist der Hinweis auf folgende Tatsache: Das Läuten von Glocken, das Rollen von Eisenbahnzügen, das Rattern von Flugzeugmotoren sind häufig bald laut, bald leise und bald garnicht zu hören. Es ist wahrschein- lich, daß diese periodische Änderung der Ton- stärke mit Luftwogen in der Nähe der Schallquelle im Zusmmenhang steht. Es würde sich dann um ein Hol barwerden der Böen handeln, und es ließe sich auf dieser Erscheinung vielleicht eine neue Methode zur Untersuchung der Böen gründen. Für die Zwecke der Praxis ist nun nicht er- forderlich, die Abhängigkeit der drei Geschwindig- keitskomponenten von der Zeit zu kennen , es genügt, daß man eine die Böe physikalisch- energetisch charakterisierende Bestimmungsgröße als Funktion der Zeit kennt. Aus praktischen Gründen wählt man den Winddruck p senkrecht zu einem fixen Plächenstück von der Größe I. Wie stark ein Körper auf den sich ändernden Winddruck reagiert , hängt vor allem von seiner Trägheit ab; Luftschiff, P'lugzeug und Blätter eines Baumes sprechen ganz verschieden an. Es liegt auf der Hand, daß ganz kleine und rasche Pulsa- tionen (Mikrostruktur des Windes) praktisch im allgemeinen kein Interesse haben; man wird sich auf eine gewisse Makrostruktur beschränken, die gegeben ist durch gewisse zeitliche Mittelwerte der Mikrostruktur. Böig soll eine Luftströmung genannt werden, wenn auf einem Windweg von 10 m Länge eine Differenz zwischen maximaler und minimaler Windgeschwindigkeit von i auftritt. Der Böenschreiber (so nennt man die Apparate zur Untersuchung der Böen) muß also Geschwindigkeitsdifferenzen dieser Größen- ordnung anzeigen können. Das allgemeine Prinzip, auf das sich die Unter- N. F. XVirr. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 6i suchung der Struktur des Windes gründet, ist das, den Winddruck p zu messen, der auf eine senk- recht zu V stehende Fläche von der Größe I aus- geübt wird. Mittels einer von Duchemin an- gegebenen Formel läßt sich hieraus die Windge- schwindigkeit V berechnen. Bei einer Klasse von Apparaten, die man als mechanische bezeichnen kann, stellt man dem Luftstrom eine materielle Fläche entgegen und mißt den Druck durch die der Fläche erteilte Beschleunigung; bei einer zweiten Klasse, der hydrodynamischen, stellt man ein offenes Rohr (Staurohr, Düse) in den Luft- strom und nimmt hierdurch den erzeugten Über- oder Unterdruck auf; er wird wie bei der ersten Klasse auf ein mechanisches System den Schreib- hebel übertragen, der seine zeitlichen Veränderun- gen aufzeichnet. Das mechanische System muß imstande sein, den zeitlichen Druck- und Ge- schwindigkeitsschwankungen momentan zu folgen. Zu dem Zwecke ist es nötig, daß die Dauer seiner Eigenschwingung klein ist gegenüber der Zeit, für welche der IVlittelwert der Kraft genau abgezeichnet werden soll; ferner muß es so stark gedämpft sein, daß seine Abweichung von der Gleichgewichts- lage innerhalb dieser Zeit auf einen zu vernach- lässigenden Betrag abgeklungen ist. Als erster Böenapparat wird das bekannte Robinson'sche Sc hal enkreuza n emo - meter besprochen. Gewöhnlich dient es zur Messung des Mittels der Windgeschwindigkeit für eine längere Zeit. Liest man indessen den Zeiger- stand etwa von drei zu drei Sekunden ab, dann erhält man, wie der Arbeit beigegebene Kurven zeigen, gute orientierende Resultate über die Wind- struktur. Die hydrodynamischenBöenschreiber verwenden eine Düse, in welche der Windstrom hineinbläst; es strömt dann so lange Luft hinein, bis der infolge der Kompression entstehende Über- druck in dem offenen Düsenquerschnitt dem äuße- ren Winddruck gerade das Gleichgewicht hält. Man mißt also die Größe des Winddrucks auf die Offnungsfläche der Düse. Wenn die Düsenöffnung vom Wmde abgekehrt ist, entsteht ein entsprechen- der Unterdruck. Da es bei den Böenapparaten nicht auf Messung des absoluten Druckes, sondern lediglich auf Druckschwankungen ankommt, so muß man den Nullwert des Druckes, d. h. den- jenigen bei ruhender Luft festlegen. Das geschieht durch eine zweite Düse (statische), deren Offnungs- achse senkrecht zum Winde steht. Der Zu- sammenhang zwischen dem an der Düse gemesse- nen Druck p und der Windgeschwindigkeit v giebt eine Formel, in der außer der von Druck und Temperatur abhängigen Luftdichte eine für die Düse charakteristische reine Apparatkonstante a vorkommt. Es ist gelungen, Düsenformen zu bauen (z. B. die Prandtl'sche Düse mit halb- kugelförmiger Staufläche und das Staurohr der Charlottenburger technischen Hochschule), für welche a für alle praktisch in Betracht kommen- den Windgeschwindigkeiten konstant ist. Der Aufnahmeapparat, die Düse, ist mit einer Wind- fahne verbunden und wird so normal zur Wind- richtung gestellt; kleine Abweichungen von dieser Stellung fallen bei geeigneter Gestalt der Düse nicht ins Gewicht. Von großer Bedeutung für die Arbeitsweise des Böenschreibers ist das Verhalten der Luft in den Druckleitungen, welche die Verbindung, zwischen Aufnahme- und Registrierapparat her- stellen. Liegt die Düse in einem Luftstrom von variabler Geschwindigkeit, so fließt bei Druck- zunahme Luft in die Düse, während bei Abnahme des Druckes Luft austritt. Es können demnach schwingende Bewegungen in den Leitungen auf- treten, die die Registrierkurven verzerren und Böen vortäuschen. Um sie zu verhindern, muß die Bewegung der Luft in den Leitungen durch Reibung aperiodisch gedämpft sein; hierzu ist nötig, daß das Verhältnis Rohrlänge zur Rohr- weite einen gewissen Wert nicht überschreitet. Andererseits spielt die „Auffüllungszeit" der Lei- tungen eine Rolle. Sie ist um so kleiner, je kürzer und weiter das Rohr ist. Die beiden Forderungen nach Aperiodizität der Bewegung und nach mög- lichst kurzer Auffüllungszeit verlangen also gerade entgegengesetzte Eigenschaften der Leitungen. Die nähere Untersuchung ergibt, daß, wie die Ver- hältnisse in der Praxis liegen, fast ungedämpfte Schwingungen auftreten; man ist also genötigt, die notwendige aperiodische Dämpfung im wesent- lichen durch die mechanische Reibung im Registrier- apparat hervorzubringen. Als Registrierapparate der hydrodyna- mischen Böenschreiber kommen zwei Typen in Betracht. Bei der ersten, den Aneroidapparaten, wird die Druckleitung direkt an ein passend di- mensioniertes Aneroid angeschlossen, während eine statische Leitung den konstanten Gegendruck liefert. Zur Erhöhung der Empfindlichkeit läßt man bei anderen Apparaten eine Saugleitung auf ein zweites mit dem ersten passend gekoppeltes Aneroid wirken. Wegen der zu fordernden recht bedeutenden Empfindlichkeit muß man große (bis zu 12 cm Durchmesser) elastische Dosenmembrane mit nicht metallischer Membran nehmen. Die Vorteile der Aneroidapparate liegen in der kleinen Eigenschwingungsdauer des mechanischen Systems und der geringen Größe des Aulfüllvolumens, ihr Nachteil in der Inkonstanz der Anzeige. Bei der zweiten Type, den Taucherglocken- apparaten, ist die Durchleitung in das Innere einer Taucherglocke geführt, die sich beim Ein- blasen von Luft hebt und den Schreibstift mit sich führt. Naturgemäß ist hier die bewegte Masse und demnach die Eigenschwingungsdauer beträchtlich (etwa 5 Sekunden); das Auffüllungs- volumen beträgt mehrere Liter. Vorteile sind hingegen die große Konstanz der Empfindlichkeit und der Elongationen gegen äußere Einflüsse. Ein Böenapparat, der auf wesentlich anderen Prinzipien beruht als die bisher geschilderten, ist 62 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 4 das Anemoklinometer. Da der Apparat schon früher') in dieser Zeitschrift beschrieben ist, sei nur kurz erwähnt, daß man im Luftstrom transportierte Luftmenge durch die abkühlende Wirkung mißt, die sie auf einen elektrisch ge- heizten Draht und damit auf seinen Widerstand ausübt. Mechanische Böenschreiber in, praktisch verwendbarer Form liegen bisher noch nicht vor. Seh. Ernährungsphysiologie. Blu t und Eingeweide der Schlachttiere zu Nährzwecken. Gegenwärtig ist es stets sehr angebracht, alles Brauchbare auf seinen Nährwert hin auszubeuten. Wie dies mit dem Blut und den Eingeweiden der Schlachttiere geschehen könnte, wurde in der Sitzung der Pariser Akademie der Wissenschaften vom 24. Juni 191 8 behandelt. (Preparations alimentaires de sangs et de viandes ä la levure. Note de M. A. Gau- ducheau, presentee par M. Roux, C. R. Tome 166 No. 25). Das Blut von Schwein, Rind und Pferd wird sofort nach dem Ausbluten des Schlachttieres ohne vorhergegangene Behandlung erhitzt, dadurch sterilistiert und die Eiweißkörper zum Gerinnen gebracht. Darauf wird es zerkleinert und unter Zusatz einer Kultur von Bierhefe vergoren. Dies geschehe in einem leicht angesäuerten Medium; dann setzte man etwas Zucker zu, den man aus einer stärkehaltigen Substanz (Reis, Kartoffeln etc.) gewinnt. Nach einigen Stunden, bei am besten 20—25°, gingen die teigigen Massen in Gärung über. Mikroskopisch finde man eine Reinkultur von Hefe und erhielte so einen Teig, der nicht so schwer und kompakt sei wie bei den üblichen Ver- fahren der Metzgerei. Diese Veränderung ver- danke die Masse der Hefegärung; dabei entwickelt sich reichlich Gas und entständen zahlreiche kleine Bläschen so würde die Masse porös und für die Verdauungssäfte leicht angreitbar. Zugleich würde das Aroma besser, während der eigentliche Blut- geruch verschwände. Statt zu verderben, wie es im Sommer so häufig geschieht, unterlägen die Stoffe einer dreifachen Reinigung: Erhitzung, Säureeinwirkung und Hefegärung. Ebenso soHte man mit den Eingeweiden verfahren, die man fein zerstückelt. Das Blutserum könnte in Mischungen mannig- faltig verwandt werden bei der Wurstfabrikation und in der Feinbäckerei. Man könnte wohl- schmeckende, gezuckerte oder gesalzene Biskuits daraus herstellen, welche wenig Raumbeanspruchten. Kathariner. Geologie. Mitteilungen über einige Erzlager- Stätten in Kleinasien macht E. Franke in Heft T9 von Metall und Erz. S. 347—360. Obgleich zahlreiche Veröffentlichungen über ■) Naturw. Wochenschr. XVII (191IS) S. 243. die Erzlagerstätten der Türkei erschienen sind, nennt der Verfasser unsere Kenntnis derselben mangelhaft. Der Verfasser kennt alle Lager- stätten der Türkei aus eigener Erfahrung und führt sie nach den Erzen an, uns also ein rich- tiges Bild verschaffend, was in der Türkei an Erzen vorhanden ist. Antimonerze können bei Sekiköj unweit Cordelio nördlich des Golfes von Smyrna abge- baut werden. Im Andesit des Jamenlaw-Degh- Massives zeigen sich Gänge und Anhäufungen von Gangtrümern mit Antimonoxyd, weniger häufig Antimonglanz. Im Andesit selbst treten verkieselte Partien auf. Senkrechte Spalten ent- halten Anlimonoxyd in größter Mächtigkeit von 8 cm. Getrennt sind die Spalten durch Andesit- blöcke, die aus kieselsäurereichem Andesit, einer Hornsteinart bestehen. Ein Gang führt Eisen- hydroxyd und Schwerspat. In der vererzten Zone kommt an einer Stelle ein Gesteinsblock vor, der in seiner ganzen Länge ein schwachge- krümmtes Rohr enthält, das sich nach der Erd- oberfläche hin trichterförmig öffnet. Das Rohr war wohl ursprünglich von Antimonglanz erfüllt, jetzt von Antimonoxyd. 600 m nordwestlich davon liegen die Fund- stellen von Tscherkeß Kaga. In mehreren Erz- taschen fand sich hier Erz. Das Nebengestein ist verkieselt. Zugleich zeigen sich Barytkristalle, überkrustet von Pseudomorphosan von Antimon- oxyd nach Antimonsulfid. Tscherkeß Kaga liegt auf dem westlichen, Galleria Massero auf dem östlichen Abhang des TscherkeßKaga-Degh, so daß die Vermutung wohl zu recht besteht, daß von beiden Arbeiten dieselben Gänge abgebaut worden sind. Westlich von TscherkeßKaga steht die Galleria Clara an, ein 3 cm mächtiger Gang von Antimonglanz. Von dieser Lagerstätte ist alles sichtbare Erz abgebaut. Einzelne wenig mächtige Gänge in hartem Gestein werden sich noch auffinden lassen. Am Nordabhang des Murad Degh, auf dem Nordufer des Murad Su bei Gedis liegt die An- timonerzgrube Gönik. Vorherrschendes Gestein ist Glimmerschiefer. In zweiter Linie zeigen sich Serpentin, Marmor. Die Lagerstätte selbst liegt auf dem Westabhange des Madan Dera. Als Nebengestein zeigt sich Quarzit, im nördlichen Teile im Kontakt mit Glimmerschiefer liegend. Madan Dera folgt dem Quarzit. Dieser tritt entweder als Hornstein auf, metamorphes Ge- stein gegen Porphyr oder als Kappenquarz, dessen Höhlungen mit hineinragenden Kristallen von Antimongtanz erfüllt und von Antimonoxyd stark überkrustet sind. In Nestern tritt reichlich Schwefelkies auf. Die Antimonerze führen weder Gold noch Arsen. Sie treten als Gänge und Imprägnationen des Nebengesteins auf. Diese Imprägnationen formen Nester, die eine Größe bis zu 4 cbm einnehmen. Der mittlere Metall- gehalt macht 55 "/o Sb aus. Neben anstehendem N. F. XVIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 63 Erz sind in den Halden noch Möglichkeiten der Gewinnung vorhanden. In Gönil< hat man das Bild vor sich, wie von einem Unternehmer ohne Kapital Raubbau getrieben worden ist. Darum ist die Grube auf keinen Fall schon abgebaut. Ein vollständig abgebautes Antimonerzlager ist beim Dorf Djibrail auf der Nordseite des Djibrail Degh vorhanden. In Quarzit kommen Antimon- oxyde und Antimonsulhde vor. Schwefel zeigt sich bei Dera Tschiftlik auf dem Ostufer des Say Su, der sich hier in terti- äre Konglomerate loo m tief eingegraben hat. In das wohlgeschichtete Konglomerat ist auf lOO und mehr Quadratmeter betragenden Flächen Schwefel imprägniert oder gediegen vorhanden. Das feinkörnige Bindemittel des Konglomerats ist durch die Imprägnation zersetzt und porös geworden. Grobe Stücke des leichtangreitbaren Kalksteins sind nicht zersetzt, sondern mit einer messerrückendicken Kruste von Schwefel über- zogen. Gips fehlt. Der Schwefelgehalt beträgt höchstens io^/q. Mangewinnt aus dem Schwefel- erz „Schwefelblumen", die gegen die Reblaus verkaufe wurden. Zum Abbau ist die Lager- stätte von zu geringer Ausdehnung und zu arm. Von größerer Bedeutung ist die Schwefellager- stätte von Tschambaschi am Sakardja Burun auf dem Südufer des Emir Tschai. Hier zeigt sich eine Decke von kristallinem Gips über dem vom Schwefel imprägnierten Sandstein. Der Gips ist mit einer dunkelgrauen bis grünlich-schwarzen zerreiblichen Masse, die übel riecht, vermengt. Hier ist Schwefel sehr spärlich vorhanden. Der Sandstein ist zerklüftet und überall zerborsten. Die Spalten und Hochräume sind mit Schwefel ausgefüllt. Ist im Sandstein der Schwefel fein zerteilt^ dann bekommt er eine weiße Farbe. 40 "/o Schwefel ergeben die Proben aus den noch vorhandenen Vorräten, während eine vom Ver- fasser gemachte Durchschnittsprobe 26,3"/^ S ent- hält. An der Oberfläche dehnt sich das Vor- kommen über viele Hektar aus. Die Abbauver- hältnisse und der Abtransport ist günstig. Zur- zeit ist eine 'Schwefelgrube bei Katschibowlu in Betrieb. Magnesitlager stehen am Gipfel mehrerer Hügel in 8 m durchschnittlicher Mächtigkeit bei Djuwaly an. Zwischengelagert sind tuffartige Gesteine, untcrlagert Konglomerate. Das Erz ist äußerlich rein, derb und dicht. Der Bruch ist muschelig. Über Kilometer hin verrät sich die Lagerstätte durch die weiße Farbe des Erzes. Über den Wert der Lagerstätte entzieht sich der Verf. eines Urteils. Interessante Manganlagerstätten liegen bei Uschak und zwar westlich davon. Hier zeigen sich nicht nur entstehende Manganerze, sondern hier kommen sie auch in aluvialen Seifen vor. In jungtertiären Sedimenten treten rote porphy- rische Gesteine auf, die vom Verf. als Rhyolith bezeichnet werden. Bis jetzt ist ein Zusammen- hang des Erzes mit diesem Eruptiv noch nicht festzustellen gewesen. Das Nebengestein sieht fast weiß aus, fühlt sich mager an, klebt an der Zunge, riecht angehaucht sehr tonig, verrät also eine starke Kaolinisierung. Das Erz ist ein Hart- manganerz in Trümern und Trümchen. In anderen Teilen zeigt sich schwach rote Farbe, zcllige Struktur. In den darin enthaltenen oolithischen Massen treten Weichmanganeize auf, die von einer Rinde Hartmanganerz umgeben sind. Große Be- deutung ist diesem Vorkommen nicht zuzusprechen. Anders ist es mit den Eluvionen. In ihnen zeigt sich das Erz in großer Reinheit. Auf einem Flecke von 16 ha kann man 160 t reinsten Erzes von Kirschkern bis Zweifaustgröße sammeln. Die Eluvi- onen lassen auf eine noch unentdeckte primäre Lagerstätte schließen. Quecksilber findet sich bei dem Dorfe Eskiköj und bei Musedjik. Beide Vorkommen sind durch die Schlucht des Wai-Wai-Dere getrennt. Beide gehören zum Massiv des Elma- und Kiseldagh. Als hier vorherrschendes Gestein vermutet der Verf auch Ryolith. Im Wei-Wei-Dere überlagert dieser Ryolith Kalkstein, der dünnplattig schiefrig geworden ist und marmorartiges kristallines Aus- sehen zeigt. Weil bei Eskiköj die Feldspate zerstört sind, ist eine scharfkantige Quarzbreccie entstanden. Im Quarzskelett des Gesteins finden sich dort Zinn- oberimpägnationen, in denen sich die Feldspate an- gehäuft haben. Nur sehr schwach ist die Impräg- nation. Darum auch geringer Abbau. Bei Musedjik ist der Ryolith auch hochgradig zersetzt, doch nicht so stark kieselsäurehaltig. Im reichlich vorhandenen Mulm tritt in zentimeterlangen, haar- feinen Äderchen Zinnober auf. Vielleicht hat sich das Gestein erst chemisch umgewandelt, nachdem der Ryolith, in dem es enthalten war, eruptiv war. Beim Versuch der Ausbeutung ist es hier auch geblieben. Bei Beltaly auf dem Ergünei Tepe findet sich dasselbe Gestein wie an vorhergenannter Stelle. Drei Partien lassen sich unterscheiden. Erstens sind es harte, dichte, hornsteinartige Schichten, die flächenhaft Zinnober führen, dann weiche mulmige Massen mit Erzimprägnaiionen, drittens sehr kieselsäurereiche Partien, die zelligen Quarz enthalten, in dessen Zwischenräumen derber, erdiger Zinnober liegt. Zum Teil füllt es die Hohlräume als Derberz aus. Erzträger und Erz- bringer ist der Ryolith. Begleitmineralien fehlen bei diesen Quecksilberlagerstätten dem Quecksilber- erz. Am aussichtsreichsten würde sich der Berg- bau nach des Verf. Anschauung bei Beltaly ge- stalten. Die wichtigste Eisenerzlagerstätte ist die von Tschawdar im mächtigen Beschparmakgebirgs- massiv. Vorherrschend ist Gneis, in dem Glimmer- schieferinseln eingelagert sind. Der Gneis ist ein Augengneis mit großen Feldspaten und viel Mus- kowit. Das Eisenerz auf Damir Dapa stellt sich in konkordanten Lagern, die untereinander parallel liegen, ein. Die Mächtigkeit beträgt mindestens 2 m für ein Lager mit Zwischenmitteln von 6 — 15 m Vielleicht handelt es sich hier um Lager oder 64 Naturwissenschaftliche Wochenschrift N. F. XVni. Nr. 4 Lagergängen. Das Erz ist im ersten, zweiten, vierten Lager, vom Liegenden an gerechnet sehr hartes Roteisenerz, durchzogen von feinen Aderchen von Eisenglanz. Das dritte Lager ist Eisenglanz mit geringem Pyrit. Das Roteisenerz ist hoch- wertiges Eisenerz. Der Vorrat ist sehr bedeutend. Rudolf Hundt. Zoologie. Die Sanierung der Balkanländer durch Ausrottung der Überträger des Wechselfiebers. Wertvolle Fingerzeige m dieser Beziehung liefert Prof. Dr. F. Doflein. ^) (Münch. Medizinische Wochen- schrift Nr. 44 vom 29. Oktober 19 18). Die Larven und Puppen der Stechmücken durchlaufen ihre Entwicklung freilebend im Wasser und ent- wickeln sich besonders gut in stehenden oder langsam fließenden Gewässern. Wie schon mit- geteilt wurde, gelang es D., in der Fauna des Balkans, wo die Malaria häufig ist, außer A. maculipennis und superpictus noch im Süden und Osten Mazedoniens Anopheles bifurcatus nach- zuweisen. Die Larven und Puppen dieser Art leben in den mitunter reißenden Wasserläufen, welche in den Schluchten des Balkangebirges zu Tal strömen. Um vom Wasser nicht mitgerissen zu werden, schmiegen sie sich mit dem Hinter- ende der Felswand an. Die sonst zur Ver- nichtung der Stechmückenlarven gebräuchlichen Methoden sind hier nicht anwendbar; Rohpetro- leum, Saprol und andere Öle, welche sich auf dem Wasserspiegel ausbreiten, so daß die Larven und Puppen der Stechmücken an der Oberfläche des Wassers keine Luft holen können und ersticken müssen, würden durch die Strömung weggeschwemmt und so ihren Zweck verfehlen. Der Vorschlag von D. geht nun dahin, das Wasser der Schluchtbäche in der Nähe ihres Ursprungs durch Stauwehre zurückzuhalten; von Zeit zu Zeit werden die Schleußen geöft'net und das hinter ihnen angesammelte Wasser stürzt als reißender Strom durch die Schlucht zu Tal. Dabei reißt die Flut alles mit sich, so auch die Stechmückenlarve und puppen, die sich in den stehenden Wasseransammlungen befinden oder an den Uferwänden des Baches ansitzen. Da das Wasser, sobald es in der Tiefe ankommt, ver- sickert, bleiben die Tiere auf dem Trockenen liegen und gehen bald zugrunde. Das Verfahren von D. wurde schon wieder- holt praktisch und mit bestem Erfolge ange- wendet. Wann die Vernichtung der Larven der Stech- mücken am bester geschieht, hängt von der Entwick- lungszeit der jeweiligen Art ab. Auf eine starke Entwicklung im Frühjahr (Mai bis Juni) folgt eine zweite Kulmination im August. Die günstige Jahreszeit (Frühjahr bis Herbst) erlaubt sicher drei, zuweilen vielleicht auch sechs Entwicklungs- perioden der Anopheles. Krankheitsüberträger sind die im Sommer frisch entwickelten Stech- mücken, welche sich durch Blutsaugen an einem kranken Menschen infiziert hatten, und nicht etwa die überwinterten Weibchen des vorher- gehenden Sommers, welche in Gebäuden, Stallun- gen, Gängen usw. überwintern und in welchen die Vermehrung der im Sommer aufgenommenen Hämosporidien während der Winterruhe vor sich geht. Die Speicheldrüsen solcher Stücke wurden schon bei den amerikanischen Anophelesarten frei von Sporozoiden gefunden, und auch D. be- richtet, daß er mehrere Hundert aus notorisch malariaverseuchten Gegenden stammende Ano- phelesmücken nach der Überwinterung frei von Sporozoiden fand. Es wäre dennoch möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, daß der Malaria- erreger durch Überwintern der weiblichen Stech- mücken bis in den nächsten Sommer erhalten werden könnte. Kathariner. ') siehe Band 17. Nr. 18, von 5. Mai 1918, Seite 253 d. Ztschr. Literatur. Zsigmondy, Prof. Dr. R. , Kolloidchemie. Ein Lehr- buch. 2. verb. und z. T. umgearbeitete Aufl. Mit 5 Tafeln und 54 Texifiguren. Leipzig '18, O. Spamer. 26 Mk. Bieberbach, Prof. Dr. L. , Differential- und Integral- rechnung. Bd. 11. Integralrechnung. Mit 25 Texttiguren. Leipzig und Berlin '18, B. G. Teubner. 3,40 M. Abraham, Dr. M. , Theorie der Elektrizität, i. Band. Einführung in die Maxwell'sche Theorie der Elektrizität. 5. Aufl. Mit II Textfiguren. Leipzig und Berlin '18, B. G. Teubner. 13 M. P a X , Prof. Dr. F., Pflanzengeographie von Polen (Kongreß- Polen). Mit II Karten und 8 Tafeln. Berlin 'iS, Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). 11,50 M. Graetz, Prof. Dr. L., Die Alomtheorie in ihrer neuesten Entwicklung. Sechs Vorträge. Mit 30 Abbildungen. Stutt- gart 1918, Engelhorn's Nachf. 2,50 M. Hertwig, Prof. Dr. O., Das Werden der Organismen. Zur Widerlegung von Darwin's Zufallslheori« durch das Gesetz in der Entwicklung. 2. verm. und vert». Aufl. Mit II5 Text- abbildungen. Jena 1918, G. Fischer. 2 1 M. Ziegler, Prof. Dr. H. E. , Die Vererbungslehre in der Biologie und in der .Soziologie, ein Lehrbuch der naturwissen- schaftlichen Vererbungslehre und ihrer Anwendungen auf den Gebieten der Medizin, der Genealogie und der Politik, zu- gleich 2. Aufl. der Schrift über ,,Die Vererbungslehre in der Biologie". Mit 114 Textfiguren und 8 z. T. farbigen Tafeln. Jena 1918, G. Fischer. 20 M. Müller-Lenhartz, Die Fortschritte der Landwirtschaft in ihren Beziehungen zur Entwicklung der Naturwissenschaften. Leipzig 1917, H. Mehner. Auerbach, Prof. N. F., Das Wesen der Materie. Leip- zig 1918, Dürr'sche Buchhandlung. 3 M. Inhalt: K. Schutt, Das Bohr'sche Atommodell, (i Abb.) S. 49. E. Boerma, Die philosophischen Richtungen in ihrem Verhältnis zur Naturwissenschaft und ihre Synthese in der ,, Philosophie des .\ls-ob'-. S. 55. — Einzelbericbte : R. Seeliger und E. Bräuer, Über die Methoden zur Untersuchung der Struktur des Windes. S. 60. M. A. Gau- ducheau, Blut und Eingeweide der Schlachitiere zu Nährzwecken. S. 62. E. Franke, Mitteilungen über einige Erzlagerstätten in Kleinasien. S. 62. F. Doflein, Die Sanierung der Balkanländer durch Ausrottung der Überträger des Wechselliebers. S. 64. — Literatur: Liste. S. 64. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Mi ehe, Berlin N 4, Invalidenstrafie 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a.. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 18 Band; der ganzen Reihe ^4, Band. Sonntag, den 2. Februar 1919. Nummer 5. Zoologiehistorische Kritik des Buches von Georg Stehli über Jan Swammerdam's „Bybel der natuure" [Nachdruck verboten.] Von Rudolph Zaunick in Dresden. Herr Fehlinger hat auf S. 606 in Nr. 42 des XVII. Bandes Neuer Folge dieser Zeitschrift die Veröffentlichung Nr. 93 von Voigtländers Quellenbüchern: „Aus der Bibel der Natur. Merk- würdige Bilder aus der Werkstatt eines alten Zoologen : Jan Swammerdamin. Ausgezogen, neu bearbeitet und herausgegeben von GeorgStehli,"^) kurz angezeigt und begrüßt. „Die Quelle alles Wohlgefallens ist die Homogeneität", sagt aber einmal Schopenhauer im 2. Bande seiner Parerga und Paralipomenal Wenn es auch jetzt nur allzu gebräuchlich ist, daß Referenten über Arbeiten aus ihnen fremden Gebieten sprechen, so fordere ich als Biologie- historiker doch für meine Disziplin stets nur kompetente Beurteiler. Dies dürfte aber Herr Fehlinger im Pralle Stehli nicht gewesen sein. Den Beweis hierfür trete ich im folgenden kurz an. Das in Frage stehende Quellenbuch, das der Verlag uns schon seit längerer Zeit angekündigt hatte, wurde von uns mit ziemlicher Spannung erwartet, da Jan Swammerdam's bekannte „Bybel der natuure" ohne allen Zweifel das in- teressanteste zoologische Werk seiner Zeit war und höchst bahnfördernd gewirkt hat. Georg Stehli, dessen Name uns bis jetzt nur als Mitarbeiter am „Kosmos" bekannt war, hat dem Qucllenbuch, dessen Titel mich persön- lich übrigens recht fatal an Jahrmarkt erinnert, eine kleine Einleitung vorangeschickt und dann Swammerdam's Text „einer Neubearbeitung unterzogen" und ,,dem Stande der heutigen For- schung angepaßt" (S. Ii). In verkleinerter, aber höchst klarer Wiedergabe folgen schließlich die 53 Kupfertafeln aus der „,Bybel". Ein gewagtes Experiment, solch eine „Neu- bearbeitung" und „Anpassung an den Stand der heutigen P"orschung"l Daß Stehli die Tiere der alten Kupfertafeln zu identifizieren und die S wam- merdam'schen Fachausdrücke mit modernen Termini technici zu erklären sucht, ist unstreitig recht verdienstlich. Doch verwischen Stehli's ausführliche Erklärungen der einzelnen abgebildeten Tiere und ihrer Teile vollständig den Unter.^chied zwischen der Zoologie von heute und der Zoolo- gie von damals. Wer von den Lesern nicht Swammerdam 's Originaltext parallel benutzen kann, wird da schwerlich ein geschlossenes Bild von des Holländers Wissenschaft erhalten. Ganze Abschnitte S t e h 1 i ' s bringen lediglich neue und ') Leipzig, R. Voigtländer, o. J. [1918]. Mit 53 Nach- bildungen von Kupfertifeln. 127 S. kl. 8". Preis: 1,80 M. kart., 2 M. in Pappband. allerneueste Meinungen und Erkenntnisse, so z. B. das 16 Seiten lange Kapitel „Von den Bienen" (S. 49 ff.), dessen Inhalt also fast gar nicht mehr mit Swammerdam's Bienenwissenschaft zu- sammenhängt. Immer und immer wieder müssen wir zünftigen Zoologiehistoriker betonen, daß unsere Forschung einzig und allein genetisch sein kann, und nicht retrospektiv. Stehli's Text wird vielleicht Durchschnittslesern ganz gut ge- fallen. Denn es ist eben eine wissenschaftlich angehauchte Plauderei über einzelne Tiere, und da hinein sind verstreut Swammerdam's Be- obachtungen und Fachausdrücke. Ich persönlich habe allerdings mit Gleichgesinnten ein anderes, diametral entgegengesetztes biologiegeschichtliches Forschungsideal: Das Bedeutsame herausheben aus der alten Quelle, es in Parallele stellen oder kom- binieren mit irüheren und zeitgenössischen An- schauungen und Ergebnissen und — aber das ganz vorsichtig I — es heraufverfolgen in unsere Zeit und sehen, wie es entweder nachgewirkt hat, oder wie es gewandelt, oder schließlich, wie es gezwungener- und verdientermaßen fallen gelassen worden ist. ') Also schon rein methodisch kann sich die jetzt allein zur Kritik berechtigte Zoologiegeschichte mit Stehli's ,, Neubearbeitung" und ,, Anpassung" keinesfalls einverstanden erklären. Man bedenke doch : zweiundeinhalb Jahrhunderte intensivster zoologischer Forschung liegen zwischen Swam- merdam und uns I Da ist eine „Anpassung an den Stand der heutigen Forschung" entweder ver- lorene Liebesmüh oder — schade ums knappe Papier. Ich will nicht etwa sagen, daß es einem wirk- lich methodisch geschulten Zoologiehistoriker ein Leichtes wäre, Swammerdam's „Bybel der natuure" in der von mir soeben gekennzeichneten Weise wissenschaftlich auszuschöpfen. Ja unsere genetische Methode ist ungleich schwerer durchführbar als die leider übliche, gewisser- maßen dilettantische retrospektive. Und, darüber wollen wir einmal ganz offen reden, buch- händlerisch lukrativ ist sie erst recht nicht. Unverantwortlich geradezu ist aber auch Stehli's literarhistorische Einleitung über „Jan Swammerdamm [1], sein Leben und Schaffen" auf den ersten 7 Textseiten, von direkten F"ehlern ') ,,Die Lebensregungen im Schrifttum der Vergangenheit zu erfassen, ist die Aufgabe des bio- logisclien Historikers", so bekannte erst jüngst wieder Karl Sud hoff in den „Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften" XVI (1917), S. 227. 66 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVllI. Nr. 5 wimmelnd, störend lückenhaft, überhaupt ohne jegliche historische Durchpulsung. Swammerdam's Wesen ist geistesgeschicht- lich und — abstrahiert man hiervon — rein mensch- lich so voll des Interessanten und Rätselhaften, daß es doch den modernen Wissenschaftler reizen müßte, da hineinzudringen und vor allem einmal den in jeder Hinsicht nur unheilvollen Einfluß Antoinette Bourignon's, jener chiliastischen Schwärmerin, oder sagen wir einfach Hysterikerin, auf den sechsunddreißigjährigen Mann endlich psycho-analytisch darzustellen. Auf Beobachtung und Untersuchung bauen sich bei dem Holländer die Ergebnisse wohl auf, doch religiöse Ideen ranken sich an ihnen empor und verdecken die Linienführung und feinere Bildhauerarbeit seines Wissenschaftsgebäudes. Ich finde, daß sich Swam- merdam's Wesen am besten ausdrückt in einem Dedikationsbrief an Thevenot, wo es heißt: Ik prcscntccr U. Ed. alhicr den. Alinaghfigcii Villger GODS, in de Anatomie -van een Luys [Laus]; luaar in Gy ivonderen op ivondercn op een gestapelt suUvinden, en de Wysheid Gods in ee7i klecn puncte klaarlyk sicn tcn toon gcstelf. Es ist obendrein mit Sicherheit festzustellen, daß S t e h 1 i überhaupt nicht die von Boerhaave besorgte, 1738 fertig herausgegebene lateinisch- holländische Originalausgabe in den Hän- den gehabt hat, sondern nur die .1752 zu Leipzig herausgekommene deutsche Übersetzung. Denn sonst hätte Stehli wohl den genauen Doppeltitel der Originalausgabe zitiert und würde nicht nur ganz ungenau von der „Bijbel [1] der Natuur [1]", die „vorher von einem Herrn Hieroni- mus David Gaudius [I] auch ins Lateinische über- tragen worden war", geschrieben haben. Dieser angebliche „Gaudius" ist nämlich der zu seiner Zeit durch viele Schriften recht bekannte Leidener Mediziner Hieronymus David Gaub(ius) (1704 — 1780), über den man Näheres und weitere Literatur in A. J. Van Der Aas „Biographisch Woordenboek der Nederlanden" (X, Haarlem 1862, S. 47 ff.) und in der „Allgem. Deutschen Bio- graphie" (VIII, Leipzig 1878, S. 4i6ff.) findet. Leider hat Stehli nicht einmal den Titel der deutschen Übersetzung v. J. 1752 sorgfältig wieder- gegeben; zu verbessern ist (auf S. 9 unten): ,, ge- wissen Klassen" in „gewisse Classen", „erläutert" in „erleutert" und „Boerhaave" in [das freilich falsche] „Boerhave". Auch bringt StehliSwam- merdam's Namen stets nur in der falschen Schrei- bung „Swammerdamm" der deutschen Übersetzung. Als gravierendster Beweis aber für meine Be- hauptung ist vorzubringen, daß den reproduzierten 53 Kupfertafeln auch nur diejenigen der deutschen Übersetzung v.J. 1752 zugrunde liegen und nicht die aus der Originalausgabe v. J. 1738. Denn gleich auf Tab. I in Stehli's Ausgabe lesen wir ganz wie in der Leipziger Ausgabe unten in der rechten Ecke ein zierliches J. C. G. Fritsch sc, während in der Leidener Ausgabe J : v : d. Spyk fccit zu finden ist. Dadurch ist natürlich auch der Wert der reproduzierten Kupfertafeln um einiges gesunken. Bemerkt sei übrigens, daß zeitlich nach der deutschen Übersetzung der „Bybel der natuure" noch 1758 zu London') und gleichzeitig zu Dijon und Auxerres ^) je eine englische und französische Übersetzung herauskamen, von denen aber Stehli nichts zu wissen scheint, obgleich gerade dies kennzeichnend ist für die zeitgemäße Bedeutung des Werkes. Von sonstigen Ungenauigkeiten der Einleitung mag hervorgehoben sein, daß der auf S. 7 an- geführte „Samuel von [I] Musschenbroek (um 1690 [1])" der bekannte Samueljoosten van Musschen- broek ist, der freilich schon 1682 die Augen ge- schlossen hatte. Wir Historiker sind dann ge- wöhnt, den Vornamen Thevenots alsMelchi- sedech zu schreiben, nicht „Melchisedeck", wie auf S. 8 zu lesen. Es hätte übrigens gar nichts geschadet, wenn über diesen Diplomaten und Reisenden eine das Biographische genauer fassende Fußnote geschrieben worden wäre. Swammer- dam promovierte auch nicht, wie man auf S. 5 liest, mit einer Schrift „Von dem Oihemholen", sondern mit einem ,,Tractatus physico-anatomico- medicus de respiratione usuque pulmonum", der später noch zweimal gedruckt wurde. *) Ein wei- teres Zeichen dafür, daß Stehli einzig und allein die deutsche Übersetzung benutzt hat, wo in der vorangestellten Biographie Swammerdam's aus Boerhaave's Feder der Titel von S w a m m e r - dam 's Dissertation so verdeutscht ist. Ein Zeichen aber zugleich, daß Stehli sich den Teufel um die S wam merdam- Literatur gekümmert hat. Wenn er überhaupt auf S. 8 meint, daß wir über die Anzahl der Schriften und Sendbriefe Swam- merdam's, sowie über die Reihenfolge ihres Erscheinens „nur sehr dürftig unterrichtet" seien, so ist dies nur ein rein persönlicher Schluß Stehli's a non scire ad non esse. Doch es würde zu weit führen, wollte ich jetzt hier den glatten Gegen- beweis antreten. unwissenschaftlich und ungenau ist das kurze Literaturverzeichnis auf S. 119 f. Und wann kommt man denn in Deutschland endlich dahinter, daß in solchen Zusammenstellungen die genauen Titel der Bücher, aber nicht der ihren Doktorhut auf- dringlich zur Schau tragenden Verfasser er- forderlich sind? Doch bei uns Deutschen heißt's nun einmal: „Mit euch, Herr Doctor . . ." In wissenschaftliche Literaturlisten hat sich jedenfalls die leidige Titulaturenfrage niemals zu verirren I Erquicklich sind jedenfalls meine Aussetzungen an diesem Voigiländer'schen Quellenbuch nicht. 1) Übersetzt von Th. Flloyd, mit Noten von J. Hill, in fol. unter dem Titel ,,The Book of Nature". -) Als Bd. V des von J. Berryat begründeten ,,Recueil de niemoircs, ou collection de pieces academiques" [auch unter dem Titel: Collection academique, comnosee de me- moires .... des plus celebres academics elrani^eres .... trad. en fraogois par une societe de gens de Ittlres], mit Noten von Savaiy, Gueneau de Monlbeliard usw. ä) Leiden 1679 in 8° und 173S in 4". N. F. XVIII. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 67 Weder für mich als Kritiker, noch für den Verleger, dessen übrige ,, Quellenbücher" fast durch die Bank wohlgelungen waren. Aber ge- sagt mußte es schlieiälich werden, um unsere Bio- logiehistorik beim Publikum nicht -in ganz falschem Lichte erscheinen zu lassen. Zoologie- geschichtliche Fachkreise werden sich schon von selbst ihr sicher nicht sehr schmeichelhaftes Urteil über Georg Stehli als Schriftsteller ohne biologiegeschichtliche Methode, ohne jegliche histo- rische Auffassungs- und Darstellungsgabe und ohne Literaturkenntnis und Sorgfalt gebildet haben. Noch einmal eine solche historische ,, Neubearbei- tung" und ,, Anpassung" aus Stehli's besonders im populären „Kosmos" geübter Feder, und ein anständiger Verleger hat sich bei uns höchlichst blamiert. Daher möge meine warnende Kritik nicht unbeachtet bleiben! Zu empfehlen ist das Voigtländer- sche Quellenbuch Nr. 93 lediglich als ungemeinbilligesgeschichtliches Tafel- werk, wenngleich auch da der Verlag von Stehli schlecht beraten war und nicht einmal die Kupfer- tafeln der Originalausgabe reproduzieren ließ. Doch ist dies nicht von allzu großer Bedeutung. Stehli's Einleitung und „Neubearbeitung" und „Anpassung an den Stand der heutigen For- schung" aber wird nur der Geschichtsschreibung der Zoologiehistorik wertvoll sein, um später ein- mal zu zeigen, wie- man auch im 20. Jahrhundert noch nicht wissenschaftsgeschichtlich denken und schreiben gelernt. Über das Metallspritzverfahren von Schoop. [Nachdruck verboten.] Von HanS Nachdem das ebenso einfache wie sinnreiche Verfahren des Schweizer Erfinders bereits seit Jahren nicht unbedeutende Anwendungen gefunden hat, erschien erst vor kurzer Zeit die erste aus- führliche Veröffentlichung darüber, ein Rand aus der Feder von Schoop und H. Günther (Franckh'sche Verlagshandig. Stuttgart), dessen Inhalt leider nicht ganz im Verhältnis zu seinem Umfang steht. Immerhin kann man sich mit Hilfe dieses Werkes ein Bild vom Wert und von der Zukunft des viel besprochenen Spritzverfahrens machen. Das Wichtigste davon sei hier fest- gehalten. Daran anschließend soll der wissen- schaftlichen kritischen Untersuchung Erwähnung geschehen. Das Prinzip der jetzt fast ausschließlich in zwei Typen (für dicke schwer- und für dünne leicht- schmelzbare Metall drahte) hergestellten ,, Metallisa- tor" — Spritzpistolen ist kurz dieses: Metalldraht von einer Dicke von 0,8 — 2,5 mm wird mittels einer Vorschubeinrichtung stetig in die Flamme eines Knallgasgebläses geführt, wo er alsbald schmilzt und sofort durch einen Preßluftstrom zer- stäubt und auf die zu metallisierende Oberfläche geschleudert wird. Der Druck des Knallgases beträgt 2 Atm., der der Preßluft 3,5 Atm. Die plötzliche Entspannung der Preßluft bedingt natür- lich eine starke Abkühlung der feinen Metall- teilchen. So ist es zu erklären, daß die Metalli- sierung auf allen Oberflächen, die wärmeempfind- lich sind, vorgenommen werden kann. Leder, Papier, selbst Zündhölzer lassen sich ohne Be- schädigung durch Verbrennung ohne weiteres mit dem Überzug irgendeines Metalles bedecken. Die schön glatten Überzüge, die sich in einer Stärke von 0,001 bis 10 mm Stärke herstellen lassen, entstehen nach Seh 00p 's Ansicht durch Ver- schweißen der Metallteilchen, deren sehr große Bewegungsenergie beim Auftreffen auf die Unter- lage in Wärme umgewandelt wird, so daß die Heller. festen Teile (s. o.) vorübergehend plastisch werden. Wir werden sehen, ob diese Auffassung halt- bar ist. Die Überzüge aus gespritztem Metall sind ,, ziemlich hart und spröde", angeblich härter als gegossenes Material, auch das spezifische Gewicht soll sehr hoch sein. Jedenfalls ist ihre Dichte so, daß sie geschliffen und poliert werden können. Nimmt man dazu die Geschwindigkeit des Ver- fahrens — in 2 Minuten lassen sich 40 g Metall auf 10 cm- niederschlagen — , seine Einfachheit und vergleichsweise Billigkeit, so erkennt man leicht den hohen Fortschritt, die schon jetzt un- leugbare Bedeutung des Schoop 'sehen Ge- dankens, der denn auch ein gewaltiges Anwen- dungsgebiet sich erschlossen hat. — Das Ausland ist besonders eifrig an den Ausbau des Metall- spritzverfahrens gegangen. In Frankreich beispiels- weise hat die „Societe de metallisation" die viel- fältigsten Anwendungsmöglichkeiten gefunden. In neuester Zeit hat schliefSlich das Verfahren eine weitere hochbedeutsame Verbesserung dadurch erfahren, daß an Stelle der I\letallschmelzung durch das kostspielige Knallgas diejenige durch den elektrischen Strom getreten ist. M In einer weiteren Mitteilung Schoop's-) wird das Verfahren weiterhin vereinfacht, — ob aller- dings verbessert, ist noch zweifelhaft. Die Preß- luftzuführung geschieht danach zentral (gegen periv)here Zuführung bei dem Pistolenspritzen) derart, daß das Luftzuleitungsrohr aus Blei in die Flamme eines Bunsenbrenners gehalten wird, dessen Hitze genügt, Blei und ähnlich niedrig schmelzende Metalle zu verflüssigen. Das ge- schmolzene Metall wird sofort vom Luftstrom mit- gerissen, und obwohl es unter diesen Umständen 1) Vgl. Prometheus Nr. 1516 (Jahrg. XXX, Nr. 7) Beibl. S. 27. *) Zeitschr. f. angew. Chemie 31, (Aufsatz-Teilj 204, 1918, 68 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 5 nicht staub-, sondern tröpfchenförmig zerteilt wird, ergeben sich dennoch sehr gute, gleichmäßige und festhaftende Überzüge aus „normalem, gesundem" Blei, was wohl „frei von Verunreinigungen und minderwertigen Modifikationen" ' ) bedeuten soll. Insbesondere bei Verwendung eines reaktionsträgen oder reduzierenden Gases als Druckmittel ist das Blei (nur mit diesem wurden Versuche gemacht) frei von Oxyd. Ein so verbleites Eisenblech kann, zumal wenn es vorher von der Rückseite erwärmt wurde, beliebig gebogen werden ohne daß der Bleiüberzug springt. Bewahrheiten sich die An- gaben in vollem Umfang, so wäre das große Problem der homogenen Verbleiung seiner Lösung wiederum beträchtlich näher gerückt. Aus der Fülle von Verwendungsgelegenheiten des Spritzverfahrens seien einige Fälle genannt: der Rostschutz, der eines der Hauptprobleme der Technik ist, ist mit dem S c h o o p - Verfahren so- gar auf fertige Konstruktionen aufzutragen, die bisher nur durch Farbanstrich zu schützen waren. Nickel- und Chromstahlsorten, bei denen bisher Verzinkung unmöglich schien, lassen sich nun leicht spritzverzinken. Sprengstofffabriken verlöten ihre Gefäße und Packungen nach Schoop, ja, bei niedriger Temperatur läßt sich der Spreng- stoff unmittelbar metallisieren. Patronenhülsen aus Papier werden metallisiert und sind dadurch leichter und sparsamer im Metallverbrauch als die bisherigen. Zeit- und Wagendecken, Masken für Laboratorien, Tressen, kurz, alle Gewebe lassen sich auf diese Art imprägnieren. Wichtig ist noch die Anwendung in der Luftschiffahrt. Ballonstoff läßt sich metallisieren; eine Haut von o,oi mm genügt, den Stoff gasdicht und feuersicherer zu machen. Frankreich überzieht fertige Flugzeug- konstruktionen mit gespritztem Rostschutz, und in der Schweiz durchweg eingeführt sind metalli- sierte Propeller, die neben größerer Beständigkeit eine geringere Vibration und viel kleinere Reibung besitzen als blanke Holzpropeller. — Die große Rolle, die hiernach das Metallspritz- verfahren zu spielen berufen sein dürfte, macht es nun naturgemäß wünschenswert, daß das Verfahren aus dem jetzigen Stadium des rein praktischen Probierens auf die Höhe wissenschaftlicher Ver- vollkommnung gelange. Denn die Güte der Me- tallisierung ist zunächst noch völlig unabhängig von unserem Willen und Bedürfnis. Erst wenn der ganze thermische bzw. physiko-chemische Vor- gang der Metallisierung, d. h. also die genauen Umstände bekannt sind, unter denen sich die ge- spritzten Überzüge bilden, erst dann haben wir es in der Hand, deren Güte wunschgemäß und erfolgreich zu beeinflussen. Es ist darum merk- würdig und in gewissem Sinne bedauerlich, daß der Erfinder Schoop selbst sich offenbar gar nicht um eine exakte Aufhellung der bei der Metallisierung verlaufenden inneren Vorgänge be- müht hat. Seine ziemlich anfechtbaren Vermutungen ') Vgl. Prometheus Nr. 14=;! (lahrg. XXVIII, Nr. 46) S. 724. darüber sind seit seinen ersten Veröffentlichungen ') bis heute nahezu unverändert geblieben. Eingehend wissenschaftlich hat sich mit dem Spritzverfahren dagegen Hans Arnold beschäftigt, dem wir eine Reihe wertvoller und wichtiger Kenntnisse darüber verdanken. '•') Nach Arnold ist die Größe der Teilchen nach der Zerstäubung 0,01 — 0,15 mm; die Ge- schwindigkeit in 10 cm Abstand vom Düsenmund beträgt für Messing im Durchschnitt 120 m sec~', für Zink 140 m sec~^ sie sinkt mit der Entfer- nung noch mehr, ist also überraschend gering. Die auf die Unterlage aufgeschleuderten Metall- teilchen zeigen eine verästelte Struktur, die aber dennoch das Gefüge des einen Teilchens gegen das andere unterscheiden läßt, so zwar, daß be- nachbarte Teilchen in horizontaler Richtung mit- einander verwachsen, daß sie aber in vertikaler, also in der Spritzrichtung deutlich voneinander geschieden sind und daß auf diese Weise eine schiclitenförmige Struktur zustande kommt. Diese Schichtung ist nicht ganz ebenmäßig, sondern wellenförmig. Arnold spricht von „Spritzwellen". Sie sind charakteristisch für gespritzte Metallhäute. Jede Metallobetfläche, deren Quer- schnitt wellenförmige Ätzfiguren zeigt, ist als ge- spritzt anzusprechen. — Die angeätzten Schlifif- bilder zeigen fernerhin Hohlräume im Gefüge der gespritzten Metaliüberzüge. Dadurch erklärt sich deren Sprödigkeit, die noch gesteigert wird durch einen (bei Kupfer z. B. 0,4 °/o betragenden) Oxyd- gehalt. Der Gehalt an Oxyd drückt schließlich auch die Dichte der gespritzten Überzüge herab. Überhaupt zeigt sich auch bei Metallen, die oxyd- frei sind, eine geringere Dichte gespritzter Über- züge irn Vergleich zu gegossenen, wie die nach- folgende Zusammenstellung beweist. spezifisches Gewicht Material gespritzt gegossen Zink 6.325 6,q22 Zinn 6,82 7,29 IVIessing 7,324 8,299 Aluminium 2,31 2,54 Blei 9,773 11,3.62 Kupfer 7,51 S,93 Diese Zahlen widerlegen also S c h o o p ' s Auffassung, daß die Teilchen verschweißen. Viel- mehr beweist das durch die nichtverschvveißenden Teilchen geringere spezifische Gewicht, daß die gespritzten Überzüge auch Nachteile haben. Überall da, wo große Dichte und geringe Spröde, also Festigkeit einer Metallhaut gefordert sind, wird man gegossene Häute vorziehen. Ein weiterer Übelstand ist m. E. der besonders beim Spritz- 1) Techn. Monatshefte IV. S. I, 1913. *) Zeitschrift für anorganische Chemie 99, 67, 1917 u°d Zeitschr. f. angewandte Chemie 30, 209 usw, N. F. XVni. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 69 verfahren auftretende Metallstaub, der durch Ver- luste beim Zerstäuben entsteht. Er beträgt bei dem doch bei sehr hoher Temperatur verdampfen- den Aluminium 6—8%. Wie dieser Mißstand, seien — dies zu finden ist Aufgabe der gründ- lichen wissenschaftlichen und technischen Behand- lung des Verfahrens. Man darf im Sinne des technischen Fortschritts hoffen, daß solche Be- sowie andere Unvollkommenheiten zu beheben arbeitung bald in Angriff genommen werde. Einzelberichte. Anthropologie. Der gegenwärtige Stand der Akklim at isationsfrage . Bei der Anpassung an das Tropenklima muß sich der Organismus den ver- änderten Lebensbedingungen der neuen Umwelt anpassen, ohne daß dabei die wesentlichen Rassen- eigenarten der Vorfahren verschwinden und ohne daß die Fruchtbarkeit in einem den Bestand der Rasse gefährdenden Maße herabgesetzt wird. ') Steudel sieht die Akklimatisation nur dann als vollendet an, wenn der Europäer in den Tropen ein Leben führen kann, genau wie in seiner alten Heimat, wenn also z. B. der Kleinbauer jahraus jahrein 10—12 Stunden schwere Feldarbeit zu leisten imstande ist. '^j Es ist noch fraglich, ob eine derartige Anpassung möglich ist. Die Er- fahrungen, die bisher in dieser Beziehung gemacht wurden, sind nicht besonders ermutigend. Die Möglichkeit der Ansiedlung von Europäern in tropischen Hochländern wird zwar von den meisten Autoren zugegeben, die sich mit der Sache befaßten, von anderen aber doch bestritten und zwar unter Hinweis auf die Schädigung des Nervensystems durch die Einwirkung der Sonnen- strahlen. Die Frage nach den Akklimatisalions- aussichten im tropischen Tieflande ist noch voll- ends unentschieden; zumeist wurde sie in nega- tivem Sinne beantwortet. Die Ansichten über die Ursachen der Unmöglichkeit oder mindestens Schwierigkeit der Anpassung von Europäern an das Tropenklima weichen voneinander weit ab. In der Hauptsache werden zwei verschiedene Theorien vertreten. Die einen, namentlich die Kolonialärzte, führen das Mißlingen der europäi- schen Kolonisation im tropischen Tiefland auf Epidemien zurück, die in diesen Gegenden ende- misch sind, die anderen, hauptsächlich die Anthro- pologen, schreiben den klimatischen Faktoren, ins- besondere der Sonnenstrahlung, den vorwiegenden Einfluß zu, und sehen darin das Hindernis für die Besiedlung dieser Länder durch Bevölkerungen weißer Rasse. Wenn die Kolonialärzte im Rechte sind, so bestehen für die tropische Kolonisation gute Aussichten bei den Fortschrhten , die die Medizin in der Bekämpfung der Tropenkrankheiten bereits gemacht hat. Die Ansicht der Anthropo- logen dagegen stellt bei der Unbeeinflußbarkeit der klimatischen Faktoren die pessimistische Rich- tung in der Akklimatisationsfrage dar. Einige praktische Ergebnisse der Ansiedlung von Europäern in den Tropen sollen hier erwähnt ') Verhandl. d. Intern. Kolonialinstituts 1911 S. 114. 2) Ebenda, .S. 279. werden. Eine im Jahre 190S unter Führung von Dr. V. Lindequist nach Ostafrika entsandte Kommission kommt in bezug auf die Erhaltungs- fähigkeit von Europäern in tropischen Hoch- ländern zu günstigen Ergebnissen.') In Höhen von 1200 bis 2000 m bewahren die Männer ihre Leistungsfähigkeit und die Frauen ihre Gebär- tüchtigkeit. Entartungszeichen sind nirgends zu beobachten. In besiedelungsrähigen Hochländern Ostafrikas, heißt es in dem erwähnten Bericht der Lindeq u ist Kommission, weist die Lufttempe- ratur meist jene regelmäßigen täglichen Schwan- kungen a,uf, die der Europäer für die Wärme- regulierung seines Körpers bedarf. Die Luft- feuchtigkeit ist nicht so groß, daß sie Gesundheits- schädigungen zur Folge haben muß. In wehen Steppengebieten herrscht Lufttrockenheit, die erfahrungsgemäß Erkältungen nicht aufkommen und auch die tropischen Temperaturmaxima leicht ertragen läßt. Offenes und meist zu jeder Jahres- zeit fließendes Wasser ist reichlich vorhanden; es ist fast überall frei von unangenehmen Beimengun- gen. Maläriafreiheit ist in den ostafrikanischen Hochgebirgen dort sichergestellt, wo das nächt- liche Temperaturminimum unter 10 — 15" C liegt, was im allgemeinen in Höhen von 1500 m und darüber der Fall ist, aber auch sonst auf isolierten Hügeln und stark Wärme ausstrahlenden Ebenen. Von den Orten, wo endemische Malaria festgestellt wurde, liegen einige über 1000 m, aber keiner liegt über 1500 m hoch. Die Schlafkrankheit wird nach allem, was bisher darüber bekannt ist, die Hochländer selbst nicht bedrohen. Ihr Auf- treten ist an das Vorkommen von Glossina pal- palis gebunden, und dieses Insekt, das zur west- afrikanischen Waldfauna gehört, wird auf den ost- afrikanischen Höhen nicht gefunden, weil hier augenscheinlich seine Lebensbedingungen, gleich- mäßige Wärme, weite, buschunisäumte Gewässer usw. mangeln. Ruhr kommt zwar auch in den Höhengebieten vor, aber selten; Aussatz, Rückfall- fieber und Wurmkrankheit sind dort ebenfalls nachgewiesen und fordern ernste Bekämpfung. Pest, Cholera, Typhus, Tuberkulose usw. gibt es in den von der Kommission besuchten Gegenden nicht. Von den verheirateten Ansiedlern, die An- gaben machten, waren nur wenige kinderlos und diese waren meist erst kurz verheiratet. In etwa dem vierten Teil aller Ehen betrug die Kinder- zahl über fünf Im brasilianischen Staat Espirito Santo ge- ') Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 147, I.Teil, 70 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 5 deihen in den Hochländern unter etwa 20 Grad südl. Breite schon drei Generationen deutscher Kolonisten sehr gut; die Geburtenhäufigkeit ist dort sehr groß und die Sterblichkeit trotz des Mangels sanitärer Einrichtungen sehr gering.') Weit ungünstiger sind die Ergebnisse der An- siedlung von Europäern in tropischen Tiefländern. Von Mittelamerika berichtet Prof. Sapper, daß es dort um die Gesundheit der weißen Ansiedler schlecht bestellt ist und daß sie leicht den Ein- flüssen des Klimas erliegen, das erschlaffend wirkt und zwar auch auf die Fortpflanzungsorgane, wes- halb europäische Frauen meist kinderlos sind oder nur wenige Kinder haben. Südeuropäer passen sich leichter an als Nord- und Mitteleuropäer. In der Panamakanalzone haben die Amerikaner die Gesundheitsverhältnisse bedeutend verbessert, in- dem sie sanitäre Maßregeln mit eiserner Strenge durchführten; ähnliches ist aber nur dann möglich, wenn einer tropischen Siedlung bedeutende finan- zielle Zuwendungen von auswärts gemacht werden. — Auf den kleinen Antillen nimmt die Zahl der Weißen fast überall ab, die Zahl der Neger und Mischlinge aber ist im Zunehmen begriffen. Schon diese Tatsache beweist, daß die Inseln als Be- siedlungsgebiet für Weiße nicht geeignet sind.-) In Surinam (Südamerika) haben sich nur wenige Nachkommen holländischer Ansiedler erhalten, die nach Angabe von Prof. B 1 o e m zum größten Teil entartet sind. ^) Von Niederländisch - Ostindien, wo seit 300 Jahren europäische Kolonisation stattfindet, sagt Dr. Kohlbrugge, daß er nur eine Familie er- mittelte, die rassenrein geblieben war und bereits in der vierten Generation dort lebte.*) Nach Dr. Nederburgh gibt es in NiederländischOstindien zwar Gegenden mit einem für Europäer günstigen Klima, aber im Verhältnis zum Ganzen sind sie nicht groß und sie hängen nicht zusammen, so daß die europäischen Ansiedler zwischen für sie ungeeigneten Ländern eingeklemmt sein würden. Außerdem ist der ganze Archipel bevölkert, und zwar von einer Rasse, die nicht die geringste Neigung zum Aussterben zeigt. Die Erfahrung von Jahrhunderten hat gezeigt, daß Europäer und Farbige sich sehr gerne mischen, sogar wo der Blutmischung behördlicherseits entgegengetreten wird, und es besteht keine Aussicht, künftige Kolonisten rein zu erhalten.'') In S ü d a f r i k a ist die europäische Kolonisation in den Hochländern überall erfolgreich gewesen, in den Tiefländern hat sie fehlgeschlagen, es ver- mögen sich dort europäische Siedler nicht zu halten. Ein gutes Beispiel bietet die britische ') VVagemann, Die Deutschen Kolonisten im brasilia- nischen Staat Espirito Santo. München 191 5. ') Sapper, Mittelamerilia. Ansiedlung von Europäern in den Tropen. 2. Teil. ") Bloem, Niederländisch-Westindien. Ebenda. *) Einfluß der Tropen auf den blonden Europäer. Archiv für Rassen- und Gesellschaflsbiologie. 7- J'^^^Sm S. 575- ^) Ansicdlune von Europäern in den Tropen. 2. Teil, 4. Ahschn., Niederländisch-Oslindien. Kolonie Rhodesien. In kurzer Zeit hat das bergige Süd-Rhodesien eine ansehnliche weiße Bevölkerung mit beträchtlichem Geburtenüberschuß erhalten, während in dem niedrig gelegenen und sehr wasserreichen Nord-Rhodesien erst etwa 300 Euro- päer leben und diese nur zeitweise. ') Der Mißerfolg der europäischen Kolonisation in tropischen Tiefländern ist vor allem darauf zurückzuführen, daß die europäischen Menschen dem Klima dieser Länder nicht angepaßt sind. Die Menschenrassen von heute sind eben lokale Anpassungsformen und die im Laufe einer vieltausendjährigen Entwicklung stattgefundene Differenzierung der körperlichen Eigenschaften kann nicht wieder rückgängig gemacht werden, wenn auch eine gewisse Plastizität der heutigen Menschenrassen, wie sie Franz Boas trefflich bewies,^j nicht zu leugnen ist; aber an eine Aus- gleichung der Unterschiede ist nicht zu denken. Schon die Massigkeit des Körpers der Nord- und Miiteleuropäer ist für das Leben in den Tropen ungeeignet, weil dieser massige Körper dort schwer kühl gehalten werden kann. Es gibt zwar in den Tropen auch hochwüchsige Menschen, wie die Sudanneger, gewisse südamerikanische Indianer- völker, Polynesier usw., aber diese großwüchsigen Tropenbewohner sind immer schlank und niemals massig. Als eine Anpassungserscheinung an das Tropen- klima kann zuversichtlich auch die dunkle Haut- färbung gelten, welche fast alle in den niederen Breiten unserer Erde wohnenden Zweige der Menschheit auszeichnet. Ursprünglich scheint die Menschheit nicht dunkel pigmentiert gewesen zu sein, denn die Negerkinder kommen regelmäßig mit schmutzig fleischfarbener Haut zur Welt und dunkeln erst später nach. Einen direkten Schutz gegen die Sonnenhitze bildet die dunkle Haut- farbe gewiß nicht, denn es ist bekannt, daß dunkle Flächen die Sonnenwärme stärker aufnehmen als helle. Aber dieser Nachteil der dunklen Pigmentie- rung wird dadurch mehr als aufgewogen, daß sie die Ausstrahlung der Wärme erleichtert. Über- dies ist das Epidermispigment eine Schutzein- richtung gegen die blauen und ultravioletten Lichtstrahlen, unter deren Einwirkung der pigmet- arme Europäer in den Tropen ungleich mehr zu leiden hat als der stark pigmentierte Neger, Araber, Dravida, Australier usw. Die geschlechtliche Aus- lese wirkte bei der DifTerenzierung der Hautfarbe der Menschen mit; wo die Gesündesten und Besten sich durch eine bestimmte Hautfarbe aus- zeichnen, da wird sie ein Mittel der Anziehung des anderen Geschlechtes sein, und sie wird da- durch als Rasseneigenart gesteigert und gefestigt werden. Es kommen auch noch andere Eigen- schaften der Haut in Betracht, die den Klimaten ') Die Ansiedlung von Europäern in den Tropen. 3. Teil. Fehlinger, Bevölkerung und Kolonisation Rhodesiens. Deutsche Rundschau für Geographie, 37. Bd., 3. Heft. ■'] Vgl. Naturw. Wocbenschr. N. F. XII. Bd., S. 353— SS"- N. F. XVnl. Nr. S Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 71 angepaßt sind. So erwähnt Kirch ho ff,') daß die Negerhaut durch eine unvergleichlich heftige Perspiration ausgezeichnet ist; diese massenhafte Verdunstung von Körperflüssiglieit durch die Haut erzeugt hochgradige Verdunstungskälte, und darum fühlt sich die Negerhaut umso kühler an, je heißer die Sonne brennt. Auch anderen europäischen Reisenden in den Tropen fiel es auf, daß die Ein- geborenen immer kalte Hände haben. Sehr zum Vorteil gereicht den Tropenbewohnern die große Elastizität des Körpers, die der Europäer, be- sonders der Nordeuropäer, verloren hat. Infolge dieser Elastizität strengt Arbeit die in den Tropen lebenden Rassen weniger an, sie ermüden nicht so leicht als die Europäer. Das Nervensystem des Europäers wird in den Tropen ungünstig be- einflußt. Schlaflosigkeit und Reizbarkeit sind meist die ersten Anzeichen der Schädigung der Nerven. Unter gewöhnlichen Verhältnissen zeigt der Ein- geborene die Reizbarkeit des Europäers nicht, wohl aber dann, wenn er eine höhere europäische Bildung genossen hat und sein Geistesleben sich dem europäischen nähert. Die ungünstige Ein- wirkung des Tropenklimas auf die Nerven wird von fast allen Europäern bekundet, die während ihres Aufenthalts in der heißen Zone zu geistiger Arbeit gezwungen waren, die dort viel schwerer zu leisten ist als in der Heimat. H. Fehlinger. Geologie. Über „Salzlagerstätten und Braun- kohleiibecken in ihren genetischen Lagerungs- beziehungen" hielt Joh. Walther einen inter- essanten Vortrag auf der 2. Mitgliederversammlung des Halleschen Verbandes für die Erforschung der mitteldeutschen Bodenschätze und ihrer Verwer- tung, welcher in der Zeitschr. „Kali" 12. Jahrg. 1918 erschienen ist. I Mitteldeutschland birgt vielfach dicht beisammen reiche Schätze an Salzlagern der Zechstein- und an Braunkohlen der Tertiärformation, die bisweilen demselben Wirtschaftsverband angehören. Beide einander so fremde Lagerstätten zeichnen sich durch merkwürdige Lagerungserscheinungen aus. Die Salzlager des oberen Zechsteins sind nach Walt her chemische Niederschläge aus einem großen weiten Salzsee, welcher vom offenen Welt- meere durch eine vom Ural bis nach England reichende Bucht abgeschnitten wurde, dann mehr und mehr eingeengt wurde und gleichzeitig unter den Einfluß eines niederschlagsarmen heißen Wüstenklimas geriet. Dieser große Salzsee sammelte seine Wasser in einem von Mellrich- stadt bis Segeberg und von Limburg bis Hohen- salza reichenden vielgegliederten Senkungsgebiet, in welchem sich Teilbecken von verschiedener chemischer Zusammensetzung bildeten, die bei ihrer Ausscheidung wechselnde Salzfolgen (Staß- furter-Typ, Werra-Typ) lieferten. Neben Joh. ') Kirch hoff, Darwinismus, angewandt auf Völker und Staaten. S. 43. Halle a. S. 1910. Walt her haben sich noch andere Forscher mit der Genesis der Salzlager und der sie zusammen- setzenden Salze beschäftigt, so namentlich vant' Hoff, Rinne, Erdmann und Rozsa durch ihre physikalisch -chemischen Untersuchungen, Lachmann durch seine geophysischen Studien über den Bau der Salzmassen Norddeutschlands (Salzauftrieb, Salzstock, Salzexzem), Jaenecke durch seine interessanten Erörterungen über die thermischen Folgen der Überlagerung der Salz- lager durch mehrere Tausend Meter Deckgebirge. Die Braunkohlen der Tertiärformation dagegen sind organische durch Anhäufung zerfallener Pflanzentrümmer entstandene Trümmergesteine. Aschenarmut wie riesige den Flözen eingeschaltete Baumstümpfe sprechen für eine autochthone d. h. bodenständige Entstehung der Flöze in Flözbecken (Kohlenbecken). Die ziemlich sumpfliebende Flora bestand aus einem Mischwald mit der noch heute lebenden Sumpfzypresse Taxodium distichum als Charakterbaum. Die Konservierung der gebildeten Zellulose fand bei Luftabschluß zumeist unter dem Wasserspiegel statt. In der Rhön, VVetterau und Kölner Bucht füllten sich flache Wasserbecken mit Moder an und wurden von Letten, vulkanischen Tuffen und Basahdecken überdeckt, dem Einfluß des Luftsauerstoffs entzogen und dadurch erhalten. Hier bildeten sich nur schwache Kohlenflöze, weil die Modermasse nicht mächtiger werden konnte als die ursprüngliche Beckentiefe betrug. Wo mehrere solcher schwachen BraunkohlenHöze ge- trennt durch mächtige Sand- und Tonablagerungen an derselben Stelle auftreten, muß man eine dauernde Senkung des Bildungsraumes annehmen. Diese wichtige Tatsache hat bereits für die Bil- dung der Steinkohlenlager des Oberkarbons ihre Bedeutung. Im Saarrevier sind 350 meist schwache Steinkohlenflöze einer Schichtfolge von 6000 m eingeschaltet, die sich nur so bilden konnte, daß ein weites Senkungsfeld im Laufe der Zeit um 6 km in die Tiefe sank und dabei abwechselnd Sand, Ton, Kies und Pflanzenmoder zur Ablage- rung kam. Im Gegensatz dazu sind die mitteldeutschen Braunkohlenlagersiäiten durch 20—100 m mäch- tige Braunkohlenflöze von großer Aschenarmut, vielfach ohne trennende Zwischenmittel und ein geringmächtiges Deckgebirge ausgezeichnet. In den verschiedenen Ab>chnitten der Teriiärzeit bildeten sich bald da bald dort lokale Senkungs- gebiete, in welchen sich das Grundwasser an- sammelte und dann eine Sumpfflora kontinuierlich Moderschicht auf Moderschicht häufte, bis schließ- lich der Senkungsvorgang an dieser Stelle zur Ruhe kam und an einer anderen Stelle in einer späteren Zeitperiode von neuem einsetzte. Des- halb kommen die eozänen, oligozänen und miozänen Kohlenbecken zumeist nebeneinander und nicht übereinander vor. An der einen Stelle bildeten sich Flöze von 100 m, an einer anderen Stelle von vielleicht nur 5 m Mächtigkeit. Derartige mächtige Senkungsbecken und die 72 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVm. Nr. 5 sie erfüllenden ßraunkohlenflöze sind auf das mitt- lere und nördliche Deutschland beschränkt. Ihre Verbreitung deckt sich auffallend mit derjenigen der deutschen Zechsteinsaize, so daß ein enger Zusammenhang offensichtlich erscheint. Die ur- sprünglich ebenflächig abgelagerten Salzschichten sind durch spätere Verlagerungen größten Maß- stabes (Faltung, Aufpressung, Überschiebung) nach oben gedrängt worden und dadurch unter den Einfluß des Tiefengrundwassers geraten. Große Salzmassen sind infolgedessen ausgelaugt worden, wodurch Erdfälle und Seen entstanden sind. Während der Aufwärtsbewegung des Salzes ent- standen an benachbarten Stellen enge und weite Senkungsfelder, die im Gegensatz zu dauernd ab- wärts gerichteten tektonischen Senkungsgebieten verhältnismäßig bald zur Ruhe kamen. In diesen Senkungsfeldern kamen dann die mächtigen Braun- kohlenflöze zur Ablagerung. Die ebenso interessanten wie wichtigen Untersuchungen von Joh. Walther geben ein treffliches Bild von den engen gene- tischen Lagerungsbeziehungen zwischen Salzlager- stätten nnd Braunkohlenbecken. V. Hohenstein-Halle. Bücherbesprechungen. Renward Brandstetter, Die Hirse im Kan- ton Luzern. Stans 191 7, von Matt. Im Geschichtsfreund der V Orte, Bd. 72 ist eine kleine Abhandlung über die Hirse erschienen, die ihrer Originalität wegen auch in dieser Zeit- schrift Erwähnung finden dürfte. Man lese z. B. das erste Kapitel über die Be- nennung der Hirse, so wird man den tüchtigen Sprachforscher sofort erkennen, der in den ein- heimischen Idiomen ebenso zu Hause ist, wie auf dem Gebiete der gesamten indogermanischen Sprachen. Die Geschichte der Hirsekultur führt bis zu den Pfahlbauten zurück. Im Kanton Luzern ist der älteste urkundliche Beleg aus dem Jahre 1290, ein Hirszchnten. Bis im 18. Jahrhundert war die Kultur noch reichlich, dann erfolgte ein rascher Rückgang. In gewissen Gegenden ist die Tradition über Hirse völlig erstorben. Dem Sprachforscher stehen aber eine Unmenge von Ortsnamen zur Verfügung, die auf Hirskulturen der Vergangenheit hmweisen. Hirsi, Hirseren, Fenkeren oder die Kompositionen Hirsland, Hirs- acker, Hirsgarten, Hirselenmoos, Hirselenweid usw. sind noch die letzten Erinnerungen an einstige Hirsareale. Spricht der Verfasser über Säen und Ernten der Hirse, oder über Dreschen und Enthülsen der Hirse, so spricht immer der tüchtige Kenner der Volkssprache und der Volkschroniken. Aus der Volkspoesie und aus dem Volksglauben zitiert der Verfasser kurze prägnante Belege über die Be- deutung der Hirse in der Vergangenheit. Wenige Luzernier, die den Hirsmontag tüchtig gefeiert, werden wohl an die alte Hirskultur zurückgedacht haben. Man darf gewiß dem Sprachforscher Dank sagen, wenn er der Geschichte der Kulturpflanzen seine wertvollen Dienste leistet, wie es im vor- liegenden Aufsatze der Fall ist. H. Bachmann. Prof. Dr. Johannes Meisenheimer, Entwick- lungsgeschichte der Tiere. 2., verb. Aufl. 2 Bde. (Sammlung Göschen Nr. 378 und 379.) G. J. Göschen'sche Verlagshandlung G. m. b. H. in Berlin und Leipzig. — Preis jedes Bandes i M. und 25 Pf. Teuerungszuschlag. Die beiden Bändchen geben einen ausgezeich- neten Überklick über den gegenwärtigen Stand unserer entwicklungsgeschichtlichen Kenntnisse. Der erste Teil behandelt die Furchung, die Bildung der Primitivanlagen und die Entwicklung der äußeren Gestalt, der zweite Teil die Embryonal- hüllen und die Organbildung. Über hundert klare schematische Abbildungen erläutern den Text. Gegenüber der ersten Auflage wurden folgende Veränderungen getroffen: Eine eingehendere Be- handlung erfuhr der ganze Abschnitt über die Entwicklung von den Folgeerscheinungen der Be- fruchtung an bis zur endgültigen Formgestaltung. Erweitert wurde ferner auch das Kapitel über die Embryonalhüllen. Dagegen fielen in der Dar- stellung der Organbildung einige Abschnitte weg, die mehr der vergleichenden Anatomie angehören. Mit dieser neuen Verteilung des Stoffes wurde insofern ein Fortschritt erzielt, als die Darstellung geschlossener und trotz der gebotenen Knappheit inhaltsreicher wurde. Dr. St. Literatur. Henrich, Prof. Dr. F., Chemie und chemische Techno- logie radioaktiver Stoffe. Mit 57 Textabbildungen und i Über- sicht. Berlin 1918, J. Springer. 15 M. Junge, G., Die Hirse. Leipzig, H. Mehner. I M. Kaßncr, Prof. Dr. K., Das Wetter und seine Bedeutung für das praktische Leben. 2. Aufl. Mit 27 Figuren und 6 Karten. Leipzig 1918, Quelle & Meyer. I,So M. Rosen, Prof. Dr. F., Anleitung zur Beobachtung der Pflanzenwelt. 2. Aufl. Leipzig 1918, Quelle & Meyer. 1,80 M. Stopje, H., Die Gemüsesamenzucht im Feld und im Garten. Leipzig, A. Michaiis. 1,60 M. Inhalt. Rudolph Zaunick, Zoologiehistorische Kritik des Buches von Georg Stehli über Jan Swammerdam's ,,Bybel der natuure". S. 65. Hans Heller, Über das Metallspritzverfahren von Schoop. S. 67. — Einzelberichte : Feh 1 in g er, Der gegenwärtige Stand der Akklimatisationsfrage. S. 69. Joh. Walther, Salzlagerstätten und Braunkohlenbecken in ihren genetischen Lagerungsbeziehungen. S. 71. — Bücherbesprechungen: Renward Brandstetter, Die Hirse im Kanton Luzern. S. 72. Johannes Meisenheimer, Entwicklungsgeschichte der Tiere. S. 72. — Literatur: Liste. S. 72. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Mi ehe, Berlin N 4, InvalidenstraBe 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S- Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 18, Band; der ganzen Reihe 34. Band. Sonntag, den 9. Februar 1919. Nummer 6 Über Selbsterhitzung und thermophile Mikroorganismen. [Nachdruck verboten.] Von Hugo Miehe. Selbsterwärmungsvorgänge sind in der Natur sowohl wie in wirtschaftlichen Betrieben des Men- schen sehr häufig zu beobachten. Sehr verschiedene pflanzliche Stoffe werden warm, ja sehr heiß, wenn sie in größeren Massen aufgehäuft sind. Den Landwirt interessieren besonders die landwirt- schaftlich wichtigen Produkte, Rübenblätter, Ge- treide, namentlich Heu. Meist ist die Selbster- hitzung höchst unerwünscht, indem sie mit be- deutenden Verlusten, ja völliger Entwertung der ihr anheimgefallenen Stoffe verbunden ist, in manchen Fällen bedient sich der Mensch aber auch absichtlich ihrer, entweder, wie bei der Fermentation des Tabaks, um das Material zu veredeln, oder um Futterstoffe rascher zu trocknen und haltbarer zu machen. Letzteres geschieht beim Braunheu, namentlich in Gebirgsgegenden sowie in anderen feuchten Strichen, um die hier meist ungenügend bleibende Trocknung durch die Fer- mentation zu vollenden. Dabei muß freilich ein ziemlich bedeutender Stoffverlust in Kauf genom- men werden. Mustern wir die Stoffe, die einer Selbsterwärmung unterliegen können , sowie die Bedingungen, die dabei noch gegeben sein müssen, so sehen wir, daß es sich um Pflanzenstoffe von einem gewissen P'euchtigkeitsgehalt handelt, die in größerer Menge aufgehäuft werden, und zwar so, daß ein gewisses Quantum Luft die Masse durchdringt, diese also porös gebaut sein muß. Ganz trockene Substanzen sowie solche, die künst- lich so stark wie möglich zusammengepreßt sind, resp. ihrer Beschaffenheit nach sich ohne Luft- lücken lagern, zeigen keine oder nur anfängliche und dann schwach bleibende Erhitzung, die natür- lich auch dann gering bleibt, wenn die Haufen nur klein sind. Sehr starke und auffällige Selbst- erhitzung kann man jederzeit leicht beobachten, und zwar schon an verhältnismäßig geringen Mengen, wenn man feines Rasenheu direkt nach dem Mähen in Haufen setzt. Es entwickelt sich dann im Innern des Stapels schon nach kurzer Zeit eine solche Hitze, daß man die Hand nicht mehr hineinhalten kann. Genauer möge hier der Verlauf des Selbstheizvorganges an einem Heu- diemen geschildert werden, der unter Bedingungen zusammengesetzt wurde, wie sie für die Gewinnung von Braunheu nötig sind. 50 Zentner eines Wiesen- heus, das noch etwa doppelt soviel Wassergehalt führte, als man für gut getrocknetes Dürrheu an- nimmt, nämlich etwa 30 Prozent, wurden zu einem 3 Meter breiten und 3,5 Meter hohen Stapel auf- geschichtet. Schon nach zwei Stunden war im Innern die Temperatur um 2 Grad höher als außen, nach 24 Stunden dampfte der Diemen und hatte 57 Grad erreicht. Am heißesten war er nach vier Tagen, da konnte man nämlich 68 Grad im Mittelpunkt messen; andere Beobachter haben aber in größeren Haufen sogar noch wesentlich höhere Temperaturen festgestellt. Anderthalb Wochen nun hielt sich die Temperatur über bzw. auf 60 Grad, worauf dann der allmähliche Ab- kühlungsprozeß begann, der erst nach Wochen beendet war. Die Veränderungen im Innern der Masse betreffen das Wasser, die chemische Zu- sammensetzung der Trockensubstanz des Heues sowie die Gase. Das Wasser zeigt eine starke Abnahme, der Haufen hat sich also selbst ge- trocknet, wie man das ja auch an den ausge- hauchten W^asserdampfwolken ohne weiteres sehen kann. Aber auch die Trockensubstanz hat sich vermindert, und zwar bis zu 30 Prozent, also sehr beträchtlich. Am stärksten nehmen dabei die Kohlehydrate ab, weniger, aber immerhin deutlich auch die eiweißartigen Substanzen. Die Verände- rung der Binnenatmosphäre besteht in einem all- mählichen Verschwinden des Sauerstoffes und seiner Ersetzung durch Kohlensäure. Ein solcher Haufen verhält sich also wie ein lebendes Wesen, er verbraucht Sauerstoff und gibt Kohlensäure ab und wird dabei warm. Dieser Vergleich ist nicht bloß ein äußerlicher, sondern er trifft schon den Kern der Frage, welches denn eigentlich die Ursache dieser eigentümlichen Selbsterwärmung ist. Es stehen sich da zwei An- sichten gegenüber. Die eine behauptet, sie werde durch rein chemische Vorgänge bewirkt, durch Oxydationsvorgänge, die vielleicht durch irgend- welche Kontaktsubstanzen katalytisch beschleunigt werden, die andere nimmt zwar auch O.vydations- vorgänge an, aber solche, welche in lebenden Organismen verlaufen und einen Teil der physio- logischen Reaktionskette bilden, die man unter dem Begriff der Atmung zusammenfaßt. Das läßt sich auch leicht exakt nachweisen. Vorher müssen wir aber noch ganz kurz feststellen, was denn für Lebewesen im Heudiemen und allge- meiner bei Selbsterwärmungsvorgängen überhaupt in Frage kommen können. Da haben wir zu unterscheiden zwischen solchen Pflanzenstoffen, die noch ganz oder zum Teil aus lebenden Pflanzen- teilen bestehen, wie es z. B. bei der Braunheu- werbung der Fall ist, und solchen, die selber schon abgestorben sind, wie z. B. die Tabakblätter, auf denen aber reiche Entwicklung einer mikro- skopischen Lebewelt stattgefunden hat, die sich weiterhin noch ausbreitet. Natürlich müssen diese mikroskopischen Bewohner auch im ersten Falle anwesend sein, denn alle Pflanzenteile, wie fast 74 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVHI. Nr. 6 alle Gegenstände unserer Umgebung sind mit Keimen von Schimmelpilzen und Bakterien besetzt, die sich sofort üppig zu vermehren beginnen, so- bald günstige Bedingungen hinzutreten. Also das etwa als Wärmequelle in Betracht zu ziehende organische Leben wird entweder durch lebende Pflanzen samt den auf ihnen angesiedelten Klein- lebewesen oder durch letztere allein dargestellt. Bekanntermaßen kann man nun das Leben ver- nichten, z. B. durch Erhitzung in heißem Wasser- dampf, so wie der Bakteriologe irgendwelche Sub- stanzen keimfrei macht. Sterilisiert man derge- stalt Heu im Sterilisator, so verliert es die Fähigkeit, sich zu erwärmen, vollkommen. Merkwürdigerweise, aber in bezug auf bald zu er- wähnendes erklärlicherweise, genügt dazu schon eine Temperatur von etwa 65 Grad, man braucht also nicht einmal die sonst übliche Hitze von 100 Grad anzuwenden. Macht man nun das sterili- sierte Heu wieder künstlich keimhaltig, indem man es mit Erde, Staub, Schmutzwasser oder anderen infektiösen Materialien impft, so gewinnt es die F"ähigkeit der Selbsterhitzung zurück. Daraus geht also mit Sicherheit hervor, daß in der Tat Mikroorganismen, auf Pflanzenstoffen wuchernd, diese erhitzen können. Ob dies die lebenden Pflanzen selber auch können, ist sehr viel schwerer zu beweisen, da es außerordentlich mühsam, technisch vielleicht unmöglich sein würde, ein hinreichendes Quantum keimfreier lebender Pflanzen zu bekommen. Doch werden wir gleich sehen, daß diese Frage auf Grund allgemein-physiologi- scher Vorstellungen ohne weiteres zu bejahen ist. Sehr schwierig ist nun aber einem anderen Ein- wände zu begegnen. Es können nämlich an der Erzeugung von Wärme auch Enzyme beteiligt sein, etwa Oxydasen, die von den lebenden Pflanzen- teilen produziert werden, und da diese durch die Erhitzung bei der Sterilisierung ebenfalls ge- schädigt werden können, wäre unter Umständen neben der rein mikrobiologischen Wärmequelle noch eine enzymatische anzunehmen. Wenn man nun die Hitzesterilisierung ersetzt durch eine Des- infektion mit chemischen keimiötenden Agentien, mit Desinfizientien, wie z. B. P'ormaldehyd oder Chloroform, so wird dadurch die Selbsterwärmungs- fähigkeit ebenfalls vollständig unterdrückt. Man könnte zwar auch jetzt noch behaupten, daß auch die Enzyme durch die angewandten Stoffe gelähmt worden seien, würde sich aber damit auf ein vor- läufig ganz ungreifbares Gelände zurückziehen. Die Untersuchungsmittel, die uns nach Lage der Dinge zu Gebote stehen, weisen gleichsinnig darauf hin, daß der Selbsierwärmungsvorgang durch die Lebenstäiigkeit von Organismen bedingt wird. Nun können wir uns die P'rage vorlegen, wie denn überhaupt durch Lebewesen Wärme erzeugt werden kann. Begreiflich, wenn auch nicht ohne weiteres ursächlich verständlich erscheint uns die Tatsache nur bei den Warmblütern. Aber die Wärmebildung ist viel allgemeiner, sie ist auch bei den Tieren mit wechselvvarmer Körpertempe- ratur vorhanden. Bienen und Ameisen z. B., ob- wohl einzeln nur etwa so warm, wie die Um- gebung, zeigen sofort an, daß auch sie Wärme zu bilden vermögen, wenn sie in dichten Mengen beieinander sitzen. So heizen Bienen ihre Bienen- körbe, Ameisen ihre Nester in einer ohne weiteres fühl- und meßbaren Weise mit ihren Leibern. Bei den Pflanzen ist es nun ganz ähnlich. Das einzelne Individuum verhindern die große Oberfläche und die Transpiration, sich über die Außentemperatur zu erwärmen; sind aber viele Pflanzen zusammen- gehäuft, so tritt das vorher nicht bemerkbare Heiz- vermögen alsbald deutlich zutage. Ja, bei manchen Pflanzenarien können wir sogar ohne - diese be- günstigenden Umstände am Einzelobjekt bereits Temperaturerhöhung nachweisen. So ist in den Blüten des Aronstabes der Kolben erheblich wärmer als die Umgebung, die riesigen Bluten- stände der Palmen und Schraubenpalmen erhitzen sich bemerkbar, wenn die zahllosen Einzelblüten aufblühen, ein Hutpilz ist oft innen wärmer als außen, desgleichen eine Kokosnuß, wenn sie aus- keimt. Niedere Pilze und Bakterien zeigen das- selbe, wenn sie in dichten Mengen ein Nahrungs- substrat durchwachsen; schon z. B. ein Stückchen eines verschimmelten Brotes ist innen etwas wärmer als außen. Selbst in Flüssigkeiten kann man diese Erscheinung beobachten, wie z. B. die Essig- gradierfässer und die Maischebottiche zeigen. Die Vorgänge, die diesen physiologischen Heizprozeß unterhalten, sind eng mit der Atmung verknüpft, d. h. mit jenem Stoffwechselkomplex innerhalb der lebenden Substanz, bei dem es unter Verbrauch von Körpersubstanz auf die Gewinnung von Energie abgesehen ist, und der bei den meisten Organismus durch Aufnahme von Sauerstoff und Abgabe von Kohlensäure gekennzeichnet ist. Atmungsvorgänge in diesem Sinn finden sich, wenn auch in veischiedener Stärke, bei allen Organis- men, bei den Tieren sogut wie bei den Pflanzen. Schimmelpilze haben sogar eine Atmung, die, ge- messen an der Kohlensäureausscheidung, hundert- mal so intensiv wie die des Menschen sein kann. Kehren wir nunmehr wiederum zum Heu zu- rück und fragen wir uns, welche Organismen hier die Nährer der physiologischen Flamme sind 1 In erster Linie sind es beim Braunheu die Futter- kräuter selber, die, weil nur leicht angewelkt, noch leben und atmen, wahrscheinlich sogar besonders intensiv atmen, da durch Verwundung die Atmung gesteigert wird. Allerdings könnten sie nur eine Erhitzung bis etwa 45 Grad verständlich machen, d. h. bis zu der eigenen oberen Temperaturgrenze. Nun steigt aber die Temperatur in genügend großen Haufen noch wesentlich höher, bis 70, 75 Grad. Diese weitere Steigerung der Wärme muß durch andere, und zwar durch ganz eigen- tümliche, hitzeliebende Lebewesen bewirkt werden. In der Tat kennen wir gewisse Bakterien, die die seltsame Eigentümlichkeit zeigen, noch bei Tem- peraturen zu gedeihen, die für andere Lebewesen unbedingt tödlich sind, und, was noch merk- N. F. XVIII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 75 würdiger ist, bei gewöhnlichen Temperaturen in Froststarre zu liegen und erst bei Temperaturen von 30 bis 40 Grad zum Leben zu erwachen. Man nennt solche Organismen, zu denen übrigens auch etliche Schimmelpilze gehören. Therm o- phile. Im Heu findet sich nun auch etwa von 40 Grad an eine zu dieser physiologischen Sonder- gruppe gehörige Bakterienart in reichlicher Menge, auch läßt sich wiederum durch Impfversuche an sterilisiertem Material nachweisen, daß dieser als Bacillus calfactor benannte Keim die von ihm durchwucherte Masse erhitzen kann. Soviel über das Heu. — Besteht die in Selbsterhitzung übergehende Masse aus toten Pflanzenteilen, so müssen natürlich von allem Anfang an mikro- skopische Lebewesen die Rolle der Heizer spielen, zunächst solche, die schon bei gewöhnlicher Tem- peratur gedeihen und unter denen ein Coli-Bacillus eine besondere Bedeutung hat, später wieder, wenn diese sich selber zu Tode erhitzt haben, thermo- phile Mikroben. Merkwürdig ist, daß nach länger dauernder Selbsterhitzung die ganze Masse, so z. B. das Braunheu, im Innern vollkommen steril wird, es sterilisiert sich selber. Sogar Sporen finden sich nicht mehr! Wenn sich nun lange Zeit eine hohe Tempe- ratur im Innern von Heustapeln erhält, so geht die Masse schließlich in eine kohleartige Substanz über, die in ihrem feinporösen Zustande außer- ordentlich leicht zur Selbstentflammung neigt, sobald sie mit reichlichen Mengen Sauer- stoff in Berührung kommt. Wie diese eigentlich zustande kommt, kann man heute nicht genau sagen, da keine genügenden experimentellen Unter- lagen vorliegen. Sicher sind diese Endstadien rein chemischer Natur. Man kann nur sagen, daß die Selbstentzündung von pflanzlichen Stapelprodukten stets an eine vorhergehende, lang dauernde und kräftig verlaufende Selbsterhitzung gebunden ist. Je günstiger die Bedingungen für intensive Selbst- erwärung sind, um so größer ist die Gefahr der Selbstentzündung. Daraus ergeben sich die Ver- hütungsmaßnahmen von selber. Den besten Schutz gewährt die tadellose Trocknung. Leider ist nun gerade dies eine Bedingung, die sich oft infolge ungünstiger Umstände nicht befriedigend erfüllen läßt, oft muß man ja wegen der Witte- rungsungunst die Selbsterwärmung mit in Kauf nehmen, bzw. ruft man sie gerade als Korrektiv hervor. Da kommt es nun darauf an, die Futter- stoffe nicht in zu großen zusammenhängenden Massen zu stapeln, also die Diemen nur klein zu machen oder in Scheunen die Masse durch Stock- werke oder eingebaute Schächte zu teilen. Auch würde ein hinreichender Zusatz von Salz, falls dies zur Verfügung steht, eine zweckdienliche Maßregel sein. Besonders aber wäre zu raten, die Tempe- ratur dauernd zu kontrollieren, wie man das z. B. in den Tabaksiapeln stets und mit größter Sorg- falt macht. Es läßt sich leicht so ausführen, daß man an geeigneten Stellen starke eiserne Röhren von engem Lumen in die Masse mit hineinpackt. durch die man ein kleines Maximumthermometer hineinschieben und herausziehen kann, die aber sonst außen verschlossen sein müssen. So wäre man immer darüber unterrichtet, was im Innern der Heumasse vorgeht und wäre keinen unlieb- samen Überraschungen ausgesetzt. Was nun die Bekämpfungsmaßnahmen angeht, so hängen sie von dem Zeitpunkt ab, wo man eingreift. Ist man auf dem Posten gewesen und hat von vornherein bei Heuhaufen, die sehr groß waren und unter verdächtigen Umständen aufgebaut wurden, die Temperatur verfolgt und dabei schon in der ersten Woche eine sehr starke Erhitzung eintreten sehen , so wird man ohne große Gefahr sofort einschreiten können. Man kann da durch Umsetzen, Einbauen von Schächten noch etwas erreichen. Lenkt aber, wie das leider oft genug der Fall ist, erst nach Wochen oder gar Monaten der bereits brenzliche Geruch des Haufens die Aufmerksamkeit auf sich, so muß man ihn mit der höchsten Vorsicht behandeln, da jetzt jede Luftzuführung gefährlich ist. Also jetzt noch Luftschächte hineinbauen zu wollen, wäre Torheit. Meist sind ja gerade eine bereits angekohlte Diele, resp. Ritzen, Spalten darin, oder ein Balken oder andere Luftzirkulation begünstigende Umstände die Ursache davon, daß schon lokal ein Glimmen eingesetzt hat. Und dies würde alsbald zu offener Feuersbrunst entfacht werden, falls man unbedacht in dem Haufen herumstochern würde. Kann man den Haufen nach Lage der Dinge nicht einfach sich selber überlassen, muß man sich also entschließen, ihn abzuräumen, so kann dies nur unter Beobachtung aller nur er- denklichen Vorsichtsmaßregeln, z. B. unter aus- giebiger Bereitstellung von Löschgerätschaften ge- schehen. Dabei ist eine dauernde Beaufsichtigung während der ganzen Arbeit und auch bei den ab- geräumten Massen unbedingt erforderlich, da oft ganz unvermutet aus ihnen, zuweilen noch auf den Wagen, Feuergarben herausschlagen. Man darf sie bis zur völligen Abkühlung überhaupt nicht aus den Augen lassen. Wie eingangs bereits bemerkt wurde, werden Selbsterwärmungsvorgänge häufig absichtlich ein- geleitet, um irgendwelche Rohprodukte in eine gebrauchsfähige oder verbesserte F"orm umzuwan- deln. Abgesehen von der Braunheubereitung, die auf die Erzielung eines haltbaren Futtermittels aus einem Ausgangsmaterial ungünstigen Feuchtigkeits- grades bzw. unter ungünstigen Trocknungsbeding- ungen ausgeht, spielt die Selbsterhitzung z. B. eine große Rolle bei der Fermentation des Tabaks. Die geernteten Tabakblätter werden in große Trockenscheunen (hangloodsen nennen sie die Holländer in Java) aufgehangen, um hier langsam abzusterben und zu trocknen. Die Trocknung ist vollendet, wenn das Blatt vollständig tot und des Wassers soweit beraubt ist, daß es eben noch eine geschmeidige Beschaffenheit aufweist. Es enthält also noch ein gewisses Maß Feuchtigkeit (20 — 25 "/o)- Nunmehr werden die gebündelten 76 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 6 Blätter zu großen Stapeln von würfelförmiger Gestalt aufgehäuft , und zwar geschieht dies in den großen Fermentierhäusern (den goedangs, wie sie malayisch heißen). Hier setzt alsbald eine Selbsterwärmung ein, deren Verlauf sorgfältig mit Hilfe von Thermometern gemessen wird, die durch ein Bambusrohr bis in die Mitte des Stapels ge- führt werden können. Auf einer an jedem Stapel befestigten Tabelle wird die Temperaturbewegung sorgfältig verzeichnet. Hat die Masse etwa 60" erreicht, was unter normalen Verhältnissen etwa nach 5 Tagen der Fall ist, so wird der Haufen umgesetzt, und zwar so, daß jetzt die vorher außen befindlichen Büschel nach innen gepackt werden. Später können auch mehrere Stapel zusammen- gesetzt werden , so daß Haufen von mehreren hunderten von Zentnern entstehen, kurz, man läßt die Masse so lange gären und sich erhitzen , als sie Neigung zeigt. Dann erst ist aus dem rohen Tabak das gebrauchsfertige Produkt entstanden, das ausgeführt werden kann, aber unter Umstän- den noch in Europa einer Nachbehandlung unter- worfen wird. Die Vorteile, die bei dieser Fer- mentation erzielt werden, sind einmal eine größere Haltbarkeit, indem die fermentierte Masse trotz eines gewissen im Hinblick auf das feuchte Tropen- und das ebenso feuchte Seeklima unvermeidlichen und auch nicht unerwünschten Wassergehaltes beim Transport und bei der Lagerung nicht ver- dirbt. Der zweite Vorteil besteht in einer wäh- rend des Fermentionsvorganges verlaufenden gün- stigen Veränderung der Substanz. Denn, wenn wir einmal vom Zigarettentabak absehen, so ist ein einfach getrocknetes Tabakblatt " nur ein sehr wenig schmackhaftes Rauchzeug. Zu einem ge- wissen Teil läßt sich die natürliche Fermentation durch eine künstliche ersetzen, indem das Tabak- gut höheren Temperaturen ausgesetzt wird. Noch nicht endgültig entschieden ist, welche Ursachen die Erhitzung des Tabaks bewirken. Der Streit ist durch ähnliche Schlagworte gekennzeichnet wie wir sie oben bei der entsprechenden Erschei- nung der Heuselbsterwärmung anführten. Man kann es wohl als sehr wahrscheinlich bezeichnen, daß auch die Tabakfermentation hauptsächlich ein physiologischer, und nicht ein rein chemischer Vorgang ist. Es müssen aber, da die Masse von Anbeginn des Stapeins an tot ist, sogleich Mikro- organismen als Heizer auftreten, die sich denn auch in der Tat im Tabak finden. Auch Wärme- liebende sind vertreten. Ob nun aber die Ver- änderung der Masse auf die mikrobiologische Einwirkung der Tabakmikroflora direkt zurück- geht, oder ob sie nur die etwa als Hauptagens anzusprechende Hitze liefern, oder ob dazu noch blatieigene Fermentwirkungen treten und schließ- lich, ob vielleicht alle Momente oder einige von ihnen zusammen den Effekt hervorbringen, ist noch nicht entschieden. Es wäre leicht, noch eine ganze Reihe anderer Aufbereitungsverfahren hier zu erörtern, bei denen ebenfalls unter Entwicklung von Wärme mikro- biologische oder physiologische Umsetzungsvor- gänge stattfinden (wie z. B. die Fermentation des Thees usw.). Wir wollen uns aber lieber zum Schluß noch kurz einem Punkte allgemein biologi- schen Interesses zuwenden, der die Lebewelt selbsterhitzter Massen betrifft. Wie wir sahen, findet sich bei höheren Temperaturen im Heu eine sehr merkwürdige Bakterienart, die zu der biologischen Gruppe der Thermophilen gehört. Man kannte solche schon seit längerer Zeit. Nach- dem zuerst Miquel aus Seinewasser eine Bakterie isoliert hatte, die sich noch bei sehr hoher Tem- peratur entwickeln kann, haben namentlich medi- zinische Autoren weiterhin eine ganze Anzahl thermophiler Bakterien gefunden, denen sich auch etliche Schimmelpilze anschlössen. Allen diesen thermophilen Organismen ist die Eigenschaft ge- meinsam, überhaupt erst bei höherer Temperatur (etwa 30 — 40"), ihre Entwicklung zu beginnen, also bei Temperaturen gewissermaßen in Frost- starre dazuliegen, die für die übrigen Organismen, namentlich die Pflanzen, gerade das Leben ec- möglichen. Impfe ich in ein Agarröhrchen eine thermophile Bakterienart, z. B. jenen Bac. calfactor, und halte dies bei der Wärme heißer Sommertage, also etwa bei 28", so tritt selbst nach Wochen kein Impfbelag auf, die Bakterien wachsen nicht. Erst bei 30" beginnen sie sich sehr langsam und träge zu entwickeln, bei 40" geht es schon rascher und bei 50 — 60" haben wir schon nach wenigen Stunden üppige Impfbeläge. Er vermag aber auch bei noch höheren Temperaturen bis über 70" zu wachsen. Auf das Fröhlichste durch- wimmelt er noch Flüssigkeiten, in denen man sich die Hand sofort elend verbrennen würde. Diese höchst merkwürdige Verschiebung der thermischen Lebensbedingungen nach oben hat nichts zu tun mit der bekannten Widerstandskraft von Bak^erien- sporen gegen das Kocnen. Denn solche Sporen sind ja im Ruhezustande befindliche Keime, die zwar eine gewisse Zeit die Hitze des siedenden Wassers überstehen , aber niemals bei höheren Temperaturen auskeimen und sich fortentwickeln würden. Es liegt vielmehr bei den Thermophilen die besondere Befähigung vor, nur nach Über- schreitung einer ungewöhnlich hohen unteren Wärmeschwelle ihre Lebensvorgänge, Wachstum, Bewegung, Vermehrung in Gang zu setzen und sie noch bei Temperaturen zu unterhalten, die allen anderen Lebewesen sofort tötlich sind. Denn die Mehrzahl aller Organismen wird bereits bei 40" geschädigt, 45" tötet schon rasch. Die Ei- weißstoffe, die das Plasma der thermophilen Mikro- organismen zusammensetzen, müssen von ganz besonderer Art sein , da für gewöhnlich Eiweiß- Stoffe bereits bei 50" gerinnen. Betrachten wir die Welt der Lebewesen als ganzes, so bereichern die Thermophilen dieses Bild um ganz neue und überraschende Züge. Wo haben wir sie aber in das Naturganze einzuordnen f Wo finden Or- ganismen mit so ungewöhnlichen Lebensansprüchen günstige Brutstätten, wo haben sie ihre Standorte? N. F. XVIII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 17 Es ist merkwürdig, daß man sich diese Frage trotz des großen Eirers, mit dem man thermo- phile Bakterien in sehr verschiedenen Substraten aufsuchte, ernsthch nicht vorgelegt hatte. Man züchtet leicht aus allen möglichen Substanzen thermophileOrganismen, indem man Plattenkulturen damit impfte, und dann bei 60" hielt. Dabei war es ohne weiteres klar, besonders schlagend z. B. bei dem oben erwähnten Seinewasser, daß die dergestalt züchtbaren Mikroben unmöglich in jenen Impfmaterialien zu Hause sein konnten, daß sie vielmehr hier nur in F"orm schlafender Keime enthalten sein mußten, daß mithin ihre eigent- lichen Standorte irgendwo anders liegen müssen, wo sich hohe Temperatur mit Feuchtigkeit und Nahrung vereinigen. Als solche Stätten würden sich zunächst etwa heiße Quellen anbieten, die in der Tat eine thermophile Lebewelt beherbergen. Doch ist diese einmal eine ganz spezifische, in der jene weitverbreiteten Formen nicht vertreten sind, und dann sind sie ja, selbst wenn die eine oder andere Art auch hier vorkäme, so spärlich über die Erde verteilt, daß die große Häufigkeit ther- mophiler Keime unverständlich bliebe. Dann käme die Sonnenwärme in Frage. In der Tat vermag sie, wie auch experimentell gezeigt wurde, Thermophile auszubrüten, allerdings in unseren Breiten nur unter günstigen Bedingungen. Zwar wird die oberste Schicht des Bodens leicht warm, aber hier tritt Licht und Trockenheit hem- mend dazwischen, der Boden muß also schon bis zu einer gewissen Tiefe auf ca. 40" erwärmt werden, was, wie gesagt, gelegentlich eintreten kann. Besser sind die Bedingungen in den Tropen, wo regelmäßig mehrere Stunde» am Tage günstige Temperaturen auch an solchen Stellen auftreten, wo gleichzeitig die übrigen Wachstumsbedingungen geboten werden. Es sind dann auch wirklich zahlreiche Arten thermophiler Bakterien mit auf- fallend hoher unterer Wachstumsgrenze (35 — 45") aufgefunden worden. Die Sonnenwärme vermag also an manchen Stellen der Erde die thermophile Lebevvelt zur Entwicklung zu bringen, aber eins bleibt doch noch rätselhaft, nämlich das unge- wöhnlich hohe Optimum und Maximum. Wenn auch diese Punkte gelegentlich durch die Sonnen- wärme erreicht werden können, so ist dies doch so selten der Fall, daß sich jene extremen Fähig- keiten nicht auf harmonische äußere Bedingungen zurückführen lassen. Und wir nehmen doch an, daß die Eigenschaften der Organismen der bio- logische Ausdruck für bestimmte Faktoren der Umwelt sind. Ähnliche Gedankengänge würden für die Annahme sich herausstellen, daß die Warm- blüter, ihre Nester usw. als natürliche Thermo- staten in Frage kommen. Gewiß werden Thermo- phile im Darm gefunden, zweifellos kommen sie in Nestern brütender Vögel vor, aber wiederum bleiben das hohe Optimum und Maximum un- erklärbar. Dagegen gewähren die in Selbsterhitzung befindlichen Haufen pflanzlicher Stoffe einen geradezu idealen Ort, wo sich eine hitzeliebende Lebewelt zu größter Üppigkeit entwickeln kann. In der Tat sind gärende Heu- und Misthaufen eine F'undstätte der verschiedensten Thermophilen, neben Bakterien wuchern hier graue, gelbe, grüne Schimmelpilze besonderer Art (Thermomyces, Thermoidium, Thermoascus, thermophile Mucori- rieen, Aspergillen, Actinomyceten usw.) in größter Üppigkeit, namentlich wenn besonders günstige Feuchtigkeitsverhältnisse dazu kommen. An sol- chen Lokalitäten werden nicht nur die günstigen Anfangstemperaturen erreicht, sondern auch die hohen Optimal- und Maximalgrade, und es ist wohl kein Zweifel, daß die obere Grenze des oben erwähnten Bac. calfactor ungefähr mit dem Temperaturgrade zusammenfällt, den im allge- meinen gärheiße Stapel erreichen. Allerdings bleibt uns auch hier ein Bedenken nicht erspart, das in der Frage liegt: kommen denn wirklich solche selbsterhitzten Pflanzenreste in der Natur in hinreichender Häufigkeit vor? Für regelmäßig kultivierte Gegenden ist diese Frage zu bejahen. Zweifellos besorgt vor allem der Stallmist, der sich ja leicht erhitzt, im reichsten und umfassend- sten Maße regelmäßig die Verbreitung und Aus- streuung der Keime. Wie steht es aber mit den Verhältnissen der von der Kultur nicht beein- flußten Natur? Hier sind Gelegenheiten zur Ent- stehung von Selbstenvärmungsvorgängen offenbar sehr selten. Ich wüßte wenigstens aus eigener Erfahrung keinen Fall ganz ursprünglicher Selbst- erhitzungsvorgänge anzugeben. Wir müßten also zu dem Schlüsse kommen, daß die echten Ther- mophilen Kulturformen sind, die im Anschluß an landwirtschaftliche Betriebe entstanden und sich mit ihrer Hilfe erhielten. Wir hatten eingangs einen gärenden Pflanzen- haufen mit Rücksicht auf den Gaswechsel und auf die Quelle der Wärme mit einem Warmblüter verglichen. Wir können zum Schluß noch wenig- stens auf eine weitere Vergleichsmöglichkeit hin- weisen. Die Frage, ob sich pathogene Mikro- organismen, die ebenfalls, wenn auch weniger ausgeprägt, wärmebedürftig sind, außerhalb der infizierten Tiere und Menschen irgendwo ver- mehren und einnisten können, ist von erheblicher Bedeutung. Viele pathogene Bakterien sind ja wohl Berufsparasiten, die außerhalb des kranken Körpers sich nur auf der Durchreise und als Dauerformen erhalten. Gilt dies aber allgemein? Sollte es wirklich welche geben, die sich auch in der Umgebung vermehren, wachsen und gedeihen können, also hier Standorte haben, so kämen offenbar in erster Linie solche Lokalitäten in Frage, wo sich ähnlich wie im Körper, Wärme, Feuchtig- keit, Nahrung, Dunkelheit vereinigen. Und als solche Orte würden wiederum selbsterhitzte Stoffe zuerst zu nennen sein. Man findet nun wirklich in ihnen auch pathogene Mikroorganismen und zwar Schimmelpilze, die allerdings für den Men- schen selten , für das Vieh dagegen schon eher gefährlich werden. Ich weise auf den Aspergillus fumigatus hin, der das Geflügel bedroht, ferner auf 78 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVin. Nr. 6 gewisse Mucorineen. Auch die Strahlenpilze, die im gärenden Mist und Heu massenhaft vorkom- men, sind zum mindesten nicht unverdächtig, oder legen doch wenigstens den Verdacht nahe, daß auch der gefürchtete Erreger der Aktinomykose zu jener Kategorie von pathogenen Mikroorganis- men gehöre , die für gewöhnlich in der Natur hausen, aber gelegentlich auch in den Körper übergehen können. Eine mit Bezug auf unsere Auseinandersetzungen über Thermophile besonders interessante Stellung nimmt der Tuberkelbazillus ein; sie ist insofern unter den pathogenen Mikro- organismen eine merkwürdige, als er ein unge- wöhnlich hohes Temperaturminimum besitzt. Er fängt nämlich erst bei 30" zu wachsen an, verhält sich also hierin genau so wie die typischen Ther- mophilen, die wir oben besprachen. Er unter- scheidet sich jedoch von ihnen durch das Maxi- mum, das nicht ungewöhnlich hoch ist. Doch ist gerade das hohe Minimum ein besonders auf- fälliges Charakteristikum der Thermophilen, wir können den Tuberkelbazillus in etwas weiterer Begriffsfassung ohne weiteres thermophil nennen. Ist er vielleicht eine pathogene Rasse, die ihre Abkunft von solchen Verwandten herleitet, die im warmen Stallmist zu Hause sind, oder kommt er gar an solchen oder ähnlichen Örtlichkeiten in üppiger Vermehrung vor? Die Frage ist deshalb von besonderem Interesse, als man ja den Rinder- tuberkelbazillus nur als eine Lokalrasse des Men- schentuberkelbazillus auffaßt. Leider hat man solche Vermehrungsherde bisher noch nicht nach- gewiesen, daß er aber möglicherweise dort ge- deihen kann , dafür sprechen, abgesehen von der für ihn besonders wichtigen Temperatur,"" auch Ernährungsversuche, aus denen hervorgeht, daß der Tuberkelbazillus sehr wohl auf Auszügen pflanzlicher Stoffe wachsen kann. Er ist durchaus nicht so wählerisch, als manche Mediziner glauben. Trotzdem die Pathologen meist der Ansicht zu- neigen, daß für die Tuberkulose nur der kranke Mensch, eventuell auch das kranke Tier als primäre Infektionsquellen in Betracht konimen und eine davon unabhängige Infektionsquelle leugnen, er- gaben die obigen theoretischen Erörterungen, daß hier noch manche, dem Mediziner zunächst ferner liegende, aber durchaus nicht unfruchtbare Ge- dankengänge zu verfolgen sein würden. '} ^) Der erste Teil des Aufsatzes gibt einen Vortrag wieder, der vom Verf. im Klub der Landwirte zu Berlin gehalten und in dessen ., Nachrichten" (52. Jahrg. 191S] abgedruckt wurde. Ausführlicheres sowie weitere Literatur über das Thema findet sich z. B. in folgenden Schriften: H. Miehe, Die Selbsterhitzung des Heues. Eine biologische Studie. Jena 1907. — — , Über die Selbsterhitzung des Heues. Arbeiten der deutschen Landwirtschatts - Gesellschaft. Heft 196. Berlin igil. — — , Der Tabakbau in den Vorstenlanden auf Java. ,, Tropen- pflanzer" XV. Jahrg. igii. — — , Beiträge zur Biologie, Morphologie und Systematik des Tuberkelbazillus. Zeitschr. f. Hygiene und Infektions- krankheiten Bd. 62, 1908, S. 131. K. Noack, Beiträge zur Biologie der thermophilen Organis- men. Jahrb. f. wissenschaftl. Botanik. Bd. 51, 1912, S. 593- Kleinere Mitteilungen. Zur Frage des Zusammenhangs zwischen Mumi- fikation und Radioaktivität. In der naturwissen- schaftlichen Wochenschrift Band 17 Nr. 42, Seite 593, 1918, spricht Herr H. Sander die Ver- mutung aus, daß die Mumifikation von Leichen in manchen unterirdischen Grabgewölben und Höhlen, besonders im „Bleikeller" des Bremer Domes, durch radioaktive Wirkung verursacht sei, und gibt die Anregung zu experimentellen Unter- suchungen in diesem Sinne. Von derselben Vermutung ausgehend habe ich bereits im April 191 2 Messungen der luftelektri- schen Zerstreuung im Bremer Bleikeller ausgeführt. Das Ergebnis der Versuche war negativ: Eine übernormale Radioaktivität der Luft, des Bodens, der Wände oder Bleisärge existiert dort nicht. Als Ursache des auffallenden, in der Mumifikation der Leichen zum Ausdruck gelangenden asepti- schen Verhaltens des Bremer Bleikellers kommt daher die Radioaktivität nicht in Betracht. Diese Versuche wurden, soviel mir bekannt ist, nicht veröffentlicht. Ich habe jedoch seiner- zeit einen Bericht an die Bremer Domverwaltung sowie an den Direktor des Bremer meteorologi- schen Observatoriums, Herrn Professor Dr. Grosse, gesandt. Das Wesentlichste über die Versuche sei hier mitgeteilt: Der Spannungsabfall eines Elster- Geitel'schen Blatt-Elektrometers mit freiem Zer- streuungskörper wurde bei positiver und negativer Aufladung gemessen und als Maß für die Luftio- nisation genommen. In willkürlichen Einheiten ergaben sich für den Spannungsabfall in der Zeit- einheit folgende Werte: Ladung c des Zer- Spannungs- Ort Raum . ' ^" abfall in streuuDgs- , v ■. • t. -. •" der Zeiteinheit korpers Bremen Dom, Ostkrypta ( positiv 2,6 (früherer Bleikeller) \ negativ 2,1 ,, Dom, heutiger Blei- ( positiv 1,3 keller \ negativ 1,3 Halle a. S. Physik. Inst., Zimmer / positiv 5,5 im Erdgeschoß \ negativ 4,6 Der Versuchsraum in Halle a. S. war frei von radioaktiven Substanzen, jedoch in einem Back- steinbau, was aber die Zerstreuung nur um einige Prozente über den normalen Wert erhöhen dürfte. Die Bremer Zerstreuungswerte sind nicht nur nicht größer als normal, sondern sogar auffallend klein, N. F. XVni. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 79 Zu den Bremer Örtlichkeiten ist zu bemerken, daß die IVIumifikation der Leichen in der Ost- krypta, dem früheren Bleikeller, stattfand, und daß das aseptische Verhalten des heutigen Blei- kellers, in den die Leichen erst nach ihrer Ein- trocknung gebracht worden sind, noch nicht fest- steht. Die Ostkrypta ist stets von der Außenluft abgeschlossen. Der heutige Bleikeller steht im Sommer durch ein offenes Fenster mit einem Vorgarten in Verbindung. Ich halte es für wahrscheinlich, daß die Mumi- fikation im Bremer Bleikeller durch Trockenheit der Luft bewirkt wird, was noch ebenso wie die Ursache der Trockenheit zu untersuchen wäre. Der Bremer Dom ist auf altem Dünengelände, also auf trockenem Sandboden erbaut. Halle a. S , Pnysik. Inst. d. Univ., im Dezember 1918. Albert Wigand. Zum Kleinhirn der Teleostier. Mit i Abbildung. In folgenden Zeilen mögen emige Beobachtungen festgehalten werden, die ich an Hand einschlägiger Arbeiten (Schaper, Fusari) anzustellen Ge- legenheit hatte. Während Stieda') am Kleinhirn der Teleo- stier eine spezifische Schichtung feststellen wollte, ergaben eigene Untersuchungen, daß die Schichten des Kleinhirns die gleichen wie bei den Säugern sind (Abb. i). Man unterscheidet demnach eine Molekularschicht und eine Körnerschicht. Die Marksubstanz bildet bei den Teleostiern nach Schaper-) keine geschlossene Schicht, die Fasern durchziehen angeblich die Körnerschicht. Die Zellen dieser Schicht sind zu Gruppen ange- ordnet, sie finden sich aber auch vereinzelt in der Molekularschicht. Die Körnerzellen haben alle die gleiche Größe, welche Feststellung mit den Angaben Schaper's") übereinstimmt, nach welchem die Körnerzellen der Teleostier den kleinen Körnerzellen der Säuger gleichen. Der Sagittalschnitt durch das Kleinhirn läßt erkennen, daß an der Stelle, welche der Markschicht des Säugerkleinhirns entspricht, die Körnerzellen sehr schütter stehen. Gegen die Basis des Kleinhirns wird diese Zone noch zellärmer und führt parallel verlaufende, zu Bündeln angeordnete Fasern, so daß diese Stelle, entgegen der Ansicht Schaper' s, der Markschicht des Kleinhirns höherer Wirbel- tiere gleichgestellt werden kann. An Sagittal- schnitten, nach Weigert gefärbt, ist der Verlauf der markhaltigen Fasern besonders gut ersichtlich. Bei schwacher Vergrößerung nimmt man wahr, daß die Fasern bis in die Mitte der Körnerschicht ziehen, dann nasal nnd schräg gegen die Basis des Kleinhirns verlaufen, wobei die Fasern sich ') Zitiert nach Fusari, Untersuchungen üher die feinere Anatomie des Gehirns der Teleostier. Internat. Monatsschr. f. Anat. u. Physiol. IV. 1S87. ^) Schaper, Zur feineren Anatomie des Kleinhirns der Teleostier. Anat. Anz. VIII. 1893. zu Bündel von verschiedener Stärke vereinigen. Alle diese Bündel bilden unzweifelhaft ein einheit- liches Ganzes, eben die von Schaper bestrittene Mark'^chicht (Nervenfaserschicht). Ein Teil der erwähnten Markfaserbündel zieht an der Basis des Kleinhirnkörpers in die Valvula cerebelli. Am Frontalschnitt ist erkennbar, daß die Körnerschicht der Valvula medial nahezu symmetrisch gebuchtet ist, welche Einbuchtungen durch stärkere Aus- bildung der Molekularschicht an den entsprechen- den Stellen zustande kommen. Die Molekular- schicht ist besonders medial stark entwickelt, um lateral an Breite allmählich abzunehmen. Die Purkinje'schen Zellen stehen nicht in einer Reihe, wie solches für das Kleinhirn der Vögel und Säuger charakteristisch ist. Sie stehen viel- mehr unregelmäßig, oft zu lockeren Gruppen an- geordnet. Die Purkinje'schen Zellen bilden, wie schon Schaper hervorhebt, keine scharfe Grenze zwischen Molekular- und Körnerschicht. Einzelne Purkinje'sche Zellen stehen weit in der Molekular- schicht, in den erwähnten Einbuchtungen sind sie dagegen nur vereinzelt zu finden. Sie haben einen einzigen Dendriten, welcher sich erst in seinem Verlauf gabelt und lange Äste in die Molekular- schicht sendet, wie an Weigert-Präparaten zu sehen '. (' -M * n ) .:♦... i Abb "V '^^ -T- I. Mikroskopische Anatomie des Teleostierkleinhirns. M Molekularschicht. P Purkinje'sche Zellen. K Körnerschicht. NF Nervenfaserschicht (Markschicht). ist. Auch Schaper teilt mit, daß das spitze Ende der Purkinje'schen Zelle einen Fortsatz ent- sendet, der senkrecht aufsteigend in die Molekular- 8o Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVin. Nr. 6 Schicht gelangt oder eine Strecke weit in der Purkinje'schen Schicht verläuft und dann reichlich aufästelt. Im Gegensatz zu meiner undSchaper's Beobachtung zeichnet Edinger die Purkinje'schen Zellen der Ellritze mit zwei bis mehreren Fort- sätzen. An Bielschowsky-Präparaten ist er- sichtlich, daß die Purkinje'schen Zellen von Nerven- fasern umsponnen werden, welche — analog den Verhältnissen bei den Säugetieren — den Korb- zellen der Molekularschicht entstammen müssen. In der Molekularschicht befinden sich wenige Zellen von rundlicher Gestalt, welche als Korb- zellen gedeutet werden können. Wie schon Schaper hervorhebt, gibt es in der Molekular- schicht der Teleostier nur eine einzige Art von Zellen. Außer diesen finden sich zahlreiche Kapil- laren und Fasern, welche vorwiegend senkrecht ^ur Oberfläche verlaufen. Wie an nach Biel- schowsky gefärbten Präparaten zu sehen ist, gehen von den Vertikalfasern feine, horizontal ver- laufende Abzweigungen aus. Als Besonderheit muß hervorgehoben werden, daß an der Basis des Kleinhirns Körnerzellen in netzförmig angeordneten Gruppen stehen. Die Zone, welche sie ein- nehmen, erstreckt sich nahezu über die ganze Basis des Corpus cerebelli. Die Valvula cerebelli,') welche den in den Aquaeductus wachsenden Teil des Kleinhirns vorstellt, zeigt den gleichen histo- logischen Bau wie der Körper des Kleinhirns. Während aber die Körnerschicht des Corpus cerebelli eine geschlossene Masse bildet, teilt sich diese an der Basis dermaßen, daß in der Valvula cerebelli ein Teil der Körnerschicht basal, ein schmälerer Streifen Körnerzellen dorsal zu stehen kommt, wie an manchen lateralen Schnitten zu sehen ist. Eine Brücke, aus gleichen Zellen be- stehend, verbindet beide Schichten der Valvula. Die Abgrenzung der Körnerschicht des Corpus cerebelli gegen die Molekularschicht ist keine scharfe. Ludwig Reisinger. ') Die Bezeichnung stammt von Stieda. Einzelberichte. Biologie. Die Bedeutung der Frühehe für die VolksverjTiehrung nach dem Kriege behandelt Dr. Alfred Ploetz in der „Münchner med. Wochen- schrift", 1918, S. 452—455. Die Frühehe wirkt geburtenfördernd nicht nur wegen der längeren Ehedauer, die sie mit sich bringt, sondern auch r" deshalb, weil die P'ruchtbarkeit in jungen Jahren jl' größer ist als im reiferen Alter. Der Geschlechts- ■,,>; verkehr junger Leute ist noch ganz triebhaft, diej| Kenntnis von Präventivmitteln mangelt noch vielen,! oder sie ist oberflächlich. Mit zunehmenden'j* Jahren wächst die Beherrschung des Triebes sowie^' die Kenntnis der Verhütungsmaßregeln und damitf._ sinkt die Kinderzahl. Bemerkenswert ist der Unter-jA schied in der Häufigkeit der Frühehe in Deutsch- i land und Rußland; von je lOOO heiratenden männ- lichen Personen standen zu Beginn dieses Jahr- hunderts im Alter von weniger als 20 Jahren in Rußland 325, in Deutschland aber nur 6, von je 1000 heiratenden weiblichen Personen waren in Rußland 571 und in Deutschland 161 weniger als 20 Jahre alt. Damit stehen auch die Geburten- ziffern im Einklang: In Rußland betrug im Jahre 191 1 die Geburtenhäufigkeit 45,1 pro Mille, in Deutschland betrug sie bloß 28,6 pro Mille der Bevölkerung. Die Angabe, daß in den amerikani- schen Neuenglandstaaten sehr früh geheiratet wird, ist jedoch irrtümlich; im Gegenteil, F"rühehen sind in den Neuenglandstaaten seltener als in allen übrigen geographischen Regionen der Vereinigten Staaten. Die vorzeitige Ehe, das ist bei uns die Ehe weniger als 18 jähriger weiblicher und weniger als 21 jähriger männlicher Personen, „ist wegen der seelischen Unreife und der wahrschein- lichen vorzeitigen Abnutzung beider Teile, sowie wegen der leichtsinnigen Pflege der vor der Reife erzeugten Kinder nicht zu empfehlen", ob zwar es erfolgreiche Ehen, die sehr frühzeitig geschlossen wurden, ebenfalls gibt. Die Möglichkeit einer Vermehrung der Frühehen ist bei uns in Deutsch- land sehr groß, denn im letzten Friedensjahr, 191 3, waren nur etwas mehr als ein Viertel aller eheschließenden Männer 21 — 25 Jahre alt und un- gefähr ein gleicher Anteil aller heiratenden Mäd- chen stand im Alter von 18 — 22 Jahren. Diese Jahre nimmt Ploetz als Alter der Frühehe an. Spätehen sind die von mehr als 30 jährigen weib- lichen und mehr als 35 jährigen männlichen Personen; ungefähr ein Siebentel aller Ehe- schließenden geht Spätehen ein, die wohl zumeist kinderarm bleiben, selbst wenn absichtliche Ver- hütung der Empfängnis nicht stattfindet. Praktisch spielen die Spätehen keine sehr wichtige Rolle; bei dem Problem der ausgiebigen Volksvermehrung kommt es vielmehr in erster Linie darauf an, die mittelzeitigen Ehen der Männer von 25 — 35 und der Frauen von 22 — 30 Jahren in Frühehen zu verwandeln. Die Zunahme der Frühehen würde manche günstige Wirkung haben, wie etwa die Verminderung der Geschlechtskrankheiten und des Alkoholismus, die nicht nur die be- troffenen Personen, sondern die Rasse im ganzen schädigen. Durch die F"rühehe wird die Zeit zwischen dem Beginn des Sexuallebens und der Eheschließung stark verkürzt und damit die Mög- lichkeit der geschlechtlichen Ansteckung ebenso stark vermindert; viele junge Männer könnten durch die Frühehe der Prostitution ausweichen und sie blieben von Geschlechtskrankheiten verschont, die gegenwärtig wohl die häufigste Ursache der Unfruchtbarkeit sind. Die Frühehe bringt jedoch auch Nachteile mit sich, wie Leichtsinn bei der N F. XVIII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 8i Gattenwahl, die Abkürzung der für die wirtschaft- liche Selbständigkeit des Mannes wichtigen Wanderjahre, die Verminderung der Ausmerzung Untüchtiger vor der Fortpflanzung usw. Der eben erwähnte Umstand ist von biologischer Bedeutung, da die Frühehe so manchem zur Fortpflanzung verhilft, der sonst infolge seiner mangelhaften Körperkonstitution ohne Hinterlassung von Nach- kommen gestorben wäre. Die Gefahr der Ver- erbung körperlicher und geistiger Mängel durch Abschwächung der Auslese ist unbestreitbar groß, doch muß demgegenüber betont werden, daß es für die nächsten Jahre in der Hauptsache auf die Vermehrung der Zahl der Kinder ankommt, um die durch den Krieg verursachten Bevölkerungs- verluste wieder auszugleichen. Zur Förderung der Frühehe kommen alle Erleichterungen der wirt- schaftlichen Lage der Bevölkerung in betracht, ferner die Abkürzung der beruflichen Ausbildungs- zeit der Männer, die Gewährung staatlicher Er- ziehungsbeiträge usw. — Um dem Egoismus und Rationalismus beider Geschlechter in bezug auf Ehe und Fortpflanzung entgegen zu arbeiten, er- achtet es P 1 o e t z als notwendig, „ durch starke erziehliche Einwirkungen bereits in der Schule in allen Schichten der Gesellschaft, besonders aber in den höheren, soviel Liebe znm eigenen Volks- tum zu erwecken, daß es in der eigenen Willens- richtung liegt, für dieses Volkstum nicht nur im Kriege zu kämpfen, sondern auch im Frieden für seine Erhaltung und künftige Blüte durch Gründung einer Familie und ausreichende Aufzucht von Kindern zu arbeiten." H. Fehlinger. Theoretische Bedeutung und Terminologie der Vererbungserscheinungen bei haploidenOrgani-Nmen. (Hartmann, Zeitschr. f. ind. Vererbungsl. 20. 191 8/9.) Mehr und mehr ist man in den letzten Jahren bestrebt, die Ergebnisse der Mendels' sehen For- schung mit denen der Cytologie in Beziehung zu setzen. Der Gedankengang ist dabei folgender: Wenn 2 verschiedenartige Sexualzellen miteinander verschmelzen, dann entstellt eine einheitliche Bastardgeneration, die aber bei Selbstbefruchtung nicht konstant bleibt, sondern in der Weise auf- spaltet, daß neben den beiden Ausgangsformen auch Mischtypen auftreten, welche die großelter- li«hen Eigenschaften in der verschiedensten Kom- bination enthalten. Da liegt es denn ohne weiteres nahe, für diese Aufspaltung die Vorgänge bei der Reduktionsteilung verantwortlich zu machen. Im Sexualakt verschmelzen die Kerne der Ei- und der Samenzelle, so daß nunmehr ein Organismus mit doppelter Chromosomenzahl entsteht. Jede höhere Pflanze und jedes höhere Tier ist, wie man sich ausdrückt, ein ,,diploider" Organismus. Bei den sogenannten Reifungsteilungen gehen nun die Kerne der Sexualzellen durch den „Reduktions- prozeß" wieder in den haploiden Zustand über. Während sich bei allen vegetativen Teilungen die Chromosomen der Länge nach spalten, werden bei der Reduktionsteilung ganze Chromosomen auf die beiden Tochterzellen verteilt. Man hat nun berechtigten Grund zu der Annahme, daß in den Chromosomen der Sitz der körperlichen Merk- male ist. Bei einem Bastardkern sind also sowohl die väterlichen als auch die mütterlichen Eigen- schaften repräsentiert. Man kann nun sehr wohl annehmen, daß bei der Reduktion die väterlichen und mütterlichen Merkmalspaare getrennt werden. Dieser Prozeß wird sich aber nicht so abspielen, daß sich immer wieder die Elemente gleicher Herkunft zusammenfinden, sondern jede Sexual- zelle enthält einen einfachen Chromosomensatz, bei dem die elterlichen Komponenten in der ver- schiedensten Weise miteinander kombiniert sind. Und da nun bei der Befruchtung der Zufall ent- scheidet, welche dieser heterogenen Sexualzellen miteinander verschmelzen, so ist das ganze kom- plizierte Bild, welches die Bastardierungsversuche ergeben haben, verständlich. Allerdings besteht hier der mißliche Umstand, daß man niemals die Aufspaltung der Sexualzellen direkt, sondern immer nur die Neukombination beobachten kann, da ja der fertige Organismus stets das Verschmelzungsprodukt darstellt. Es ist daher verständlich, daß man sich nach Organismen umgesehen hat, bei denen die Verhältnisse einfacher liegen, bei denen man also die Aufspaltung unmittelbar verfolgen kann. Hart- mann stellt die einschlägigen Daten in einer kurzen Übersicht zusammen. Das günstigste Ma- terial stellen gewisse niedere Organismen dar. Positive Ergebnisse sind hier bei Chlamydomonas und Phycomyces erzielt worden. Chlamydomonas ist eine einzellige Alge mit haploiden Kernen. Die Pflanze vermehrt sich auf geschlechtlichem Wege durch Schwärmer, welche paarweise mit- einander verschmelzen. Nach der Vereinigung entsteht die Zygote, das einzige Stadium mit diploider Chromosomenzahl. Denn bei der Kei- mung der Zygote erfolgt sofort die Reduktions- teilung; es werden 4 Zoosporen gebildet, die also wieder haploid sind und aus denen im Laufe der Entwicklung eine normale Chlamydomonaszelle -hervorgeht. Pascher ist es nun gelungen, die Gameten von 2 verschiedenen Chlamydomonas- arten zur Verschmelzung zu bringen. Es entstand eine Bastardzygote von deutlichem Mischcharakter. In zahlreichen Fällen war nun nach den Angaben von Pascher zu konstatieren, daß die 4 aus der Zygote hervorgehenden Chlamydomonasindividuen nicht gleichartig waren sondern zur Hälfte dem einen, zur Hälfte dem anderen Ausgangstypus nachschlugen; das ließ sich an der Gestalt der Zelle, der Beschafienheit der Membran, der Lage des Chromatophoren und der Gestalt des Augen- flecks deutlich nachweisen. In anderen Fällen sollen ebenfalls im Verhältnis i : i Mischtypen aufgetreten sein, welche Eigenschaften beider Eltern in besonderer Mischung zeigten. Diese Spaltungen können hier nur auf die Reduktions- teilung zurückzuführen sein, da ja der Verschmel- 82 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 6 zungskern sich unmittelbar wieder aufteilt. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei Phycomyces, nur daß hier die diploide Phase verlängert erscheint. Dieser Pilz besitzt zweierlei Myzelien, welche morpholo- gisch gleichgestaltet aber physiologisch differen- ziert sind; die einen sind nämlich männlich (-[-), die anderen weiblich ( — ) gestimmt. -J- und — = Mycelien, welche beide haploide Chromosomen- zahl aufweisen, kopulieren miteinander und es ent- stehen diploide Zygoten. Aus den Zygoten geht ein ebenfalls diploider Ursporangienträger hervor, welcher zur Sporenbildung schreitet; hierbei findet die Reduktionsteilung statt, es entstehen zu gleichen Teilen -j- und — gestimmte Sporen, die sich zu entsprechenden Myzelien entwickeln. Das Ge- schlecht spaltet also wie ein mendelndes Eigen- schaftspaar. Es ist Burgeff nun gelungen die Myzelien von 2 Phycomycesformen (Ph. nitens und piloboloides) zur Kopulation zu bringen. Es ent- standen nun Bastardzygoten und Bastardursporan- gienträger, welche nun viererlei Sporen und damit auch viererlei Myzelien in gleicher Anzahl produ- zierten : nitens -\-, nitens — , piloboloides -\- und piloboloides — . Es ist also eine Aufspaltung so- wohl hinsichtlich der geschlechtlichen Charaktere als auch hinsichtlich der morphologischen Merk- male eingetreten, genau das also, was nach der Theorie zu erwarten war. Entsprechende Ver- hältnisse wie bei diesen niederen Formen kann man auch bei höheren Organismen erwarten dort, wo die Kopulation unterbleibt, also parthenogene- tische Entwicklung stattfindet. Dies ist bekannt- lich bei den Bienen der Fall; die Männchen gehen hier aus unbefruchteten Eiern hervor. Eine Bastard- königin muß nun, wenn in der Reduktionsteilung tatsächlich die Aufspaltung elterlicher Eigenschaften erfolgt, zwei Sorten von Eiern ergeben, die falls sie unbefruchtet bleiben, sich zu zweierlei Männ- chen heranbilden und zu gleichen Teilen dem Großvater und der Großmutter nachschlagen. Tat- sächlich hat Newell solche Verhältnisse bei den Bienen aufdecken können. Er kreuzte Apis ligustica $ mit Apis carnica (J und erhielt richtige Bastard- weibchen, aber lauter Ligusticamännchen, was ja auf Grund der parthenogenetischen Entwicklung der letzteren selbstverständlich ist. Die reziproge Kreuzung A. carnica X A. ligustica ^ ergab ent- sprechend Bastardweibchen und lauter carnica- Männchen. Die in beiden Versuchen entstandenen Bastardweibchen lieferten nun, genau wie zu er- warten war, 50 "/q ligustica- und 50 "/q carnica- Männchen. Es ist also tatsächlich bei den Rei- fungsteilungen zu einer Aufspaltung in 2 Sorten von Eiern erfolgt, und somit haben sich die Er- wartungen auch für die höheren Organismen be- stätigt. P. Stark. Physik. Verflüssigung des Kohlenstoffs. Vor einigen Jahren gelang es O. L u m m e r ') die ') O.Lummer, Verflüssigung der Kohle und Herstellung der Sonnentemperatur. Verlag Vieweg & Sohn, Braunschweig 1914 und Naturw. Wochenschr. .\II1, S. S12 — 815 (1914). Temperatur des elektrischen Lichtbogens durch Verwendung verhältnismäßig geringer Stromstärke und durch passende Wahl des atmosphärischen Druckes beträchtlich zu steigern. Die hellste und heißeste Stelle des Kohlenlichtbogens ist der positive Krater, wo die Oberfläche der Kohle durch die Stoßkraft der von der Kathode mit höchster Geschwindigkeit kommenden Elektronen zur Weißglut erhitzt wird. Nach den sehr ge- nauen Messungen L u m m e r ' s beträgt die Tempe- ratur des positiven Kraters unter normalen Ver- hältnissen rund 3925 "C. Auch durch große Steigerung der Stromstärke läßt sich nach Lum- mer's Messungen die Temperatur des elektrischen Lichtbogens nicht erhöhen, da der angegebene Wärmegrad wohl die Verdampfungstemperatur des Kohlenstoffs bei normalem Luftdruck darstellt. Bei seinen berühmten Versuchen betrieb Moissan den Kohlenlichtbogen mit Strömen von sehr be- trächtlicher Stärke (bis zu 2200 Ampere); da aber die Kohle bei etwa 3925 " C aus dem weißglühen- den festen Zustand unmittelbar in den gasförmigen Zustand übergeht, so erreichte auch Moissan keine wesentlich höheren Temperaturen wie in einer gewöhnlichen Bogenlampe. Als Lummer die Flächenhelligkeit und damit die Teinperatur des positiven Kraters durch die angeführten Be- dingungen erheblich steigerte, überzog sich die weiljglühende positive Kohle mit einer flüssigen Masse, in welcher anscheinend sehr lebhaft be- wegte und sehr helle Teilchen, welche Lummer Fische nannte, umherschwammen. Lummer hält die bewegliche Masse für flüssigen Kohlen- stoff, in welchem sich sehr viele kleine (Durch- messer etwa 0,1 mm) rneist sechseckige Graphit- kristalle bis zu ihrem Übergang in den flüssigen Zustand bewegen. Die Untersuchung der er- kalteten positiven Elektrode ergab auch, daß sie von einer Schicht echten Graphits überzogen war. Von verschiedenen Seiten wurden die Versuche zur Verflüssigung des Kohlenstoffs mit Erfolg nachgeprüft, aber die Deutung der Erscheinung am positiven Krater als Schmelzen der Kohle begegnete manchem Zweifel. Neuerdings wieder- holte M. LaRosa^) die Beobachtungen Lum- mer's, deutete sie aber ganz anders. Nach La Rosa blättern sich vom positiven Krater fortge- setzt Graphitteilchen ab, werden durch die Gas- atmosphäre des Lichtbogens lebhaft hin und her bewegt und nachdem sie zur Weißglut erhitzt sind, verdampfen sie ohne vorher in den flüssigen Zustand überzugehen. Die Bewegung der auf- steigenden und verdampfenden Graphitteilchen, der Fische nach Lummer, soll keineswegs immer der eines festen Körpers in einer Flüssigkeit gleichen ; nur unter Umständen soll das Abblättern und die lebhafte Bewegung der Teilchen eine Flüssigkeit vortäuschen. Bei der Beobachtungs- temperatur schmilzt nach La Rosa der Kohlen- ') Gazz. chim. ital. 47. 19 — 31 (1917) nach Chem. Zcntral- blaU Bd. II Nr. 1/2 S. 9 (1918). N. F. XVni. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 83 Stoff nicht, sondern er geht nur aus dem amorphen in den kristallinischen Zustand des Graphits über. La Rosa') hat früher selbst Versuche über das Schmelzen der Kohle angestellt. Er brachte Kohlenstaub in den selbstönenden Lichtbogen, der eine höhere Temperatur erreichen lassen soll wie der gewöhnliche Flammenbogen. Es setzten sich an den Elektroden Inkrustationen von fettig glänzendem Graphit an. Nach La Rosa wurden die Kohlenstäubchen durch die hohe Temperatur des tönenden Lichtbogens geschmolzen und die Kohlentröpfchen verschweißten sich dann mit den Elektroden. Einige Teilchen des „flüssigen" Kohlenstoffs will La Rosa sogar als Diamant- kriställchen erhalten haben. Lummer bezeichnet mit Recht die Angabe von La Rosa für das Ge- schmolzengewesensein der Kohle als „Indizien- beweise". La Rosa hält seine früheren Be- obachtungen aufrecht, während er den „augen- scheinlichen'' Beweis für den flüssigen Zustand des Kohlenstoffs in Lummer's Versuche^n nicht gelten läßt. Wenn nach allem auch noch mehr Beweise für die Verflüssigung der Kohle im elektrischen Flammenbogen notwendig sind, so bleibt Lummer doch das große Verdienst bei seinen weiteren wichtigen Studien am Kohlen- lichtbogen die Temperatur des positiven Kraters auf 6000" abs. gesteigert und damit die effektive Sonnentemperatur im Laboratorium der Forschung erschlossen zu haben. Karl Kuhn. Meteorologie. Sowohl für den Wärmehaus- halt der Erde als auch im besonderen für das Ge- deihen der Pflanzenwelt ist die Art und Weise, wie die Sonnenstrahlung auf die Erde fällt und sich verteilt, von großer Bedeutung. W. Gallen- kamp (Met. Ztschr. 35. 209, 1918) hat deshalb Messungen der photochemischen Intensität des Himmels mit dem Skalenphotometer vorgenommen. Wegen der Einfachheit seiner Anwendung eignet sich dieses Instrument — es wurde die von der neuen photographischen Gesellschaft hergestellte Lux'sche Kopieruhr benutzt — ganz besonders, wenn man keine absoluten Werte braucht. Es wurden zunächst gesonderte Messungen für den Nord- und Südhimmel angestellt. Der Ein- fluß der indirekten Strahlung konnte so von der direkten der Sonne getrennt werden. Die diffuse Strahlung zeigt bei wechselnder Bewölkung den umgekehrten Gang wie die direkte, d. h. also, der blaue Himmel strahlt an sich so gut wie garnicht. Die Nordseite eines Gebäudes erhält nur etwa l3''/o der Gesamtstrahlung. Diese Erscheinung, die natürlich für die Vegetation von großer Wichtigkeit ist, ist auch dem Photographen längst bekannt. Bei der Betrachtung der Gesamtstrah- lung kommt dieser Umstand auch in auffälliger Weise zur Geltung; im Frühjahr und Herbst, wenn die Sonne schon niedrig steht, ergibt sich an klaren Tagen eine sehr geringe Gesamtintensität. ') Ann. d. Phys. 34, 95—105 (191 1)- Der mittlere jährliche Verlauf der Strahlung wird in erster Linie durch die Deklination der Sonne bestimmt. Daraus würde sich bei graphischer Darstellung eine Sinuskurve ergeben. Es lagern sich jedoch die Bewölkungseinflüsse darüber. Die Beobachtungen Gallenkamp's für München ergeben dadurch für Juni ein steiles Maximum der Strahlung und im Dezember ein flaches Minimum. Bei den Extremen ist also stets eine übernormale Gesamtstrahlung vorhanden, zu den Übergangs- zeiten eine unternormale. Dies kann sich nun für andere Orte mit anderen mittleren Bewölkungs- verhältnissen entsprechend verschieben. Scholich. Über die für den Pflanzenwuchs außer- ordentlich wichtige nächtliche Abühlung der bodennahen Luftschichten veröffentlicht G. Hell- mann interessante Untersuchungsergebnisse (Sitz.- Ber. Berl. Ak. d. Wiss. 191 8, S. 806). Auf der Beobachtungswiese des Potsdamer' Observatoriums wurden 10 Miniumthermometer in 5, 10, 15 usw. bis 50 cm Höhe über dem Boden mit Strahlungs- schutz angebracht und in der Zeit vom August 1916 bis September 191 7 jeden Morgen ab- gelesen. Wie zu erwarten war, ergab sich zunächst, daß die nächtliche Temperaturschichtung am meisten von der Bevölkerung abhängt. Für ganz heitere Nächte ergab sich die erstaunlich hohe Temperaturzunahme von 2,7" vom untersten zum obersten Thermometer. Die Extrapolation ergibt, daß das nächtliche Temperaturminium in 50 cm Höhe, an klaren Nächten im Mittel S^W höher liegt als das unmittelbar über dem Boden. Die Temperaturabnahme findet ganz regelmäßig mit abnehmender Höhe statt, nur beim Eintritt in den Boden selbst findet ein Sprung statt. Solche außerordentlich starke Temperatur- gradienten, wie sie hier durch die Strahlung in den bodennahen Schichten hervorgerufen werden, finden sich sonst nur im Erdboden wieder. In der Atmosphäre sind sie unbekannt, denn wenn die Luft durch Erwärmung von selbst aufsteigt, so wird nur ein Gradient von 0,34" auf 1 m er- zeugt. Die in so hohem Maße stagnierende Luft setzt naturgemäß dem Eindringen des Windes sehr großen Widerstand entgegen, sie folgt in ihrer Bewegung nur noch der Schwere. Dem- entsprechend sammelt sie sich an den tiefsten Stellen des Geländes an und bildet hier soge- nannte Frostlöcher. Damit erklärt sich auch die Bildung von Bodennebeln über feuchten Wiesen usw. An ganz trüben Nächten ohne wesentliche Luftbewegung herrschte in der ganzen Beob- achtungsschicht fast immer Isothermie. Bei teil- weiser Bevölkerung sind die Temperaturdiffe- renzen dem Bevölkerungsgrad nahezu proportional. Bei windigem und regnerischem Wetter trat sogar Temperaturabnahme mit der Höhe ein, und zwar ist dieselbe anscheinend der Quadrat- 84 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 6 Wurzel aus der Windgeschwindigkeit proportio- nal. Man kann also im ganzen sagen, daß die für gewöhnlich in ca. i V2 rn Höhe vorgenommenen Temperaturbeobachtungen ein nur wenig zuver- lässiges Bild von den Wärmverhältnissen des Bodens geben. Scholich. Einige Hauptzüge aus der Natur der Tromben teilt Prof. A. Wegener in Met. Zeitschrift 1918 S. 245 fif. mit als Auszug aus seinem Buche „Wind- und Wasserhosen in Europa". ') Der Aufsatz ver- folgt den Zweck, die Beobachter der genannten Erscheinungen darüber zu unterrichten, worauf gegebenenfalls besonders zu achten ist, und die gegebenen Anweisungen sind nicht nur für den Meteorologen sondern für den Naturfreund über- haupt von Interesse, da der erstere nur selten und durch Zufall Gelegenheit zur Anstellung der entsprechenden Beobachtungen haben wird und somit auf die Mitarbeit weiter Kreise angewiesen ist. Dieser in der Erscheinungsart der Tromben begründete Umstand bringt es auch mit sich, daß der zugrunde liegende physikalische Vorgang noch recht wenig geklärt ist. Die Tromben treten fast durchweg in Ver- bindung mit Gewittern auf Von der Wolken- decke senkt sich ein Luftwirbel herab, der sich mehr und mehr verlängert, schließlich einen von Nebel erfüllten Schlauch bildet und infolge seiner großen Kraft auf der Erdoberfläche eine durch schwere Zerstörungen gekennzeichnete Spur hinter- läßt. Genaue Angaben über Ta^es- und Jahres- zeit der Erscheinungen liefern Beiträge zur Er- mittelung der täglichen und jährlichen Häufigkeits- schwankung. Diese unterscheidet sich zwar wenig von jener der Gewitter, doch scheint es, daß die Gewitter im Frühjahr und am Abend arm an Tromben, diejenigen im Herbst und am Vormittag reich an Tromben sind. Auch die Gestaltung der Erdoberfläche scheint nicht ganz gleichgültig für die Trombenbildung zu sein, die anscheinend im Windschutz großer Gebirge besonders günstige Vorbedingungen findet. Von den Tromben bevorzugte Gegenden sind z. B. Schweden, Schlesien, die südfranzösische Ebene zwischen Toulouse und dem Golfe du Lion, aber auch eneere geschützte Räume, wie die Alpen- seen und vielleicht das Rheintal kommen dafür in Betracht. Statistischen Wert habe